Die Inschriften der Stadt Lemgo

2. Die Inschriften der Stadt Lemgo bis zum Jahr 1650 – Einordnung in die Stadtgeschichte und Auswertung

Auch wenn das Gründungsdatum der zwischen Weser und Teutoburger Wald an der Bega gelegenen Hansestadt Lemgo nicht bekannt ist, so geht man allgemein davon aus, daß es sich bei der Altstadt Lemgo um eine planmäßige Gründung eines Edelherrn zur Lippe in der Zeit um 1200 in unmittelbarer Nähe der Gogerichtsstätte des Limgau, St. Johann (extra muros), handelt.2) Auf eine planmäßige Gründung läßt die regelmäßige Anlage der drei von Westen nach Osten verlaufenden Straßenzüge der Altstadt Echternstraße, Mittelstraße und Rampendahl/ Papenstraße schließen, die im Osten vor dem Ostertor ineinander münden. Dem Ostertor gegenüber lag das Johannistor im Westen, etwas oberhalb davon im Nordwesten das Slavertor. Dem Namen nach später angelegt wurde das Neue Tor als Ausgang der von Norden nach Süden mitten durch die Stadt laufenden Straßenverbindung, die ihre Fortsetzung nach Gründung der Neustadt in der Breiten Straße fand und nach Süden durch das Langenbrücker Tor aus der Stadt herausführte. Die Altstadt war in vier Quartiere eingeteilt: Die Slaver Bauerschaft im Nordwesten, die Rampendahl-Bauerschaft im Südwesten, die Tröger Bauerschaft im Nordosten und die Nikolai-Bauerschaft im Südosten, in der sich in unmittelbarer Nähe zu der Kirche St. Nikolai der Rathauskomplex entwickelte. Das älteste überlieferte Stadtrechtsprivileg für die Altstadt wurde im Jahr 1245 von dem Edelherrn Bernhard III. zur Lippe ausgestellt, es ist jedoch nicht auszuschließen, daß ihm bereits ein älteres – nicht überliefertes – Privileg vorausgegangen ist. Nur wenige Jahrzehnte nach der Gründung der Altstadt, die offenbar sehr schnell anwuchs, wurde die Lemgoer Neustadt begründet, die nach Süden an die Altstadt anschließt, aber zunächst von dieser durch eine Befestigungsanlage getrennt war. Die älteste überlieferte Stadtrechtsverleihung für die Neustadt stammt aus dem Jahr 1293 und wurde von Simon I. zur Lippe ausgestellt, aber auch hier ist nicht ganz sicher, ob es sich dabei tatsächlich um das älteste Privileg handelt. Allgemein wird für die Neustadt eine Gründung um die Mitte des 13. Jahrhunderts angenommen, da man den Baubeginn der Neustädter Kirche St. Marien auf die Zeit um 1260 ansetzt. Wie die Altstadt war auch die Neustadt in Quartiere unterteilt, in die Marien-Bauerschaft im Westen und die Heiliggeist-Bauerschaft im Osten.

Die Beziehungen der Stadt zu den umliegenden Dörfern, die zum heutigen Stadtgebiet Lemgo gehören und auch in den Inschriftenbestand einbezogen sind, waren bereits in der ältesten Zeit Lemgos sehr eng. Die in der Slaver Bauerschaft gelegenen Zehnthöfe, die wohl den ältesten Siedlungskern Lemgos darstellen, waren überwiegend im Besitz von Angehörigen des ortsansässigen Adels, denen die Bauern der umliegenden Dörfer zu Dienst verpflichtet waren. Die Dörfer gehörten zu dem alten Kirchspiel St. Johann (extra muros), das für den Sprengel des Gogerichts Limgau zuständig war. Der älteste Kirchenbau von St. Johann wurde vermutlich bereits im 9. Jahrhundert [Druckseite 12] errichtet, Mitte des 13. Jahrhunderts erbaute man an seiner Stelle eine spätromanische Kirche, von der heute nur noch der Turm erhalten ist; das Kirchengebäude selbst wurde im Dreißigjährigen Krieg aus militärischen Gründen abgerissen.

St. Johann extra muros, sog. Stumpfer Turm - Außenansicht von Osten
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Im Kirchturm, der heute zu der reformierten Gemeinde St. Johann gehört, hängt noch die alte Glocke der Kirche aus dem Jahr 1398, deren Inschrift (Nr. 3) zu den ältesten für die Stadt Lemgo überlieferten Inschriften gehört. 1231 wurde Lemgo zum Archidiakonat erhoben, dessen Sitz zunächst bei St. Johann lag, sich im 14. Jahrhundert jedoch mit der Stadtentwicklung an die Pfarrkirche St. Nikolai verlagerte.

Als Kirche der Altstadt wurde zu Beginn des 13. Jahrhunderts St. Nikolai errichtet, das zunächst den Status einer Filialkirche von St. Johann hatte und erst 1310 zur selbständigen Pfarrkirche erhoben wurde.

St. Nikolai - Außenansicht von Südosten
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Die spätromanische Gewölbebasilika, die schon bald die nach Westen ausgerichtete Doppelturmfront erhielt, wurde gegen Ende des 13. Jahrhunderts durch den Anbau von zwei Seitenschiffen zur Hallenkirche erweitert und erfuhr im 14. Jahrhundert weitere Anbauten im Chorbereich. Die Pfarrkirche der Neustadt St. Marien wurde um 1260/70 begründet und in den nächsten hundert Jahren in mehreren Bauphasen zur dreischiffigen Kirche mit Südchor und Ostturm mit Sakristei im Untergeschoß umgebaut.

St. Marien - Außenansicht von Nordwesten
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Auch St. Marien war zunächst eine Filialkirche von St. Johann. Im Jahr 1306 wurde das Dominikanerinnenkloster Lahde nach St. Marien in Lemgo verlegt – ein Umstand, dem die ältesten für Lemgo überlieferten Inschriften (Nr. 1) zu verdanken sind, denn die Nonnen brachten einen von ihnen erst kurz vor dem Umzug gefertigten Bildteppich mit, der leider nicht erhalten ist. Mit weitgehenden Privilegien wie dem Patronatsrecht über die drei Lemgoer Kirchen ausgestattet, spielte das Kloster in der Stadt schon kurz nach seiner Einrichtung eine bedeutende Rolle und genoß allgemein hohes Ansehen. Aber auch Streitigkeiten mit dem Rat um Befugnisse blieben nicht aus.

