Die Inschriften des Landkreises Weissenfels

5. Die Schriftformen

5.1. Romanische und gotische Majuskel

Die geringe Zahl der vor 1400 entstandenen und erhaltenen Majuskelinschriften erlaubt keine schlüssige Darstellung der Schriftgeschichte des Bearbeitungsgebietes bis zur Ablösung der Majuskelschriften am Ende des 14. Jh. Da auch nur eine der erhaltenen Inschriften datiert ist, kann lediglich aufgezeigt werden, inwiefern die Schriftformen den bekannten allgemeinen Entwicklungstendenzen folgen. Grundlage sind außer den original erhaltenen die als Abreibungen und Abzeichnungen überlieferten Inschriften. Es wird dabei in Kauf genommen, daß die Abzeichnungen das Schriftbild u. U. nicht ganz detailgetreu wiedergeben.

Die romanische Majuskel ist nur einmal durch eine geritzte, auch nur in Abzeichnungen überlieferte Glockeninschrift belegt (Nr. 1). Die Buchstabenformen sind schlank proportioniert und fast durchweg kapital. In der – allerdings kurzen – Inschrift treten nur einmal das unziale E und das unziale H auf. Tropfenförmige Verdickungen sind in den Bogen eines C und an den Schaft eines A als Umrißritzung angesetzt. Die drei geritzten trapezförmigen A-Buchstaben mit überstehenden Deckbalken auf der kleinen Glocke in Gröben (Nr. 7) könnten auch der romanischen Majuskel entlehnt sein, entziehen sich letztlich jedoch einer genaueren Bewertung und Datierung. Die Gröbener Glocke ist aber gewiß noch im 13. Jh. entstanden.

Schriftprobe Nr. 3 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels
 | Schriftprobe Nr. 3 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels

Die erhaltenen und zeitlich folgenden Inschriften sind in gotischer Majuskel geschrieben. Es handelt sich um die paläographisch verwandten, gleichlautenden Inschriften der Glocken in Schkortleben und Krössuln. Die Gußvorlagen für die Buchstaben beider Glocken wurden aus Wachsplättchen ausgeschnitten. Die Buchstaben haben eine große Strichstärke und eine schwache Bogenschwellung; Sporen sind nur an einigen Buchstaben ausgebildet. Auf der Glocke in Schkortleben (Nr. 3) ist nur das E durch Zusammenziehung der Sporen geschlossen; das T weist eine Schaftschwellung auf. Auf der paläographisch jüngeren Glocke in Krössuln (Nr. 4) erscheinen noch mehr unziale bzw. runde Buchstabenformen (T, U) als auf der Glocke in Schkortleben. E und F (!) sind durch Abschlußstriche geschlossen; M ist auf beiden Glocken symmetrisch und offen. Für die im Katalog vorgeschlagene Datierung in das letzte Viertel des 13. Jh. war die große paläographische Ähnlichkeit der Inschrift in Krössuln mit der Inschrift einer auf 1278 datierten Glocke in Thüringen entscheidend (vgl. Nr. 4).

Schriftprobe Nr. 4 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels
 | Schriftprobe Nr. 4 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels

Das zeitliche Verhältnis dieser beiden Glockeninschriften zu der in Stein gehauenen Grabinschrift in Markröhlitz (Nr. 5) ist nicht nur wegen der anderen Herstellungstechnik schwer zu bestimmen. Die ziemlich gleichmäßige Strichstärke, die vereinzelt auftretende, schwach ausgeprägte Bogenschwellung und die zumeist geringe Verbreiterung der Schaft-, Bogen- und Balkenenden verweisen auf eine ältere epigraphische Tradition. Zugleich werden neben den älteren kapitalen Formen einige in Frage [Druckseite XLVI] kommende Buchstaben auch in unzialer bzw. runder Form verwendet (D, E, T). Das B ist offen; C ist immer, das (unziale) E zumeist mit Abschlußstrich geschlossen. Viele Buchstaben der Grabinschrift haben im Gegensatz zu denen der älteren Glocken gedrungene, beinahe quadratische Proportionen. Die Entstehungzeit der Inschrift, deren Gesamteindruck von kapitalen Buchstabenformen geprägt wird, ist schwer zu bestimmen; die Steinplatte könnte durchaus noch vor den Glocken in Schkortleben und Krössuln zu datieren sein. Die historische Überlieferung gibt leider nur vage Anhaltspunkte für ihre zeitliche Einordnung (vgl. Nr. 5).

Schriftprobe Nr. 9 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels
 | Schriftprobe Nr. 9 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels

Im Gegensatz zu der unscharfen Datierung wird die aus dem Dachreiter der Weißenfelser Klosterkirche stammende beschriftete Glocke unmittelbar vor oder nach der Besiedlung des gänzlich neuerbauten Klosters 1301 anzusetzen sein – obwohl die Schriftform auch in späterer Zeit entstanden sein könnte (Nr. 9). Für die Inschrift sind (ausgenommen das A) durchweg unziale bzw. runde Majuskelformen verwendet und mit hakenförmig ausgezogenen Sporen verziert worden. Viele Schaft- und Bogenenden sind keilförmig verbreitert, einzelne auch gespalten. Die Strichstärke der Buchstaben variiert stark, die Bögen sind in unterschiedlichem Maße geschwellt. Für eine Entstehung der Glocke im frühen 14. Jh. spricht, daß alle C und E bis auf einen Buchstaben offen sind.

