Die Inschriften des Landkreises Weilheim-Schongau

4. Die Schriftformen

Gotische Majuskel

Die älteste original überlieferte Inschrift des Bearbeitungsgebiets befindet sich auf dem Ende des 13. Jahrhunderts datierten Steingadener Tympanonfragment (Nr. 10), das heute im Bayerischen Nationalmuseum in München aufbewahrt wird. Die wenigen Buchstaben der erhabenen Inschrift dokumentieren im Formenbestand und in der flächigen Gestaltung der Buchstabenkonturen mit Bogenverstärkungen überwiegend die Merkmale der Gotischen Majuskel, wobei die zahlreichen Buchstabenvarianten und Zierformen noch die Spielfreude der Romanik verkörpern. Der Buchstabe A dieser frühen Gotischen Majuskel zeigt sich in den drei Varianten des kapitalen, trapezförmigen A, des unzialen A mit Deck- und Schrägbalken und des mehrheitlich vorkommenden pseudounzialen A. Der Buchstabe E ist in kapitaler und unzialer Form nachzuweisen, nur das unziale E ist mit einem seitlichen Abschlußstrich versehen. C kommt durchweg in der offenen Form vor, bei der die kräftigen, weit ausgezogenen Sporen nahezu zusammenwachsen. Neben A und E sind als weitere Unzialbuchstaben das H in ausschließlicher und das U in alternativer Verwendung überliefert. Das T tritt dreimal in der runden Form mit geschwungenem Deckbalken auf, wobei die freien Enden des Deckbalkens und des Bogens in Zierpunkten auslaufen. Das kapitale T mit Knotenverzierung am Schaft ist nur einmal vertreten. Einmalig belegt ist auch das runde N, dem zwei kapitale Versionen des N gegenüberstehen. An Zierelementen fallen in erster Linie die zahlreichen Punktverzierungen ins Auge, die über die T-Formen hinaus auch pseudounziales A, C, beiderlei Formen des E sowie R und U erfassen. Des weiteren treten Zierstriche bei rundem N und unzialem H auf. Letzterer Buchstabe ist zudem mit einer außergewöhnlichen Verzierung am Bogenauslauf versehen, welche am unteren eingekrümmten Bogenende mit einem Balken mit Schwellung parallel zur Grundlinie beginnt und in drei Zierpunkten endet.

Die Schrift im oberen Medaillon der Steingadener Grabplatte des Hermann von Haldenberg aus dem Jahre 1324 (Nr. 12) weist gegenüber der Inschrift auf dem Tympanon eine flächigere Umsetzung der erhabenen Buchstaben und eine konsequentere Verbreiterung der Schäfte auf. Auffallend ist der hohe Anteil an kapitalen Buchstaben. Die Buchstaben A, E und H liegen in kapitaler und unzialer Form vor, der Buchstabe N in kapitaler und runder Form. Die nur einmalig auftretenden Buchstaben D und M zeigen sich in unzialer bzw. kapitaler Version. Der Buchstabe E ist in drei Spielarten überliefert, der kapitalen und unzialen Form sowie einer Zwischenform mit gerader Haste und gebogenem oberen und unteren Balken. Sämtliche dieser Varianten weisen die seitliche Schließung auf, wie auch die Buchstaben C und S. Zierelemente finden sich in der ansonsten nüchternen erhabenen Inschrift ausschließlich bei rundem N, in Form eines rechtsschrägen Zierstrichs.

Bei der fragmentarisch überlieferten Steingadener Grabplatte mit den erhabenen Medailloninschriften für die 1293 bzw. 1337 verstorbenen Pröpste Ulrich und Dietrich (Nr. 13) könnte eine Grabplatte aus dem Prämonstratenserkloster Ursberg als Vorbild gedient haben293). Die Schrift der beiden Medaillons zeigt deutlich verspieltere Formen als auf der Grabplatte des Hermann von Haldenberg. Sind es im Medaillon des Ulrich ausschließlich L mit geschwungenem Schaft und tropfenförmigem Balken sowie R mit kräftiger Bogenschwellung und Perlsporn an der Cauda, so erfassen die Zierelemente im Medaillon des Dietrich vier der elf Buchstaben: I mit Nodus, J mit kräftiger Bogenschwellung und unterer Schlaufe, R mit aufgesetzter Bogenschwellung sowie kapitales T in Konturschrift und ringförmigem Nodus am Schaft. Die Buchstaben C und unziales E sind durch Abschlußstriche geschlossen, die im Medaillon des Dietrich bogenförmige Gestaltung aufweisen. Besonders markant sind die keilförmig verbreiterten Schaft- und Balkenenden.

Von der abermals aus Steingaden stammenden Grabplatte eines Hermann aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts (Nr. 15) ist nur ein Bruchstück der Medaillonumschrift mit den ersten sieben Buchstaben des Namens des Verstorbenen erhalten. Die erhaben ausgeführten Buchstaben von breiter Kontur ohne jegliche Zierelemente verleihen der Schrift ein klobiges, unbeholfenes Erscheinungsbild. Auffällig konservative Züge tragen die beiden Unzialformen, das E, dessen sich keilförmig verbreiternde Balken sich nur berühren, und vielmehr das für das 14. Jahrhundert völlig unzeitgemäße unziale A. Bemerkenswert sind ferner das spiegelverkehrte runde N sowie das R mit sehr kurzer stachelförmiger Cauda.

Eine gesteigerte Flächigkeit der Buchstaben kennzeichnet die Umschrift des Taufsteins von 1377 in der Kirche St. Johannes d. T. in Peißenberg (Nr. 18). Diese ist insbesondere bei den Bögen des C, D, E und des links geschlossenen unzialen M stark ausgeprägt. Die durchweg geschlossenen C- und unzialen E-Formen zeigen oftmals Zierstriche, die parallel zu den bisweilen dreieckig ausgezogenen, linken Bogenabschnitten verlaufen. Mehrere Formen sind in den Buchstaben A und N belegt. Das A weist neben pseudounzialem A und einer mißgestalteten Form zweimal die kapitale Trapezform mit Deckbalken und weit ausgezogenen Sporen auf, das N die kapitale und runde Form. Das kapitale N ist am linken Schaft mit Nodi versehen, die auch an den Schäften des kapitalen T und bisweilen des I nachzuweisen sind.

Die reife Phase der Gotischen Majuskel verkörpert ebenso die Schulterinschrift der Glocke der Pfarrkirche St. Michael in Prem, die mit ihren spiegelverkehrt verlaufenden Buchstaben wohl dem fortgeschrittenen 14. Jahrhundert entstammen dürfte (Nr. 20a). Merkmale hierfür lassen sich in den kräftigen Bogenschwellungen, den aufgeblähten Bögen, den sich nach außen verbreiternden Schäften und in der Abschließung der Buchstaben erkennen. Dies erfolgt bei L und S mittels weit ausgezogener Sporen, bei pseudounzialem A, C, R und beim symmetrischen unzialen M mittels durchgezogener Abschlußstriche. Der Einsatz von Zierelementen ist am pseudounzialen A in Form eines senkrechten Zierstrichs sowie am symmetrischen unzialen M in Form doppelter Nodi am Mittelschaft nachzuweisen.

Eine sehr späte Gotische Majuskel im Bearbeitungsgebiet entstammt der Glocke in der Filialkirche St. Jakob d. Ä. in Erbenschwang aus der Mitte des 15. Jahrhunderts (Nr. 36). Die frei in der Zeile schwebenden Buchstaben zeigen weitgehend eckige Formen, die maßgeblich von den dreieckig ausgezogenen Bogenschwellungen geprägt sind. Zum eckigen Charakter der Schrift tragen ferner die sich keilförmig verbreiternden Schäfte und der kräftige dreieckige Balkensporn des L bei. Wesentliche Kennzeichen der voll ausgebildeten Gotischen Majuskel bilden die auffälligen Punktverzierungen, die Schäfte und Sporen nahezu sämtlicher Buchstaben erfassen.

Tabelle: zeitliche Verteilung der Buchstaben der Gotischen Majuskel von Franz-Albrecht Bornschlegel

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Vorliegende Übersicht findet ihre Vorläufer in den Tabellen der Bände DI 67 (Stadt Passau) und DI 69 (Stadt Freising), die in alphabetischer Folge die grundlegenden Typen eines Buchstabens der Romanischen bzw. Gotischen Majuskel von seinem erstmaligen Auftreten bis zum letzten Einsatz in dem jeweiligen Inschriftenbestand erfassen. Die jeweiligen Buchstaben des Alphabets sind nach Typen gegliedert, die ausschließlich Formen unterschiedlicher Entwicklungszustände oder stärkerer Formvarianten bzw. Zierformen beschreiben. Kleinere Varianten der Form, der Proportion und der Strichstärke eines Buchstabens wie auch der unverzierte I-Schaft finden keinen Eingang in die Tabelle. Die Übersicht soll zur Vereinfachung eines regionalen und überregionalen Schriftvergleiches dienen und Hilfestellung bei inschriftenpaläographischen Datierungen leisten. Die Normalform der spiegelverkehrt gesetzten Buchstaben der Glocke von Prem (Nr. 20a) sind ergänzend in eckige Klammern gesetzt.

Gotische Minuskel

Die älteste erhaltene Inschrift mit einer Gotischen Minuskel findet sich in der Pollinger Stiftskirche auf dem Grabmal für den 1382 verstorbenen Propst Konrad Schondorfer (Nr. 19). Die den Stein von links oben umlaufende Inschrift folgt in disziplinierter Weise in immer gleichem Abstand der Einfassung der figuralen Darstellung. Die Brechungen bei den einzelnen Buchstaben, insbesondere im n sind nicht besonders ausgeprägt. Auch findet sich nur eine einzige Bogenverbindung bei d und o im Namen Schondorfer. Die auf der Grabplatte zu findenden beiden Majuskelbuchstaben A bei Anno und dem S bei Schondorfer sind vergrößerte Minuskelformen und entsprechen dem Formenkanon der Gotischen Minuskel.

Beim nur elf Jahre später, 1393, entstandenen Grabmal der Seefelder (Nr. 20) zeigen sich die gleichen Stilmerkmale. Auch hier folgen die einzelnen Buchstaben diszipliniert der Einkerbung, die die bildliche Darstellung von der Schrift trennt. Soweit aus der schlecht erhaltenen Schrift erkennbar ist, sind die Oberlängen kaum ausgebildet.

Das kurz nach der Jahrhundertwende für den 1404 verstorbenen Pollinger Propst Ulrich Kalchmair (Nr. 21) errichtete Grabmal ähnelt den Inschriften auf den beiden älteren Pollinger Grabmälern.

