Inschriften: St. Michaeliskloster und Kloster Lüne bis 1550

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 24: Lüneburg: St. Michaeliskloster, Kloster Lüne (1984)

Nr. 7 Hannover, Kestner-Museum (1305)

Beschreibung

Reliquienkästchen, vermutlich von einem Altarsepulcrum aus der ehemaligen St. Michaeliskirche auf dem Kalkberg stammend. Kiefernholz, mit Leder überzogen.

Das aus Holzplättchen angefertigte, rechteckige Kästchen besitzt einen abgeschrägten, fünfseitigen Deckel in Form eines Walmdaches und hat dadurch ein sargähnliches Aussehen. Der Holzkern ist mit gepreßten und bemalten Lederstücken überzogen, die an den Ecken vernäht wurden. An der Rückseite geht der Bezug vom Unterteil auf den Deckel über und ersetzt damit ein Scharnier. In das Leder sind verschiedene Darstellungen eingepreßt, die eine bunte Bemalung erhielten.

Das Unterteil zeigt an den Schmalseiten sowie in der Mitte der Längsseiten vier gleichartige Medaillons in Sechspaßform, zwei Vögel darstellend. An den Längsseiten befinden sich beiderseits dieser Medaillons die Evangelistensymbole in kreisrunden Feldern: vorn links der Engel des Matthäus, rechts der geflügelte Adler des Johannes; hinten links der geflügelte Stier des Lukas, rechts der geflügelte Löwe des Markus. Allen Symbolen sind Schriftbänder beigegeben, die jedoch keinen Text enthalten und vermutlich auch ursprünglich ohne Inschrift waren.

Der Deckel trägt an den schrägen Schmalseiten im Vierpaß je einen gekrönten Kopf mit langem Haar, auf der oberen horizontalen Fläche drei nimbierte Köpfe in kreisrunden Medaillons. Die Längsseiten des Deckels zeigen je drei aus Tierleibern gebildete Majuskelbuchstaben: auf der Vorderseite (A), auf der Rückseite (B). Die Zwickel und der Deckelrand sind mit einem Ornament aus aufgemalten kleinen Punkten versehen, die jeweils zu fünft nach dem Vorbild eines Würfels angeordnet sind. Innen ist das gesamte Kästchen mit Papier ausgeschlagen.

In der 1761 angefertigten Inventarzeichnung des Schreins vom Altar mit der „Goldenen Tafel“ erscheint das Kästchen in der unteren Fächerzone im vierten Fach von rechts1). Es kam wie die meisten erhaltenen Stücke des Schatzes der „Goldenen Tafel“ in das Museum der Ritterakademie, von dort in der Mitte des 19. Jahrhunderts nach Hannover, schließlich an das Niedersächsische Landesmuseum (Inventar-Nummer: WM. XXI a. 11) und befindet sich heute als Leihgabe im Kestner-Museum2).

Dennoch gehörte es nicht zum Bestand des Schatzes. Über seine Herkunft gibt eine auf Papier geschriebene Notiz von der Hand Ludwig Albrecht Gebhardis Auskunft, die noch heute im Kästchen vorhanden ist: „Dieser Kasten, welcher mit Leder bekleidet ist, und an den Seiten durch die Buchstaben H.M.V.V.G.H. ausgeziehret wird, ist 1749 im Februario aus dem unter der güldenen Tafel befindlichen Haupt-Altar hervorgezogen worden. Es ist darin gefunden ein geweihetes Licht, ein Obedienz-Schein eines Mönchs, ein Stück aus dem Nekrologio, und ein wächsernes Siegel Bischof Thidrichs von Verden mit der Umschrift: sigillum thidrici dei gratia verdensis ecclesiae episcopi., welches vermutlich an dem Einweihungs-Schein dieses Altars vom Jahr 1305 gehangen hat.“ Gebhardis Angabe von 1766 weicht davon geringfügig ab: „Man fand damals [sc. 1749] darin ein geweihetes Wachslicht, einen Überrest von dem vermoderten Weihungs-Briefe, einen Obedienz-Schein, und des Bischofs Friedrichs Siegel in weissem Wachse“3). Heute enthält das Kästchen von den hier aufgeführten Gegenständen nur noch das erwähnte Fragment aus dem Nekrolog4) – wobei nicht sicher ist, ob es dasjenige ist, welches Gebhardi erwähnt. Dazu kommt, daß er 1766 statt dessen von dem „vermoderten Weihungs-Briefe“ spricht.