Schriftprobe Nr. 10 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels
 | Schriftprobe Nr. 10 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels

Die Inschriften der Glocken in Zorbau und Langendorf weisen ausgeprägte Merkmale der gotischen Majuskel auf. Die Bögen sind deutlich geschwellt, die Schaft-, Bogen- und Balkenenden keilförmig bis dreieckig verbreitert und die Spitzen oft ausgezogen. An einzelnen Buchstaben der Zorbauer Glocke sind die Spitzen eingerollt oder zu stachelartigen Sporen umgebildet (Nr. 10). Bemerkenswert ist der Nexus litterarum des geschlossenen C mit (innen offenem) R bei CRISTI in der Inschrift der Glocke in Langendorf (Nr. 11). Die Buchstaben dieser Glocke wurden vor dem Guß in den Mantel geritzt oder aus Wachsfäden geformt240) und sind häufiger als die Buchstaben anderer Inschriften des 14. Jh. mit Deck- und Abschlußstrichen versehen. Geschlossen sind die Buchstaben: A, M, (zumeist auch) R, (rundes) T, U bzw. V. Die Schriftform ist stärker stilisiert als bei der Zorbauer Glocke: Die Strichstärke des Buchstabens ist oft auf eine Linie reduziert, während die Schaftenden gelegentlich extrem verbreitert sind. Sie ist deshalb wohl etwas jünger als die Schriftform der Zorbauer Glocke. Beiden gemeinsam ist der Schmuckreichtum, der offenbar viele um 1300 oder in der ersten Hälfte des 14. Jh. entstandene Glocken auszeichnet.241) Einzelne Buchstaben beider Glocken zieren parallel zum Buchstabenkontur verlaufende Zierstriche mit Ausbuchtungen.

[Druckseite XLVII]

Schriftprobe Nr. 11 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels
 | Schriftprobe Nr. 11 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels

Die Schriftformen der Schmuckstücke des Weißenfelser Schatzfundes sind wegen ihrer geringen Größe und ihrer technisch bedingten Eigenart (Gravierung) schwer zeitlich einzuordnen. Gehört die mit den Namen Jesu, Mariae und Johannis beschriftete Ringspange, deren Buchstaben keilförmig verbreiterte Schaft-, Bogen- und Balkenenden aufweisen, wohl noch in die 2. Hälfte des 13. Jh. (Nr. 6), so scheint der Ring mit den Beschwörungsformeln, dessen Buchstabenformen tropfenförmige oder spitz ausgezogene Schaft- und Bogenschwellungen (A, rundes N) und ausgeprägte Balkensporen (A, L, T) aufweisen, erst im 2. Viertel des 14. Jh. angefertigt worden zu sein (Nr. 13). Zu etwa derselben Zeit könnte eine verlorene Glocke aus Göthewitz entstanden sein, die eine in Konturschrift ausgeführte Inschrift besaß (Nr. 15).242) Auch einige ihrer Buchstaben haben eine spitz zulaufende Bogenschwellung, wie sie etwa seit der Mitte des 14. Jh. in epigraphischen Schriften Verbreitung findet. Einzelne A-Schäfte und R-Cauden sind tropfenförmig geschwollen; an den oberen Bogenenden der Unzialen G und U sind tropfenförmige Sporen angesetzt. Nur das L ziert ein kräftiger Balkensporn. Der Balken des unzialen E ist wie bei der älteren Glockeninschrift in Weißenfels vom Bogen gelöst. Wenn auch die Buchstabenformen auf dem dritten Ring des Weißenfelser Schatzfundes schwer zu beschreiben sind, so treten doch die kräftigen, alle jüngeren Schriftformen auszeichnenden Sporen deutlich hervor (Nr. 12).

Die geringe Zahl und die unregelmäßige Ausführung der Buchstabenformen der Glocke in Markröhlitz (Nr. 16) erschweren eine Datierung. Die kurze spiegelverkehrte Konturschrift ist nur durch eine Abzeichnung überliefert. Einige der Schäfte und Balken weisen Halbnodi auf, wie sie schon auf der älteren Grabplatte in Markröhlitz zu sehen sind. Vereinzelt, so etwa am linken Schaft des A und am linken offenen Bogen des unzialen M, meint man, flächig ausgebildete, geschwungene Sporen zu erkennen.

Schriftprobe Nr. 13 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels
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Die auf 1351 datierte Weiheinschrift in Weißenfels (Nr. 17) zeigt nebeneinander kapitale und unziale (bzw. runde) Buchstabenvarianten (hier D, N), wie es für das ganze 14. Jh. typisch ist. Die Schaft-, Bogen- und Balkenenden sind keilförmig bis dreieckig verbreitert, aber nicht so kräftig ausgebildet wie [Druckseite XLVIII] bei anderen, gleichzeitig entstandenen Schriften. Diese Eigenart und die nur gelegentlich auftretende, zaghafte Zuspitzung der Bogenschwellung geben dieser Schriftform ein altertümliches Aussehen.

Schriftprobe Nr. 21 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels
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Schriftprobe Nr. 36 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels
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Schriftprobe Nr. 68 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels
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Die ebenfalls nur auf Abbildungen überlieferten Buchstaben der Inschrift einer Glocke aus Großgöhren weisen ganz unterschiedliche Sporenformen auf (Nr. 18): Sie sind hakenförmig (C, E) oder als Balkensporen gebildet (A, L, T) oder als schwer beschreibbare Striche den Schaft- und Balkenenden mehr oder minder rechtwinklig angesetzt. Ansonsten dominieren unziale bzw. runde Buchstabenformen, die sich durch spitz ausgezogene Bogenschwellungen und Schaftnodi auszeichnen. Die Glockeninschrift von Großgöhren kann ebenso wie die in Unterwerschen (Nr. 21) um die Mitte des 14. Jh. oder bald danach entstanden sein. Die Inschrift in Unterwerschen ist regelmäßiger und hat ausgeprägtere Bogenschwellungen sowie vergleichbare Sporen. Auf eine spätere Entstehung der Unterwerschener Glocke deuten die Bogeninnenschwellungen, die deren Schriftform ebenso wie die eines Kelches in Hohenmölsen auszeichnen (Nr. 22).