Neben den genannten geistlichen Institutionen ist für den Lemgoer Inschriftenbestand lediglich noch das Süsterhaus von Bedeutung, da weder das 1463 gegründete Franziskanerkloster – die spätere reformierte Kirche St. Johann – noch die verschiedenen Kapellen und Spitäler inschriftliche Spuren aus der Zeit vor 1650 hinterlassen haben. Das Süsterhaus ging aus einem ehemaligen Beginenhaus im Rampendahl hervor und wurde im Jahr 1448 in ein Kloster der Augustiner-Kanonessen umgewandelt. Erhalten ist von den Baulichkeiten des Klosters noch die 1507 eingeweihte Kapelle, an der Inschriften (Nr. 84) an die letzte Nonne und den letzten Pater des in der Reformationszeit aufgelösten Klosters erinnern. In den Gebäuden des Klosters wurde 1583 das städtische Gymnasium untergebracht (Nr. 99).

Süsterhaus, Im Rampendahl 20a - Außenansicht von Nordosten
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Der Schwerpunkt der Lemgoer Inschriftenüberlieferung liegt auf den Inschriften der in Stein oder Fachwerk errichteten Bürgerhäuser sowie auf den Inschriften des Rathauses, die die unterschiedlichen Bauphasen der Renaissanceanbauten und -erweiterungen dokumentieren. Damit stehen die Bürgerschaft und der in der Stadt ansässige Adel sehr viel mehr im Mittelpunkt der Inschriften als die Geistlichkeit und die Kirchen – allerdings nicht seit ihren Anfängen, sondern erst seit dem 16. Jahrhundert. Im 16. Jahrhundert erhielt Lemgo durch den Bau von Bürgerhäusern und Adelssitzen das Aussehen, das die Stadt bis heute weitgehend bewahrt hat.3) Die durch den Handel zu Wohlstand gelangten Bürger errichteten sich in dieser Zeit die stattlichen Steinhäuser mit Staffelgiebeln, die das Straßenbild immer noch prägen. Während die Fachwerkbauweise zunächst im wesentlichen kleineren, anspruchsloseren Bauten vorbehalten blieb, trat seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts der Fachwerkbau auch für repräsentativere Bürgerhäuser an die Stelle des Steinbaus und löste diesen schließlich fast vollständig ab. Durch Umbauten erhielten auch Steinhäuser in dieser Zeit Aufstockungen oder Giebel in Fachwerk. Mit der Durchsetzung des Fachwerks wurden auch die Hausinschriften, die an den steinernen Bürgerhäusern nur wenig Verwendung fanden, umfangreicher und dienten zugleich vor allem auf den Schwellbalken als Schmuckelement der Häuser. Während die steinernen Wohnhäuser – abgesehen von besonders repräsentativen Bauten wie Breite Str. 19 (Nr. 73) – überwiegend eher sparsamere Verzierungen aufweisen, zeigen die nun errichteten Fachwerkhäuser mit vorkragenden Obergeschossen und Giebeln vor allem an den Giebeln reichen ornamentalen – manchmal auch figürlichen – Schmuck durch Zierschnitzereien an den Fachwerkbestandteilen. Nicht selten sind sämtliche Balken, Ständer und Füllbretter eines Giebels mit Zierschnitzereien versehen und repräsentieren so den Wohlstand des Erbauers. Den Stein- und Fachwerkhäusern gemeinsam ist der häufige Anbau von Ausluchten seit der zweiten Hälfte des [Druckseite 13] 16. Jahrhunderts. Die Höfe der Adligen unterscheiden sich von den bürgerlichen Wohnbauten zumeist durch den sie umgebenden großen Hofraum und durch die Traufenständigkeit, während die Bürgerhäuser nahezu ausnahmslos giebelständig ausgerichtet sind. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts führte der wirtschaftliche Niedergang der Stadt dazu, daß kaum noch Wohnbauten errichtet wurden. So spiegelt das heutige Straßenbild des alten Lemgo im wesentlichen den Wohlstand der städtischen Oberschicht des 16. Jahrhunderts.

Die städtische Oberschicht Lemgos setzte sich aus verschiedenen Bevölkerungsteilen zusammen und war bis zum Ende des hier behandelten Zeitraums niemals hermetisch abgeschlossen, sondern offen für denjenigen, der es durch geschäftlichen Erfolg zu Wohlstand brachte. Der Adel, der in der Slaver Bauerschaft auf den dort gelegenen Höfen ansässig war und das umliegende Land bewirtschaften ließ, hatte bereits im 15. Jahrhundert an Bedeutung verloren und wurde abgelöst von dem oft in Diensten des Landesherrn oder anderer Fürsten stehenden lippischen Adel, der sich in Lemgo Stadthöfe errichtete. Träger der bürgerlichen Selbstverwaltung war zunächst die Altstädter Gilde, in der die vor allem in der Nikolai-Bauerschaft ansässigen Kaufleute und Wandschneider zusammengeschlossen waren. Man geht allgemein davon aus, daß es sich bei den Kaufleuten und Wandschneidern um die Nachkommen der alten hansischen Kauffahrer handelte, die deren Privilegien übernahmen und den Altstädter Markt beherrschten, bis die Wollweber der Neustadt zu Beginn des 14. Jahrhunderts ebenfalls Zutritt zum Altstädter Markt erhielten. Neben der Gilde gab es zunächst noch eine Gruppe von Alteingesessenen (Erbexen), die im Besitz von Anteilen an der Allmende waren. Vermutlich sind die Nachkommen dieser Bevölkerungsgruppe einige Ratsgeschlechter, die im 14. und 15. Jahrhundert Lehnsleute der Edelherren zur Lippe wurden und im Zusammenhang mit Holzberechtigungen erwähnt sind. Zu ihnen gehören die Familien Brockhausen, Cothmann, Flörke, Grote, Kleinsorge, Kruwel und Tilhenn, die im Zusammenhang der Inschriften oft genannt sind.

Neben den zunächst von der Altstädter Gilde gebildeten Rat trat in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts die Meinheit, der eine gewisse Kontrolle über die Finanzen der Stadt eingeräumt wurde. Das Vorschlagsrecht für die Neueinsetzung eines Meintherrn hatten die vier Bauermeister. Auch die Neustadt hatte zunächst ein eigenes Rathaus besessen, das jedoch mit der Zusammenlegung von Alt- und Neustadt im Jahr 1365 seine Bedeutung verlor. In der zweiten Hälfte des 14. und besonders im 15. Jahrhundert wuchs mit dem Wohlstand der Handwerker die Bedeutung der Handwerksgilden, die demzufolge eine Beteiligung an der Ratsherrschaft für sich beanspruchten. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts erhielten die in Lemgo als Dechen bezeichneten Vorsteher der Gilden das Recht, die Neubesetzung von Ratsstellen zu genehmigen. Damit trat neben die drei bereits vorhandenen Gremien – den alten und neuen Rat, der jährlich wechselte, sowie die Meinheit – ein weiteres Gremium, das an der Stadtherrschaft beteiligt war. Oft gelangten die Dechen nach einiger Zeit selbst in den Rat. Daß eine gesellschaftlich gehobene Position in Lemgo weniger von der Zugehörigkeit zu einer kleinen Gruppe von Ratsfamilien abhängig war wie in anderen Städten, als vielmehr vom Wohlstand des einzelnen, zeigt die Lemgoer Polizeiordnung aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Danach gehörten zum ersten Stand die Bürgermeister und diejenigen Einwohner, die von ihrem Vermögen leben konnten, zum zweiten Stand die in den Rat gewählten Gildemitglieder und an dritter Stelle folgten die Kaufleute und die führenden Gildemitglieder.

