Inschriftenkatalog: Lüneburger Klöster

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 76: Lüneburger Klöster (2009)

Nr. 96 Kloster Wienhausen 1519

Beschreibung

Marienaltar, Predella und Triptychon mit bekrönendem Aufsatz im Nonnenchor.1) Holz, geschnitzt und farbig gefaßt, Gemälde. In der Mitte der hohen Predella ein Tabernakel, darin über einem herausnehmbaren Sockelkasten zwei Engel mit Weihrauchgefäßen, auf der Rückseite des Sockelkastens die Inschrift A, auf der Schiebetür des Tabernakels im Relief eine Darstellung des Gnadenstuhls, darüber drei Wappenschilde; außen links und rechts vier Figuren in zwei Reihen übereinander, die durch schwach erhabene Tituli (B) in den auf dem goldfarbenen Hintergrund angebrachten Nimben bezeichnet sind: links oben Andreas und Jacobus mai., links unten Alexander und Mauritius, rechts oben Philippus und Jacobus min., rechts unten Laurentius und Blasius. Beide Schmalseiten der Predella bemalt, dargestellt ist je ein Engel mit einem Wappenschild unter einem Schriftband (C, D). In der Inschrift C ist der in einer zweiten Spalte stehende Text Osenbrugge ... praues(t) mittels einer roten Klammer hinter tho eingefügt.

Im Schrein in der Mitte die Figur der Madonna mit Kind auf der Mondsichel im Strahlenkranz, auf dem Goldgrund dahinter im Nimbus der Maria die Inschrift E glatt vor aufgerauhtem Hintergrund. Über der Marienfigur ein dreiseitiger Baldachin aus durchbrochen geschnitztem Laubwerk, in dessen Mitte in einem Strahlenkranz das Marienmonogramm F. Vor den Säulen links und rechts der Mittelnische musizierende Engel, außen links und rechts je zwei Reliefs übereinander: Verkündigung und Heimsuchung (oben) sowie Geburt Christi und Darbringung im Tempel (unten), über dem Relief der Geburt rechts oben ein Engel mit einem vielfach gewundenen Spruchband, darauf die gemalte Inschrift G. Auf den beiden Flügeln je zwei Reliefs: links oben der Tempelgang Marias, auf dem Altar nicht lesbare Zeichen, die eine hebräische Inschrift andeuten sollen; unten die Anbetung durch die Heiligen Drei Könige, auf dem Kettenanhänger des schwarzen Königs die gemalte Inschrift H; rechts oben die Marienkrönung; rechts unten der Marientod. Auf der Rückseite des Schreins und den Außenseiten der Flügel stark beschädigte Gemälde: in der Mitte eine Pieta, links Stephanus und Jacobus mai., rechts Philippus und Jacobus min., auf den Flügeln links Christus vor Pilatus und die Dornenkrönung mit Inschrift I unten im Bild, rechts die Gregorsmesse und die Kreuztragung. Oben auf den Flügeln ein von durchbrochenem Maßwerk oben abgeschlossener Fries, darauf Medaillons mit den Evangelistensymbolen, die Farbe der Schriftbänder, die ehemals Tituli trugen, ist bis auf wenige Reste abgeplatzt. Als Bekrönung eine von zwei Engeln gehaltene Andachtstafel mit dem erhaben geschnitzten Christusmonogramm J im Strahlenkranz, in den vier Ecken die Wundmale, darunter das Schweißtuch der Veronika, links davon Kreuzesnägel und Würfel, rechts Lanze und Kreuz, daran der gemalte Titulus K. Auf der Rückseite Gemälde mit Darstellungen der Heiligen Alexander und Laurentius. Die Worttrenner in C, D, G und I als Quadrangeln mit vier Zierhäkchen.

Maße: Predella: H.: 92,5 cm; B.: 166 cm; T.: 58 cm. Schrein: H.: 200 cm; B.: 195,5 cm. Flügel: H.: 228 cm; B.: 97,5 cm. Aufsatztafel: H.: 169 cm; B.: 96 cm. Bu.: 4 cm (A), 2,5–3 cm (B), 3,2 cm (C), 3 cm (D, I), 5 cm (E), 10 cm (F), 1,7 cm (G), 1,5 cm (H), 20 cm (J), 1,5 cm (K).

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien (A, C, D, G), gotische Minuskel (J), frühhumanistische Kapitalis (B, E, H, I, K), Majuskel (F).

  1. A

    Ave ihesu panis viuea) / presta nobis gaudia vite

  2. B

    SANCT(VS) · ANDRE(AS)b) // SANCT(VS) · IACOP MAI(OR) // SANCT(VS) · ALEX(ANDER) // SANCT(VS) · MAVR(ITIVS)b)SANCT(VS) · PHILI(PPVS)b) // SANCT(VS) · IACO(P MINOR)b) // SANCT(VS) · LOREN(TIVS)b) // SANCT(VS) · BLASIV(S)b)

  3. C

    D(omi)n(u)s · wulbra(n)d(us) / de · oberge · tho ·// Osenbrugge ·/ mauricij · to hild(e)se(m) / Blasij · Bru(n)suich ·/ Einbecke · vnde · / Winhuse(n) · praues(t) // dedit · hanc · / · tabulam ·

  4. D

    D(omi)na · Katerina · Remstede · / Ebdissche · to · Winhusen / 1519

  5. E

    AVE · MARIA · GRACIA · PLENA · 2)