Die beschriebenen Schriftmerkmale erfahren eine letzte Steigerung in der zweiten Hälfte des 14. Jh. Die Schwellungen werden noch spitzer wie bei der gravierten Inschrift an einem Kelchnodus aus Weißenfels (Nr. 19), die Sporen gestreckter und geschwungen wie bei demselben Kelch und einer Glockeninschrift in Unternessa (Nr. 20). Den Endpunkt dieser Formentwicklung markiert wohl der Kelch in Hohenmölsen, obwohl dessen Entstehungszeit innerhalb der zweiten Hälfte des 14. Jh. nicht gesichert ist (Nr. 22). Das S ist in diesen Inschriften wie aber auch schon in denen der Glocken in Großgöhren und Unterwerschen durch weit ausgezogene Sporen fast oder gänzlich geschlossen. Diese späten Formen der gotischen Majuskel werden nach 1400 als Versalien der gotischen Minuskel tradiert (vgl. Nr. 36, 68).

5.2. Gotische Minuskel

Schriftprobe Nr. 27 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels
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Schriftprobe Nr. 29 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels
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Schriftprobe Nr. 34 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels
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Schriftprobe Nr. 34 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels
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Nach dem ersten Auftreten einer nicht exakt datierbaren Inschrift in gotischer Minuskel, deren Träger im letzten Viertel des 14. Jh. entstanden sein könnte (Nr. 23), verdrängt diese Schriftform um 1400 schlagartig die gotische Majuskel. Die gotische Minuskel ist im 15. Jh. als einzige epigraphische Schrift im Bearbeitungsgebiet nachweisbar und wird erst im ersten Drittel des 16. Jh. allmählich von der frühhumanistischen Kapitalis und anderen Formen der Kapitalis abgelöst.

Trotz des etwa einhundertfünfzigjährigen Gebrauchs hat sich die gotische Minuskel im Bearbeitungsgebiet offensichtlich nicht in signifikanter Weise fortentwickelt. Die über den gesamten Zeitraum gepflegten Grundformen der Schrift zeigt am deutlichsten die 1465 gefertigte, sehr qualitätvolle Bauinschrift an der Marienkirche in Weißenfels (Nr. 44). Es wurden nur Details einzelner Buchstaben in einzelnen Inschriften variiert, die mitunter eine gewisse Zeitgebundenheit vermuten lassen. Einige frühe Inschriften weisen eine charakteristische Verzierung des g auf, die sich zuletzt in einer auf 1441 datierten Inschrift und dann nicht mehr findet. Dem Schaft des g ist ein kurzer, nach rechts abstehender Balken angefügt, an den eine schaftparallele Zierlinie angesetzt ist (Nr. 27, 29, 34).243) Einzelne Buchstaben derselben Inschriften weisen perlartige Verzierungen auf, so z. B. am abgeknickten oberen Bogenabschnitt des e bei Nr. 27 und des f bei Nr. 29 – das außerdem mit einem vom Bogen bis zum unteren Schaftende reichenden Zierstrich abgeschlossen ist – und (je zwei) am abgeschrägten oberen Schaftende des l bei Nr. 29 und 34. Diese Verzierung könnte als ein Merkmal der gotischen Minuskel in der ersten Hälfte des 15. Jh. angesehen werden, wenn nicht eine jüngere Inschrift am Anfang des [Druckseite XLIX] 16. Jh. ähnliche Verzierungen aufwiese – sofern diese Inschrift bzw. der Inschriftenträger zutreffend datiert ist (Nr. 78).

Schriftprobe Nr. 27 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels
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Schriftprobe Nr. 34 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels
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Schriftprobe Nr. 78 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels
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Die Buchstaben mehrerer, zwischen 1477 und 1535 entstandener Inschriften zeigen die Neigung, abgeknickte Schaftenden zu quadrangelförmigen Schaftendungen umzuformen (Nr. 49, 65, 95, 110, 117), doch ist diese Gestaltungstendenz nicht bei allen in Frage kommenden Buchstaben dieser Inschriften festzustellen. In dieser Zeit wird auch erstmals zwischen v und u – willkürlich – unterschieden (Nr. 51, 98) und erscheint auch innerhalb einer lateinischen Inschrift häufiger die durchgängige Schreibung des u für v (Nr. 52, 60A, 73).

Darin erschöpfen sich die bei Inschriften unterschiedlicher Herkunft festzustellenden paläographischen Gemeinsamkeiten. Der ganze Formenreichtum der gotischen Minuskel, der vor allem in Werkstatttraditionen und technischer Ausführung begründet zu sein scheint, sei hier auf Fotografien und in Abzeichnungen dargestellt. Die Ausführungsbedingungen des unterschiedlichen Materials führen bei Steininschriften zu Vergröberungen der erhabenen (Nr. 115) oder Vereinfachung der eingetieften Buchstaben (Nr. 52, 60). Gemalte Inschriften erlauben eine gefälligere Konturierung der Buchstaben und diffizielere Schmuckformen (Nr. 43, 95, 98). Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß die meisten der gemalten Inschriften restauriert wurden und ihre Buchstabenformen dadurch unter Umständen verfälscht sind. Jedoch zeigen weder diese noch die gravierten Inschriften der liturgischen Gefäße eine andere Formbildung oder Verzierung (Nr. 23, 28, 78) – mit einer bemerkenswerten Ausnahme: Die gravierte Stiftungsinschrift auf dem sogenannten Schuhknechtekelch der Marienkirche in Weißenfels ist aus linearen Schäften mit vergleichsweise großen quadrangelförmigen Schaftenden konstruiert, die dem Schriftbild einen ausgesprochen grafisch-ornamentalen Charakter geben (Nr. 61). Die einzelnen Schäfte bzw. einzelne Buchstabenteile berühren sich an den Quadrangelspitzen.