Das Verhältnis der Stadt zum Landesherrn war im allgemeinen gut, auch wenn es immer wieder zu kleineren Auseinandersetzungen um Einzelfragen kam. Im Vergleich zu anderen norddeutschen Städten, die sich auch mit kriegerischen Mitteln der Übergriffe ihrer jeweiligen Landesherren erwehrten, zeigten sich die Lemgoer – abgesehen von wenigen Jahren während der Einführung der Reformation – bis zum Ende des 16. Jahrhunderts bei allem zur Schau getragenen bürgerlichen Selbstbewußtsein zugleich als treue Untertanen, die sogar die Wappen der regierenden Grafen zur Lippe an ihren öffentlichen Gebäuden anbrachten (Nr. 59, 108). Erst die sich gegen Ende des 16. Jahrhunderts zuspitzenden konfessionellen Differenzen zwischen dem kalvinistischen Landesherrn und der lutherischen Stadtbevölkerung, zu der die Konkurrenz durch die sich in Brake entwickelnden Hofhaltung und die allgemeinen zentralistischen Tendenzen einer erstarkenden Landesherrschaft kamen, führten schließlich im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der Stadt Lemgo und Simon VI. zur Lippe, der sogenannten Lemgoer Revolte. Schon die Hinwendung der Lemgoer Bürgerschaft zu Luther und seiner Lehre hatte im frühen 16. Jahrhundert vorübergehend das Verhältnis zum Landesherrn getrübt, denn [Druckseite 14] Simon V. hielt am alten Glauben fest und plante ein gewaltsames Vorgehen gegen Lemgo. Mit seinem Tod im Jahr 1536 erledigte sich dieses Problem jedoch, da sein unmündiger Nachfolger Graf Bernhard am Kasseler Hof protestantisch erzogen wurde.

Um das Jahr 1524 verbreitete sich die lutherische Lehre in Lemgo und fand schnell große Resonanz in der Bevölkerung. Wie anderswo auch war die Annahme der neuen Lehre verbunden mit einem Protest weiter Teile der Bürgerschaft gegen Übergriffe des Landesherrn auf die städtische Selbständigkeit und gegen die obrigkeitliche Bevormundung durch den dem Landesherrn nahestehenden Rat. Infolge dieser Entwicklung kam es 1528 zur Absetzung des Rates und Entlassung der beiden Bürgermeister Flörke und Kleinsorge, denen man ein besonders enges Verhältnis zu Graf Simon V. vorwarf. An ihre Stelle wurde zunächst ein 24köpfiges, von den sechs Bauerschaften bestimmtes Gremium gesetzt, das die Geschäfte weiterführte. Mit der Wahl zweier protestantischer Bürgermeister im Jahr 1532 begann die planmäßige Durchführung der Reformation in Lemgo. Nach dem Vorbild der Braunschweigischen Kirchenordnung wurde nun das Kirchenwesen der Stadt neu geordnet. Maßgeblich beteiligt an der Neuordnung war der Pastor an St. Nikolai, Moritz Piderit (vgl. sein Epitaph Nr. 83), der 1528 die Stadt hatte verlassen müssen, weil er zu diesem Zeitpunkt noch am alten Glauben festhielt, aber 1532 zurückkehrte. Simon V. plante unterdessen, die Stadt notfalls mit militärischen Mitteln zur Räson zu bringen. Er erhielt jedoch nicht die erhoffte Unterstützung durch den Landgrafen Philipp von Hessen, der selber auf Seiten der Protestanten stand.

Im Jahr 1531 war das Gogericht St. Johann, das sich seit 1397 im Pfandbesitz der Stadt befunden hatte, an die Landesherrschaft übergegangen – eine Maßnahme, die die Lemgoer Bürgerschaft als Übergriff auf die städtische Autonomie empfand und die die Gräben zwischen beiden Parteien vertiefte. Mit dem Tod Simons V. im Jahr 1536 erledigte sich das konfessionelle Problem und unter Vermittlung des Landgrafen Philipp von Hessen als Vormund für den Grafen Bernhard wurde am 2. Juli 1537 ein Vergleich mit der Landesherrschaft geschlossen, demzufolge sich die Stadt Lemgo zu Gehorsam gegenüber der Landesherrschaft verpflichtete. Trotzdem konnte Lemgo auch weiterhin seine politische und wirtschaftliche Selbständigkeit bewahren. Für die Grafschaft Lippe wurde im Jahr darauf eine lutherische Kirchenordnung erlassen. Das Lemgoer Marienkloster blieb zunächst bestehen und erhielt die Erlaubnis, auch weiterhin katholischen Gottesdienst in St. Marien abhalten zu dürfen. Die bedeutende Rolle, die das Kloster bisher in Lemgo gespielt hatte, war jedoch mit der Einführung der Reformation beendet und nach dem Tod der katholischen Klosterinsassen traten an ihre Stelle evangelische Konventualinnen. Im Jahr 1713 wurde das Kloster St. Marien in ein evangelisches Damenstift umgewandelt. Auch das Franziskanerkloster blieb zunächst noch bestehen; die letzten Mönche verließen erst im Jahr 1561 die Stadt.

Im Jahr 1548 versuchte der Paderborner Bischof, in Lemgo das Interim durchzusetzen, was den inzwischen zum Kirchenvisitator ernannten Piderit veranlaßte, dieses Amt vorübergehend niederzulegen, aber schon 1551 nahm er seine Tätigkeit wieder auf und wurde 1556 zum Superintendenten ernannt. Zusammen mit Hermann Hamelmann und weiteren Geistlichen führte er im Auftrag der Landessynode Kirchenvisitationen durch. Seit 1564 erarbeitete man eine neue lippische Kirchenordnung, die 1571 in Lemgo gedruckt wurde und detaillierte Richtlinien für sämtliche bestehenden kirchlichen Institutionen enthielt.

Dauerhaft behielt diese Kirchenordnung jedoch nur für die Stadt Lemgo Gültigkeit, denn im Jahr 1600 führte der inzwischen im neuerbauten Schloß Brake residierende Graf Simon VI. nach hessischem Vorbild auch in Lippe das reformierte Bekenntnis ein.