Um das Jahr 1400 tauchen dann die ersten gemalten Inschriften im Kreis Weilheim-Schongau auf. Die ältesten gemalten Inschriften des Landkreises dürften die Beischriften zu dem Bilderzyklus in der Kapelle St. Georg in Peißenberg sein (Nr. 22). Sämtliche Inschriften sind in Gotischer Minuskel ausgeführt, wobei bei diesen gemalten Inschriften die oberen Schaftenden der Buchstaben b und l meist gespalten sind. Das a kommt in seiner doppelstöckigen, oben geschlossenen Form vor. Varianten dieser Ausprägung sind möglicherweise eine Folge der in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts erfolgten Renovierung. Der Majuskelbuchstabe G beim Namen des Hl. Georg weist immer einen weit nach rechts auschwingenden Bogen und eine jeweils bis zum oberen Rand des Mittellängenbereiches reichende Cauda auf. Das us-Kürzungszeichen ist jeweils oben eingerollt und reicht mit seinem Bogen meist bis zur Grundlinie.

Die in deutscher Sprache verfaßten Texte auf dem um 1455 gefertigten Kreuzaltar von Polling (Nr. 41), der sich heute in der Alten Pinakothek in München befindet, sind in einer klaren Gotischen Minuskel ausgeführt. Die einzelnen Buchstaben entsprechen dem Schriftkanon der Gotischen Minuskel, nur beim a ist vielfach der obere Bogen so klein ausgeführt, daß es kaum als doppelstöckiges a wahrgenommen werden kann.

Etwas früher, nämlich im Jahre 1444, ist gemäß der Datierung auf der Verkündigungstafel der Marienaltar (Nr. 34) für die Stiftskirche Polling entstanden. Während der Beginn des Englischen Grußes in Gotischer Minuskel auf ein Spruchband gemalt ist, sind die Kennzeichnung Simeons und die Buchstabenfolge auf seinem Ärmelsaum in Kapitalisbuchstaben ausgeführt.

Aus der gleichen Zeit wie die beiden Altäre in Polling stammen zwei steinerne Bauinschriften (Nr. 32 und 39) in Rottenbuch, die von Propst Georg Neumair (1431–1472) veranlaßt wurden. Beide Inschriften sind in erhabener Form ausgeführt und halten sich strikt an den Formenkanon der Gotischen Minuskel. Die Brechungen der Schäfte laufen auf der Grundlinie in Quadrangeln aus. Während die Schrift bei der Turminschrift (Nr. 32) kantig ausgeführt ist, erscheint sie bei der ca. 15 Jahre später entstandenen Inschrift viel runder (Nr. 39), was mutmaßlich mit dem Erhaltungszustand zusammenhängt.

Erstmals werden in den beiden von Propst Georg Neumair in Rottenbuch veranlaßten Bauinschriften die über den Mittellängenbereich hinausgehenden Ober- und Unterlängen in die die ausgetiefte Zeile begrenzende Leiste in Kontur eingeritzt.

Auch bei seinem Grabmal, das noch zu seinen Lebzeiten angefertigt wurde und dem Augsburger Meister Ulrich Wolfhartshauser zugeschrieben wird (Nr. 33), wird diese Technik verwendet. Die die vertiefte Zeile begrenzende Leiste wird hier in weit geringerem Maße berührt, da der Mittellängenbereich nur selten, und wenn, dann nur geringfügig überschritten wird, was sicherlich mit dem Niveau der Ausführung zusammenhängt.

Gut dreißig Jahre später, 1477, wurde der Taufstein in der Kirche von Schwabbruck geschaffen (Nr. 51). Die den oberen Rand des Taufsteins in einer ausgegrundeten Zeile umlaufende erhabene Inschrift ist in einer hochwertigen Gotischen Minuskel ausgeführt. Sämtliche Buchstaben sind scharf herausgearbeitet. Die Brechungen der Schäfte sind klar ausgeführt, jedoch enden sie nicht in Quadrangeln, sondern in gebrochenen Schaftenden. Das r weist aber am oberen Schaftende als Fahne ein Quadrangel auf, das in einen langen senkrechten nach unten angesetzten Zierstrich ausläuft. Auch das e mit einem abgeknickten oberen Bogenabschnitt zeigt eine bis zur Mitte der Zeile verlaufende tropfenförmige Verlängerung.

Im Gegensatz zu der Bauinschrift am Rottenbucher Glockenturm von 1439 sind bei der Inschrift am etwa 40 Jahre später entstandenen Taufbecken die Ober- und Unterlängen und hochgestellten Buchstaben sowie Kürzungszeichen ohne Scheu – vor allem der us-Haken –, den Mittellängenbereich zu verlassen, ausgeführt. Die über die ausgetiefte Zeile hinausführenden Teile sind in Kontur eingeritzt.

Bei dem Namenszug über dem Portal zur Vorhalle der ehemaligen Klosterkirche in Steingaden von 1491 (Nr. 58) wird bei dem ebenfalls erhaben auf einem Schriftband angebrachten Namen abbt Caspar dagegen der Mittellängenbereich sowohl bei den Ober- und Unterlängen kaum verlassen. Auffallend ist hier der beim a weit nach links in rundem Schwung ausgreifende Teil des oberen Bogens. Auch ist beim r die Fahne hier voll als Quadrangel ausgebildet, dem jedoch nach unten ein Zierstrich angesetzt ist.

Es ergibt sich bis zum Ende des 15. Jahrhunderts im Bearbeitungsgebiet somit kein einheitliches Bild bei der Schriftentwicklung, was sicher damit zusammenhängt, daß das Gebiet auf verschiedene Zentren hin ausgerichtet war, die wohl jeweils unterschiedliche Steinmetzwerkstätten beschäftigt haben.

Mit dem Bernrieder Heilige-Sippe-Altar (Nr. 91) von ca. 1510 erscheinen erstmals – etwa ein halbes Jahrhundert nach den Pollinger Retabeln – im Bearbeitungsgebiet wieder gemalte Inschriften auf einem Altar. In die Nimben sind die Namen der dargestellten Personen in Gotischer Minuskel eingeschrieben. Die Buchstaben, soweit es sich nicht um Majuskelbuchstaben am Namensanfang handelt, beschränken sich im Wesentlichen auf den Mittellängenbereich. Die Brechungen sind bei weitem nicht so kantig wie bei gleichzeitigen Steininschriften. Die auf den Schriftbändern am oberen Rand der beiden Innenseiten des Altars zu sehenden Inschriften dürften auf einem späteren Nachtrag beruhen. Die Schrift weist bereits Frakturcharakter auf.

In der Oderdinger Pfarrkirche St. Martin befindet sich an der Südseite eine Inschrift, welche die Weihe der Kirche (1536, Nr. 118) dokumentiert. Obwohl diese Inschrift sicherlich erneuert wurde, ist von ihrem ursprünglichen Zustand mehr erhalten als auf den Schriftbändern des Flügelaltars von Bernried. Auffallend ist bei dieser Inschrift einmal die Verwendung des pseudounzialen über zwei Inschriftenzeilen reichenden A als Versal am Anfang der Inschrift. Auch die übrigen Wortanfänge sind vielfach durch Versalien geschmückt. Die Minuskelbuchstaben zeigen trotz der noch vorhandenen Brechungen ein bereits gerundetes Bild.

Die Bildfenster von Dornau, die aus den Jahren 1509 und 1526 stammen, zeigen dagegen noch die für die Gotische Minuskel typischen Brechungen. Die Schäfte laufen bei dem älteren Bildfenster von 1509 (Nr. 90) sowohl oben als auch unten in Quadrangeln aus, während dies bei dem 1526 geschaffenen Glasbild (Nr. 106) nur noch eingeschränkt der Fall ist. Hier sind die oberen Schaftenden von Oberlängen gespalten. Das Glasbild von 1509 zeigt beim Vornamen eine Versalform, die bereits auf die kommende Fraktur hinweist.

Bei dem Pollinger Gedenkstein der Tuchsenhauser (1512, Nr. 93) ist die Inschrift in ausgegrundeten Zeilen mit erhabenen Buchstaben ausgeführt. Die über die Zeilen hinausragenden Ober- und Unterlängen sind durch Konturritzungen deutlich hervorgehoben.

Ein ganz anderes Bild zeigt die 1561 geschaffene kleine Platte (Nr. 142), die sich im Museum der Stadt Weilheim befindet. Sie wurde in Steinätztechnik gefertigt. Die Oberlängen der erhaben ausgeführten Schrift laufen in weiten Schwüngen und mannigfachen Zierornamenten aus. Die Versalien, die bereits voll der Fraktur zuzuordnen sind, insbesondere die bei dem Bibelzitat, sind reich mit Rankenornamenten versehen, sodaß diese Buchstaben beinahe einen pompösen Charakter aufweisen.

Einen ähnlichen Eindruck vermittelt die reich ausgestaltete Grabplatte von Wolf Georg Präntl und seiner Ehefrau aus dem Jahre 1582 (Nr. 164). Die wohl von Adam Krumpper geschaffene Grabplatte in der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt zeigt ebenfalls bereits viele Frakturelemente. Sowohl der umlaufende Text mit zwei Bibelzitaten, als auch die eigentliche Grabschrift sind in ausgegrundeten Schriftzeilen erhaben herausgearbeitet. Während aber bei der Randschrift die Oberlängen die ausgegrundete Zeile nicht verlassen, reichen diese bei der eigentlichen Grabschrift in die die Zeilen begrenzende Leiste hinein und sind dort durch Kontureinritzungen erkennbar gemacht. Auffallend ist die Gestaltung des f, das einmal mit einem Quadrangel auf der Zeile endet und zweimal wie bei der Fraktur mit einer Unterlänge bis in die Begrenzungsleiste reicht. Neben diesem Frakturelement weisen die mit üppigen Schmuckornamenten versehenen Versalien, obwohl der Charakter einer Gotischen Minuskel nicht aufgegeben wird, auf die Fraktur hin. Auf diesem Grabmal befindet sich außerdem ein Sinnspruch auf einem Täfelchen in Kapitalis. Aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts findet sich in Habach das Fragment der Grabplatte für den 1615 verstorbenen Kanoniker Caspar Arnold (Nr. 257). Die lateinische Inschrift auf diesem Stein stellt die jüngste Steininschrift in Gotischer Minuskel dar. Die erhaben aus dem Stein herausgearbeitete Inschrift ist in dicken, kräftigen Buchstaben ausgeführt. Die Schrift weist diakritische Zeichen in Form zweier nebeneinander stehender Quadrangel auf.