Außerdem zeigen die Buchstaben einiger weniger Inschriften eine besondere Formenbildung, ohne daß jedoch die Grundform der gotischen Minuskel grundsätzlich verändert würde. An der schon erwähnten großen Bauinschrift der Marienkirche in Weißenfels von 1465 ist die erste Zeile dadurch ausgezeichnet, daß die Buchstaben als Bandminuskel ausgeführt wurden (Nr. 44). Die Bandminuskel erscheint noch einmal am Nodus eines wohl Anfang des 16. Jh. gefertigten Kelches in Großkorbetha. Unter den abgeknickten Schaftenden der gravierten Buchstaben ist eine Schattenschraffur angebracht (Nr. 78).

Allein durch Schriftvergleich lassen sich im Bearbeitungsgebiet bestimmte Werkstätten selbst unter den wichtigsten Inschriftenträgern der gotischen Minuskel, den Glocken und den Inschriften an Gebäuden, nicht erkennen, gleich ob die Inschrift erhaben, stegartig oder als Konturschrift ausgeführt ist. Eine größere Gruppe ist allerdings klar abgrenzbar: Es handelt sich um die Glocken des sogenannten Hallischen Gießers, des Monogrammisten GW (Nr. 86, 87, 92, 93, 97, 100, 103). Die Merkmale des Meisters sind unter Katalog-Nummer 86 zusammengetragen. Aber auch hier ist es weniger eine charakteristische paläographische Formenbildung, die die Zuweisung erlaubte, als ein bestimmter Zierat, der auf einzelnen Glocken in unterschiedlicher Verteilung wiederkehrt und dadurch eine Zuschreibung ermöglicht. Zwei andere, namentlich nicht gekennzeichnete, unsignierte Glocken können durch einen Vergleich einzelner Buchstaben- und Zierformen thüringischen Werkstätten zugewiesen werden (Nr. 36, 110).244) Bemerkenswerterweise zeigt nur eines der sieben original erhaltenen und beschrifteten vorreformatorischen Altarretabel die gotische Minuskel; die Inschriften der übrigen sind in frühhumanistischer Kapitalis ausgeführt.

[Druckseite L]

Die eingestreuten Majuskelbuchstaben entstammen offensichtlich zumeist Vorlagen für Majuskelalphabete, was vor allem dann deutlich wird, wenn die Großbuchstaben dieselbe Größe aufweisen wie die Minuskelbuchstaben oder gar kleiner sind als diese (vgl. Nr. 36, 37, 62, 68, 95).

5.3. Frühhumanistische Kapitalis und andere Formen der Kapitalis

Schriftprobe Nr. 90 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels
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Schriftprobe Nr. 118 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels
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Schriftprobe Nr. 144 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels
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Die frühhumanistische Kapitalis wurde vom frühen 16. Jh. bis zur Mitte des 16. Jh. benutzt. Sie ist eine Mischschrift, die einzelne Buchstabenformen älterer Schriften bewahrt und zugleich neue Formen einführt, die nur dieser Schrift eigentümlich sind. Neben den schriftbildbestimmenden kapitalen Buchstabenformen tradieren die Schriftbeispiele des Bearbeitungsgebietes die unzialen Formen des E (Nr. 83), D (Nr. 118) und G (Nr. 82, 144). Neuerungen sind: das zweibogige oder epsilonförmige E (Nr. 82, 90, 111, 118, 125); das offene D (Nr. 82, 83, 111, 139); das K, dessen oberer Schrägbalken zum Schaft zurückgebogen ist (Nr. 83, 107); das sogenannte byzantinische M, das hier anstelle des mittleren angehängten Schaftes ein Dreieck aufweist (Nr. 90); das N mit geschwungenem Schrägbalken (Nr. 112). Die für das Erscheinungsbild mancher Inschriften sehr charakteristischen Schaftnodi (z. B. am Schaft des I) sowie die Ausbuchtungen am Mittelbalken des H und am Schrägschaft des N (Nr. 111, 118, 139) sind für die frühhumanistische Kapitalis weniger charakteristisch, da sie sowohl bei älteren als auch bei jüngeren Majuskelschriften (so z. B. bei einer der Schriften der Möring-Werkstatt; vgl. Nr. 186) auftreten. Legt man die genannten Buchstabenformen der Schriftbestimmung als frühhumanistische Kapitalis zugrunde, dann ist wohl auch die Schriftform einer Weißenfelser Inschrift von 1544 (Nr. 130A), deren durchweg kapitale Buchstabenformen sich nur durch diese Verzierungen auszeichnen, nicht als frühhumanistische Kapitalis anzusehen. Auch dem A mit einseitig oder beidseitig überkragendem Deckbalken und geradem oder gebrochenem Mittelbalken (Nr. 90, 118) kommt keine signifikante Bedeutung zu.

