Inschriftenkatalog: Landkreis Northeim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 96: Lkr. Northeim (2016)

Nr. 130 Northeim, Breite Str. 37 1566

Beschreibung

Haus. Fachwerk, sechs Gefache breit. „Kassebeersches Haus“, früher Nr. 480. Das Haus war in den 1920er Jahren verfallen; durch einen Unterstützungsaufruf in den Heimatblättern für Northeim wurde es gerettet und bis 1927 wiederhergestellt.1) Die unteren Fächer des vorkragenden zweiten Obergeschosses sind gefüllt mit Fächerrosetten; in den oberen Fenster. Auf dem dritten Feld von links eine Brüstungstafel, darauf die leicht erhabene, farbig (gold vor grünem Hintergrund) gefasste vierzeilige Inschrift. Die Inschrift ist überarbeitet. Die Buchstaben der vierten Zeile sind deutlich kleiner, die Jahreszahl in der fünften Zeile ist zentriert angeordnet. Rechts vor den beiden unteren Geschossen über zweieinhalb Gefache eine um 1600 vorgebaute Utlucht,2) links die Eingangstür. Im Zwickel über dem zwei Gefache breiten, leicht spitzbogigen Torbogen ein Handwerkszeichen (M12), vermutlich ein Schusterhalbmond.

Maße: Bu.: ca. 8 cm (Z. 1 u. 2), ca. 10 cm (Z. 3), ca. 4–5 cm (Z. 4).

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 96, Nr. 130 - Northeim, Breite Str. 37 - 1566

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Lara-Sophie Räuschel) [1/1]

  1. DRINCK VND ETH GODES NICHT / VORGET BEWAR DINE ERHE / DICK3) WIRT NICHT MERHE4) DAN / VMME VND AN DARMITH DAVAN5) / 1566

Übersetzung:

Trink und iss, Gott nicht vergiss. Bewahre Deine Ehre. Dir (wörtlich: Dich) wird nicht mehr (mitgegeben) als das, was (Du) um und an hast. Damit (gehst Du) davon.

Versmaß: Deutsche Reimverse.

Kommentar

Bemerkenswert an der durch Überarbeitung purifizierten Kapitalis ist nur das G in GODES, bei dem der Bogen in einen linken Schaft übergeht; der untere Balken und die Cauda sind zu einem Bogen verschmolzen, der mit einem Abschlussstrich endet.

Die Inschrift hat seit über einhundert Jahren immer wieder Interesse erregt, was vor allem auf Verständnisschwierigkeiten mit den letzten drei Versen zurückgeht. Günter Merl hat die wichtigsten Interpretationen 1971 zusammengestellt und dabei, wie schon Fahlbusch 1929, auf die parallele, in der vorliegenden kopialen Überlieferung nicht mehr verständliche Hausinschrift in Hameln6) hingewiesen. Der Sinn – keinesfalls ein „Neckvers“ (Bürner) – erschließt sich vermutlich in Erinnerung daran, dass 1552 und 1565 schwere Pestjahre waren, in denen in Northeim zahlreiche Tote zu beklagen waren.7) Vor diesem Hintergrund wird man in dem Anfang eine maßvolle Bejahung von Lebensfreude bei gleichzeitiger Ermahnung zu Gottesfurcht und ehrbarem Leben sehen können. Der zweite Teil ist als Mahnung zu verstehen, dass der Einzelne in den Tod nur seine Ehre mitnehmen kann und das, was er am Leib trägt.8) Diese Interpretation wird gestützt durch ein um 1500 im Kloster Ebstorf aufgezeichnetes Sprichwort: di wert nich mer /van diner have/den dok [Tuch] tom grave.9) Eine verbindende Form findet sich auf einer um 1520 entstandenen Inschrift auf einem Dolch (Hirschfänger), die mit dem Vers beginnt: Mit dir zu grab / Gedennck den kuczen dag. // Dir wirdt nit mer / Dann umb und ann10) / Darnach du tan (ziehen kannst). Zuletzt folgen dort die Northeimer Eingangsverse: Trinck und iß, / Got nicht vergiß. // Beware dein ehr.11)

In der Northeimer Hausinschrift ist allerdings auch eine Aufforderung zur Mildtätigkeit zu sehen, wie sie in einer von Letzner 1596 zitierten Variante durch den Zusatz … vnd der Armen nicht vergiß explizit gefordert wird.12) Eine Inschrift aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Hildesheim führt das Thema „Bewahre Deine Ehre“ breiter aus.13)