Frühhumanistische Kapitalis

Die Frühhumanistische Kapitalis ist im Bearbeitungsgebiet nur mit wenigen Beispielen vertreten. Diese Schriftart, die durch eine Mischung kapitaler Formen mit Elementen vorgotischer Schriften des 12. und 13. Jahrhunderts sowie mit vereinzelten griechisch-byzantinischen Schriftmerkmalen einen großen Variantenreichtum aufweist294), verdankt ihre Entstehung humanistischen Kreisen. Im Bearbeitungsgebiet finden sich nur insgesamt vier sicher nachgewiesene Beispiele dieser Schriftform und davon drei auf Glocken. Sämtliche Beispiele weisen an charakteristischen Leitformen der Frühhumanistischen Kapitalis ausschließlich das epsilonförmige E auf. Auch in der Verwendung frühhumanistischer Begleitformen sind diese Inschriften, die vornehmlich aus dem Buchstabenbestand der Kapitalis schöpfen, sehr zurückhaltend. In Aich, Gemeinde Peiting, befindet sich heute in der Pfarrkirche St. Anna die mit dem Jahre 1500 datierte Glocke, welche wohl von dem Augsburger Glockengießer Sebolt Schönmacher d. Ä. gegossen wurde (Nr. 78). Die freien Enden sämtlicher Bögen, Schäfte und Balken dieser kurzen Inschrift laufen in keilförmigen, oftmals gespaltenen Sporen aus. Hierbei ist ersichtlich, daß das S aus zwei gegenläufigen Bögen zusammengesetzt ist, sodaß am Zusammenstoß dieser Bögen durch die Sporen ein Knoten entsteht. Beim kapitalen M mit leicht schräg gestellten Schäften und bis zur Grundlinie reichendem Mittelteil und beim H enden wiederum beide Schäfte in kräftigen keilförmigen Sporen, während der Mittelteil des M und der Mittelbalken des H als Haarstrich gestaltet sind. Das C und das spitzovale O weisen bei den Bögen starke Schwellungen auf, während diese bei den übrigen Bögen fehlen. Beim epsilonförmigen E münden die gegabelten Bogenenden in Perlsporen.

Einen ähnlichen Eindruck vermitteln die im Wortlaut fast identischen Inschriften der mittleren und großen Glocke auf dem Kirchturm der Urspringer Filialkirche Maria Magdalena (Nr. 79 und Nr. 80). Beide Inschriften weisen das epsilonförmige E auf, das mit seinen kräftigen Sporen weniger dekorativ als in der Glocke in Aich gestaltet ist. Die Bögen des D und C zeigen Schwellungen, der Schaft des D endet nicht in Sporen. Der kurze Mittelteil des konischen M und der Schrägschaft des N sind im Verhältnis zu den dicken, keilförmig auslaufenden Schäften nur mäßig schlanker, aber glatt linear verlaufend. Das kapitale A weist ebenso wie das V spitz zulaufende Schrägschäfte auf, die an den freien Enden jeweils wiederum keilförmig auslaufen. Aufgrund der gleichen Buchstabenformen und derselben Art der Buchstabengestaltung dieser beiden undatierten Urspringer Glocken ist anzunehmen, daß sie vom gleichen Glockengießer zur gleichen Zeit gegossen worden sind. Möglicherweise ist die Verwendung der Frühhumanistischen Kapitalis dadurch bedingt, daß Urspring ebenso wie Aich im westlichen Teil des Bearbeitungsgebietes liegt, das zu Beginn des 16. Jahrhunderts mehr unter dem Einfluß Augsburgs stand, dem damaligen Zentrum der Renaissance in Süddeutschland, als das östliche Bearbeitungsgebiet.

Das einzige erhaltene Beispiel einer Frühhumanistischen Kapitalis auf einem Totengedächtnismal im Bearbeitungsgebiet findet sich auf dem Fragment der Grabplatte für den 1508 verstorbenen Heinrich Zäch, der von 1498 bis 1508 Abt von Wessobrunn war (Nr. 87). Auffallend sind die gedrängten, schlanken, hohen Buchstaben der Umschrift. Obgleich die Inschrift einen strengen einheitlichen Gesamteindruck vermittelt, weisen die Buchstaben einen großen Variantenreichtum auf. Sämtliche Schäfte, Balken und auch die offenen Bögen bei C, E und S enden mit kräftigen Sporen. Das A ist als spitzes kapitales A ohne Mittelbalken gestaltet, weist dafür jedoch jeweils einen kurzen kräftig ausgeführten Deckbalken auf. Das E kommt sowohl in unzialer Form als auch in epsilonförmiger Gestalt vor. Die unziale Form mit dem flachen Bogen und einem kurzen geraden Mittelbalken verbleibt im Bereich der Schriftzeile, während das einmal vorkommende epsilonförmige E mit seinen zwei gleich großen Bögen weit über die Oberlinie der übrigen Buchstaben hinausragt. Vergrößert ist auch das erste C im Wort CONCIDIT. Das schmale kapitale F ist durch kurze Balken geprägt, wobei der obere nur geringfügig über den unteren hinausragt. Das I besteht aus einem geraden Schaft, wobei jedoch die Sporen des I vor dem unzialen E bei PATRIE dessen flachen Bogen folgen, sodaß der Eindruck eines gebogenen I-Schafts entsteht. Das M mit geraden Schäften weist einen kurzen bis zur Mittellinie herabreichenden Mittelteil auf. Das O und Q sind ovalförmig gestaltet, wobei die Cauda des Q zunächst senkrecht vom Fußpunkt nach unten führt, in einer Biegung nach rechts in eine Schwellung übergeht und schließlich in einem feinen Zierstrich ausläuft. Das einmal auftretende P mit seinem großen o-förmigen Bogen, der an den oberen Teil des Schaftes wie angehängt wirkt, steht im Wort PATRIE einem R gegenüber, dessen Bogen auffällig klein gestaltet ist, wobei die weit oben am Schaft ansetzende Cauda beinahe parallel zu diesem nach unten führt. Bei einer anderen R-Form ist der Bogen weit größer gestaltet, setzt jedoch auch am Schaft an, während das R einer dritten Form eine Cauda aufweist, die vom Bogen aus schräg gerade auf die Grundlinie führt. Einheitlich sind in dem Bruchstück die vorhandenen T gestaltet, die auf einem geraden Schaft jeweils einen kurzen geraden Balken tragen.

Kapitalis

Die ältesten Zeugnisse einer Kapitalis finden sich im Bearbeitungsgebiet in kurzen Beischriften auf religiösen Bildwerken des fortgeschrittenen 15. Jahrhunderts. In zwei Gewandsauminschriften des Pollinger Retabels von 1444 (Nr. 34, V–VI) treten erstmals vereinzelte Buchstaben der Kapitalis auf, die hinsichtlich der Formengestaltung eine enge Verwandtschaft zur Frühhumanistischen Kapitalis zeigen. Die spärlich überlieferten und weniger charakteristischen Buchstaben sind jedoch dieser Schriftart nicht eindeutig zuzuordnen. Das spitz zulaufende A trägt einen Deckbalken, das schmale M mit senkrechten Schäften weist einen kurzen Mittelbalken und das S mit ausladenden Sporen und der kräftigen Schwellung in der Mitte eine ähnliche Strichstärkenbehandlung wie die gleichlautende Form der Gotischen Majuskel auf. Ebenfalls die Buchstaben der Kapitalis verwenden die Kreuztituli eines Reliefs auf dem Friedhof in Schongau (Nr. 52) von 1483 und eines Wandgemäldes aus dem 15. Jahrhundert in der Brunnenkapelle des Kreuzganges von Steingaden (Nr. 75). Danach sind für geraume Zeit – bis zur geschnitzten Gewandsauminschrift der Pollinger Madonna von 1527 – keine weiteren Inschriften in Kapitalis im Bearbeitungsraum überliefert. Auf der Brust der Madonna, die der Landshuter Bildhauer Hans Leinberger zwischen Weihnachten 1526 und Oktober 1527295) für die ehemalige Pollinger Pfarrkirche „Zu unserer lieben Frau“ schuf, befindet sich die geschnitzte kurze Inschrift O MARIA (Nr. 109). Der Namenszug zeigt ein ovales O, das M hat schräggestellte Schäfte und einen kurzen Mittelteil. Das A ist als spitzes kapitales A gestaltet und die Cauda des R läuft vom Bogen beinahe parallel zum Schaft nach unten, wo sie in einer kleinen Rundung ausläuft. Von dem Weilheimer Maler Jörg Greimold, der die Fassung des Altars besorgte, für den Leinberger diese Madonna ursprünglich geschaffen hatte296), stammt das Tafelgemälde mit dem Bild des knienden Propstes Franziskus Greimold von Bernried297) (Nr. 122). Es zeigt die Stigmatisierung des Hl. Franziskus und auf dem unteren Teil des Bildes ist eine Inschrift aufgemalt. Der Maler des dreizeiligen Textes aus dem Jahre 1541 gestaltet in sicherer Manier eine kalligraphische Kapitalis, die in der Art der Haar- und Schattenstrichgestaltung sowie in den Proportionen und Formen der Buchstaben aber nicht die Nähe zur klassischen Kapitalisschrift, der römisch antiken scriptura monumentalis, sucht. Zu nennen sind spitzes A mit Sporn oder feinen Deckbalken und gebrochenem Mittelbalken, E und F mit stark verkürzten Mittelbalken, G mit weit nach oben gezogener Cauda, I mit darüber gesetztem Häkchen, spitzes M mit Schrägschäften und stark verkürztem Mittelteil, N mit als Haarstrich ausgeführtem Schrägbalken, P mit überproportionalem, geschlossenen Bogen und R mit geschwungener Cauda. Die mittlere Zeile ist durch den Einsatz von zahlreichen Nexus litterarum, Enklaven und untergestellten, sowie in der Zeile schwebenden Buchstaben geprägt.

Die Schrift auf der Steinätztafel mit der in Distichen verfaßten Ermahnung an die Ratsherren von Weilheim vom Jahre 1562 (Nr. 143) bemüht sich stärker darum, die Buchstaben am Vorbild einer klassischen Kapitalis auszurichten. Sichtbare Merkmale stellen die gebogene, stachelförmige Cauda des R, die offenen P-Bögen und der weiter herabführende, bisweilen bis zur Grundlinie reichende Mittelteil des M dar. Die äußeren Schäfte des M sind allerdings in der Mehrzahl in unklassischer Manier senkrecht gestellt. In den I-Punkten findet sich mitunter eines der auffälligsten Kennzeichen neuzeitlicher Gestaltungsweise der Kapitalis. Bei der gemalten Inschrift des Jörg Greimold wurde nur der erste Buchstabe der Inschrift in vergrößerter Form gestaltet, in dem Distichon sind alle Zeilenanfänge in vergrößerten Buchstaben geschaffen.

Auf dem Epitaph für den 1570 verstorbenen Hofmarksgastwirt von Polling, Martin Weinhart (Nr. 150), findet sich erstmals im Bearbeitungsgebiet die Verwendung von Kapitalisbuchstaben im Zusammenhang mit einer Frakturinschrift. Die Initialen des Verstorbenen und seiner drei Ehefrauen sind zur Wappenidentifizierung in der äußeren Rahmung des Bildfeldes über der Frakturinschrift angebracht. Im Gegensatz zu den Buchstabenformen B, G und S, die der klassischen Tradition folgen, stehen M mit geraden Schäften und kurzem Mittelteil, R mit gerader Cauda und das aus zwei verschränkten V gebildete W.