Die frühhumanistische Kapitalis erscheint bezeichnenderweise erstmals auf Inschriftenträgern, die mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht im Bearbeitungsgebiet gefertigt, sondern importiert worden sind. Es handelt sich um fünf teils geschnitzte, teils gemalte Altarretabel (Nr. 81, 82, 83, 90, 107),245) um ein geschnitztes und gemaltes Altarkreuz (Nr. 125) und einen aufwendig gravierten Abendmahlskelch (Nr. 111). Da auch die beiden hier in Betracht kommenden, beschrifteten Glocken mit hoher Wahrscheinlichkeit, ja mit Sicherheit nicht von im Landkreis Weißenfels ansässigen Gießern hergestellt wurden (Nr. 118, 144),246) bleibt als erster Nachweis für die Übernahme der neuen Schriftform im Bearbeitungsgebiet nur das Tafelbild des hl. Wenzel in der Lützener Stadtpfarrkirche (Nr. 112). Seine ziemlich schematische Ausführung läßt vermuten, daß es von einem einheimischen Maler ausgeführt wurde. Da erkennbar ist, daß alle anderen Inschriftenträger importiert wurden, liegt die Vermutung nahe, daß die frühhumanistische Kapitalis wohl nur in den Zentren der Kunstproduktion Anwendung fand (so z. B. in Leipzig) und noch vor ihrer Etablierung in provinziellen Werkstätten des Bearbeitungsgebietes von einer neuen, stärker an antiken Vorbildern orientierten Kapitalis verdrängt wurde.

Die Epitaphien derer von Bünau in Teuchern, die zwischen 1533 und 1547 von ein und derselben Werkstatt gefertigt worden sind (Nr. 116, 127, 129, 131, 132), zeigen außer regelmäßigen Kapitalisformen nur noch zwei neue Buchstabenformen: ein D mit überstehenden Bogenenden und ein G mit eingestellter Cauda. Die Verwendung dieser Buchstaben berechtigt m. E. dazu, diese Schrift noch als frühhumanistische Kapitalis zu bezeichnen. Das A mit überkragenden Deckbalken und die vielfach verwendeten Halbnodi verstärken diesen Eindruck.

Ein spätes Beispiel der frühhumanistischen Kapitalis stellen die Inschriften an dem 1553 entstandenen [Druckseite LI] Portal der Weißenfelser Knabenschule dar (Nr. 139). Die Schrift enthält zwar keine älteren Buchstabenformen mehr und bietet auch keine der charakteristischen Neuerungen wie das epsilonförmige E, doch zeigen die Inschriften des Portals die in Teuchern verwendeten und andere neue Buchstabenformen, die im Bearbeitungsgebiet singulär sind. Zu letzteren gehören z. B. ein aus zwei einander zugeneigten Schäften und Mittelbalken bestehendes A und ein G mit eingestellter Cauda, die den Bogen gänzlich abschließt.

Schriftprobe Nr. 139 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels
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Dieselben Formen – außer dem erwähnten A – finden sich an zwei auf 1552 bzw. 1554 datierten Renaissanceportalen in Freyburg an der Unstrut,247) deren Schriftformen sogar noch eine deutlich stärkere Stilisierung aufweisen als das Weißenfelser Portal. Die beiden und ein drittes von 1554248) entstanden etwa zu derselben Zeit wie das Schulportal in Weißenfels. Ihr Schriftbild, dessen gekünstelte Wirkung durch einige im Bearbeitungsgebiet einmalige Verschränkungen und Enklaven verstärkt wird, ist vermutlich auf den Einfluß der über die zeitweilige Hofhaltung Herzog Augusts von Sachsen vermittelten Dresdner Hofkunst zurückzuführen. August regierte von 1548 bis 1553 ein Sekundogeniturherzogtum, zu dem die Städte Weißenfels (als Residenz) und Freyburg gehörten. In den benachbarten größeren Städten (Merseburg, Naumburg, Zeitz) und in den angrenzenden Regionen sind solche Schriften um die Jahrhundermitte nicht mehr nachweisbar.249) Ihrem Erscheinen in Weißenfels und Freyburg geht schon eine von altertümlichen Reminiszenzen fast gänzlich befreite Kapitalis aus dem Jahr 1550 voraus (Nr. 135).250)

Schriftprobe Nr. 135 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels
 | Schriftprobe Nr. 135 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels

Der sehr viel größere Bestand an Kapitalisinschriften ist in der Qualität der Ausführung sehr differenziert. Die Buchstaben der einzelnen Inschriften weisen eine ungleiche Höhenstellung und (gelegentlich) eine unregelmäßige Rechtsneigung auf. Auch innerhalb einer Inschrift können Buchstabenbreiten und -abstände und die Ausbildung der Schriftdetails ungleich sein. Generell korrespondiert – erwartungsgemäß – die Qualität der Schriftgestaltung und -ausführung mit der künstlerischen und handwerklichen Qualität des Inschriftenträgers. Die technische Ausführung der Inschriften (Steinmetzarbeit, Gold- oder Silberschmiedearbeit, Bronzeguß) scheint nur geringen Einfluß auf die Buchstabenformen gehabt zu haben. Dabei ist allerdings zu bedenken, daß außer den in Stein gehauenen Inschriften so wenige andere erhalten sind, daß sich durch Material und Technik bedingte paläographische Eigentümlichkeiten mangels Vergleichsmöglichkeiten nicht genauer bestimmen lassen. Zudem kann die Schriftentwicklung auch nur anhand der besser erhaltenen Steininschriften dargestellt werden, da die paläographischen Feinheiten schlechter erhaltener Stücke kaum noch eindeutig erkennbar sind.