Schloß Brake - Außenansicht von Südwesten
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Im Jahr 1604 setzte Simon VI. einen reformierten Geistlichen an St. Johann ein. Für die Stadt Lemgo begann ein harter Kampf um die Beibehaltung der lutherischen Konfession, eng verbunden mit dem Kampf um die städtische Selbständigkeit, die man durch Übergriffe des Landesherrn gefährdet sah. Durch Blockademaßnahmen zwang Simon VI. die Stadt 1609 zum Abschluß eines Vertrags, in dem sich die Stadt unterwarf und zusagte, reformierte Geistliche an den Kirchen einzusetzen. Kurz nach Abschluß des Vertrags brach in der Stadt offener Aufruhr aus, der sich gegen den Rat und den von ihm geschlossenen Vertrag wandte. Der Rat wurde abgesetzt und als handelndes Gremium 36 aus den sechs Bauerschaften stammende Männer bestimmt, die die Stadt in den militärischen Ausnahmezustand versetzten. Auch wenn direkte Angriffe des Landesherrn unterblieben, so kam es in der Folgezeit erneut zu Blockademaßnahmen, nach dem Tod Simons VI. 1613 auch durch seinen [Druckseite 15] Nachfolger Simon VII. Beendet wurden die Auseinandersetzungen durch den 1617 abgeschlossenen Röhrentruper Rezeß, der für die Stadt Lemgo einigermaßen günstig ausfiel, denn sie durfte die lutherische Kirchenordnung von 1571 beibehalten und konnte ihre weitgehende Selbständigkeit wahren. Eine Ausnahme bildete St. Johann, dessen Geistliche vom Landesherrn bestimmt wurden. Entsprechend war hier bereits 1604 ein reformierter Pastor eingesetzt worden. Der Pfarrbezirk mit den dazugehörigen Dörfern wurde im Röhrentruper Rezeß dem landesherrlichen Konsistorium unterstellt und demzufolge blieb St. Johann eine reformierte Kirche.

Auf die Dauer gesehen wirkten sich diese Vorgänge jedoch nachteilig aus, weil sich der Adel und die Hofbeamten aus der Stadt zurückzogen. Zugleich wuchs das Dorf Brake, da hier Handwerker und Gewerbetreibende am Hof ansässig wurden und in Konkurrenz zu Gewerbe und Handwerk der Stadt traten. Die langwierigen Auseinandersetzungen mit dem Landesherrn bedeuteten für die Stadt eine große finanzielle Belastung; hinzu kamen noch Fälle von Mißwirtschaft. So hatte ein spürbarer wirtschaftlicher Niedergang Lemgos schon vor dem Dreißigjährigen Krieg eingesetzt. Plünderungen und Kontributionsforderungen durch beide Kriegsparteien verschlimmerten die Lage. Am 12. September 1636 verübten die Schweden auf das mit kaiserlichen Truppen besetzte Lemgo einen Überfall, der der Stadt auf Dauer immerhin einen Altar für St. Nikolai (Nr. 218) und eine Kanzel für St. Marien (Nr. 219) einbrachte. Denn als einen der Schuldigen machte man den mit der Wache beauftragten Bildhauer Hermann Voß aus, der nach einiger Zeit der Abwesenheit aus der Stadt als Buße die beiden aufwendigen Ausstattungsstücke unentgeltlich anfertigen mußte.

Seit der Mitte der 30er Jahre verließen viele Bewohner die Stadt, weil sie hier keine Existenzmöglichkeit mehr für sich sahen. Viele Häuser standen dadurch leer und verfielen. Bei einem erneuten Einfall der Schweden im Jahr 1646 wurden viele Häuser zerstört, so daß von den ca. 1400 Häusern nur etwa ein Drittel intakt geblieben sein soll. Besonders starke Schäden richtete der Krieg in der Neustadt, in den Vierteln der weniger vermögenden Stadtbevölkerung, an. Die Stadtfinanzen waren durch Krieg, aber auch durch Mißwirtschaft zerrüttet. Auch die erste Welle der Hexenverfolgungen in den Jahren 1628 bis 1637 trug dazu bei, daß sich viele Bürger außerhalb von Lemgo eine neue Existenz aufbauten. Durch die hier mit besonderem Fanatismus betriebene Hexenverfolgung – schon die ersten Phase kostete 90 Menschen das Leben – richtete sich die Stadt in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts völlig zugrunde und brachte dem Lemgoer Magistrat den Ruf eines Schreckensregiments und der Stadt den endgültigen Niedergang der alten Strukturen ein. Die schon 1610 erfolgte Verlegung des Hofgerichts aus Lemgo nach Detmold, das als Residenzstadt zunehmend an Bedeutung gewann, der Rückzug der Adelsfamilien aus der Stadt und die zunehmende wirtschaftliche Konkurrenz durch das anwachsende Handwerk und Gewerbe auf dem Land schwächten die Stadt gegenüber einer immer stärker werdenden Landesherrschaft.

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In den Inschriften spiegelt sich von all diesen Entwicklungen sehr wenig. Das ist unter anderem darauf zurückzuführen, daß der Inschriftenbestand bis zum Jahr 1650 für eine bis ins späte Mittelalter zurückreichende Hansestadt mit 239 Katalognummern, von denen 87 lediglich aus Jahreszahlen und Initialen bestehen, außerordentlich klein ist. Hinzu kommt, daß nur 127 Katalogartikel Inschriften mit längeren Texten enthalten, die über bloße Namensnennungen, Tituli oder kurze Bauvermerke hinausgehen. Während die Zahl von 122 Nummern, die im weitesten Sinn unter dem Oberbegriff Hausinschriften zu subsumieren sind, für eine norddeutsche Stadt von der Größe Lemgos als durchschnittlich gelten kann, liegt die Zahl von lediglich 34 oft nur fragmentarisch erhaltenen Grabinschriften weit unter dem Durchschnitt. In Anbetracht der Tatsache, daß Lemgo mit St. Marien und St. Nikolai zwei große Kirchen aufzuweisen hat, wäre hier ein deutlich höherer Anteil an Grabinschriften zu erwarten. Von den sicher zuzuweisenden Stücken entfallen lediglich zehn auf St. Nikolai und acht auf St. Marien. Was mit dem einstmals sicher reichhaltigen Bestand an Grabplatten und Epitaphien der in der Stadt ansässigen Bürger und Adligen geschehen ist, läßt sich nicht klären. Sicher ist nur, daß die Grabdenkmäler schon vor der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus den Kirchen entfernt oder die Grabplatten – wie in und vor St. Nikolai – umgedreht zum reinen Fußbodenbelag umfunktioniert worden sind, denn die zu dieser Zeit [Druckseite 16] einsetzende kopiale Überlieferung gibt größtenteils nur das wieder, was heute noch – zumindest bruchstückhaft – vorhanden ist.

