Inschriftenkatalog: Landkreis Weissenfels

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 62: Weißenfels (Landkreis) (2005)

Nr. 18† Großgöhren, Kirche 2. Drittel 14. Jh.

Beschreibung

Glocke (Schlagton es), 1933 gesprungen und 1934 umgegossen.1) Die Kronenbügel mit Zopfornamenten verziert. An der Schulter zwei Stegpaare, ein Gebet (A) einfassend. Nach jedem Wort des Gebets ein Medaillon (D.: ca. 3 cm) mit figürlicher Darstellung (vier mit den Evangelistensymbolen): nach dem ersten Wort der Pelikan, der seine Jungen mit seinem Blute nährt, dann ein Adler (für Johannes), ein Löwe (für Markus), ein Kruzifix mit Titulus (B), ein Stier (für Lukas) und ein Engel (für Matthäus). Zwischen den Stegen des unteren Stegpaares der Name der Glocke (C). Am Wolm drei weitere Stege. Sämtliche Buchstaben erhaben.

Nach Fotografien, ergänzt nach BKD Prov. Sachsen 8.

Maße: D.: 65 cm; Bu.: ca. 1,6–4,0 cm (A), ca. 0,7 cm (B), ca. 1–1,8 cm (C).2)

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

DI 62, Nr. 18 - Großgöhren, ev. Kirche - 2. D. 14. Jh.

 Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt [1/3]

  1. A

    AVE · MA[RIA · GRA]CIA · PLENA · DO[MINV]S · TECV(M)a) ·3)

  2. B

    [I(HESVS) N(AZARENVS) R(EX) I(VDEORVM)]4)

  3. C

    + B[EN]ED[IC]TA

Übersetzung:

A Gegrüßt seist du, Maria, voll der Gnade. Der Herr ist mit dir.

B Jesus von Nazareth, König der Juden.

C Die Gesegnete.

Kommentar

Die in der Mehrzahl eher schlank proportionierten, überwiegend runden bzw. unzialen Majuskelformen sind unregelmäßig und weisen viele Variationen in untergeordneten Details auf. Alle Buchstaben sind aber durch eine spitz ausgezogene Bogenschwellung und Sporen unterschiedlicher Ausformung ausgezeichnet. Das pseudounziale A hat unterschiedlich stark schwellende linke Schäfte, überkragende Deckbalken sowie rechtsschräge und teilweise gedoppelte Mittelbalken. Die Schäfte von I, N, P und R zieren Nodi oder Halbnodi; C, E, M und zwei der drei N sind durch Abschlußstriche geschlossen. Auffällig sind die stark schwankenden Buchstabengrößen in Inschrift A und C, besonders aber in A. Die mit großem Abstand gesetzten Buchstaben von Inschrift C sind weniger schmuckreich. Vor dem Namen steht ein Krückenkreuz. Die relativ schlanken Buchstabenformen mit ihren eigentümlichen Bogenschwellungen verweisen auf eine Entstehungszeit im 2. Drittel des 14. Jh.

Inschrift A gibt den Anfang des Verses Lc 1, 28 wieder, der unter Einfügung des Mariennamens als erster Teil des Ave-Maria-Gebets gesprochen wurde. Das sehr alte Ave-Maria-Gebet hatte im hohen Mittelalter so große Verbreitung gefunden, daß es seit der Wende vom 12. zum 13. Jh. neben dem Glaubensbekenntnis und dem Vaterunser als religiöses Grundwissen der Laien gelehrt werden sollte.5) Als die Franziskaner etwa um die Mitte des 13. Jh. die Laien aufforderten, das Ave-Maria während des abendlichen Komplet-Läutens zu beten, gaben sie den vermutlich wichtigsten Impuls zur Einführung des sogenannten Ave-Läutens.6) Im Unterschied zu dem Gebetsläuten, dem Horenläuten,7) galt es aber nicht allein der geistlichen Gemeinschaft, sondern auch den Laien. Das abendliche Ave-Läuten als Gebetsaufruf ist seit 1307 nachweisbar und seit Mitte des 15. Jh. als allgemeiner Brauch gesichert.8) Das morgendliche und das mittägliche Ave-Läuten war seit der zweiten Hälfte des 14. bzw. seit dem 15. Jh. verbreitet, ohne sich aber vor der Reformation allgemein durchsetzen zu können.9) Gefördert wurde das Gebetsläuten durch päpstliche, bischöfliche und synodale Dekrete, die den Betenden üblicherweise Ablaß gewährten.10)

Da eine „Bet- oder Aveglocke“, wie Konrad Bund annimmt, zu dem dreiteiligen Geläut gehörte, das wohl an den meisten Pfarrkirchen vorhanden war,11) ist es recht wahrscheinlich, daß Glocken mit der vorliegenden, sehr verbreiteten Inschrift mit jenen „Bet- und Aveglocken“ zu identifizieren sind.12)

Benedicta, die Gesegnete, ist ein geläufiger Glockenname.13)

Textkritischer Apparat

  1. TECVM] Der zweite Buchstabe des Wortes spiegelverkehrt.

Anmerkungen

  1. Glockenerfassung 1917, o. S.; Chronik Großgöhren o. J., S. 79, 81 f.
  2. Die Maße wurden der maßstäblichen Zeichnung von Burkhardt und Küstermann (BKD Prov. Sachsen 8, S. 49) entnommen.
  3. Paraphrase nach Lc 1, 28.
  4. Nach Io 19, 19.
  5. LThK 1, 1957, Sp. 1141; ML 1, 1988, S. 311–313.
  6. Esser 1902, S. 30–36; Beissel 1910, S. 17 f.; ML 1, 1988, S. 146 f.
  7. LThK 1, 1957, Sp. 542 f.
  8. Esser 1902, S. 40–50.
  9. Das morgendliche Läuten war in Frankreich wohl nur an wenigen Orten bekannt; das mittägliche Läuten ist vor allem für das Heilige Römische Reich belegt (Esser 1902, S. 247–260).
  10. Beissel 1896, S. 132–134; Esser 1902, S. 247–260; Beissel 1910, S. 18–31.
  11. Bund 1999/2000, S. 4.
  12. Diesen Zusammenhang von Funktion und Inschrift sah schon Beissel 1896, S. 134. Thomas Esser 1902, S. 776 f. kann an zumindest einem Beispiel belegen, daß eine zum Ave-Läuten eingesetzte Glocke auch Ave-Glocke genannt wurde. Konrad Bund 1999/2000, S. 4 setzt die so benannte Ave-Glocke mit der Gebetsglocke des typischen dreiteiligen Geläuts gleich, sofern ihre Funktionen, zum Ave-Maria-Gebet und zu anderen Andachten zu läuten, nicht auf mehrere Glocken verteilt wurden, wie es z. B. bei den Geläuten großer Stifts- und Domkirchen üblich war (vgl. Bund 1997/1998, S. 142–154). Zum Gebetsläuten allgemein vgl. a. Niemann 1997, S. 22 f.
  13. Vgl. Nr. 1, 51.

Nachweise

  1. BKD Prov. Sachsen 8, S. 49.
  2. Liebeskind 1905, S. 88 f.

Zitierhinweis:
DI 62, Weißenfels (Landkreis), Nr. 18† (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di062l001k0001802.