Seit dem ersten Auftreten der Kapitalis um 1540/50251) stehen zahlreiche Formenvarianten zur Verfügung, die in unterschiedlichen Kombinationen bis zum Ende des Bearbeitungszeitraums eingesetzt werden. Entscheidend für die Bestimmung einer Schriftform als Kapitalis ist m. E. die Verwendung von Buchstabengrundformen, die an antiken Kapitalisschriften orientiert sind, wobei einzelne unklassische [Druckseite LII] Buchstabenformen immer wieder eingestreut sein können. Eine fast mustergültige, regelmäßige und formstrenge Ausbildung erfährt die Kapitalis schon in dem Sterbevermerk des Epitaphs für Georg von Altensee in Goseck von 1565 (Nr. 149). Die übrigen Inschriften bringen keine grundsätzlich andersgestaltige Kapitalis, sondern variieren nur einzelne Buchstabenformen, weisen andere Proportionen auf oder zeigen abweichende Sporen bzw. Serifen. Zu den über hundert Jahre immer wiederkehrenden und vom Gosecker Beispiel abweichenden Formvarianten gehören: das B, dessen unterer Bogen dieselbe Größe wie der obere aufweist; das C, dessen beide Bogenenden Sporen aufweisen; das E mit einem deutlich überlängten unteren Balken und das G, dessen Cauda am unteren Ende mit einem Sporn besetzt oder gespalten ist (vgl. Nr. 135, 158, 238). Demgegenüber sind zeitgebundene Veränderungen einzelner Buchstabenformen nur selten feststellbar. So weist z. B. das M zunächst überwiegend geneigte seitliche Hasten auf, bis im letzten Viertel des 16. Jh. gerade seitliche Hasten dominieren, die ab 1613 ausschließlich verwendet werden.

Die Anwendung von Haar- und Schattenstrichen zur Links- oder Rechtsschrägenverstärkung ist seit der Mitte des 16. Jh. üblich. Die Buchstaben vieler in Stein eingehauener Inschriften haben kleine Sporen, die oft nur an C, E, L, S oder T deutlich erkennbar sind. Gelegentlich erscheinen auch sporenlose Schriften (Nr. 185). Unterschiede in der Proportionierung der Buchstaben, insbesondere eine Verschlankung, sind wohl in erster Linie von der zur Verfügung stehenden Schreibfläche abhängig. Nexus litterarum sind häufig, Enklaven aber selten (Nr. 139, 189). Versalien erscheinen gelegentlich seit 1565 und häufiger im ersten Drittel des 17. Jh. Inschriften, in denen mehrere Schriftformen, i. d. R. Kapitalis und Fraktur, nebeneinander stehen oder gar ineinander gemischt sind, erscheinen erst seit dem Ende des 16. Jh.; sie dienen oft der Trennung lateinischer und deutscher Textteile (Nr. 175, 194, 234, 262 E).

Durch gemeinsame Schriftmerkmale und eine ungefähr gleichbleibende Qualität der Schriftausführung lassen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit drei Bildhauerwerkstätten abgrenzen, die auch oder ausschließlich die Kapitalis bzw. die frühhumanistische Kapitalis verwendet haben. Es handelt sich um eine bislang unbekannte, noch nicht lokalisierte Werkstatt, die zwischen 1533 und 1547 fünf Grabmäler für die Herren von Bünau auf Teuchern anfertigte, um den im letzten Drittel des 16. Jh. tätigen Monogrammisten HK, der schon der älteren Literatur bekannt war,252) dessen Werk aber neue Arbeiten zugeordnet werden konnten – darunter die ältesten bislang nachweisbaren, die außerdem in einer Hybridschrift aus gotischer Minuskel und Fraktur beschriftet sind! – und eine auch erstmals nachgewiesene, ebenfalls noch nicht lokalisierbare Werkstatt, die wohl im zweiten und dritten Jahrzehnt des 17. Jh. eine Gruppe sehr unterschiedlicher Grabdenkmale in Weißenfels und in der unmittelbaren Umgebung von Weißenfels schuf.253) Jede dieser Werkstätten gebraucht bei einigen oder allen ihren Werken eine singuläre Buchstabenform oder -schreibung, die für die Zuweisung zwar nicht allein entscheidend ist, diese aber erleichtert. Die Teucherner Werkstatt verwendet auf ihren beiden ältesten Arbeiten ein C, das aus einem zum Schaft umgewandelten Bogen und einem am oberen Schaftende rechts ansetzenden Balken besteht. Der Monogrammist HK schreibt ein nach rechts geneigtes A, während alle übrigen Buchstaben keine Neigung aufweisen. Die jüngste der Werkstätten ist durch die Verwendung eines R charakterisiert, das eine unter die Grundlinie herabschwingende Cauda hat. Außerdem zeichnen sich alle Arbeiten durch eine vergleichsweise hohe handwerkliche und künstlerische Qualität aus.

Die Erfurter Bronzegießer Melchior und Hieronymus Möring sowie Eckhard Kucher benutzen hingegen noch (oder wieder?) altertümliche Schriftformen (insbesondere solche mit Ausbuchtung am Balken des H und am Schrägschaft des N), wie sie die meisten ihrer zwischen 1591 und 1625 gegossenen Glocken zeigen. Daneben verwenden die Mörings aber auch 1605 und 1617 eine strengere Form der Kapitalis (Nr. 217, 240).

