Inschriftenkatalog: Landkreis Weissenfels

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 62: Weißenfels (Landkreis) (2005)

Nr. 83 Weißenfels, Museum Anfang 16. Jh.

Beschreibung

Mittelschrein eines geschnitzten und gefaßten Altarretabels mit vier als Halbreliefs gefertigten Heiligenfiguren, nach lokaler Überlieferung aus der Kirche des Klarissenklosters übernommen.1) Die Baldachinzone und die Figurenkonsolen vermutlich (im 19. Jh.?) erneuert, Predella, Flügel und Gesprenge verloren. Hinter den Häuptern der Heiligen, auf der vergoldeten Rückwand des Schreins, kreisförmige Nimben mit Tituli trassiert. Konturenbuchstaben auf abgesetzten und umlaufenden Schriftbändern, partiell beschädigt.

Maße: H.: 151 cm; B.: 140,2 cm; Bu.: 3 cm.

Schriftart(en): Frühhumanistische Kapitalis.

DI 62, Nr. 83 - Weißenfels, Museum - A. 16. Jh.

 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Franz Jäger) [1/3]

  1. · S(ANCTVS) · IOHANNES · // · S(ANCTE)a) · BARBARE · // · S(ANCTE)a) [·]b) KA[T]HERINE · // · S(ANCTVS) · ANDREAS ·

Kommentar

Die Schriftform ist sehr variantenreich: Das spitze A hat einen nach unten gebrochenen Querbalken und erscheint sowohl mit als auch ohne Deckbalken. Daneben tritt ein trapezförmiges A mit linksseitig oder beidseitig überkragendem Deckbalken auf. Die an den entsprechenden Buchstaben der humanistischen Minuskel erinnernde Form des B ist vermutlich aus dem halbunzialen Majuskelbuchstaben B entwickelt worden. Das kapitale D ist offen; E hat eine unziale Form. Der obere Schrägbalken des K ist bis zur Haste zurückgebogen, so daß seine Form dem R ähnlich sieht. Die Cauda des R wurde stets nach rechts gebogen. Im zweiten Namen ist die Spitze der Cauda nach rechts eingerollt, im dritten Namen schwingt sie frei aus. Die spitz auslaufenden Bogenenden des R sind im zweiten und vierten Namen eingerollt. Die charakteristischen Nodi wurden durchgängig nur am Schaft des I angebracht; halbe Nodi zieren Fuß- und Scheitelpunkt des O und den Querbalken des H im dritten Namen. Als Worttrenner stehen im ersten und dritten Namen geschweifte Quadrangel, im zweiten und am Ende des vierten fünfblättrige Blüten. Am Anfang des vierten Namens befindet sich ein Ornament aus fünf Lilien und zwischen den Worten ein großer Kreis.

Datiert wurde die Inschrift nach dem Auftreten vergleichbarer Schriftformen im Gebiet der mittleren Saale.2) Die frühhumanistische Kapitalis war in diesem Gebiet wohl erst seit Anfang des 16. Jh.,3) in den überregional bedeutenden Bildungs- und Kunstzentren Mitteldeutschlands aber schon vor 1500 gebräuchlich.4) Falls das qualitätvolle Weißenfelser Retabel aus einem dieser Zentren stammt, könnte es durchaus vor der Jahrhundertwende entstanden sein. Das Bildprogramm des Mittelschreins – dargestellt sind vier der populärsten Heiligen – ist unspezifisch und gibt keinen Hinweis auf Herkunft und Auftraggeber.

Textkritischer Apparat

  1. SANCTE] Ergänzung entsprechend dem lateinischen Kasus des Hauptwortes. Es ist allerdings fraglich, ob es sich nicht um eine Namensvariante handelt, die wie die Namen der männlichen Heiligen im Nominativ zu lesen ist.
  2. [·] Worttrenner war vermutlich wie am Anfang und Ende der Inschrift ein geschweiftes Quadrangel.

Anmerkungen

  1. Um 1700 befand sich noch ein Altarretabel „von altväterlicher Art“, d. h. gotischen Stils, in der Klosterkirche (Büttner, Teil 2, S. 75); drei weitere waren schon bis 1619 weggegeben worden (vgl. Nr. 107 und Einleitung, S. XXVII). Das vorliegende Retabel wurde 1925 noch in der Marienkirche aufbewahrt (Altertümer 1925, o. S.).
  2. Vgl. DI 6 (Naumburg 1), 7 (Naumburg 2), 9 (Naumburg 3), 11 (Merseburg), 33 (Stadt Jena), 39 (Lkr. Jena).
  3. DI 39 (Lkr. Jena), S. LI f. und Nr. 91 („Die Verwendung der frühhumanistischen Kapitalis legt eine Datierung auf A. 16. Jh. nahe.“), 92 und 93. Vgl. a. Einleitung, S. L f.
  4. DI 9 (Naumburg 3), Nr. 393: signiertes Altarretabel des Leipziger Malers Hans Tohpher, Ende 15. Jh.

Zitierhinweis:
DI 62, Weißenfels (Landkreis), Nr. 83 (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di062l001k0008309.