Anmerkungen

  1. W. Frankenberg, Haus Breitestr. 37, Northeim, in: HbllNom1926, S. 55–57. Der Besitzer hatte seit 1903 die Absicht, das Haus abreißen zu lassen; vgl. dazu und zu den Verhandlungen mit der Denkmalpflege: HStAH Hann. 180 Hildesheim, Nr. 6586 (Schreiben des Northeimer Magistrats vom 30./31.10.1925 u. ff.).
  2. Hueg, Bürgerhaus, S. 15.
  3. DICK = Dir; vgl. Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik, S. 213 (§ 403): di (de), dik, dek.
  4. Vgl. Wander, Sprichwörterlexikon, Bd. 4, Sp. 1316, s. v. Trinken Nr. 15. Die ersten zwei Verse sind weit verbreitet; ebd., Sp. 1318, Nr. 65.
  5. Vgl. Wander, Sprichwörterlexikon, Bd. 4, Sp. 1408. DWb, Bd. 23, Sp. 802.
  6. Fahlbusch, Inschrift, S. 138. Vgl. DI 28 (Stadt Hameln), Nr. 178.
  7. Eggeling, Drinck und eth, S. 113. [Eggeling/Hueg], Bürgerhaus, S. 22. Bürner, Neckvers, S. 142.
  8. Vgl. insgesamt Merl, Inschrift, S. 113–115. [Eggeling/Hueg], Bürgerhaus, S. 22.
  9. Sprichwörtersammlung, S. 312. Danach Wander, Sprichwörterlexikon, Bd. 4, Sp. 1316, s. v. Trinken Nr. 15. In hochdeutscher Form 1577 am städtischen Spital in Rottweil am Neckar (Untere Hauptstraße) angebracht: Dier wördt nit mer / Von aller deiner Haab / Dann nor ein Tuch ins Grab; zitiert bei Merl, Inschrift, S. 114.
  10. Im ‚Deutschen Wörterbuch‘ zitiert als Beleg für die Formel ‚um und an‘ und deren Grundbedeutung ‚Bekleidung‘ vgl. DWb, Bd. 23, Sp. 801f.
  11. Ziegler, Geschütz-Inschriften, S. 72 (damals Inv.-Nr. 6363).
  12. Letzner, Dasselische Chronik, 5. Buch, fol. 7r.: Trinck vnd iß /Gottes vnd der Armen nicht vergiß. / Bewar dabey dein Ehr / Du hast sonst keine mehr / Dan vmb vnd an / Vnd damit davon. Durch die Anbindung des vierten Verses an Ehre bleiben die letzten beiden Verse unverständlich. Zur Variante der Armen nicht vergiß statt Gottes vgl. Wander, Sprichwörterlexikon, Bd. 4, Sp. 1319, Nr. 75. Letzner wird bereits von Fahlbusch zitiert; Fahlbusch, Inschrift, S. 138; danach Merl, Inschrift, S. 114.
  13. Vgl. DI 58 (Stadt Hildesheim), Nr. 764: BEWAHR DEIN EHR / HVT DICH VOR SCHAND, / EHR IST FVRWAR DEIN HOCHSTES PFAND WIRST / DIE SCHANTZ EIN MAHL VERSEHN, SO IST VMB / DEINE EHR GESCHEHN.

Nachweise

  1. Vennigerholz, Beschreibung, Bd. 2, S. 130 (mit Zeichnung am Ende).
  2. Bürner, Neckvers, S. 142.
  3. Fahlbusch, Northeim, S. 72.
  4. Fahlbusch, Inschrift, S. 138.
  5. Aus der Heimat 16, 15. Mai 1952.
  6. Eggeling, Drinck und eth, S. 113.
  7. [Eggeling/Hueg], Bürgerhaus, S. 22.
  8. Jörns/Engel, Zeugnisse des Bürgertums, S. 16 (Abb. 7).
  9. Merl, Inschrift, S. 113.
  10. Kämmerer/Lufen, Landkreis Northeim, Südlicher Teil, S. 228.

Zitierhinweis:
DI 96, Lkr. Northeim, Nr. 130 (Jörg H. Lampe, Christine Wulf), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di096g017k0013005.