[Druckseite LIII]

Schriftprobe Nr. 217 der Einleitung aus DI 62 Lkr. Weißenfels
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5.4. Humanistische Minuskel

Die humanistische Minuskel wurde im Bearbeitungsgebiet nur sehr selten und fast nur für lateinische Texte und Worte verwendet (so bei Nr. 194, 242). Auf einem Vedutengemälde in Weißenfels dient sie zur Markierung einzelner Gebäude, die in einer (heute verlorenen) Bildlegende benannt wurden (Nr. 263). Das in zwei Inschriften auftauchende, in seiner Form einem Minuskelbuchstaben ähnelnde b ist wahrscheinlich aus dem halbunzialen B der Majuskelschrift abgeleitet und als Großbuchstabe zu lesen (Nr. 83, 139). Die seltene Verwendung der humanistischen Minuskel erlaubt es nicht, verallgemeinerbare Aussagen zur Schriftentwicklung zu treffen.

5.5. Fraktur

Erste Anklänge an Frakturschriften scheinen zwei sehr unterschiedliche Inschriften aufzuweisen, die im ersten Drittel des 16. Jh. geschaffen wurden. Es handelt sich um das Epitaphgemälde für Martin Hundt in Weißenfels, das auf 1515 datiert ist (Nr. 98), und um eine Sakramentsnische in Treben, deren Datierung jedoch gerade von der zeitlichen Ansetzung der Buchstabenformen abhängt (Nr. 115). Sind es auf dem Inschriftenträger in Weißenfels die Großbuchstaben I, M und S, die von Frakturversalien beeinflußt sein könnten, so scheinen auf dem Inschriftenträger in Treben die Gemeinen Frakturformen verwandt zu sein. Der Schaft des h ist gebogen; dieser Buchstabe sowie b und o zeigen die Neigung, den geschlossenen Bögen eine spitzovale Form zu geben. Auch die Ausformung des c erinnert an Frakturschriften. Wie sich deren Einfluß in Treben geltend gemacht haben könnte, läßt sich nicht mehr aufzeigen; eine Rezeption der frühen Fraktur durch den hochrangigen Meister des Weißenfelser Epitaphs ist aber durchaus zu vermuten. Die zeitlich nächstfolgende Inschrift, die vielleicht unter dem Einfluß der Fraktur entstanden sein könnte, ist der Segenswunsch auf der Taufschale in Gröbitz, die nur ungefähr in die erste Hälfte des 16. Jh. datiert werden kann (Nr. 134). Der geringe Buchstabenbestand entzieht sich jedoch einer eindeutigen Bewertung.

Die ersten Frakturinschriften, die noch den nachhaltigen Einfluß der gotischen Minuskel zeigen, erscheinen auf drei zeitlich dicht aufeinanderfolgenden Werken 1566, 1570 und 1571 (Nr. 150, 155, 157). Bei allen drei Inschriften weisen die Buchstaben noch eine Brechung der Schäfte und Bögen auf, wie es bei der älteren Schrift üblich war. So sind auf dem wohl 1570 entstandenen Epitaphgemälde für Margaretha von Watzdorf die Buchstaben c, d, e, g, i, m, n, o und t, auf den beiden steinernen Epitaphien des Monogrammisten HK von 1566 und 1571 außerdem noch b, l, r und Schaft-s in dieser Weise gebildet. Doch zeigen alle drei Inschriften außer Frakturversalien, dem einstöckigen a und verschiedenen Frakturgemeinen noch andere paläographische Eigenarten, die auf die Fraktur verweisen. Auf dem Watzdorf-Epitaph erscheint ein hybrides g, dessen gebrochener oberer Bogen sich mit einem schwellenden und geschwungenen unteren Bogen verbindet. Auf den beiden steinernen Epitaphien sind gerade Buchstabenteile gebogen und die Oberlängen des h mit Zierschleifen verziert. Die gravierte Beschriftung einer 1627 gestifteten Abendmahlskanne in Lützen erinnert noch einmal sehr stark an die gotische Minuskel, auch wenn dieser Eindruck vermutlich nur durch die eigentümliche, technisch und individuell bedingte Schriftausführung hervorgerufen wird (Nr. 260).

Bei der Neuausstattung der kurz zuvor umgebauten Kirche in Burgwerben kamen 1585/86 schließlich reine Frakturschriften zur Anwendung (Nr. 175, 178). An der Schriftform des neuen Altarretabels fallen nur die schwach ausgeprägten Schwellungen auf. Auch später sind immer wieder sowohl an gemalten als auch an in Stein gehauenen Inschriften schwache oder gar fehlende Schwellzüge zu bemerken (Nr. 194, 195, 227, 249).

In den dreißiger Jahren des 17. Jh. ist mitunter zu beobachten, daß die Buchstabenteile im Ober- und Unterlängenbereich weit ausgezogen und über benachbarte Buchstaben hinweg bzw. unter diesen hindurch verlängert werden (Nr. 262, 272). An einem der entsprechenden Inschriftenträger sind außerdem viele der dicht gesetzten Schäfte gebogen oder geschwungen (Nr. 264).

