Inschriftenkatalog: Landkreis Weissenfels

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 62: Weißenfels (Landkreis) (2005)

Nr. 28 Weißenfels, St. Mariae um 1400 (?), 1637

Beschreibung

Abendmahlskelch aus vergoldetem Silber; auf dem runden Fuß umlaufend eine Stifterinschrift aus der Entstehungszeit mit der Aufforderung zur Fürbitte (A), vier getriebene (?) und aufgenietete Medaillons mit Engeln, die Spruchbänder mit den Evangelistennamen tragen (B), und ein plastischer Kruzifixus auf graviertem Kreuz mit Kreuztitulus (C). Außerdem Stifterinschriften von 1637 unter (F) und auf dem Fuß (E), beiderseits des Kruzifixes, das beide Zeilen der Inschrift (E) teilt. Am runden Stilus, ober- und unterhalb des Nodus Nomina sacra (D). Nodus mit sechs rautenförmigen Rotuli, darauf sechsblättrige Blüten graviert; auf den Zungen Maßwerkgravur. Die Buchstaben von A und D stehen erhaben auf eingetieft gravierter Zeile, die Buchstaben von B, C, E und F sind eingraviert.

Maße: H.: 15,5 cm; D.: 11,7 cm (Kuppa), 13,4 cm (Fuß); Bu.: 0,9 cm (A), 0,15 cm (B), ca. 1 cm (D), 0,45 cm (E), 0,3 cm (F).

Schriftart(en): Gotische Minuskel (A, B, C, D), Kapitalis (E), Kursive (F).

DI 62, Nr. 28 - Weißenfels, ev. Stadtkirche St. Mariae - um 1400 (?), 1637

 Sigrid Schütze-Rodemann/Gert Schütze, Halle (Saale) [1/1]

  1. A

    hoc · tv · cvm · calice · qvi · missam · vis · celebrare ·sis · memor · hinrici · fvndator(is)a) ·

  2. B

    matevs // marcvs // iohanesb) // lvcassc)

  3. C

    i(hesvs) n(azarenvs) r(ex) i(vdeorvm)1)

  4. D

    ihesvs // cristvs

  5. E

    · I(ost) · K(rägen) · // d) · W(achmeister) · / · 1 · 6 · // · 37 · e)

  6. F

    Jost Krägen. Wachm(eister)f) in Weissenfels. 1637

Übersetzung:

A Der du mit diesem Kelch die Messe feiern willst, sei eingedenk Hinrichs, des Stifters.

C Jesus von Nazareth, König der Juden.

Versmaß: Leoninischer Hexameter, einsilbig unrein (erste Zeile von A).

Kommentar

An den durchsteckten Balken von f und t und an der Fahne des r in A und D setzen kräftige Zierstriche an, die bis zur Grundlinie herabgeführt sind. Das Schaft-s weist eine leichte Schwellung des Schaftes auf. Als Worttrenner dienen in Inschrift A, die am Kruzifix beginnt, vierblättrige Kleeblätter (?), und in Inschrift E Punkte. Vor den Nomina sacra (D) ist je eine mehrfach untergliederte Raute eingraviert.

Inschrift A verbindet einen Stiftervermerk mit einer Fürbitte, wie es in ähnlicher Form auch auf anderen liturgischen Gefäßen zu lesen ist.2) Dem Sinn vergleichbarer Inschriften entsprechend und der Wortstellung in vorliegender Inschrift folgend, kann sicherlich hinrici fvndatoris ergänzt werden. Entgegen der von Ottomar Lorenz vertretenen Meinung läßt die niederdeutsch anmutende Schreibweise des Namens Heinrich nicht unbedingt auf eine „niedersächsische“ Herkunft schließen; sie stellt vielmehr eine übliche Namensvariante dar. Dem wichtigen Hinweis, daß ältere Kircheninventare einen „Henricus fundator hujus templi“ kennen, konnte leider nicht nachgegangen werden.