In der Folgezeit wird die Kapitalis im Bearbeitungsgebiet vielfach im Kontext mit der Fraktur verwendet, indem lateinische Begriffe und Textteile oder römische Zahlzeichen innerhalb oder zusammen mit deutschsprachigen Textteilen in kapitaler Schreibweise ausgeführt wurden. Frühe Beispiele hierfür sind die beiden Metalltafeln (Nr. 160, Nr. 167) in der Weilheimer Friedhofskirche St. Salvator und St. Sebastian aus den Jahren 1581 und 1584. Beide Tafeln gedenken im deutschsprachigen Text, der in Fraktur ausgeführt ist, der bzw. des Verstorbenen. Sie weisen zusätzlich jeweils einen Sinnspruch in lateinischer Sprache auf, der in Kapitalis ausgeführt ist. Auf beiden Metalltafeln zeigen die Kapitalisbuchstaben Haar- und Schattenstriche, wobei sie jedoch auf der Tafel von 1584 etwas stärker ausgeprägt sind. Alle Schäfte enden oben und unten in Serifen. An den Enden des Deckbalkens des T finden sich schräg nach außen weisende Sporen. Beide Metalltafeln dürften, da sich die Merkmale bei der Fraktur als auch der Kapitalis weitestgehend entsprechen, vom gleichen Künstler geschaffen worden sein.

Die Inschrift auf der Grabplatte des 1580 verstorbenen Steingadener Abtes Joachim (Salicetus) Wiedemann (Nr. 157) in der Filialkirche Hl. Kreuz ist ebenfalls in einer hochwertigen Kapitalis mit bisweilen eigenwilligen Buchstabenformen und ‑ proportionen gestaltet. Die breitesten Formen bilden hier B, D, E, T und V. B weist eine starke Ausdehnung des unteren Bogens auf und beim E ist der obere und untere Balken extrem weit ausgezogen. Als auffällig erweisen sich ferner das O, das sowohl kreis- als auch ovalförmig ausgeführt ist, das mit beidseitigen Kopfserifen ausgestattete, relativ schmale M mit senkrechten Schäften und verkürztem Mittelteil, das R mit geschwungener Cauda in diagonaler Ausrichtung sowie das X mit geschwungenem rechten Schrägschaft.

Auf dem Grabmal des 1582 verstorbenen Wolfgang Präntl in der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Weilheim (Nr. 164) hält ein Putto ein Stundenglas, neben dem auf einer aufwendig mit Rankenwerk eingefaßten Tafel ein hierzu passendes Bibelzitat in lateinischer Sprache steht. Dieses Zitat ist in Kapitalis ausgeführt. Alle auf dieser Grabplatte sonstigen Texte sind in Gotischer Minuskel geschrieben und in deutscher Sprache verfaßt. Das auf der kleinen Tafel eingehauene lateinische Bibelzitat ist völlig anders gestaltet als die ebenfalls lateinischen Sinnsprüche auf den etwa zeitgleichen Metalltafeln in der Friedhofskirche Weilheims. Sämtliche Schäfte sowohl am oberen als auch am unteren Ende weisen kräftige Sporen auf. Der verkürzte Mittelbalken des E ist zu einem kräftigen, dreieckigen Sporn umgebildet, während der obere Balken nur einige Male einen Sporn aufweist, der untere jedoch meist einen kurzen nach oben zeigenden Stachel hat. Auch der meist schmale Bogen des C endet in Sporen. Das O ist ovalförmig gestaltet, das R besteht aus einem kleinen Bogen und einer langen, nach außen geschwungenen Cauda. Auch werden Buchstaben über- oder untereinandergestellt und verkleinert ineinander verschlungen. M und E werden ligiert, wobei ausnahmsweise der rechte Schaft des ansonsten konischen M mit kurzem Mittelteil senkrecht gestellt wird. Das Grabmal, auf dem sich diese Kapitalisschrift befindet, ist wahrscheinlich von dem Weilheimer Künstler Adam Krumpper (1542/43–1624/25) geschaffen298).

Einen singulären Fall stellt die Grabplatte für Augustin Bertl und seine Ehefrau Apollonia vom Jahre 1590 dar (Nr. 182). Auf ihr ist nämlich das einzige und erste Mal im Bearbeitungsgebiet eine Grabschrift in deutscher Sprache vollständig mit Kapitalisbuchstaben ausgeführt. Die Buchstaben, die mit einheitlichen Strichstärken gestaltet und ohne Sporen versehen sind, wirken etwas klobig. Dies mag damit zusammenhängen, daß die Inschrift erhaben aus dem Stein herausgearbeitet ist.

Die nur etwa zehn Jahre später geschaffene Grabplatte für den Pollinger Propst Jakob Schwarz (1571–1591, Nr. 184) weist dagegen eine meisterhaft gearbeitete Kapitalis auf. Die Haar- und Schattenstriche sind voll ausgeprägt, das O und Q in runder Form gestaltet, wobei die wellenförmig geschwungene Cauda des Q innerhalb des Bogens ansetzt. Das V ist breit angelegt, der Mittelbalken des E gegenüber den oberen und unteren Balken extrem verkürzt. Beim R dominiert der große Bogen, die Cauda ist geschwungen, beim M stehen die Schäfte senkrecht, der Mittelteil reicht bis auf die Grundlinie. Auffällig in der Kapitalis sind die paragraphenzeichenförmigen Worttrenner. Leider ist der Schöpfer dieses Grabmals mit seiner hochstehenden Kapitalisschrift nicht bekannt. Möglicherweise hat der gleiche Meister auch die kleine Steintafel geschaffen, die einstmals die ursprüngliche Grabstelle dieses Pollinger Propstes kennzeichnete (Nr. 185). Diese Tafel weist ähnliche Gestaltungsprinzipien und einen vergleichbaren spielerischen Umgang mit den Buchstabenformen wie die große Grabplatte auf. Während auf der großen Grabplatte nur Nexus litterarum zu finden sind, gibt es auf der kleinen Tafel daneben ineinander verschränkte Buchstaben, wie bei C/O und C/H, was wohl durch den beschränkten Platz bedingt war. Zum belebten Schriftbild tragen ferner die vergrößerten Buchstaben am Beginn einzelner Wörter, die kreisrunden O-Formen und die geschwungenen Cauden von R bei. Beim V weicht die sorgfältig durchgeführte Haar- und Schattenstrichgestaltung vom klassischen Schema ab.

Von dem Wessobrunner Abt Benedikt Schwarz (1589–1598) sind insgesamt vier Inschriften in Kapitalis erhalten. Außer dem Grabdenkmal (Nr. 227) zwei Inschriften auf die Errichtung des Brunnenhauses (Nr. 179) sowie eine auf die Errichtung der Kreuzbergkapelle (Nr. 201). Die beiden erhaben gearbeiteten Tafeln auf die Errichtung des Brunnenhauses (Nr. 179) zeigen den gleichen Duktus. Auf beiden Tafeln weist die Kapitalis nur geringe Haar- und Schattenstriche auf und die oberen und unteren Balken des E sind überproportional lang. Beim AE im gleichlautenden Wort AEDIFICAVIT wird zweimal der gleiche Nexus litterarum verwendet, wobei sich jeweils das E an den rechten Schrägschaft des A anlegt. Das W ist aus zwei ineinander verschränkten V gebildet. Es dürfte sich somit bei den beiden Tafeln um Arbeiten aus der gleichen Werkstätte, wenn nicht des gleichen Meisters handeln.

Eine ganz andere Gestaltung des Inschriftentextes zeigt die Bauinschrift auf die Errichtung der Kreuzbergkapelle (Nr. 201) oberhalb von Wessobrunn im Jahre 1595 durch den genannten Abt. Hier sind die Haar- und Schattenstriche in starken Kontrast zueinander gesetzt, das M mit senkrechten Schäften und kurzem Mittelteil gestaltet, wobei der linke Schrägschaft und die rechte senkrechte Haste als Schattenstrich ausgearbeitet sind. Beim B laufen sowohl der obere als auch der untere Bogen in eingerollten Zierlinien vor dem Schaft aus. Auch beim R enden der Bogen und die geschwungene Cauda in einigen Fällen vor dem Schaft in mehr oder weniger starken Einrollung. Der rechte Schrägbalken des X ist geschwungen und das S ist mit Ausnahme der Worte SCHWARZ und ABBAS jeweils wie ein auf der Grundlinie gebrochenes Schaft-s der Gotischen Minuskel gestaltet, dessen Fahne hier das Zweilinienschema der Kapitalis überschreitet. Reich verziert ist der erste Buchstabe der Inschrift, ein A, an dessen Spitze der rechte Schrägschaft in reich verschlaufte Zierlinien mit Blattwerk übergeht. Sämtliche I sind mit quadratischen, auf die Spitze gestellten Punkten versehen. Geprägt ist die Inschrift durch eine Fülle von Enklaven, Verschränkungen und über- und untergestellten Buchstaben.

Das heute in der Schongauer Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt aufgestellte Grabmal des Christoph Jakob Lidel von 1595 kann für eine Schriftbeurteilung nicht mehr herangezogen werden. Die Schrift ist durch die Renovierungen in den Jahren 1806 und 1911 völlig verfälscht (Nr. 198).

Auch die im wesentlichen nur aus wenigen Buchstaben bestehenden Inschriften am Weilheimer Finanzamt (Nr. 195) von 1592, auf der Tischplatte im Schongauer Stadtmuseum (Nr. 197) von 1594 und auf dem Torbogen in Steingaden von 1589 (Nr. 178) können keinen Einblick in die Schriftentwicklung geben, jedoch ist das G der letzteren Bauinschrift von 1589 bemerkenswert. Es weist einen stark abgeflachten unteren Bogenabschnitt auf, an dessen Ende die Cauda ansetzt und in einem langen senkrechten Strich fast bis zum oberen Bogenabschnitt führt. Auch das flachgedeckte, leicht trapezförmige A ist für diese Zeit im Bearbeitungsgebiet singulär.

Von den dem Maler Elias Greither d.  Ä. zugeschriebenen Objekten sind neben den vielen Frakturinschriften, die jedoch meist durch die vor allem im 19. Jahrhundert erfolgten Renovierungen nicht mehr dem ursprünglichen Zustand entsprechen dürften (vgl. oben, Abschnitt über Elias Greither d.  Ä.), auch einige Bilder mit Kapitalisinschriften überliefert (Nr. 239, Nr. 326).

Das lateinische Lobgedicht auf den Pähler Pfarrer Balthasar Fridl von 1626 auf der Rückseite seines Porträts (Nr. 293) ist in Kapitalis ausgeführt, während die danebenstehende deutsche Version in Fraktur geschrieben ist. Der Name, die Datierung und die wesentliche Aussage, daß der vergängliche Mensch eine Beute der Zeit ist, sind in roter Farbe verfaßt. Viele der Wortanfänge sind vergrößert und die aufeinanderfolgenden Buchstaben A und E ausnahmslos als Nexus litterarum gestaltet. Die I sind mit Punkten versehen. Die Inschrift mit ihren ausgeprägten Haar- und Schattenstrichen entspricht ansonsten den zeitlichen Gegebenheiten.