Von den 239 für die Stadt Lemgo bis zum Jahr 1650 erfaßten Inschriften liegen 62 lediglich in kopialer Überlieferung vor, 177 sind noch im Original erhalten. Unter den kopial überlieferten Inschriften machen die Hausinschriften den mit Abstand größten Anteil aus. Das ist darauf zurückzuführen, daß es nur für diese Gruppe der Lemgoer Inschriften überhaupt eine nennenswerte kopiale Überlieferung gibt, während sich die wenigen übrigen kopial überlieferten Inschriften in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen finden und zu einem großen Teil wie auch die Hausinschriften durch alte Fotografien überliefert sind. Systematische Erfassungen von Inschriften aus älterer Zeit, wie sie in anderen Städten von historisch oder genealogisch Interessierten vor allem im 19. Jahrhundert angelegt wurden, gibt es für Lemgo nicht – was möglicherweise, wie oben angedeutet, darauf zurückzuführen ist, daß es zumindest in den Kirchen kaum mehr etwas zu erfassen gab.

Lediglich der Lemgoer Gymnasialprofessor August Schacht (1854–1936), der die Ordnung des Stadtarchivs Lemgo übernahm, hat in seinen im Stadtarchiv aufbewahrten Notizheften auch Inschriften verzeichnet. Vor allem aber hat er in einem ebenfalls zum Bestand des Stadtarchivs gehörigen Exemplar des Buches „Die baulichen Alterthümer des Lippischen Landes“ von Otto Preuß auf drei hinten eingebundenen Blankoseiten Inschriften von Lemgoer Bürgerhäusern notiert, von denen einige nur hier überliefert sind.

Weitere kopial überlieferte Inschriften finden sich in der sogenannten „Lippe-Bildsammlung“ der Lippischen Landesbibliothek Detmold.4) Die Lippe-Bildsammlung enthält von verschiedenen Künstlern angefertigte Kupferstiche, Zeichnungen, Aquarelle und andere Darstellungen von Baudenkmälern, Landschaften und Orten. Für den Lemgoer Inschriftenbestand sind vor allem die in der Sammlung umfangreich vertretenen Zeichnungen von Carl Dewitz (geb. 1852 in Insterburg) wichtig, der als Zeichenlehrer am Gymnasium in Lemgo tätig war. Neben den zwölf Bänden seiner Skizzenbücher und drei weiteren Mappen enthält der Bestand der Lippischen Landesbibliothek 158 Blätter mit Lemgoer Motiven, auf denen in vielen Fällen auch Inschriften dargestellt sind. Dabei handelt es sich zum größten Teil um Bleistiftzeichnungen, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden sind. Sie zeigen Inschriften an den öffentlichen Gebäuden sowie Hausinschriften aus der Stadt und den heute eingemeindeten Orten ebenso wie die wenigen noch vorhandenen Epitaphien. Neben den Arbeiten von Dewitz gibt es einen kleineren Bestand an Aquarellen, Feder- und Tuschzeichnungen, die der Pastor Emil Zeiß (geb. 1833 in Stapellage, † 1910 in Schwalenberg) angefertigt hat. 26 Blätter haben Lemgoer Motive zum Gegenstand. Für den Inschriftenbestand Lemgo sind darüber hinaus noch drei Zeichnungen eines Studenten der Architektur namens H. Wilkens von Bedeutung, über den keine näheren Angaben vorliegen. Die Blätter zeigen Lemgoer Epitaphien (Nr. 112, 156 u. 161).

Eine Dokumentation Lemgoer Hausinschriften, die im wesentlichen die auch heute noch erhaltenen Inschriften erfaßt, gehört zum Bestand des Instituts für Lippische Landeskunde in Brake. Die unter dem irreführenden Titel „Torbögen in Lippe“ 1969 abgeschlossene Fotodokumentation von Friedrich Pahmeier und Wilhelm Süvern erfaßt in zahlreichen Bänden die Hausinschriften des Kreises Lemgo, die oft in Fotografie und maschinenschriftlich wiedergegeben sind. In einem Register dazu sind nach Orten und Straßen sortiert die Inschriften mit ihren Initien anzitiert und die Jahreszahlen wiedergegeben. Ein weiteres Register erfaßt die Personennamen, die in den Inschriften vorkommen.

Lemgoer Hausinschriften sind auch in verschiedenen Publikationen zu diesem Thema wiedergegeben. Zu verweisen ist hier auf die Arbeiten von Meier-Böke, Rädeker, Sauerländer und [Druckseite 17] Süvern.5) Eine nahezu vollständige und sehr zuverlässige Erfassung sämtlicher Inschriften der Stadt findet sich in dem Band über die Bau-und Kunstdenkmäler der Stadt Lemgo.6)

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Wie bereits erwähnt, bilden die aus dem Bereich der Bürgerhäuser stammenden Inschriften mit 122 Katalognummern – darunter etliche Inschriften auf Kaminstürzen – den größten Bestand innerhalb der 239 Lemgoer Inschriften, gefolgt von der Gruppe der Grabinschriften mit 34 und der Inschriften aus dem Bereich der Kirchenausstattung mit 32 Artikeln, darunter 7 Glocken. 10 Katalognummern enthalten Inschriften an den verschiedenen Bauteilen des Rathauses und dokumentieren zum Teil durch Baudaten die Entstehungsgeschichte seiner unterschiedlichen Anbauten in der Zeit der Renaissance.7) Weitere drei nur noch kopial überlieferte Inschriften aus dem Rathaus (Nr. 93, 149, 150) waren als Wandmalerei oder Tafel für alle sichtbar angebracht und hielten die Ratsherren zur Führung eines guten Regiments an. Der Anteil der Kirchen St. Marien mit 34 und St. Nikolai mit 28 Katalognummern am Gesamtbestand ist außerordentlich gering. Der Großteil der Lemgoer Inschriften stammt aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts (106 Nummern) und aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts (90 Nummern). Für das 14. Jahrhundert sind 9 Nummern zu verzeichnen, für das 15. Jahrhundert 15 Nummern und für die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts 19 Nummern.

Die Hausinschriften der Stadt Lemgo setzen erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein. Zuvor gibt es lediglich wenige Jahreszahlen, die das Baujahr des Hauses festhalten. Das relativ späte Auftreten der Hausinschriften erklärt sich daraus, daß die Steinbauweise, in der die Lemgoer Bürgerhäuser der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts überwiegend errichtet wurden, grundsätzlich weniger ‚inschriftenfreundlich’ war als das Fachwerk. Bei dem ältesten für Lemgo überlieferten Haus mit längeren Inschriften, dem Steinbau Mittelstr. 56 (Nr. 47) mit Staffelgiebel, handelt es sich daher um eine Ausnahme und zugleich um eines der prächtigsten Bürgerhäuser der Stadt. Wie beim Fachwerkbau verlaufen hier die aufwendig gehauenen Inschriften quer über die Fassade, die eine enthält niederdeutsche Bibelparaphrasen, die andere lateinische Bibelzitate. Die Bibel ist die Hauptquelle der Lemgoer Hausinschriften bis zum Jahr 1650, die zu einem erheblichen Teil aus Gebeten, Sprichwörtern und Sentenzen bestehen und überwiegend in deutscher Sprache verfaßt sind. Aber auch die Kombination von Deutsch und Latein – letzteres zumeist für kurze (Wahl)Sprüche und Sentenzen – ist in den Lemgoer Hausinschriften recht beliebt und brachte den gehobenen Bildungsstand des Bauherrn zur Geltung. Zum größten Teil in Latein abgefaßt sind die häufig auftretenden formelhaften Bauvermerke, die nur Jahreszahl und Erbauernamen angeben.