Lorenz zufolge hat tatsächlich der (Stadt-?)Wachmeister Jost Krägen (oder Kräge) den Kelch der Marienkirche, wo er 1764 inventarisiert wurde,3) geschenkt. Krägen war 1639 in Weißenfels eingebürgert worden und ist 1657 gestorben.4)

Zwar deutet die flache Form der Kuppa auf eine Entstehung des Kelches in der ersten Hälfte des 14. Jh. hin, doch wurde ein Kelch mit ähnlicher Kuppa noch 1375 für die Naumburger Wenzelskirche angefertigt.5) Als Datierungskriterium hat sie deshalb nur eingeschränkten Wert. Zargen mit vergleichbarer Dekoration – Kreise mit eingeschriebenen Vierpässen – und relativ breitem Standring finden sich häufiger an Kelchen, die um oder nach 1400 entstanden sind.6) Auch die Schriftformen von A bis D gehören eher dem frühen 15. Jh. an. Auf einer Glocke von 1406, deren Inschrift z. T. als Abzeichnung überliefert ist,7) war das Minuskel-f wie in der vorliegenden Inschrift gebildet. Die hier vorgeschlagene Datierung ist ein Kompromiß zwischen beiden Datierungsansätzen, der auch die ältesten im Bearbeitungsgebiet nachweisbaren Minuskelinschriften berücksichtigt.

Textkritischer Apparat

  1. fvndatoris] Sinngemäß ergänzt. Die Zeile endet mit einem Worttrenner; ein Kürzungszeichen ist nicht erkennbar. Die Konjektur entspricht der kopialen Überlieferung im Inventar von 1764, wird aber durch den Schriftbefund nicht bestätigt.
  2. iohanes] iohannes Lorenz.
  3. lvcass] Das erste s kaum lesbar; deshalb wohl lucas bei Lorenz.
  4. Krägen ·] Nach dem Worttrenner das Kruzifix.
  5. · 1 · 6 · · 37 ·] Zwischen den beiden aufeinanderfolgenden Worttrennern das Kruzifix. Ergänzung der gesamten Inschrift E nach Inschrift F.
  6. Wachmeister] Kürzung durch Doppelpunkt. Auflösung nach Lorenz.

Anmerkungen

  1. Nach Io 19, 19.
  2. Katalog Magdeburg 2001, S. 204 (Nr. 27): „HEINRICVS ET VXOR EIVS IMMA DE GORCEKE HANC PIXIDEM DEDERVNT ECCLESIE SANCTE MARIE ET QVI PORTAVERIT EORVM MEMOR FVERIT AMEN.“
  3. Inventar 1764, fol. 3 v.
  4. Bürgerbuch, S. 34, 47; Lorenz 1903, S. 62.
  5. DI 7 (Naumburg 2), Nr. 178; Katalog Magdeburg 2001, S. 243 f. (Nr. 54). Es ist auch denkbar, daß bei Herstellung des Kelches in Weißenfels eine ältere Kuppa wiederverwendet wurde.
  6. Vgl. Kohlhaussen 1968, S. 128 (Abb. 220), 132 (Abb. 226), 527 (Abb. 735). Ein um 1380 entstandener Kelch weist einen ganz ähnlichen runden Fuß mit umlaufender Stifterinschrift und vergleichbarer Zarge auf (Fritz 1982, Abb. 406 und S. 243).
  7. Vgl. Nr. 29.

Nachweise

  1. Kircheninventar 1764, fol. 3 v (nur A).
  2. Lorenz 1903, S. 62 f.
  3. Köhler, Inventar 1994, Nr. X (nur E und F).
  4. Katalog Magdeburg 2001, S. 238 f. (Nr. 51; ohne B, D paraphrasierend).

Zitierhinweis:
DI 62, Weißenfels (Landkreis), Nr. 28 (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di062l001k0002808.