Inschriftenkatalog: Lüneburger Klöster

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 76: Lüneburger Klöster (2009)

Nr. 97 Kloster Wienhausen 1520

Beschreibung

Kelch.1) Silber, vergoldet. Ohne Marken und Beschauzeichen. Der Kelch ist im Museum ausgestellt. Der Sechspaßfuß mit Zwischengraten steht auf einer breiten Sockelplatte, die hohe Zarge mit durchbrochenem Rautenornament. Auf der Unterseite war auf dem Rand die Inschrift A eingraviert, deutlich erhalten ist nur noch die Jahreszahl am Beginn der Inschrift, die folgenden Wörter sind zwar getilgt, aber noch undeutlich lesbar. Zur Mitte hin die eingeritzte Inschrift B. Dem Fuß ist eine Kreuzigungsgruppe aufgesetzt, Maria und Johannes jeweils auf einem aus dem Kreuzesstamm herauswachsenden Ast stehend, am Kreuz der eingravierte Titulus C. Oberhalb der Kreuzigungsgruppe eine aufgesetzte Figur der gekrönten Madonna mit Kind auf der Mondsichel. Darunter zu beiden Seiten je ein eingravierter Wappenschild mit demselben Wappeninhalt. In den übrigen Segmenten des Fußes je ein rundes Medaillon mit der Darstellung zweier Apostel im Relief, die durch ihre Attribute gekennzeichnet sind. Sechsseitige Schaftstücke, am Nodus oben und unten Maßwerkverzierungen, die rautenförmigen Rotuli tragen die einzelnen Buchstaben der Inschrift D glatt in blauem Email. Schlichte glockenförmige Kuppa.

Maße: H.: 19,5 cm; Dm.: 15,6 cm (Fuß), 12 cm (Kuppa); Bu.: 0,8 cm (A), 0,3 cm (B), 0,15 cm (C), 0,7 cm (D).

Schriftart(en): Frühhumanistische Kapitalis (A, C, D), Minuskeln (B).

DI 76, Nr. 97 - Wienhausen, Kloster Wienhausen - 1520

 Kloster Wienhausen [1/2]

  1. A

    ANNO D(OMI)NI 5c xxa) / HANS LANTH/V[..]ETb) DE[D]IT / HVNC CALICE(M) / AD HONOREM / SANCTE ANNE c)

  2. B

    he kostet to smeden xlviij gulden vnd vij krossen vn de kelck wecht iij unze vnd v lot j q(uentchen)

  3. C

    I(ESVS) N(AZARENVS) R(EX) I(VDAEORVM) 2)

  4. D

    IHESVS

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1520 hat Hans Landv..et diesen Kelch zu Ehren der heiligen Anna gestiftet. (A)

Er kostet an Goldschmiedearbeit 48 Gulden und 7 Groschen, und der Kelch wiegt 3 Unzen und 5 Lot, 1 Quentchen. (B)

Wappen:
?3)

Kommentar

Daß die in frühhumanistischer Kapitalis ausgeführte Inschrift A in sehr sorgfältig gestalteten Buchstaben eingraviert war, zeigt das nicht getilgte Datum am Beginn der Inschrift. Es enthält A mit breitem Deckbalken und gebrochenem Mittelbalken ebenso wie oben offenes eingerolltes D, retrograde N mit ausgebuchtetem Schrägbalken, I mit beiseitigen Nodi und spitzovales O, alle Buchstabenenden gegabelt, die erkennbaren Reste der übrigen Buchstaben zeigen, daß die E epsilonförmig waren.

Der Stifter des Kelchs läßt sich nicht identifizieren.4) Ebensowenig läßt sich ermitteln, warum die Stifterinschrift unter dem Fuß bis auf das Datum unlesbar gemacht wurde. Die Stiftung zu Ehren der heiligen Anna könnte sich auf die zweite Annenkapelle des Klosters Wienhausen beziehen (vgl. Nr. 41). Es ist jedoch auch denkbar, daß der Kelch zunächst für einen Annenaltar in einer ganz anderen Kirche bestimmt war und erst später in den Besitz des Klosters Wienhausen gelangte. Dies könnte die Tilgung der Inschrift A erklären.

Textkritischer Apparat

  1. Maier liest die etwas kompliziert ausgeführte Jahreszahl mit linksgewendeter 5 irrtümlich als 1477.
  2. Von dem vorletzten Buchstaben ist nur der obere Teil erhalten. LANTH V[OG]ET Maier, für die beiden ergänzten Buchstaben gibt es jedoch keine Anhaltspunkte, außerdem scheint der Platz für OG recht schmal.
  3. Alle E epsilonförmig, alle N retrograd.

Anmerkungen

  1. Inv. Nr. WIEN Ea 5.
  2. Io. 19,19.
  3. Wappen ? (Wolfsangel zwischen zwei Rosen).
  4. Die Annahme von Maier, bei dem Stifter könne es sich um den herrschaftlichen Vogt Johannes von Oppershausen gehandelt haben, der 1497 zu belegen ist, beruht zum einen auf der falschen Datierung des Kelchs bei Maier, zum anderen läßt sie sich nicht mit dem Wappen auf dem Kelch vereinbaren, da die Familie von Oppershausen ein Rad im Wappen führt. Zudem dürfte es sich bei dem Wort LANTHV..ET um den Nachnamen und nicht um den Titel des Stifters gehandelt haben.

Nachweise

  1. Maier, Kunstdenkmale Wienhausen, S. 144 u. Abb. 187e.

Zitierhinweis:
DI 76, Lüneburger Klöster, Nr. 97 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di076g013k0009708.