Inhaltlich entsprechen die meisten Lemgoer Hausinschriften dem geläufigen Repertoire der norddeutschen Hausinschriften. Der allseits beliebte Spruch Wer Gott vertraut, hat wohl gebaut, sowohl als Sprichwort als auch als Kirchenliedstrophe überliefert, tritt hier neunmal auf, die protestantische Devise Si Deus pro nobis in lateinischer und deutscher Version insgesamt fünfmal.

DI 59, Nr. 165 - Markt 3, Ballhaus - 1608
 AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften | Nr. 165, Abb. 1 | Markt 3, Ballhaus, Inschrifttafel (1608)

Sofern es sich nicht um Bauvermerke handelt, enthalten die Inschriften überwiegend religiöse Texte, die den Glauben an Gott und die Schutzfunktion Gottes für das Haus zum Gegenstand haben. Von Neid und Mißgunst der Mitmenschen ist nur in vier Fällen die Rede (Nr. 72, 76, 183, 214), indirekt in weiteren zwei Fällen mit dem Wunsch Alle die mich kennen, denen gebe Gott, was sie mir gönnen (Nr. 195, 217). Aus dem Rahmen des Üblichen fallen in Lemgo nur wenige Hausinschriften. Zu ihnen gehören die niederdeutschen Texte an dem 1564 errichteten Haus Mittelstraße 39 (Nr. 55), die neben [Druckseite 18] Seligpreisungen kurze Dialoge über die falsche und richtige Lebensweise im christlichen Sinne enthalten.

DI 59, Nr. 55 - Mittelstr. 39, Bürgerhaus - 1564
 AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften | Nr. 55, Abb. 2 | Mittelstr. 39, Bürgerhaus (1564)

An dem Haus Breite Str. 57 von 1582 (Nr. 97) ist ein lateinisches Cicerozitat über die Brüstungstafeln des Erkers verteilt, das die Würde des Hauses und des Hausherrn thematisiert. Weniger die Inschriften als das Bildprogramm hebt die Häuser Mittelstr. 24 (Nr. 121) und Mittelstr. 36 (Nr. 139) hervor.

DI 59, Nr. 121 - Mittelstr. 24, Bürgerhaus - 1593
 AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften | Nr. 121, Abb. 1 | Mittelstr. 24, Bürgerhaus (1593)

Das Haus Mittelstr. 24 aus dem Jahr 1593 trägt auf den Schwellbalken lateinische und deutsche Inschriften religiösen Inhalts und am Giebel reiche Zierschnitzereien, in deren Mittelpunkt symbolische Tierdarstellungen stehen. Das auf das letzte Viertel des 16. Jahrhunderts datierte Haus Mittelstr. 36 zeigt auf Ständerbalken die Darstellungen von Planeten sowie Sonne und Mond, die durch Tituli bezeichnet sind. Insgesamt sind derartige an der zeitgenössischen Druckgraphik orientierte Figurenprogramme, zu denen auch die Tugenden gehören, an Lemgoer Bürgerhäusern eher selten überliefert, obwohl sich Ausluchten und Erker dafür angeboten hätten. In situ befindet sich nur noch ein Tugendenprogramm an Auslucht und Erker des Hauses Breite Str. 19 (Nr. 73), kombiniert mit einer aufwendigen Darstellung des Sündenfalls, daneben sind nur noch einzelne Bestandteile zweier weiterer Tugendenprogramme von Bürgerhäusern erhalten (Nr. 94 u. 95).

DI 59, Nr. 73 - Breite Str. 19, sog. Hexenbürgermeisterhaus - 1571
 AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften | Nr. 73, Abb. 2 | Breite Str. 19, sog. Hexenbürgermeisterhaus (1571), Sündenfall und Bauinschrift

Reichhaltige Verwendung fanden die an der Druckgraphik orientierten Figurenprogramme dagegen am Rathaus, das an den verschiedenen Bauteilen neben Tugenden (Nr. 108) die Sieben Freien Künste (Nr. 109), die Fünf Sinne (Nr. 176) und ein Programm von zehn Ärzten und Naturwissenschaftlern (Nr. 176) zeigt – alle durch Tituli bezeichnet. Als Ganzes betrachtet kommen damit am Lemgoer Rathaus die Bildungsinhalte der Renaissance zur Darstellung mit einem besonderen Schwerpunkt auf den Naturwissenschaften am Apothekenanbau. Neben den Tituli sind hier kurze, heute zum Teil kaum mehr verständliche Lehrsätze stellvertretend für die Lehrinhalte der Dargestellten gesetzt. Über allem steht quasi als Überschrift auf dem Fries die Einordnung der Heilkunst in die christliche Glaubenslehre mit einem Zitat aus Jesus Sirach zum Thema Arzt, Arznei und Apotheker. Auch die Figuren der Tugenden an der Neuen Ratsstube werden von langen Inschriften auf den Gebälkfriesen darüber und darunter begleitet. Während die lateinische Inschrift – eine in Distichen verfaßte Paraphrase zu Psalm 81,3 – zur Umsetzung der Tugenden im täglichen Leben der Bürgerschaft anhält und dabei auch wesentlich auf die Tätigkeit des Rates abzielt, betont die zweite Inschrift in deutschen Reimversen die Notwendigkeit einer fürsorglichen Obrigkeit und gehorsamer Untertanen. Inhaltlich stehen beide Inschriften damit in enger Verbindung zu den drei bereits erwähnten Inschriften, die früher im Inneren des Rathauses angebracht waren und sich mit einem guten Regiment des Rates beschäftigten (Nr. 93, 149, 150).

Anders als bei den Hausinschriften reicht das Material der wenigen Grabinschriften Lemgos für eine allgemeine Auswertung kaum aus. Von den 34 Grabdenkmälern sind nur 13 komplett erhalten, von weiteren 16 Grabdenkmälern existieren noch mehr oder weniger große Fragmente, die fünf übrigen Grabdenkmäler sind nur durch kopiale Überlieferung bekannt. Für einige der Stücke, die sich heute im Städtischen Museum in Lemgo befinden, ist noch nicht einmal die Provenienz zu klären. Bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts sind Fragmente von drei Grabdenkmälern erhalten:

DI 59, Nr. 2 - St. Marien, Fragmente einer Grabtumba - nach 1387
 AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften | Nr. 2, Abb. 1 | St. Marien, Fragmente einer Grabtumba (nach 1387)

die Bruchstücke einer Tumbenplatte aus St. Marien (Nr. 2) aus dem Ende des 14. Jahrhunderts sowie zwei Grabplattenfragmente aus dem 14. (Nr. 8) bzw. 15. Jahrhundert (Nr. 13). Aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts sind keinerlei Grabdenkmäler überliefert, aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts weist der Lemgoer Bestand 12 teilweise fragmentarische Grabplatten auf, 9 Epitaphien oder deren Fragmente sowie im zweiten Viertel des 17. Jahrhunderts 8 Grabstelen von den Friedhöfen.

