Inschriftenkatalog: Landkreis Weissenfels

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 62: Weißenfels (Landkreis) (2005)

Nr. 36 Leißling, Kirche 1445

Beschreibung

Glocke mit Schlagton h von 706 kg Gewicht.1) Auf den Kronenbügeln Stege. Die Ecken des Mittelöhrs als Grate auf die Platte ausgezogen. Je drei umlaufende Stege im oberen Bereich der Haube, am Wolm und am äußeren Rand. An der Schulter eine erhabene Inschrift mit Widmung und Gußjahr (A) zwischen zwei Stegpaaren. Auf der Flanke unter dem ersten Wort eine Kreuzigungsgruppe (H.: 18,5 cm) mit kaum lesbarem Kreuztitulus (B). Die Begleitfiguren, Maria (links) und Johannes (rechts), haben eine Hand bzw. beide Hände im Trauergestus an die linke Wange gelegt. Die Gewänder beider Figuren mit tiefem Faltenrelief.

Maße: H.: 84 cm; D.: 103 cm; Bu.: 9,5–10 cm (A).

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

DI 62, Nr. 36 - Leißling, ev. Kirche - 1445

 SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Markus Scholz) [1/2]

  1. A

    + A(n)noo · d(omi)ni · Mo · cccco · xlvo · coa) · ern · maria(e)

  2. B

    i(hesus) · n(azarenus) · r(ex) · i(udeorum)2)

Übersetzung:

B Jesus von Nazareth, König der Juden.

Kommentar

Inschrift A weist recht regelmäßige, schlanke Buchstabenformen auf. Die aus der gotischen Majuskel entwickelten Versalien haben eine spitz ausgezogene Bogenschwellung und gekerbte Schaftenden. Die freien Bogen- und Schaftenden sind zumeist perlförmig; den Schaft des M ziert ein großer Nodus. Der ausschwingende linke obere Bogenabschnitt des doppelstöckigen a, der Balken des e, der Zierstrich an der Fahne des r und der Rechtsschrägschaft des x enden perlförmig; an einzelnen oberen Schaftenden von c, l und x sind Zierpunkte. Am Anfang der Inschrift A steht ein gleicharmiges Kleeblattkreuz. In A finden sich ungleichmäßige Worttrenner aus zwei übereinandergestellten Quadrangel mit einem mehr oder minder ausgeprägten Zierhäkchen am unteren Ende. Die Form der Worttrenner in B ist nicht bestimmbar. Alle Kürzungen in A sind durch kurze rautenähnliche Striche markiert.

Paul Liebeskind zählt diese Glocke zu einer Gruppe, die mehrere, im östlichen Thüringen, insbesondere im thüringischen Vogtland überlieferte, zwischen 1443 und 1453 entstandene Glocken umfaßt.3) Nach den von ihm dargebotenen Abzeichnungen der Inschriften dieser Glocken läßt sich aber eine wirklich enge Verwandtschaft nur zu einer auf dem Turm der ehemaligen Peterskirche zu Weida befindlichen, 1453 gegossenen Glocke feststellen. Gemeine, Versalien und die Buchstabenhöhe der gotischen Minuskel sind weitgehend identisch. Mit den übrigen Glocken der von Liebeskind zusammengestellten Gruppe verbände die Glocke in Leißling nur das Kreuzigungsrelief, das von Liebeskind aber nicht näher beschrieben wird. Die als besondere Merkmale genannten Zierpunkte und Zierstriche der Gemeinen sind auf seinen Abzeichnungen zu ungleichmäßig und an sich zu unspezifisch, um danach urteilen zu können.

Ob diese der Maria geweihte Glocke und eine zweite, deren Inschrift den Beistand Mariae erfleht,4) in Zusammenhang mit der für Leißling überlieferten Wallfahrt zu „Unser lieben Frawen zur Eichen“5) entstanden sind, ist ungewiß. Die Wallfahrt, von der erstmals Gregor Groitzsch 1584 in abschätziger Weise berichtet,6) hat nach einer von Büttner zitierten Quelle schon 1482 existiert.7) Ihre Kultstätte soll aber nach Büttner et al. nicht die heutige Pfarrkirche oder ihr Vorgängerbau, sondern eine Kapelle im „Rippischen Hof“ gewesen sein.8) Sommer hingegen wies auf ein in der Saaleniederung bei Leißling gelegenes Flurstück mit dem Namen „Marienkirche“ hin, wo sich die Marienwallfahrtskirche befunden haben könnte.9) Es ist immerhin denkbar, daß die mittelalterlichen Glocken, deren Inschriften hier wiedergegeben sind, ursprünglich dieser Kirche gewidmet waren. Die nach der Reformation sicherlich aufgegebene Kirche soll bei einem Hochwasser eingestürzt sein.10) Das Kultbild war vielleicht mit dem noch Anfang des 18. Jh. in der Pfarrkirche aufbewahrten „groß Marien=Bild“ identisch. Wahrscheinlich ist es wie alle Bildwerke „papistischer Art“11) beim Neubau des Kirchenschiffs 1713–1716 beseitigt worden.12)

Textkritischer Apparat

  1. co] Sic! Für zo (= zu).

Anmerkungen

  1. Marienkirche 1998, o. S.
  2. Nach Io 19, 19.
  3. Liebeskind 1905, S. 89–94.
  4. Vgl. Nr. 124.
  5. Büttner, Teil 1, S. 429 f. Bei Wießner 1997, S. 388–391 unter den Wallfahrten im Bistum Naumburg nicht aufgeführt.
  6. „Magnus erat hominum idola colentium concursus“ (Groitzsch 1584, o. S.).
  7. Büttner, Teil 1, S. 429 f.
  8. Büttner, Teil 1, S. 429; Otto 1796, S. 306 f.; Heydenreich 1840, S. 268.
  9. BKD Prov. Sachsen 3, S. 33. Es ist vielleicht mit dem heutigen Flurstück „An der Marienwiese“ gleichzusetzen (Marienkirche 1998, o. S.). Schon Büttner berichtet aber von drei Kirchen, die es in Leißling gegeben habe. Das seien die Pfarrkirche, die Kapelle im Rippischen Hof und eine Kirche in der Niederaue gewesen (Büttner, Teil 1, S. 429).
  10. Leißling 1955, S. 248.
  11. Darunter ein Altarretabel von 1511 und ein sogenanntes Johanneshaupt (Büttner, Teil 1, S. 428).
  12. Zur Baugeschichte der Kirche vgl. Nr. 94.

Nachweise

  1. Sommer 1869, S. 415 (unvollständig).
  2. BKD Prov. Sachsen 3, S. 33 (unvollständig).
  3. Liebeskind 1905, S. 91 (unvollständig).

Zitierhinweis:
DI 62, Weißenfels (Landkreis), Nr. 36 (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di062l001k0003600.