Während in allen bisherigen Fällen eines Nexus litterarum von A und E das E am rechten Schrägschaft des A angelehnt ist, ist beim Nexus litterarum auf dem Grabmal eines Priesters in Burggen aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts (Nr. 336) das spitze A an den senkrechten Schaft des E angelehnt. Die nur fragmentarisch erhaltene Inschrift ist in einer etwas unbeholfenen Art ausgeführt, wobei die einzelnen Buchstaben nicht immer die gleiche Größe aufweisen, so daß man annehmen darf, daß diese Inschrift von einer weniger geübten Hand ausgeführt wurde.

Fraktur

Die Fraktur wurde im inschriftlichen Bereich als vollständig ausgebildete Schrift aus dem buchschriftlichen Bereich übernommen299). Sie wurde im Bearbeitungsgebiet fast ausschließlich für deutschsprachige Inschriften eingesetzt. Im Landkreis Weilheim-Schongau tritt sie verhältnismäßig spät auf.

Das älteste Beispiel einer Grabinschrift mit Frakturbuchstaben stammt aus dem Jahre 1570 und befindet sich auf dem Epitaph für den Pollinger Hofmarksgastwirt Martin Weinhart (Nr. 150). Die Inschrift zeigt bereits die charakteristischen Formen der Fraktur, die spitz auslaufenden, unter die Zeile reichenden Unterlängen von f und Schaft-s, das einstöckige a, annähernd mandelförmige Bildung des o, sowie die Schwellungen an den Schäften. Die Großbuchstaben sind relativ einfach ausgebildet. Das G weist zwar Bögen und Schwünge auf, jedoch nicht die für Frakturversalien typischen, sogenannten Elefantenrüssel. Die in den vier Ecken des Epitaphs angebrachten Initialen des Verstorbenen und seiner Ehefrauen sind in Kapitalis ausgeführt.

Die nur kurze Zeit (1581 bzw. 1584) später entstandenen Metalltafeln (Nr. 160, 167) in der Friedhofskirche St. Salvator und St. Sebastian in Weilheim zeigen dagegen bereits in üppigster Weise bei den Versalien ausschwingende Zierlinien, sodaß diese den eigentlichen Buchstaben fast unkenntlich machen. Auch die Zeilenzwischenräume und die Wortabstände sind durch Zierelemente, – im wesentlichen weit ausholende Bögen – ausgefüllt. Die beiden für das Bearbeitungsgebiet singulären Metalltafeln erinnern in der Ausgestaltung der Versalien an die Steinätztafel vom Jahre 1561, die in Gotischer Minuskel verfaßt ist (Nr. 142), und die Steinätztafel mit Frakturinschrift aus der Zeit um 1562 (Nr. 145). Besonders auf ersterer sind die Versalien ähnlich üppig durch Bögen und ausschwingende Zierlinien geschmückt. Die reichere Ausgestaltung dieser Beispiele hängt sicherlich mit den jeweiligen Techniken – Metallguß und Steinätzung – zusammen.

Die 1588 geschaffene Frakturinschrift auf dem Grabstein für den Schongauer Bürgermeister Augustin Stadtmiller und seine Ehefrauen (Nr. 174) weist dagegen noch Merkmale der Gotischen Minuskel auf. Die Schrift enthält zwar das einstöckige a, das jedoch, soweit anhand der schlecht erhaltenen Grabplatte und auf den im Jahre 1983 entstandenen Fotos erkennbar, linksseitig gekerbt ist. Die Schäfte von n und m sind leicht gebrochen, jedoch ist das d und o im unteren Teil der Inschrift mandelförmig, das g und z sind mit kleinem unteren Bogen ausgeführt. f und Schaft-s gehen nur geringfügig unter die Zeile und weisen noch keine Schwellschäfte auf. Die Versalien zeigen dagegen vielfach bereits weit ausholende Bögen und Verzierungen, die den vorhandenen Gesamteindruck einer Frakturschrift noch verstärken.

Auch die erhaben ausgeführte Inschrift für den nach 1593 verstorbenen Bürgermeister von Weilheim, Anton Thumberger, auf dessen heute an der östlichen Friedhofsmauer aufgestellten Grabstein (Nr. 217) zeigt noch Merkmale der Gotischen Minuskel. a ist einstöckig, der Bogen ist aber noch gebrochen. Die Schäfte bei n und m sind an den Enden gebrochen und enden in Quadrangeln. Das Schaft-s zeigt die typischen Schwellungen der Frakturschrift und geht weit unter die Zeile.

Die Inschrift auf dem Epitaph des 1604 verstorbenen Bürgermeisters von Weilheim, Hans Rait (Nr. 222), vermittelt den Eindruck einer voll ausgebildeten Fraktur. Sie

zeigt Brechungen beim n und m. Das f und das Schaft-s zeigen kaum Schwellungen. Sie reichen jedoch weit pfahlförmig in die Unterlängen.

Die undatierte Inschrift auf einem Gedenkstein zu einem Beinhaus in Schwabbruck (Nr. 335) zeigt bereits alle typischen Merkmale einer Frakturschrift in voller Ausprägung. Die Schrift umfaßt einstöckiges a, mandelförmiges o und langes pfahlförmiges, in die Unterlänge reichendes f und Schaft-s.

Auch die Schrift auf dem Grabstein für den 1603 verstorbenen Jörg Sigmund Schnedt (Nr. 220) in der Pfarrkirche St. Magnus in Huglfing zeigt sämtliche Merkmale einer typischen Fraktur, jedoch sind die unten spitz auslaufenden Schaft-s nur mit einer leichten Schwellungen ausgeführt und enden jeweils kurz unter der Zeile.

Bei der erhabenen Inschrift für die 1609 gestorbenen Angehörigen der Familie Morhart (Nr. 241) endet der Schwellschaft des s meist weit pfahlförmig unter der Zeile.

Die im gleichen Jahr entstandene ebenfalls erhabene Gedenkinschrift in der ehemaligen Stiftskirche Habach (Nr. 240) zeigt alle typischen Formen der Fraktur, das mandelförmige o und d, das einstöckige a und die unter die Zeile reichenden f und Schaft-s. Lediglich die Schwellungen an den Schäften sind nur schwach ausgebildet. Auch finden sich einige Versalien mit Verzierungen durch Schwellzüge.

Auf der äußerst schlecht erhaltenen Grabplatte für den Schongauer Steinmetz Paul Reichel von 1608 (Nr. 237) sind die Großbuchstaben – soweit noch erkennbar – nicht als reich verzierte Versalien ausgebildet. Sie heben sich kaum von der Textschrift ab.

In Pähl zeigen einige, möglicherweise aus einer Werkstatt stammende Grab- und Gedenksteine für Angehörige der Familie Berndorff (Nr. 194, 261, 271) eine erhaben gearbeitete Frakturschrift, bei der sich ebenfalls die Großbuchstaben kaum von dem auf den Mittellängenbereich konzentrierten Text abheben. Obwohl die Schäfte des langen s pfahlförmig in die Unterlängen reichen und deutliche Schwellungen zeigen, bleibt dennoch – wohl bedingt durch die kurzen Oberlängen – der Eindruck einer auf den Mittellängenbereich konzentrierten Schrift.

Die auf 1616 datierte Grabtafel des Rottenbucher Hofmarkrichters Mathias Schwaiger auf dem Rottenbucher Friedhof (Nr. 258) zeigt, soweit noch erkennbar, eine eingehauene, breiter angelegte Frakturschrift. Das 1623, nach dem Tod der Ehefrau, wohl von seinen Kindern errichtete zweite Grabmal für Mathias Schwaiger und seine Ehefrau Catharina, das die Signatur des Hans Mair trägt (Nr. 282), weist – soweit erhalten – eine feiner ausgeführte Fraktur auf.

Die drei Jahre jüngere Inschrift in Schwabbruck für den Siechenpfleger Fichtel (Nr. 294) zeigt, obwohl in einem verhältnismäßig breiten Duktus gehauen, fein gearbeitete Frakturbuchstaben. Das Schaft-s weist die typischen Schwellungen auf und reicht pfahlförmig weit in die Unterlänge. Die Großbuchstaben, insbesondere beim G, sind mit Zierlinien versehen. Sie heben sich nicht dominant vom übrigen Schrifttext ab.

In Habach befindet sich am Anwesen Hauptstraße 5 eine Bauinschrift (Nr. 291), welche in erkennbar ungeübt eingeschlagenen Buchstaben den Erbauer und seine Ehefrau bezeichnet sowie die Jahreszahl 1626 angibt. Interessant ist, daß an das Schaft-s ein kleines rundes s angehängt ist und die auf der Zeile endenden Schäfte von f und Schaft-s, jeweils nur mit einem Sporn in die Unterlänge ragen.

Eine weit gekonntere Inschrift zeigt das Epitaph von 1628 für Stefan Soher aus Burggen (Nr. 300). Das heute als Leihgabe im Schongauer Stadtmuseum aufgestellte Epitaph weist in seiner Inschrift alle Elemente einer gekonnt ausgeführten Frakturschrift auf.

In Schongau und Umgebung sind vier Inschriften von dem Schongauer Steinmetz Hans Mair überliefert (Nr. 279, 282, 306 und 312). Eine wurde von ihm für den Schongauer Maler David Hummel und seine Familienangehörigen gemäß der Datierung auf dem Rand der Grabplatte im Jahre 1622 geschaffen (Nr. 279). Eine zweite stammt aus dem Jahre 1633, dem Todesjahr des Schongauer Bürgers Hans Stadtmiller (Nr. 312). Die Schrift auf der Grabplatte von David Hummel weist ein doppelstöckiges a auf und die Schäfte von n und m laufen in Quadrangeln aus. Die Hasten des f und des Schaft-s mit schwach ausgeprägten Schwellungen laufen spitz in der Unterlänge aus. Der Bogen dieser Buchstaben ist gebrochen. Insgesamt macht die Inschrift den Eindruck einer Gotischen Minuskel. Bei der zehn Jahre später entstandenen Inschrift des gleichen Bildhauers enden die Schäfte von f und Schaft-s oben in einfachen Bögen mit Quadrangel und die Versalien, insbesondere beim G, treten mit ihren Schwellzügen viel prägnanter hervor.

Das aufwendig gestaltete Epitaph für Michael Staiger und seine Familie in der Schongauer Friedhofskirche St. Sebastian (Nr. 296) zeigt eine ähnliche Schrift, wie das im Jahre 1633 entstandene für Hans Stadtmiller (Nr. 312).