Auch wenn sich keine Typologie der wenigen Grabdenkmäler entwerfen läßt, so bietet das Lemgoer Material doch eine auffällige Besonderheit. Läßt man einmal die Grabstelen und die drei Adelsepitaphien außer acht, so zeigen weder die Grabplatten noch die Epitaphien nennenswerten bildlichen Schmuck. Die Grabplatten tragen ausnahmslos eine Kombination von Inschriften und Wappen. Für die sonst geläufige Kombination von ganzfiguriger Darstellung des Verstorbenen im Innenfeld mit umlaufender oder darunter angebrachter Inschrift hat sich in Lemgo nicht ein einziges Beispiel erhalten. Ähnlich verhält es sich bei den großen Renaissance-Epitaphien für Lemgoer Bürger. Gerade wenn man sie mit den drei erhaltenen Adelsepitaphien in St. Nikolai vergleicht, wird der Kontrast besonders deutlich.

DI 59, Nr. 104 - St. Nikolai, Epitaph für Moritz von Donop - 1587
 AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften | Nr. 104, Abb. 1 | St. Nikolai, Epitaph für Moritz von Donop (1587)

Das 1587 angefertigte Epitaph für Moritz von Donop (Nr. 104) zeigt in farbig gefaßtem Sandstein ein vielszeniges und vielfiguriges, dezidiert lutherisches Bildprogramm, dem ein Holzschnitt Lucas Cranachs d. Ä. zugrundeliegt. Das ebenfalls steinerne und farbig gefaßte Epitaph für Franz von Kerssenbrock von 1578 (Nr. 87) zeigt im Mittelteil die [Druckseite 19] vollplastische Figur des Verstorbenen unter dem Kreuz kniend sowie weitere figürliche Darstellungen und entspricht damit dem typischen Renaissance-Epitaph dieser Art. Ähnliches gilt auch für das Epitaph des Raban von Kerssenbrock von 1617 (Nr. 181), das einzige Holzepitaph in Lemgo, mit einem Kreuzigungsgemälde im Mittelteil.

Im Gegensatz zu diesen drei Epitaphien stehen die sechs fragmentarisch oder komplett erhaltenen Epitaphien (Nr. 112, 153, 156, 160, 161, 172) aus der Zeit von 1580 bis 1611 aus St. Marien und St. Nikolai, die für Lemgoer Bürgermeister und einen in der Stadt ansässigen Arzt bestimmt sind.

DI 59, Nr. 172 - Lemgo, St. Marien, 1611
 AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften | Nr. 172, Abb. 1 | St. Marien, Epitaph des Heinrich Flörke (1611)

Diese Epitaphien waren oder sind jeweils in der Art eines mehrgeschossigen Epitaphs aufgebaut, bestehen aber ausschließlich aus übereinandergesetzten Schrifttafeln mit teilweise sehr umfangreichen lateinischen Vers- und Prosainschriften, die mit sehr sparsamen Schmuckelementen umgeben sind. Als figürlicher Schmuck kommen hier neben Wappenschilden bestenfalls vereinzelt Engelsköpfe oder ein Totenkopf vor. Daß sich ausgerechnet diese Epitaphien erhalten haben, deren Schmuckfunktion für eine Kirche nicht besonders hoch anzusetzen ist, läßt darauf schließen, daß man es dabei nicht mit einem Zufall der Überlieferung zu tun hat, sondern daß bürgerliche Epitaphien zu dieser Zeit in Lemgo eine entsprechende Gestaltung aufwiesen. Die auch für die Grabplatten des 16. und 17. Jahrhunderts geltende auffallende Bilderlosigkeit der wenigen erhaltenen Lemgoer Bürger(meister)epitaphien, die allesamt um 1600 herum entstanden sind, steht im auffallenden Kontrast zu dem zeitgleichen Abwehrkampf, den die lutherische Stadt gegen die Versuche des Landesherrn führte, auch hier das reformierte Bekenntnis einzuführen. Nun könnte der Gedanke naheliegen, daß die städtische Führungsschicht eben doch stark vom Landesherrn beeinflußt war, wenn nicht eines dieser Epitaphien (Nr. 172) für den in dieser Hinsicht völlig unverdächtigen, während der Lemgoer Revolte gewählten Bürgermeister Heinrich Flörke bestimmt wäre. Was die Lemgoer davon abhielt, ihre Epitaphien analog zu den Bürgerepitaphien anderer norddeutscher Städte und den Adelsepitaphien in St. Nikolai mit reichem figürlichen und ornamentalen Schmuck zu versehen, läßt sich bislang nicht klären.

DI 59, Nr. 11 - St. Marien, verlorenes Epitaph für Hermann Cothmann - 1435
 LWL-Denkmalpflege, Landschafts- u. Baukultur in Westfalen | Nr. 11, Abb. 1 | St. Marien, verlorenes Epitaph für Hermann Cothmann (1435)

Bildliche Darstellungen auf bürgerlichen Grabdenkmälern treten – mit Ausnahme des Epitaphs für Hermann Cothmann von 1435 – erst im zweiten Viertel des 17. Jahrhunderts mit dem Aufkommen der Grabstelen auf. Diese zeigen, wenn auch in einfacher Art, Kreuzigungsdarstellungen und die Darstellung von Verstorbenen im Relief.

Aus der Gruppe der Inschriften auf kirchlichen Ausstattungsstücken ist vor allem der 1306 nach Lemgo in das Kloster St. Marien verbrachte Teppich des Klosters Lahde zu nennen (Nr. 1), der zwar nicht erhalten ist, dessen überlieferte Inschriften und Szenen aber eine Rekonstruktion des Bildprogramms erlauben. Von besonderer Bedeutung sind auch zwei Wandmalereiprogramme, das eine aus dem vierten Viertel des 14. Jahrhunderts in St. Marien (Nr. 4), das andere aus der Zeit um 1430 in St. Nikolai (Nr. 10). Die Darstellung in St. Marien, die die Grundfigur Moses mit den zehn ägyptischen Plagen, Zehn Geboten und zehn Sünden in Bild und Text zeigt, setzt handschriftliche Vorlagen in großflächige und für alle anschauliche Wandmalerei um. Bei dem Apostel-Propheten-Programm in St. Nikolai handelt es sich um das bislang einzige nachweisbare Beispiel dieses Darstellungstyps, bei dem jeweils drei Propheten mit ihren Bibelsprüchen einem Apostel und dem entsprechenden Satz des Credo zugeordnet sind. Das Bild- und Inschriftenprogramm der Lemgoer Darstellung war damit sehr viel umfangreicher als die anderen bekannten Beispiele dieses Typs. Umso bedauerlicher ist es, daß der schlechte Zustand der Wandmalerei keine Rekonstruktion sämtlicher Inschriften erlaubt. Hinzuweisen ist unter den kirchlichen Ausstattungsstücken auch noch auf die beiden von dem Bildhauer Georg Crosmann und seiner Werkstatt gefertigten und mit Inschriften versehenen Taufanlagen in St. Marien (Nr. 119) und St. Nikolai (Nr. 128) aus den Jahren 1592 und 1597, von denen letztere ein besonders großes, die ganze Taufanlage umspannendes Inschriftenprogramm aufweist.