Einige gute Beispiele für die Frakturvarianten dieser Zeit bietet das Epitaph für den 1628 gestorbenen Bernhard von Pöllnitz in der ehemaligen Klosterkirche zu Goseck (Nr. 262). Am Unterbau und an der Mittelachse des Grabmals befinden sich zahlreiche Inschriften der Entstehungszeit, von denen zwei eingetieft, die übrigen aber erhaben sind. Eine der eingehauenen Inschriften ist in sehr dekorativer Weise mit weißer Paste ausgelegt (Nr. 262G). Bis auf die in kapitalen Großbuchstaben geschriebenen biblischen Namen und lateinischen Worte sind alle Texte in Frakturbuchstaben geschrieben, für die verschiedene Formen verwendet wurden. Sie unterscheiden sich hauptsächlich durch die verschiedenartige Gestaltung der Unter- und Oberlängen bei b, h, l sowie d und Schaft-s; die ersten drei sind bei der mit weißer Paste ausgelegten Inschrift (Nr. 262G) mit Zierbögen überwölbt. Der Bogen des Schaft-s ist bei dieser Inschrift als geschwungener Schwellzug ausgeformt. Der unter die Grundlinie [Druckseite LIV] verlängerte h-Bogen aller Inschriften schwingt nach links aus oder ist hakenförmig gekrümmt. Die Versalien sowohl der erhabenen als auch der eingetieften Inschriften sind durch Schwellzüge verziert, wobei wiederum die Inschrift Nr. 262G durch feinlinige Schlingen und Bögen von gleichbleibender Strichstärke in besonderer Weise ausgezeichnet ist.

Zierbögen überwölben auch die Gemeinen f, Schaft- und Bogen-s der Inschrift auf dem 1640 entstandenen Porträtgemälde für Johannes Göritz (Nr. 275). Doch läßt auch diese Beobachtung kaum auf übergreifende Entwicklungstendenzen schließen. Seit dem Auftreten der reinen Fraktur im Bearbeitungsgebiet, also seit etwa 1585/86, sind paläographische Eigenarten eher durch die Werkstatt, das Material und die Art der technischen Ausführung als durch bestimmte, im Bearbeitungsgebiet vorherrschende paläographische Entwicklungstendenzen bedingt. Inwiefern hier ein Nachklang großer, in den künstlerischen Zentren ablaufender Entwicklungen zu vernehmen ist, kann nur ein überregionaler Vergleich erweisen.

5.6. Zeitliche Verteilung der Schriftarten

In die Tabelle sind alle erhaltenen und in Foto oder Abzeichnung überlieferten Inschriften aufgenommen sowie die verlorenen, deren Schriftart aus den Quellen zu erschließen ist. Inschriftenträger, auf denen sich verschiedene Schriftarten finden, erscheinen in der Aufstellung mehrfach, wobei aber Versalien nicht berücksichtigt wurden.

  –1300 –1350 –1400 –1450 –1500 –1539 –1550 –1600 –1650
Romanische Majuskel 2(?) (1)              
Gotische Majuskel 4 8 8     1      
Gotische Minuskel     1 9 34 30   1  
Frühhumanistische Kapitalis           12 3 1  
Kapitalis           2 3 46 44
Gotische Minuskel/Fraktur             1 3  
Fraktur               4 16
Humanistische Minuskel               1 2

Zitationshinweis:

DI 62, Landkreis Weißenfels, Einleitung, 5. Die Schriftformen (Franz Jäger), in: inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di062l001e009.

  1. Zu den Glockengußtechniken vgl. Schilling 1988 und Peter/Bund 1989. »
  2. Vgl. Schilling 1988, Abb. 109, 180 f., 255, 258, 273, 283 u. a. »
  3. Ob die Inschrift vor dem Guß in Ritz- oder Wachsfadentechnik vorbereitet wurde, läßt sich bei kopialer Überlieferung kaum mit Sicherheit sagen. »
  4. Es handelt sich um drei Glocken, von denen die erste, Nr. 27, nach der Glockenform datiert wurde und die zweite, Nr. 29, nur durch ihre als Abzeichnung überlieferte Schriftformen datierbar ist. »
  5. S. Einleitung, S. XXXVI f. »
  6. Die hohe Qualität der Tafelbilder in Hohenmölsen (Nr. 81, 82) spricht für eine Entstehung in einem Kunstzentrum außerhalb des Bearbeitungsgebietes. Der Schöpfer des Pettstädter Retabels war möglicherweise im östlichen Harzvorland ansässig (Nr. 90); das Trebener Retabel fertigte Steffan Hermsdorf in Leipzig (Nr. 107). »
  7. Der Gießer der älteren, 1537 für Lützen gegossenen Glocke ist im Bearbeitungsgebiet nicht noch einmal nachweisbar (Nr. 118); die jüngere Glocke goß Eckhart Kucher in Erfurt 1558 (Nr. 144). »
  8. Es handelt sich um das Portal des Hauses Markt 14 in Freyburg und um das Portal eines Treppenturms des bei Freyburg gelegenen Schlosses Neuenburg, das heute in das Innere des Schlosses versetzt ist. »
  9. Ehem. Freyburger Amtsschreiberei, Marienstraße 4. »
  10. Vgl. DI 6 (Naumburg 1), 7 (Naumburg 2), 9 (Naumburg 3), 11 (Merseburg), 52 (Zeitz). »
  11. Die älteste Inschrift in Kapitalis aus dem Bearbeitungsgebiet ist tatsächlich ein Lucas Cranach d. Ä. zugeschriebenes, heute in Berlin befindliches Porträtgemälde von 1515 (Nr. 96), das aber als Importstück hier zurückgestellt wurde. »
  12. Das Cranachgemälde von 1515 (Nr. 96) und eine schwer datierbare Kelchinschrift (Nr. 111 E) bleiben hier unberücksichtigt. »
  13. Zur Schriftbeschreibung s. Nr. 153»
  14. Zur Schriftbeschreibung s. Nr. 236. Derselben Werkstatt entstammt vielleicht noch ein Epitaph von 1607 (Nr. 221), das aber außer dem markanten R, gleicher Sporenbildung und einer höheren künstlerischen Qualität, wie sie allen Denkmalen dieser Gruppe eignet, wenig Gemeinsamkeiten aufweist. »