Die in der Weilheimer Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt aufgestellte Grabplatte für den Umgelter Wolf Georg Rebstain und seine Frau (Nr. 301) ist in künstlerisch hochwertiger Weise gestaltet. Die Schrift mit ihrer weitgehenden Konzentration auf den Mittellängenbereich und den noch deutlich sichtbaren Brechungen und dem gitterartigen Schriftbild erinnert an die Gotische Minuskel, obwohl sie nach den Buchstabenformen, mit einstöckigem a und dem in die Unterlänge reichenden f sowie Schaft-s, eindeutig der Fraktur zuzuordnen ist. Auffallend bei diesem Beispiel sind die annähernd runden Formen v.a. bei o, die den sonst eher strengen Charakter der Schrift durchbrechen.

Die erhaben ausgeführte Inschrift auf dem Epitaph des Pähler Priesters Balthasar Fridl († 1643, Nr. 324) wurde noch zu seinen Lebzeiten angefertigt. Sie zeigt a, dessen Bogen meist gebrochen und geschwungen ist. Ähnlich werden auch die Bögen bei unzialem d und g gestaltet.

Auf dem Epitaph des 1645 verstorbenen Chorherren Christoph Dietz von Habach sind der Kreuztitulus und das Monogramm auf dem Wappenschild in einer einfachen Kapitalis ausgeführt. Die Grabschrift in einer typischen Fraktur ist auf einem quadratischen Schriftfeld im unteren Teil des Epitaphs angebracht (Nr. 327). Die Buchstaben o und d sind mandelförmig, das a ist einstöckig. Auch hier wird der Bogen gebrochen und geschwungen. f und Schaft-s weisen die typischen Schwellungen auf und laufen spitz in die Unterlänge aus. Die Schäfte der über die Mittellänge hinausreichenden Buchstaben neigen sich am oberen Ende nach rechts und das zweite r bei Herr ist als Bogen-r gebrochen aufgeführt.

Auch die Inschrift auf der aufwendig gestalteten Grabplatte für Urban Morhart und seine Frau Sabina aus dem Jahre 1642 (Nr. 322) zeigt eine meisterhaft gestaltete Frakturinschrift. Auch hier sind typische Eigenschaften einer Fraktur vorhanden. Die Schwellungen an den Schäften von f und Schaft-s sind dezent herausgearbeitet, die Hasten reichen mit einem Sporn in die Unterlänge. Die Versalien sind in Schwellzüge aufgelöst. Sie prägen den Gesamteindruck der Inschrift.

Ein größerer Teil der Frakturinschriften im Landkreis Weilheim-Schongau entfällt auf gemalte Inschriften.

Die älteste erhaltene gemalte Frakturinschrift findet sich auf dem großen Tafelbild von 1570 mit Szenen aus dem Leben des Hl. Wendelin in der Kapelle St. Agatha in Weilheim (Nr. 151(†)). Leider wurde die Schrift bei einer Renovierung 1874 vollständig erneuert, sodaß es sich hier nicht mehr um den Originalbefund handelt.

In Schongau hängt in der Friedhofskirche St. Sebastian ein gemaltes Tafelbild bzw. Epitaph, bei dem es sich wohl um das älteste noch im Originalzustand befindliche Beispiel für gemalte Fraktur des Bearbeitungsgebietes handelt. Dieses Epitaph weist eine Inschrift für die 1553 und 1588 verstorbenen Bürgermeister Mathias Wiedemann und Augustin Stadtmiller sowie die 1581 verstorbene zweite Ehefrau Barbara Weichsner (Nr. 161) auf. Die Buchstabenformen zeigen sämtliche Merkmale einer ausgereiften Fraktur. Die Großbuchstaben sind nicht geschmückt. Das f und Schaft-s reichen weit in die Unterlängen und haben ausgeprägte Schwellungen, wie auch das d bei seinem in die Oberlänge reichenden Teil.

Von einem unbekannten Allgäuer Maler stammt das Tafelbild aus der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts „Vorbereitung zur Annagelung Christi“ (Nr. 206). Es stellt gleichzeitig ein Gedenkbild für die Gründer des Klosters Steingaden dar. Es weist die kopial überlieferte Inschrift auf dem Grabmal der Gründer Steingadens im Steingadener Kloster auf sowie erläuternde Beischriften zum dargestellten Geschehen mit der Angabe der entsprechenden Bibelstellen. Während die ursprüngliche Grabinschrift auf die Gründer Steingadens nach der kopialen Überlieferung in Gotischer Minuskel ausgeführt war (Nr. 110†), ist auf dem Tafelbild die Inschrift in einer feinen Fraktur gemalt. Auffallend ist aber bei f und Schaft-s, daß die Bögen als Haarstriche gestaltet sind und in einer Fahne enden.

Die auf dem Opferstock in der Habacher Kirche befindliche Inschrift aus dem Jahre 1606 (Nr. 228) läßt trotz der im Laufe der Jahre sicherlich durchgeführten Renovierung die typischen Frakturbuchstaben erkennen, jedoch sind keinerlei mit Bögen oder sonstigen Verzierungen versehene Großbuchstaben vorhanden.

Die von dem Schongauer Maler Jörg Schätzli im Jahre 1605 geschaffene Darstellung des Stammbaumes Christi (Nr. 225) zeigt die Namen der Vorfahren Christi in einer breiten dicken Frakturschrift, während die Namen der Stifter des Bildes in einer etwas feineren Manier gemalt sind.

Auf dem im gleichen Jahr entstandenen Gemälde von David Hummel der Schongauer Ratsherren (Nr. 224) sind Großbuchstaben erkennbar, die durch Zierstriche, die die Schäfte parallel begleiten, sowie mit gegenläufig geschwungenen Zierlinien ausgeschmückt sind.

Aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts stammt auch das Zunftbild der Schongauer Weber (Nr. 272), deren Namen ebenfalls in einer breit ausgeführten Frakturschrift wiedergegeben sind, die sicher noch im Originalzustand ist.

Die deutsche Version des Lobgedichts auf der Rückseite des Bildes des Pähler Pfarrers Balthasar Fridl (Nr. 293), die neben die lateinische Kapitalisinschrift gemalt wurde, ist in Fraktur ausgeführt. Von f und Schaft-s geht jeweils ein feiner Haarstrich in die Unterlänge. Ebenso ist das h, dessen Bogen eine starke Schwellung aufweist, nur durch einen feinen Haarstrich in der Unterlänge verlängert. Die Schäfte aller in die Oberlänge reichenden Buchstaben sind dagegen ohne jegliche Schwellungen ausgeführt. Die Schwellzüge sind jedoch bei den unteren Bögen des g und beim d und ß, sowie bei allen Großbuchstaben stark ausgeprägt. Diese Inschrift dürfte noch im originalen Zustand sein.

Das im Schongauer Heimatmuseum befindliche Bild der Himmelskönigin Maria (Nr. 323) weist eine gemalte Stifterinschrift aus dem Jahre 1642 auf, die noch weitgehend im ursprünglichen Zustand sein dürfte. Die Buchstabenformen entsprechen einer typischen Frakturinschrift, ohne daß irgendwelche Besonderheiten erwähnenswert wären.

In Weilheim und Umgebung haben sich ab den 90er Jahren des 16. Jahrhunderts eine ganze Reihe gemalter Beispiele von dem Weilheimer Maler Elias Greither d. Ä. erhalten (vgl. z.B. Nr. 191ff., 274f. und 286). Die meisten dieser Inschriften sind bei Renovierungen, insbesondere im 19. Jahrhundert, übermalt worden oder befinden sich in einem schlechten Erhaltungszustand. Nur wenige sind im Original erhalten. Daher lassen sich hier keine Aussagen zu einem Werkstattstil treffen.

Viele gemalte Inschriften sind durch Renovierungen verfälscht, sodaß hier keine Entwicklung aufgezeigt werden kann.

4.1 Überblick über die wichtigsten Werkstätten

von Ramona Baltolu

Die Schriftlandschaft im Gebiet des Landkreises ist relativ heterogen, da hier unterschiedliche historische Einheiten zusammentreffen.

Es finden sich – meist vereinzelt – im Bereich der Steinbildhauerei Stücke, die entweder über Stilvergleich oder über Künstlersignaturen Meisterwerkstätten zugewiesen werden können. An dieser Stelle soll ein knapper Überblick hierüber gegeben werden.

Ulrich Wolfhartshauser

Das früheste Beispiel, das einer namentlich bekannten Werkstatt zugeschrieben wird, ist die figurale Grabplatte für den Rottenbucher Propst Georg Neumair (Nr. 33). Sie wird von Volker Liedke dem Augsburger Bildhauer Ulrich Wolfhartshauser zugewiesen300). Während Liedke das Stück ins Alterswerk des Meisters verweist und es um 1465 ansetzt, muß die Platte jedoch über zwanzig Jahre früher datiert werden. Die Mitra, die Neumair trägt, wurde erst nachträglich eingesetzt, nämlich nachdem der Propst 1442 die Pontifikalien verliehen bekam. Die Platte muß also davor entstanden sein.

Bei der erhaben gearbeiteten Gotischen Minuskel auf der Platte des Georg Neumair fallen folgende Formen auf:

Beim doppelstöckigen a ist der linke Teil des oberen Bogens als Haarstrich ausgeführt, der parallel zum rechten Teil und zum Schaft in den unteren Bogen hineingeführt wird. Der untere Bogen des g ist waagrecht nach links abgeknickt. o ist parallelogrammförmig, wobei der untere Teil des linken Schaftes den tiefsten Punkt bildet. Das runde s „kippt“ oben leicht nach links. Besonders ins Auge stechen diverse Zierelemente. So sind die Worttrenner blütenförmig, aber auch als Quadrangel mit oben und unten anhängenden Zierstrichen gestaltet. An den – teils auch abgeknickten – Schaftenden werden Zierhäkchen angehängt. Neben beliebten Stellen wie beispielsweise an der aus einem Quadrangel gebildeten Fahne des r finden sich diese Zierstriche auch am linken Ende des unteren g-Bogens oder am abgeknickten oberen Bogenabschnitt des e (sowohl nach unten als auch nach oben). Diese Zierstriche werden beim e am Textende (pace) besonders ausgestaltet. Hier läuft der untere Teil des gebrochenen Bogens an der rechten Spitze in drei eingerollten Zierhäkchen aus.

Haldner

Ein weiteres hochwertiges Stück, das aus einer bekannten Werkstatt stammen soll, ist die Deckplatte der Pollinger Prälatengruft (Nr. 57). Sie wurde von Propst Johannes II. Vendt († 1491), der selbst als erster Vorsteher darin bestattet wurde, in Auftrag gegeben. Sie stammt sehr wahrscheinlich aus der Münchener Haldner-Werkstatt. Volker Liedke weist sie Marx Haldner zu301).