Da das Kästchen in den Hauptaltar der heutigen Klosterkirche frühestens zur Zeit seiner 1390 vollzogenen Weihe eingefügt worden sein kann5), ist nicht zu entscheiden, ob sein Inhalt, wie ihn Gebhardi aufführt, zu diesem Zeitpunkt hineingegeben wurde oder bereits aus früherer Zeit stammt. Wichtig ist der Hinweis auf den „Weihungs-Brief“ mit dem Siegel Bischof Friedrichs von Verden – ungeachtet dessen, daß Gebhardi einen falschen Bezug herstellt6). Es muß nämlich ein Zusammenhang bestehen zwischen dem Kästchen und der 1305 vorgenommenen Weihe der auf Initiative Herzog Ottos des Strengen neu errichteten Klosterkirche am Kalkberg7). Anders wäre nicht zu erklären, warum es gerade als Behältnis der Weiheurkunde in den Hauptaltar der neuen, innerhalb der Stadt errichteten Kirche versenkt wurde. Allem Anschein nach sollte damit eine bestimmte Erinnerung wachgehalten oder eine Kontinuität gewahrt werden – auch die Altäre der neuen Kirche erhielten dieselben Patrozinien, die bereits die Altäre der alten Kirche besessen hatten8).

Damit liegt die Vermutung nahe, daß das Kästchen aus dem Sepulcrum des Hochaltars der Kirche am Kalkberg stammt. Seit dem frühen Mittelalter war es üblich, einem zur Feier der Eucharistie dienenden Altar ein Reliquiengrab einzufügen – eine reduzierte und gewandelte Entwicklungsstufe der seit dem 4. Jahrhundert gebräuchlichen Gewohnheit, Altäre über Märtyrergräbern zu errichten9). Zunächst setzte man die Reliquien im Boden unter dem Altar bei, ging aber später dazu über, eine Höhlung in der Front oder am Oberteil des Stipes für ein solches Sepulcrum zu benutzen. Der 1305 geweihte Hauptaltar der älteren Michaeliskirche muß ein solches Reliquiengrab besessen haben, und gerade die sargähnliche Form des Kästchens deutet darauf hin, daß es als Behältnis für die Reliquien diente, die der Altar aufnehmen sollte. Wenn diese Annahme zutrifft, ist das Stück auf 1305 datiert – ein Befund, der aus kunsthistorischer Sicht bestätigt wird10). Beim Abzug aus dem Kloster am Kalkberg hat man das Kästchen mitgeführt und dem neuen Hauptaltar eingefügt. Als Aufbewahrungsort für Reliquien kann es hier aber nicht mehr verwendet worden sein, wenn Gebhardis Inventar des Inhalts vollständig ist und den Zustand zur Zeit der mutmaßlichen Wiederverwendung beschreibt. Daß die Urkunde von 1305 im Kästchen enthalten war, läßt sich möglicherweise als Ausdruck klösterlicher Traditionspflege werten: um die Kontinuität zwischen neuem und altem Kloster zu betonen, fügte man dem neuen Hauptaltar das Zeugnis über die letzte Weihe des aufgelassenen Klosters ein.

Maße: Außenmaße: L.: 18,8 cm; B.: 8,8 cm; H.: 10,4 cm (ohne Deckel: 6,6 cm); Bu.: 3,0–3,2 cm.

