Inschriftenkatalog: Landkreis Weissenfels

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

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DI 62: Weißenfels (Landkreis) (2005)

Nr. 1† Röcken, Kirche Ende 12. Jh. / 1. Hälfte 13. Jh.

Beschreibung

Glocke, 1883 noch vorhanden, heute verloren. Zwischen „Schnüren“1) eine linksläufige Inschrift mit Nennung des Glockennamens. Ihre stegartig erhabenen Buchstaben fast durchweg spiegelverkehrt2) und nach den vorliegenden Abzeichnungen entweder fehlerhaft gegossen oder teilweise korrodiert. Form und Zierrat der Glocke sind nicht überliefert.

Nach Otte.

Maße: H.: 77 cm; D.: 81 cm; Bu.: ca. 5–6 cm.3)

Schriftart(en): Romanische Majuskel.

DI 62, Nr. 1 - Röcken, ev. Kirche - E. 12. Jh.–1. H. 13. Jh.

 Zf. für Christl. Archäologie u. Kunst, Bd. 2, 1858, S. 37; BKD Provinz Sachsen, H. 8, Halle 1883, S. 214 [1/1]

  1. HECa) SIT CANPANAb) (CHRISTI)c) B(E)N(E)D(IC)TAd) VOCATAe) A ωof)

Übersetzung:

Diese Glocke sei die Geweihte Christi genannt. A ω.

Versmaß: Leoninischer Hexameter, zweisilbig unrein.

Kommentar

Transkription und Lesung werden dadurch erschwert, daß die Inschrift durch zwei Abzeichnungen überliefert ist, die für einzelne Textabschnitte verschiedene Lesungen zulassen. Der Edition liegt die bei Otte veröffentlichte Zeichnung zugrunde, obwohl sie die Buchstabenformen vermutlich schematisiert und einander angeglichen wiedergibt. Auch sind einige der für die Lesung wichtigen Schriftdetails bei Otte gar nicht abgebildet. Daher muß bei der Beschreibung der Buchstabenformen auch die Nachzeichnung Burkhardts und Küstermanns Berücksichtigung finden.4) Für eine Transkription nach Otte spricht aber, daß die auf seiner Zeichnung wiedergegebene Schreibung einschließlich des Nexus litterarum durch andere Beispiele belegbar ist. Die Richtungsangaben in folgender Schriftbeschreibung meinen die zugrundeliegende zeichnerische, d. h. retrograde und nicht die seitenrichtige Abbildung der Buchstaben.

Die von Burkhardt und Küstermann gezeichneten Buchstaben haben eine unregelmäßige, meist gestreckte Form und sind erst in weiten, dann in immer engeren Abständen gesetzt. Ottes Abzeichnung hingegen zeigt ganz regelmäßige Abstände; beide Abzeichnungen zeigen unregelmäßige, meist kleine Sporen. Vor dem ersten sicher lesbaren Buchstaben E stehen zwei Zeichen, von denen das erste als H gedeutet wird. Abgebildet sind bei Burkhardt und Küstermann zwei einzelne Hasten, deren linke nach links geneigt und am oberen Ende nach rechts abgewinkelt ist. Bei Otte fügen sich diese beiden Elemente zu einem spiegelverkehrten unzialen H zusammen, dergestalt, daß der Bogen am Schaft anschließt und das freie obere Schaftende zu einem nach rechts ausschwingenden Sporn umgeformt ist. So scheint die Zeichnung Ottes die Lesung Burkhardts und Küstermanns zu bestätigen, obwohl Otte selbst den Buchstaben als ein kopfstehendes unziales U deutet. Der Mittelbalken des trapezförmigen A ist bei Burkhardt und Küstermann meist linksschräg, der Deckbalken kragt über. Das dritte A in CANPANA weist eine konturierte Bogenschwellung an der rechten Haste auf. Zwei C zeigen eine vergleichbare Bogeninnenschwellung. Die Inschrift weist ein offenes unziales E und zwei offene C auf. N hat nach Burkhardt/Küstermann einen links eingezogenen Schrägschaft. In der Inschrift erscheinen unterschiedliche T-Formen: am Fuß des ersten befindet sich ein nach links hochgebogener Balken und am Schaft ein Nodus. Auch beim zweiten T könnte nach Burkhardt und Küstermann das untere Schaftende hochgebogen gewesen sein; der Deckbalken aber ist gewiß nach rechts herabgebogen. Die zumindest einmal klar erkennbare Biegung des unteren Schaftendes kennzeichnet eine frühe Form des runden T. Das dritte T steht nach der Zeichnung Ottes wohl in Nexus litterarum mit einem A analog dem Nexus von T und E bei vertauschter Buchstabenfolge, der in der romanischen Majuskel gelegentlich auftritt.5) Das letzte A (= Alpha) hat einen doppelten Balken. Seinem Deckbalken und der Mitte des Omega entwachsen Kreuze. Als Kürzungszeichen in BENEDICTA können nach Burkhardt und Küstermann die auf dem überstehenden Schaft des B und auf dem rechten Schaft des N ruhenden Balken verstanden werden. Die erste Kontraktionskürzung ist bei Otte nicht gekennzeichnet.