Bei einem Schriftvergleich mit einem ebenfalls dieser Werkstatt (Hans Haldner) zugeschriebenem Stück, nämlich dem spätmittelalterlichen Grabmal für Ludwig den Bayern in der Münchener Frauenkirche302), fallen durchaus Ähnlichkeiten auf. Als aussagekräftig können folgende Merkmale gelten: der obere Bogenabschnitt des e ist eher spitzwinklig abgeknickt und relativ lang. Der Balken berührt den Schaft, wo er eingerollt ist. Der untere Bogenabschnitt des p ist abgeknickt und durchschneidet schräg den Schaft. Das Bogen-r ist zu zwei relativ steilen Schrägbalken stilisiert. Die beiden gebrochenen Bögen des runden s sind vertikal relativ weit ineinander verschoben. Bei der Pollinger Platte fehlen im Unterschied zu dem Münchener Beispiel jedoch die dort häufigen eingesetzten Zierhäkchen. Das mag vielleicht mit dem ausführenden Handwerker zusammenhängen (Marx oder Hans Haldner) oder mit einem bewußt gewählten Schriftniveau.

Jobst Bagner (Wagner)

Das älteste signierte Beispiel im Landkreis findet sich in der ehemaligen Klosterkirche in Steingaden. Es handelt sich um ein Fragment des Grabmals von Abt Vitus Meier (1491–1500, Nr.  81). Es stammt nach Ausweis der Signatur von dem steinmez iobst bagner (möglicherweise für Wagner). Zu ihm ist bislang nichts bekannt.

Die Platte wurde von einem Schriftband mit Umschrift gerahmt, wie an den Seiten des Fragmentes noch zu erkennen ist. Leider ist der Zustand schlecht, sodaß nur wenige Buchstaben entziffert, Schriftdetails eigentlich nicht mehr nachvollzogen werden können. Zu erkennen ist noch, daß die sich im Anschluß an den Text anschließende Künstlersignatur in einem kleineren Schriftgrad ausgeführt wurde. Es ist auch diese Signatur der noch am besten lesbare Teil der Umschrift. Bei dieser erhaben gearbeiteten Gotischen Minuskel sind die Oberlängen relativ ausgeprägt. Gut sichtbar ist noch die Abtsnennung auf dem Amikt. Die Gotische Minuskel in diesem Bereich hebt sich nicht stark von der übrigen Textschrift ab, weist aber dennoch ein paar Eigenheiten auf. So ist hier das runde s nicht gebrochen. Beim Schaft des doppelstöckigen a Fehlt die Brechung nach rechts auf der Grundlinie, was in der Textschrift nicht so ist.

Adam Krumpper

Im Laufe des 16. Jahrhunderts treten bekanntere lokale Meister auf. Besonders Weilheim wird zu einem Zentrum für Kunsthandwerk.

In die Anfangszeit dieser Entwicklung ist der Weilheimer Bildhauer Adam Krumpper (1542/43–1624/25) zu setzen, der Vater des berühmten Hans Krumpper303).

Ihm wird von den im Band aufgenommenen Objekten die Wappengrabplatte für den Weilheimer Pfleger Wolf Georg Präntl († 1582) und seine Ehefrau Anna Offenheimer († 1581) zugeschrieben (Nr. 164). Das Stück ist äußerst hochwertig ausgearbeitet. Es können sogar zwei Schriftgrade unterschieden werden: die Schrift im Schriftfeld ist etwas einfacher gehalten als die Ausprägung in der Umschrift. Dies mag zum einen das Können des Meisters bzw. der Werkstatt widerspiegeln, zeigt jedoch gleichzeitig auch, daß in dieser Zeit kein vollkommen einheitlicher Schriftstil mehr für eine Werkstatt festgemacht werden kann. Bei beiden Inschriften handelt es sich um erhaben gearbeitete Gotische Minuskel, die von teils stark ausgeschmückten Versalien durchdrungen ist und so schon stärker an das Schriftbild einer Fraktur erinnert. Als mögliche Merkmale der Schrift können folgende Buchstaben ausgemacht werden: Der linke Teil des oberen Bogens des doppelstöckigen a wird in einer relativ runden Krümmung zum Schaft hingeführt. Die annähernd gleiche Biegung weist auch das a der Umschrift auf: hier läuft allerdings der Bogen in einen Zierstrich aus, der am unteren Ende nochmals eingerollt ist. Ähnlich verhält es sich beim e: während der gebrochene Bogen in der Texttafel oben lediglich abgeknickt ist, wird er in der Umschrift durch einen geschwungenen und eingerollten Zierstrich ergänzt. Der Knickwinkel dürfte bei beiden Inschriften derselbe sein. Dies ist beim Schaft-s anders: während die Fahne des s im Textfeld waagrecht verläuft, ist sie in der Umschrift spitzwinklig geknickt. Besonders ersichtlich ist der Schriftunterschied beim g: im Textfeld ist der obere Teil des oberen Bogens als Deckbalken gestaltet, der rechts über den Schaft hinaus ragt; in der Umschrift ist der obere Bogenabschnitt gebrochen und schließt direkt mit dem Schaft ab. Der sonstige Aufbau des Buchstabens ist vergleichbar. Der untere Bogen ist in beiden Fällen spitzwinklig abgeknickt. Ebenfalls im Unterschied zum Textfeld werden Oberlängen in der Umschrift häufig gegabelt. Ein Merkmal, das besonders bei der Umschrift hervortritt, das aber in Ansätzen auch im Textfeld bemerkbar ist, ist die besondere Ausgestaltung der Brechungen. Die gebrochenen Schäfte weisen meist an beiden Enden Quadrangel auf. Diese Quadrangel kommen offenbar auch bei „Schäften“ zum Einsatz, die aus gebrochenen Bögen resultieren. Die Quadrangel sind eigentlich kaum sichtbar, machen sich aber durch kleine hervorstehende Ecken an den Bruchstellen der Schäfte (bzw. Bögen) bemerkbar. Das kann man an folgenden Stellen beobachten: beim oberen Abschnitt des oberen g-Bogens, beim Bogen des Schaft-s, an den mittigen Enden der beiden Bögen des runden s und am oberen Bogen des a.

Die Grabplatte Wolf Georg Präntls ist für Weilheim und Umgebung eine herausragende Arbeit. Daher ist es schwierig, weitere Stücke ausfindig zu machen, die dieser Platte vergleichbar sind.

Von kunstgeschichtlicher Seite wurde als weitere Arbeit Adam Krumppers die figurale Grabplatte des Weilheimer Bürgermeisters Caspar Mair († 1569) und seiner Ehefrauen Anna und Elspeth in Betracht gezogen (Nr. 148). Leider ist der Erhaltungszustand dieser Platte nicht besonders gut, sodaß Details der Schrift nicht erkennbar sind.

Es handelt sich auch bei diesem Stück um eine erhaben gearbeitete Gotische Minuskel mit relativ aufwendigen Versalien. Die einzelnen Buchstaben unterscheiden sich von der Präntl-Platte. Es können aber eventuell Merkmale bezeichnet werden, die vergleichbar erscheinen. Die Krümmung des oberen Bogens des doppelstöckigen a, der zum Schaft hingezogen wird, erinnert an die Gestaltung auf der Texttafel der Präntl-Platte. Auch g ist im Grundaufbau ähnlich. Es scheinen bei dieser Schrift jedoch die oben beschriebenen Quadrangel so gut wie nicht ausgeprägt zu sein. Auch die Versalien sind bei dem Grabmal für Caspar Mair nicht so reich ausgeschmückt.

Ein Stück, das von der Kunstgeschichte noch nicht näher zugewiesen wurde, dessen Inschrift aber der Präntl-Platte bzw. der Mair-Platte vergleichbar ist – ohne daß hier ein fester Werkstattyp festgestellt werden kann –, ist die Grabplatte für den Weilheimer Bürgermeister Hans Englhart (Nr. 155). Es handelt sich hier wiederum um eine erhaben gearbeitete Gotische Minuskel, die sich ebenfalls in einem relativ schlechten Erhaltungszustand befindet.

Die Gestaltung des oberen a-Bogens und der Aufbau des g sind ähnlich. Schaft-s findet sich sowohl mit einer waagrechten Fahne, als auch mit einem geknickten Bogen. Erstere Form erscheint besonders in Verbindung mit nachfolgendem t. Eine Ausprägung der Quadrangel wie bei der Präntl-Platte ist auch hier nicht gegeben, sie macht sich jedoch ansatzweise bemerkbar. Die Versalien gleichen mehr der Gestaltung auf der Mair-Platte.

Weder die Platte für Caspar Mair noch die für Hans Englhart erreichen das Niveau des Grabmals für Wolf Georg Präntl. Eine genauere Zuweisung an Adam Krumpper erscheint daher unsicher.

Ebenso ungesichert ist eine Zuschreibung durch Andreas Schmidtner, der die Wappengrabplatte für die Familie Tuchsenhauser (datiert 1512) in Polling dem Bildhauer Thomas Krumpper, dem möglichen Vater oder Großvater des Adam Krumppers, zuweist (Nr. 93). Von Seiten der Inschriftenpaläographie kann hier keine Linie zu den Stücken, die Adam Krumpper zugeschrieben werden, gezogen werden. Die erhaben gearbeitete Gotische Minuskel weist einige Eigenheiten auf. Das doppelstöckige a zeigt durchgängig den selben Aufbau, der obere Bogen wird jedoch leicht variiert. Er ist meist relativ rund, der Haarstich wird geschwungen in den unteren Bogen hineingezogen. Der obere Bogen wird Richtung Schaft „gedrückt“, wenn der Buchstabe zuvor nach rechts ausgreift, wie beispielsweise die Fahne des r (vgl. z.B. Begraben). Der obere Abschnitt des oberen gebrochenen Bogens des g ist waagrecht gestaltet und durchschneidet den Schaft, der ebenfalls nach oben leicht verlängert ist. Der untere Bogen ist ebenfalls gerade gestaltete und verläuft teils diagonal nach unten, teils waagrecht. Die Fahne des Schaft-s verläuft ebenfalls horizontal und ist relativ lang. Die äußeren Abschnitte der beiden Bögen des runden s sind beinahe im rechten Winkel abgeknickt. Die Versalien sind ansatzweise in Schwellzüge aufgelöst. Bei einigen bildet ein rechtsschräger Haarstrich sozusagen die Achse, an der die Schwellzüge ansetzten, so bei D von Dixenhavser, bei O von Oswald, auch bei B von Bixenhavser.

Paul Reichel

In Schongau ist ab 1560 der Bildhauer Paul Reichel, der mögliche Vater des Hans Reichel, nachweisbar.

Zentrales Werk dieses Bildhauers ist das Grabmal des Cyriacus Weber und seiner Ehefrau Regina Honold von 1575 in der Stadtpfarrkirche Unserer Lieben Frau in Landsberg am Lech304).

