Inschriftenkatalog: Landkreis Weissenfels

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 62: Weißenfels (Landkreis) (2005)

Nr. 73 Untergreißlau, St. Georgii 15. Jh.

Beschreibung

Glocke mit Schlagton d”- 1/8 von etwa 250 kg Gewicht.1) Auf der Haube drei Stege; an der Schulter ein Gebet und die Evangelistennamen, eingefaßt von zwei Stegpaaren. Unter dem ersten Wort der erhabene Abdruck eines Pilgerzeichens (H.: 6 cm): in einer Kielbogenrahmung mit Fialen, Krabben und einer Lilie auf der Spitze die Reiterfigur des hl. Georg und zwei ausgesparte Felder mit gelehnten Wappenschilden. Das linke Wappenbild ist nicht erkennbar; der rechte Schild zeigt wahrscheinlich das Wappen der Burggrafschaft Altenburg.2) Auf der gegenüberliegenden Seite das Relief eines sitzenden Bischofs (H.: 6,5 cm) mit Pedum in der linken Hand; seine rechte ist im Segensgestus erhoben.3) Am Wolm drei Stege. Die Inschrift ist in Konturschrift ausgeführt und von Störungen durchsetzt.

Maße: H.: 58,5 cm; D.: 75,5 cm; Bu.: 3,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

DI 62, Nr. 73 - Untergreißlau, ev. Kirche St. Georgii - 15. Jh.

 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Franz Jäger) [1/2]

  1. + auea) maria graciab) · plena4) · lucas · marcus · iohannes · matheusc)

Übersetzung:

Gegrüßt seist du, Maria, voll der Gnade. (...)

Kommentar

Die Buchstaben sind leicht höhenversetzt. Der geknickte untere Bogen des offenen g ist als Balken unter das Schaft- und Bogenende gelegt; das umbrochene untere Ende des Schaftes des h erreicht kaum die Mitte des Mittelbandes. Das s ist stets größer als die übrigen Buchstaben und spiegelverkehrt abgebildet. Als Worttrenner stehen fast immer regelmäßig konstruierte, gitterartige Elemente.

Margarete Schilling datiert die Glocke anhand von datierten Vergleichsbeispielen geritzter Minuskelinschriften um 1380.5) Die statistische Erfassung erhaltener Ritzinschriften in den beiden ehemaligen sächsischen Reichskreisen (nach der Reichseinteilung von 1477) durch Kurt Hübner scheint die Datierung zu bestätigen: Seit dem letzten Viertel des 14. Jh. treten in dem von Hübner bearbeiteten Gebiet Glocken mit Inschriften, die in Ritztechnik ausgeführt wurden, nur noch selten auf. Hübner selbst aber setzt die Glocke – ohne nähere Begründung – in das 15. Jh.6) Sein Glockenkatalog bietet ein Vergleichsstück aus dem mittleren Saalegebiet: eine Glocke mit Minuskelinschrift von 1479 im Merseburger Dom.7) Anhand ihrer Form (gotische Rippe) läßt sich die Untergreißlauer Glocke innerhalb des von Schilling und Hübner vorgeschlagenen Zeitraums nicht genauer datieren. Sie mag eher dem 15. Jh. angehören, hat doch der Kielbogen, wie er am Pilgerzeichen verwendet wird, in Mitteldeutschland erst im 15. Jh. größere Verbreitung gefunden.8) Die Herkunft des Pilgerzeichens ist jedoch unbekannt.

Der Anfang des Ave-Maria-Gebets und die Namen der Evangelisten gehörten zu den meistverbreiteten Glockeninschriften.9)

Textkritischer Apparat

  1. + aue] Am Anfang der Inschrift ein kreuzförmiger Knoten.
  2. aue maria gracia] Keine Wortabstände. Auf das dritte Wort folgt ein schildförmiges Zeichen mit eingeschriebenem Kreuz.
  3. matheus] matthäus Sommer, mattheus BKD Prov. Sachsen 3.

Anmerkungen

  1. Notiz im Kirchenarchiv Untergreißlau.
  2. Nach Liebeskind 1904/1905, S. 118 soll links das Wappen der Markgrafschaft Meißen und rechts das der Burggrafschaft Altenburg stehen (vgl. Siebmacher I, 1, Taf. 25; VI, 12, Taf. 1).
  3. Nach Liebeskind 1904/1905, S. 126 auch ein Pilgerzeichen.
  4. Paraphrase nach Lc 1,28.
  5. Schilling 1988, S. 150 f. (Abb. 296), 330.
  6. Hübner 1968, S. 8; vgl. a. S. 46–62.
  7. Ebd., S. 59. Nach DI 11 (Merseburg), Nr. 29 trägt die Glocke jedoch keine in Ritztechnik ausgeführten Inschriften. Solche befinden sich aber auf einer anderen in die zweite Hälfte des 15. Jh. datierten Glocke in Pödelist (Burgenlandkreis; DI 9, Naumburg 3, Nr. 389).
  8. Vgl. a. RDK 2, Sp. 990 f. (s. v. Bogen); 6, Sp. 13 f. (s. v. Eselsrücken).
  9. Zum Text vgl. Nr. 18.

Nachweise

  1. Heydenreich 1840, S. 348.
  2. Sommer 1869, S. 413.
  3. BKD Prov. Sachsen 3, S. 18.
  4. Liebeskind 1904/1905, S. 119.
  5. Trübenbach 1928, S. 47 f.
  6. Schilling 1988, S. 151 (Abb. 296).

Zitierhinweis:
DI 62, Weißenfels (Landkreis), Nr. 73 (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di062l001k0007303.