Inschriftenkatalog: Landkreis Weissenfels

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 62: Weißenfels (Landkreis) (2005)

Nr. 75(†) Weißenfels, Kirchgasse 3 um 1500, 1588, 1589

Beschreibung

Zweigeschossiger Putzbau mit hohem Satteldach und einem rundbogigen Sitznischenportal mit reich dekorierten Archivolten an der Straßenseite. An der Hoffront ein Spitzbogenportal mit Stabwerkgewände und Widmung (A). Die Buchstaben teils mit breiter, teils mit schmaler Kerbe eingehauen, ihre Konturen durch Verwitterung verunklärt. Über der Straßentür ehemals eine Devise (B) und das Weißenfelser Stadtwappen, auf einer (jetzt verlorenen) Wetterfahne eine Jahreszahl (C). Schriftform und Art der Ausführung von B und C nicht überliefert.

B und C nach Heydenreich.

Maße: Hofportal: H.: ca. 230 cm; B.: ca. 120 cm; Bu.: 13–15 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel (A).

DI 62, Nr. 75 - Weißenfels, Kirchgasse 3 - um 1500, 1588, 1589

 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Franz Jäger) [1/1]

  1. A

    D(EO) O(PTIMO) S(ACRVM)a)

  2. B†

    Soli Deo Gloria.1) M. D.LXXXVIIIb)

  3. C†

    1589

Übersetzung:

A Dem besten Gott geweiht.

B Gott allein die Ehre. 1588.

Wappen:
Stadt Weißenfels2)

Kommentar

Inschrift A zeigt große und breite Buchstabenformen; die Bögen von D und O sind gleichmäßig verstärkt. Die Haste des D zieren weit ausgezogene Sporen; der obere Sporn ist eingerollt. In der Mitte der Haste befindet sich eine kleine bügelförmige Verzierung. Der obere Bogen des S ist erheblich kleiner als der untere. Die Entstehungszeit der Inschrift läßt sich unter paläographischen Gesichtspunkten schwer einschätzen, doch wird sie wohl um 1500 entstanden sein.3)

Die Auflösung von A ist unsicher, da diese Formel offensichtlich selten verwendet wurde. Verwandte, ebenfalls aus antiker Tradition rezipierte Formeln wie Deo Optimo Maximo (DOM), Deo Optimo Maximo Sacratum (DOMS) oder Deo Sacratum (DS) treten gehäuft seit Mitte des 16. Jh. gleichermaßen in evangelischen wie in katholischen Gebieten auf; ihre Verwendung beschränkt sich zumeist auf Grabmäler und Epitaphien. Zu den frühen Beispielen gehören das Epitaph des Bischofs Adolf von Anhalt im Merseburger Dom, das vermutlich bald nach dessen Tod 1526 errichtet wurde,4) und das zwischen 1528 und 1534 entstandene Epitaph des Kanonikers Johannes Pollart im Aachener Münster.5) Außerdem erscheinen die Formeln DOM und DOMS an Gebäuden, die ebenfalls in kirchlichem Umfeld entstanden sind: die Bauinschrift am ehemaligen Spital in Waltenhausen von 1548, die Widmungsinschrift an einer mutmaßlichen Wormser Stiftskurie aus dem Jahre 1550, die Bauinschrift an einem Gebäude der Fürstenschule im ehemaligen Kloster Pforte von 1568 und die Bauinschrift an der Bischofskurie in Naumburg, datiert 1581.6) Analog dazu läßt sich wohl auch die vorliegende Inschrift als kirchliche Widmungsinschrift deuten, auch wenn sie hier anders als bei den genannten Beispielen in keinen größeren Textzusammenhang eingebunden und eine kirchliche Nutzung des Hauses Kirchgasse 3 erst seit dem 17. Jh. gesichert ist.7) Es liegt wohl ein frühes Beispiel für die Verwendung der Formel an Gebäuden vor.

Das Spitzbogenportal ist noch dem 15. Jh. zuzuordnen. Die seitlich versetzte Plazierung der Inschrift auf dem Scheitelstein des Portals spricht vielleicht für eine spätere Anbringung. Wohl im Zuge eines größeren Umbaus 1588/89 könnte das spätgotische Portal an die Hofseite transloziert und an seiner Stelle das Sitznischenportal mit Inschrift B eingebaut worden sein. Mathias Köhler und Peter Seyfried rekonstruierten 1994 eine von der Spätgotik bis Anfang des 17. Jh. (Sitznischenportal) währende Baugeschichte mit der Hauptbauzeit um 1550.8) In einer jüngeren Veröffentlichung sieht Köhler den Bau nunmehr einheitlich (mit Sitznischenportal) um 1550 entstanden und das Spitzbogenportal als Spolie wiederverwendet.9)

Textkritischer Apparat

  1. Auflösung mit Großbuchstaben hypothetisch.
  2. MDLXXXVIII] 1588 Büttner, Otto.

Anmerkungen

  1. Wahrscheinlich Rückübersetzung von 5 Mos 32,3 (Gott allein die Ehre).
  2. Siebmacher I, 4, Taf. 147.
  3. Freundliche Mitteilung von Dr. Rüdiger Fuchs, Mainz.
  4. DI 11 (Merseburg), Nr. 66.
  5. DI 31 (Aachen 1), Nr. 94.
  6. DI 6 (Naumburg 1), Nr. 109; DI 9 (Naumburg 3), Nr. 435 (Kloster Pforte); DI 29 (Worms), Nr. 449; DI 44 (Günzburg), Nr. 68 (Waltenhausen).
  7. Bis 1828 diente das Gebäude als Pfarrwohnung bzw. Superintendentur, bis 1839 als Stadt- und Freischule sowie Lehrerwohnung und zuletzt als Kantorei (Büttner, Teil 2, S. 161; Otto 1796, S. 64; Heydenreich 1840, S. 161 f.).
  8. Köhler/Seyfried 1994, S. 116; danach Dehio 1999, S. 852.
  9. Köhler 1995, S. 184 f.

Nachweise

  1. Büttner, Teil 2, S. 161 (nur B, C).
  2. Otto 1796, S. 63 f. (nur B, C).
  3. Heydenreich 1840, S. 161 f. (nur B, C).
  4. Weißenfelser Kreisblatt 1873, o. S. (nur deutsche Übersetzung von B).

Zitierhinweis:
DI 62, Weißenfels (Landkreis), Nr. 75(†) (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di062l001k0007507.