Aus dem Schongauer Bestand wird ihm lediglich die Wappengrabplatte für den Bürgermeister Augustin Stattmiller († 1588) und seine Ehefrauen zugeschrieben (Nr.  174). Leider kann hier von inschriftenpaläographischer Seite kein Vergleich gezogen werden, da das Landsberger Stück – das sicherlich eine qualitätvollere Arbeit als das Schongauer Beispiel ist – mit Inschriften in Kapitalis versehen ist, die Grabplatte des Augustin Stattmiller hingegen Fraktur aufweist. Daneben befindet sich die Schongauer Wappengrabplatte leider in einem sehr schlechten Zustand305). Trotzdem können auf der Platte zweierlei Schriftausprägungen festgestellt werden.

Während die Grabinschriften in einer Fraktur, die noch stärker an die Gotische Minuskel erinnert, verfaßt sind, wurde der abschließende Sinnspruch in Fraktur ausgeführt, die spitzovale Bögen verwendet. Dies ist besonders beim einstöckigen a, bei e und o und bei den Bögen bei b oder h erkennbar. In diesem Textabschnitt findet auch das kursive s Verwendung, das in den Grabinschriften nicht auftritt. Dort sind auch die Bögen der Buchstaben noch gebrochen. Auf Grund des schlechten Erhaltungszustandes läßt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob es sich beim a um die doppelstöckige Form, bei der der untere Bogen gebrochen ist, oder ob es sich um eine einstöckige Form, bei der der Bogen gebrochen und geschwungen ist, handelt. Geschwungen und gebrochen ist auch der obere g-Bogen.

Ob eine Reichel, der auch als Kistler belegt zu sein scheint (Nr.  237), zugeschriebene Holztischplatte von ihm stammt (Nr.  197), läßt sich inschriftenpaläographisch nicht klären.

Jakob Schmaler

Für Paul Reichel hat sich eine Wappengrabplatte in der Friedhofskirche in Schongau erhalten (datiert 1608, Nr.  237). Sie stammt nach Ausweis der Künstlersignatur von einem I S. Diese Initialen können mit einem in den Jahren zwischen 1605 und 1608 in Landsberg nachweisbaren Bildhauer Jakob Schmaler identifiziert werden. Von Schmaler haben sich auch dort Stücke erhalten, die dieselbe Signatur aufweisen.

Da die Oberfläche teils leider stark abgewittert ist, können weder das Sterbedatum Paul Reichels festgestellt, noch genauere Schriftdetails nachvollzogen werden.

Es handelt sich um vertieft gearbeitete Fraktur. Das einstöckige a ist gebrochen und relativ breit. Ähnlich breit erscheint auch u, das ein diakritisches Zeichen aufweist. o hingegen ist schmäler und spitzoval ausgeführt. Rundes s weist keinerlei Brechungen auf. Die obere Bogenkrümmung ist etwas zugespitzter als die untere. An den äußeren Enden werden Sporen angehängt. Diese Merkmale finden sich auch auf zwei signierten Platten in Landsberg306). Bei diesen Beispielen kommt auch g vor, dessen Aufbau des oberen Teils des Buchstabens analog zu a erfolgt; der untere Bogen ist relativ flach.

Hans Mair

Ebenfalls über Initialen lassen sich einige Arbeiten im Bearbeitungsgebiet dem Schongauer Bildhauer Hans Mair zuschreiben. Seine Signatur HM – meist als Nexus litterarum – findet sich insgesamt auf vier Objekten im Bearbeitungsraum. Frühestes Beispiel ist die Wappengrabplatte für den Hofmarksrichter von Rottenbuch, Mathias Schwaiger und seine Ehefrau, Katharina Spaiser. Die Platte ist auf 1616 datiert (Nr. 282). Leider ist hier die Oberfläche des Schriftfeldes erheblich zerstört. Zu erkennen ist eine vertieft gearbeitete Fraktur. Ober- und Unterlängen sind leicht geschwungen. Die Strichstärke ist linear. Der obere rechte Bogenabschnitt des e ist zusammen mit dem Balken leicht geschwungen. Ein ähnliches Schriftbild weist auch das Epitaph für den Schongauer Rat Hans Stattmiller († 1633) und seine Familie auf (Nr. 312). Hier zeigt besonders der über der Grabinschrift stehende Spruch den leicht geschwungenen Charakter. Die Schrift im Textfeld macht einen etwas strengeren Eindruck, wobei die Formen dieselben sind.

Ein gänzlich anderes Schriftbild präsentiert die Grabplatte für den Schongauer Maler David Hummel und seine Familie (datiert 1622, Nr. 279). Die vertieft gearbeitete Fraktur weist einen eher strengen Charakter auf und erinnert im Schriftbild stark an die Gotische Minuskel. Die Buchstaben haben eine fette Strichstärke und tendieren im Mittellängenbereich stark in die Breite. Ober- und Unterlängen sind ausgeprägt. f und Schaft-s führen pfahlförmig unter die Zeile. a ist jedoch doppelstöckig und sehr breit. Ähnlich auch u, das ein diakritisches Zeichen aufweist. Der untere g-Bogen ist gegenläufig: der Schaft reicht leicht unter die Zeile; sein Ende berührt den unteren Bogen im Scheitel. Die Versalien sind meist in Brechungen aufgelöst und von Verdoppelungen und geschwungenen Zierlinien begleitet. Diese Schriftausprägung auf der Grabplatte für David Hummel ist ein Einzelfall bei den Totengedächtnismalen des Erfassungsgebietes. Ein sehr ähnlicher Schrifttyp findet sich jedoch auf einem Gemälde im Schongauer Rathaus, das von David Hummel stammt und seine Stifterinschrift trägt (Nr. 224). Sie weist dieselbe fette Strichstärke und dieselben Buchstabenproportionen auf wie die Grabplatte. Auch die Form des a und des unteren g-Bogens sind identisch. Die Gestaltung der Großbuchstaben ist ebenfalls sehr ähnlich. Es liegt hier demnach die Vermutung nahe, daß Hans Mair für das Grabmal des David Hummel eine Schriftform wählte, die auch der Maler verwendete. Vielleicht lieferte Hummel selbst die Vorlage für die Schrift auf seiner Grabplatte, die noch zu seinen Lebzeiten gefertigt wurde, wie sein freigelassenes Sterbedatum beweist.

Daß Hans Mair nicht auf einen Schrifttyp festgelegt war, beweist auch das vierte signierte Stück, eine Weiheinschrift aus Burggen, die in Kapitalis abgefaßt ist (datiert 1631, Nr. 306). Der sich in derselben Kapelle befindende Schlußstein, der nicht signiert ist, dürfte ebenfalls aus derselben Werkstatt stammen (Nr. 307).

David Hummel

Die oben beschriebene Schrift, wie sie auf der Grabplatte des David Hummel und auf einem seiner Gemälde auftritt, findet sich auch in der Kapelle St. Michael am Hang des Hohen Peißenbergs. Zentrales Stück dieser Kapelle ist ein Michaelsaltar, der der Weilheimer Degler-Werkstätte zugeschrieben wird (1611, Nr.  246). Die darauf befindliche Stifterinschrift weist jedoch genau dieselben Merkmale auf wie bei David Hummel: die Strichstärken sind fett, die Proportionen ähnlich. Die Versalien erfahren dieselbe Gestaltung wie bei der Hummelgrabplatte. Die breite Form des doppelstöckigen a, der untere gegenläufige g-Bogen, das breite u mit diakritischem Zeichen sind Merkmale, die auf den Schrifttyp Hummel weisen. Einziger Unterschied zur Hummelgrabplatte: f und Schaft-s stehen hier auf der Zeile und sind gebrochen. Während Degler vielleicht die Figuren des Altares lieferte, könnte die Fassung von Hummel stammen. In derselben Kapelle wurden Wandmalereien von 1611 und dazugehörige Stifterinschriften freigelegt (Nr.  247). Diese gemalten Inschriften sind jedoch leider in einem schlechten Erhaltungszustand. Bei näherer Betrachtung – soweit das möglich ist – fallen auch hier die fette Strichstärke und dieselben Schriftproportionen auf, wie sie der Schrifttyp bei Hummel aufweist. Auch die Versalien und a scheinen dieselbe Formgebung zu zeigen. Diese Beobachtung könnte darauf hindeuten, daß die Wandmalerein in dieser Kapelle in Zusammenhang mit der Werkstatt des Schongauer Malers David Hummel stehen könnten. Dies wäre allerdings noch von Seiten der Kunstgeschichte genauer zu untersuchen.

  1. Siehe DI 44 Nr. 1. – Die in das Jahr 1240 datierte Ursberger Grabplatte weist einen nahezu identischen Ornamentrahmen mit Blattranken auf, auch bestehen große Gemeinsamkeiten in der Gestaltung der Medaillons und der erhabenen, punkteverzierten Schrift, die jedoch auf der Steingadener Grabplatte freier und mit weniger Detailgenauigkeit durchgeführt wurden. Die unterschiedlichen Datierungsvorschläge für die beiden Grabplatten lassen zunächst nicht an eine zeitgleiche Entstehung in ein und derselben Werkstatt, die möglicherweise an mehreren Prämonstratenserklöstern tätig war, denken. Sie wäre nur gegeben, sollte sich der in der Ursberger Grabplatte genannte CVONRADUS P(RE)POSITVS nicht als der erste Propst Konrad des Stiftes Ursberg (1226-1240), sondern als der dritte Propst gleichen Namens (1325-1326) erweisen. – Auf die Gemeinsamkeiten der beiden Grabplatten machte mich freundlicher Weise Herr Dr. Franz-Albrecht Bornschlegel aufmerksam. »
  2. Zur Frühhumanistischen Kapitalis vgl. Koch, Frühhumanistische Kapitalis 337–345; Neumüllers, Epigraphische Schriften 315–328. »
  3. Biller, Pollinger Heimatlexikon 679–680. »
  4. Mauthe, Kloster Bernried 14–15; Helm, Stadtmuseum 18. »
  5. Biller, Pollinger Heimatlexikon 679; Helm, Stadtmuseum 18; der Maler war wohl ein Bruder des Porträtierten. »
  6. Sauermost, Weilheimer 26. »
  7. DI 48 (Wiener Neustadt) LI. »
  8. Liedke, Augsburger Sepulkralskulptur 1, 90/93. »
  9. Liedke, Haldner 104–105. »
  10. Ramisch, Grabmal 94 (Abbildung der Schrift), vgl. auch DI 5 (München) Nr. 121. »
  11. Vgl. zu Adam Krumpper Sauermost, Weilheimer 24–27. »
  12. Kdm NF 3 (Landsberg 2) 179ff. (mit Abb.). »
  13. Zur Schriftbeschreibung wurde ein Foto aus der Sammlung der Inschriftenkommission aus den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts herangezogen. »
  14. Vgl. die Grabplatte für Wolfgang Hofstetter († 1604) und seine Ehefrau (Kdm NF 3 (Landsberg 2) 185 (mit Abb.)) und die Grabplatte für Wolfgang Weingartner († 1607) und seine Frau (Kdm NF 3 (Landsberg 2) 190 (mit Abb.)). »