DI 24, Nr. 7 - Hannover, Kestner-Museum - (1305)

 Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek Hannover [1/1]

  1. A

    H M V

  2. B

    V G H

Kommentar

Eine überzeugende Deutung dieser Buchstaben fehlt. Appuhn möchte sie, entsprechend der Anordnung der Evangelistensymbole, fortlaufend mit dem Uhrzeigersinn lesen, so daß sich die Gruppen HMV – HGV ergeben. Er löst sie auf zu: H(enricus) M(echtildis) U(xor) und H(enricus) G(ertrudis) U(xor)11). Gemeint sind damit Heinrich der Löwe und seine Gemahlin Mathilde sowie seine Eltern Heinrich und Gertrud. Diese Deutung ist nicht unwahrscheinlich, müßte aber fundamentaler begründet werden als nur durch den Hinweis, die 1305 geweihten Klosterneubauten seien auch zum Seelenheil der hier genannten Personen gestiftet worden. Vom gestärkten Familienbewußtsein der Welfen zur Zeit Ottos des Strengen wird im Kommentar zur Inschrift seiner Grabplatte kurz die Rede sein12), und es ist möglich, daß sich ähnliche Motive in der Gestaltung dieses Kästchens widerspiegeln. Denkbar ist aber auch, daß sich die Buchstaben auf Inhalt oder Funktion des Gegenstandes beziehen sollen.

Anmerkungen

  1. Gebhardi, Coll. VI, 1772, S. 461. – Wieder abgebildet bei Stuttmann, Reliquienschatz, Taf. 10.
  2. Zur Geschichte der erhaltenen Gegenstände aus dem Reliquienschatz der „Goldenen Tafel“ vgl. Stuttmann (wie Anm. 1), S. 14; Welfenschatz, Schatz der Goldenen Tafel, Lüneburger Ratssilber, Hildesheimer Silberfund, S. 27. S. auch den Kommentar zum Altar mit der goldenen Tafel, Nr. 16.
  3. Gebhardi, Verzeichnis 1766, S. 18.
  4. Der schmale Pergamentstreifen trägt die Aufschrift: obiit Hermannus sac. et mon. – Im Kästchen finden sich außerdem mehrere kleine Knochenpartikel und eine mit Seidenstoff umhüllte Reliquie, durch einen beigefügten, rot beschrifteten Zettel dem Hl. Longinus zugewiesen. Ferner befindet sich ein nicht näher zu bestimmendes Reliquienverzeichnis in dem Kästchen.
  5. Narratio de fundatione, Bd. 2, S. 382: Completa autem est praedicta monasterii anterior pars, & per venerabilem in Christo patrem, dominum Ottonem, illustrem fratrem dominorum ducum de Brunswic & Luneborch, episcopum Verdensem, consecrata, cum summo & B. Mariae in choro altaribus, anno domini M.CCC.XC, ipso die Laurentii martyris.
  6. In seiner Notiz bezieht er die für 1305 bezeugte Weihe auf den Hauptaltar der neuen Klosterkirche, in dem das Kästchen 1749 gefunden wurde. Dieser Altar ist indessen erst 1390 geweiht (s. Anm. 5).
  7. Narratio (wie Anm. 5), S. 381: Est autem dedicatum hoc monasterium, post reaedificationem, cum novem altaribus, anno domini M.CCC.V. a venerabili domino, Frederico, Verdensi episcopo, 14. Kal. Octob. per tres dies. Primo die consecravit monasterium in honorem S. Michaelis, & summum altare, aliis vero duobus diebus consecravit alia octo altaria.
  8. Zumindest für die Unterkirche ist dieses Verfahren bezeugt: Narratio (wie Anm. 5), S. 382: ... unde primo cryptam, quae est sub choro, cum tribus altaribus, quemadmodum in antiquo monasterio fuerat, construxerunt.
  9. Vgl. Braun, Art. Altar, Sp. 427. Danach das Folgende.
  10. Stuttmann (wie Anm. 1), S. 84, auch unter Bezug auf die Weiheurkunde von 1305, jedoch ohne ausdrücklichen Hinweis auf ein Altarsepulcrum. – Ähnlich Appuhn, Briefladen, Nr. 7.
  11. Appuhn (wie Anm. 10).
  12. Vgl. Nr. 9.

Nachweise

  1. Gebhardi, Verzeichnis 1766, S. 18.
  2. Stuttmann, Reliquienschatz, S. 83, Nr. 21 (dazu Abb. Taf. 34, 71).
  3. Appuhn (Bearb.), Briefladen, Nr. 7.

Zitierhinweis:
DI 24, Lüneburg: St. Michaeliskloster, Kloster Lüne, Nr. 7 (Eckhard Michael), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di024g002k0000705.