Die vorliegende Inschrift gibt wohl auch eine etymologische Erläuterung des alten und verbreiteten Glockennamens BENEDICTA. Die griechischen Christusinitialen Chi und Jota findet man schon seit der Mitte des 12. Jh. für die Kürzung XPI (= CHRISTI).6)

Alpha und Omega und das Kreuzzeichen im ersten Wort sind wohl nur als apotropäische Symbole ohne textliche Einbindung zu verstehen. Das mehrfach biblisch belegte Gottessymbol Alpha und Omega, erster und letzter Buchstabe des griechischen Alphabets, hatte als Ausdruck ewigen göttlichen Seins7) in der christlichen Kunst schon früh Verbreitung gefunden.8) Im mittelalterlichen Glockenguß war es bis zum Verschwinden der Majuskelinschriften gebräuchlich.9)

Die Inschrift ist allein nach Abzeichnungen schwer zu datieren, da jede Abzeichnung schon eine Befundinterpretation des Kopisten darstellen kann. Datiert wurde hier nach der Schriftform, die schmal proportioniert und überwiegend eckig ist und noch einzelne altertümliche Formen wie das B mit einander nicht berührenden Bögen oder das N mit einseitig eingezogenem Schrägschaft aufweist. Diese Merkmale verweisen durchaus auf das frühe Mittelalter, doch ist mit Blick auf die Siedlungsgeschichte der rechtssaalischen Gebiete eine spätere Entstehung der Glocke anzunehmen. Ein ähnliches Schriftbild zeigen datierte Inschriften in Odagsen bei Einbeck von 1183 und in Helfta bei Eisleben von 1234.10) In beiden findet sich auch ein kapitales T, dessen unteres Schaftende hochgebogen ist. Vergleichbare B- und N-Formen weisen die ältere der vorgenannten Inschriften und eine andere, im 2. Viertel des 13. Jh. entstandene Inschrift in Worms auf.11)

Textkritischer Apparat

  1. HEC] Auf den ersten Buchstaben folgt ein aufrechtes Oval mit eingeschriebenem Kreuz. VOCE Otte, Walter.
  2. CANPANA] Sic! Für CAMPANA.
  3. CHRISTI] X und ein in den oberen Zwickel des X eingestelltes I (nach Burkhardt/Küstermann) für die griechischen Majuskelbuchstaben Chi und Jota.
  4. BENEDICTA] In der Zeichnung Ottes BNDTA, in der Transkription desselben Autors aber BNDI’A, in beiden Fällen mit frei geführtem Kürzungsstrich über dem N.
  5. VOCATA] Die ersten vier Buchstaben des Wortes sind in einem kleinerem Schriftgrad zweizeilig geschrieben: die Konsonanten unten, die Vokale oben. Der fünfte Buchstabe ist wieder deutlich größer. Nach der Zeichnung Ottes handelt es sich um ein kapitales T in Nexus litterarum mit einem kleineren unzialen A mit hakenförmigem Balken, das sich aber rechts anschließt. IEHOVE Otte, Iehovae Walter.
  6. A ω o ] Die Bedeutung des hochgestellten O ist unklar.

Anmerkungen

  1. Taustäbe?
  2. Aus den Beschreibungen Ottes, Burkhardts und Küstermanns geht nicht hervor, ob die Inschrift mehrzeilig ausgeführt war, wie es zumindest die Zeichnung von Burkhardt/Küstermann (BKD Prov. Sachsen 8, S. 215) nahelegt.
  3. Die Größe der Buchstaben wurde anhand der Zeichnung von Burkhardt/Küstermann geschätzt, auf der die Höhe des Schriftfeldes angegeben ist.
  4. BKD Prov. Sachsen 8, S. 215.
  5. Vgl. DI 49 (Darmstadt-Dieburg/Groß-Gerau), Nr. 1.
  6. Traube 1907, S. 160.
  7. Apc 1,8 (Ego sum A et ω principium et finis, d. h. ich bin Alpha und Omega, Anfang und Ende). Zur Bedeutung von Alpha und Omega vgl. a. Nr. 3.
  8. Kaufmann 1917, S. 41.
  9. Schuster 1967, S. 334.
  10. DI 42 (Einbeck), Nr. 3(Odagsen); BKD Prov. Sachsen 19, S. 263 (Helfta).
  11. DI 29 (Worms), Nr. 34.

Nachweise

  1. Otte 1858, S. 36 (und eingebundene Taf.).
  2. BKD Prov. Sachsen 8, S. 214 f.
  3. Walter 1913, S. 182.

Zitierhinweis:
DI 62, Weißenfels (Landkreis), Nr. 1† (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di062l001k0000107.