DI 59, Nr. 128 - St. Nikolai, Taufanlage - 1597
 AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften | Nr. 128, Abb. 1 | St. Nikolai, Taufanlage (1597)

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Die überwiegende Zahl der Lemgoer Inschriften bis zum Jahr 1650 ist in deutscher Sprache abgefaßt. Soweit sie Rückschlüsse auf die Sprache zulassen, enthalten 55 Katalognummern lateinische Inschriften, 75 deutsche Inschriften und weitere 17 die Kombination von deutschen und lateinischen Inschriften. Die Formel Anno Domini blieb bei dieser Auswertung unberücksichtigt. Die zeitliche Verteilung zeigt gegenüber den bisher bearbeiteten norddeutschen Beständen keine Besonderheit im Hinblick auf das Vorkommen von Latein und Deutsch. Allerdings bietet das spärliche Material auch kaum Ansatzpunkte für eine Untersuchung der Inschriften im Hinblick auf verschie-[Druckseite 20]-dene Inschriftenträger, zumindest was die Zeit bis zum Ende des 15. Jahrhunderts angeht. Die erste sicher datierte deutschsprachige Inschrift tritt in Lemgo erst im Jahr 1499 auf einem Mörser auf (Nr. 20), älter könnte nur die deutsche Inschrift auf einem nicht genau zu datierenden Kelch (Nr. 24) sein. Die nächsten deutschsprachigen Inschriften stammen dann bereits aus dem 16. Jahrhundert und verteilen sich auf Inschriftenträger aller Art. Bis um 1580 zeigen alle deutschsprachigen Inschriften durchgehend niederdeutsche Merkmale, seit der Zeit um 1580 treten daneben hochdeutsch-niederdeutsche Mischformen, aber auch bereits vollständig hochdeutsche Inschriften auf. Niederdeutsche Formen haben sich hier besonders in den Hausinschriften, die diese Sprachform überall länger bewahren als beispielsweise die Grabinschriften, noch bis in die ersten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts erhalten und kommen vereinzelt noch bis zum Ende des hier behandelten Zeitraums vor. So finden sich in einer Grabschrift aus dem Jahr 1638 (Nr. 215) noch eindeutig niederdeutsche Merkmale. Es hat den Anschein, als ob sich niederdeutsche Sprachformen in den Lemgoer Inschriften recht lange halten konnten. Die in den deutschsprachigen Inschriften zu beobachtende Entwicklung entspricht damit im Vergleich der bisher bearbeiteten norddeutschen Bestände in etwa derjenigen der Mindener Inschriften, die auch geographisch am nächsten liegen, während in anderen Beständen wie Braunschweig und Hannover seit dem Ende des 16. Jahrhunderts nur noch vereinzelte Hausinschriften mit niederdeutschen Merkmalen vorkommen.8) Allerdings bietet der kleine Lemgoer Inschriftenbestand zu wenig Material für eine differenziertere Untersuchung in dieser Frage.

Zitationshinweis:

DI 59, Lemgo, Einleitung, 2. Die Inschriften der Stadt Lemgo bis zum Jahr 1650 – Einordnung in die Stadtgeschichte und Auswertung (Sabine Wehking), in: inschriften.net,  urn:nbn:de:0238-di059d006e007.

  1. Der historischer Teil dieser Einleitung beruht im wesentlichen auf der stadtgeschichtlichen Darstellung von Hans Hoppe in den BKD Lemgo, S. 1–116, sowie auf Meier, Geschichte, passim. Den kunst- und baugeschichtlichen Angaben liegen die BKD Lemgo zugrunde. Speziell zum umstrittenen Zeitpunkt der Gründung der Altstadt Lemgo: Otto Gaul, Die lippische Frühgeschichte bis zur Gründung der Stadt Lemgo. In: MLG 19, 1950, S. 52–82. Erich Kittel, Zur Gründung der lippischen Städte. In: MLG 20, 1951, S. 9–62. Bemerkungen zum Ursprung der lippischen Landesherrschaft und zur Entstehung der lippischen Städte und Burgen, Diskussionsbeiträge. In: MLG 21, 1952, S. 82–141. Albert K. Hömberg, Die Entstehung der Herrschaft Lippe. In: MLG 29, 1960, S. 5–64. »
  2. Hierzu grundlegend: Kaspar, Bauen, passim; hier bes. S. 41–72. »
  3. Die folgenden Angaben nach dem Zettelkatalog der Lippe-Bildsammlung in der Lippischen Landesbibliothek Detmold. »
  4. August Meier-Böke, Nordlippes Hausinschriften. In: Jahresbericht des Lippischen Bundes für Heimatschutz und Heimatpflege 26, 1933, S. 36–53. Ders., Plattdeutsche Hausinschriften aus dem lippischen Norden. In: Vaterländische Blätter. Lippisches Magazin 1932, Nr. 11 vom 15. Dezember, S. 87–88. Wilhelm Rädeker, Lemgoer Häuser. Lemgo 1955. Friedrich Sauerländer, Alte Hausinschriften in Lemgo. In: Lippische Post 93, 1938, Nr. 164 u. 166–170 vom 16.–23. Juli. Ders., Alte Hausinschriften in Lemgo. In: Lippische Blätter für Heimatkunde 1950, Nr. 8, S. 31f. Wilhelm Süvern, Torbögen und Inschriften lippischer Fachwerkhäuser. In: HL 64, 1971, S. 9–32 u. 49–72. »
  5. Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen Bd. 49/I: Stadt Lemgo. Bearb. v. Otto Gaul u. Ulf-Dietrich Korn, Münster 1983. »
  6. Nr. 33, 59, 108, 109, 110, 111, 114, 122, 173, 176»
  7. Vgl. DI 36 (Stadt Hannover), S. XXVIf.; DI 46 (Stadt Minden), S. XXIV; DI 56 (Stadt Braunschweig 2) S. XXXIV–XXXVIII. »