  6. F

    M(A)R(I)A

  7. G

    · Jck vorcu(n)ghe gick · einec) · gr(ote) d) 3)

  8. H

    AMIe)

  9. I

    AVE · REX · IVDEIORVM ·

  10. J

    ih(esu)s

  11. K

    I(ESVS) N(AZARENVS) R(EX) I(VDAEORVM) 4)

Übersetzung:

Sei gegrüßt, Jesus, lebendiges Brot, schenke uns die Freuden des Lebens. (A)

Herr Wulbrand von Oberg, Propst zu Osnabrück, an St. Mauritius in Hildesheim, an St. Blasius in Braunschweig, zu Einbeck und Wienhausen, hat diesen Altar gestiftet. (C)

Sei gegrüßt, Maria, Gnadenreiche. (E)

Ich verkündige euch eine große (Freude). (G)

Sei gegrüßt, König der Juden. (I)

Wappen:
Oberg?5)Remstede
ObergRemstede

Kommentar

Zur kunstgeschichtlichen Einordung des Altars vgl. Maier mit weiteren Angaben zur Literatur.6) Nach Aussage der Chronik bezahlte Wulbrand von Oberg für die Anfertigung des Altars 80 Gulden.7) Er fungierte von 1517 bis 1522 als Propst des Klosters Wienhausen und bekleidete zugleich noch weitere Ämter, auf die auch die Inschrift C Bezug nimmt: das Amt des Dompropstes in Osnabrück, des Propstes an St. Alexandri in Einbeck, des Propstes an St. Blasius in Braunschweig sowie des Propstes des Moritzstifts in Hildesheim, wo er zugleich auch als Domherr fungierte. Inwieweit eine solche Ämterhäufung eine vernünftige Verwaltungstätigkeit erlaubte, muß dahingestellt bleiben. Laut Chronik flüchtete Wulbrand von Oberg 1522 nach Hildesheim, weil er viele Feinde hatte, die ihm nach dem Leben trachteten, und er sich in Wienhausen nicht mehr sicher glaubte. Dort starb er am 6. Februar 1523. Die Wienhäuser Chronik vermerkt anerkennend: Vorgedachter H. Wulbrandus hat bey seiner Regierung auch viel guts gestifftet ohngeachtet er zimlich bey Jahren war. 8)

Die aus Lüneburg stammende Katharina von Remstede wurde 1501 zur Äbtissin gewählt und übte dieses Amt bis zu ihrem Tod 1549 aus. Da sie sich 1531 weigerte, die Reformation im Kloster durchzuführen, mußte sie Wienhausen vorübergehend verlassen und suchte im Magdalenenkloster in Hildesheim Zuflucht. Obwohl sie – wie auch der übrige Konvent – am katholischen Bekenntnis festhielt, konnte sie 1539 mit Erlaubnis des Herzogs nach Wienhausen zurückkehren, wo sie am 4. Dezember 1549 starb.9)

Textkritischer Apparat

  1. vite Maier, vine Appuhn.
  2. Die Buchstaben in Klammern sind entweder nicht ausgeführt oder von der Figur verdeckt.
  3. Unsichere Lesung, zwischen n und e unter der Hand des Engels noch zwei Hastenenden sichtbar, daher wäre auch die Lesung einne möglich.
  4. Eventuell noch f(rewde) auf dem eingerollten Ende des Schriftbands.
  5. Die Bedeutung der drei Buchstaben ist nicht klar, möglicherweise A(VE) M(ATER) I(ESV), eventuell ist aber auch – ähnlich einer Gewandsauminschrift – keine Bedeutung intendiert.

Anmerkungen

  1. Inv. Nr. WIEN Aa1.
  2. Liturgischer Text nach Lc. 1,28.
  3. Lk. 2,10. Zu ergänzen frewde.
  4. Io. 19,19.
  5. Wappen ? (geteilt, oben Schild vor Kreuz, darin eine Vase, unten sechsmal gespalten). Es liegt nahe, hier das Wappen des Klosters zu vermuten, dieser Wappeninhalt läßt sich aber sonst nicht nachweisen.
  6. Maier, Kunstdenkmale Wienhausen, S. 120f. Zur christologischen und mariologischen Ikonographie des Altars vgl. a. Wipfler, Corpus Christi, S. 151–155.
  7. Chronik und Totenbuch, p. 60.
  8. Ebd., p. 59f. u. S. XXXIX (6. Februar). Zu Wulbrand von Oberg vgl. a. DI 35 (Stadt Braunschweig 1), Nr. 367 u. DI 56 (Stadt Braunschweig 2), Anhang 3, Nr. 367.
  9. Chronik und Totenbuch, S. XXIII, u. Germania Benedictina, Bd. XII, S. 766.

Nachweise

  1. Kloster Wienhausen, S. 255 (C, D).
  2. Mithoff, Kloster Wienhausen, S. 7 (C, D).
  3. Mithoff, Kunstdenkmale Fürstentum Lüneburg, S. 278 (C, D).
  4. Maier, Kunstdenkmale Wienhausen, S. 119–120 (A, C, D, I) u. Abb. 125–132.
  5. Appuhn/Grubenbecher, Wienhausen, S. 44 (C, D).
  6. Appuhn, Der Auferstandene, S. 84 (A).
  7. Zimmer, Altar, S. 233, 236 u. 242 (A, C, D, J).

Zitierhinweis:
DI 76, Lüneburger Klöster, Nr. 96 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di076g013k0009600.