Inschriftenkatalog: Landkreis Luwigsburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 25: Lkr. Ludwigsburg (1986)

Nr. 417 Großsachsenheim (Stadt Sachsenheim), Rathaus (Schloß) 1589, 1631

Beschreibung

Wappenscheiben aus dem Ratssaal des alten Rathauses, nach dessen Abriß 1958 in das – seitdem als Rathaus benutzte – Schloß Sachsenheim übertragen.1

I. Fensterstiftung des Obervogtes Hermann von Janowitz. Aedikula; in der Architrav-Zone Darstellungen eines Reiterkampfes und einer Belagerung, den Säulen zugeordnet zwei personifizierte Tugenden mit Beischriften (A), im Feld Vollwappen mit kleinem Schriftband (B), in der Sockelzone Inschriftkartusche (C), flankiert von Putten (nur links erhalten).

Maße: H. 36, B. 26 cm.

Schriftart(en): Kapitalis (A), Fraktur (B, C).

  1. A

    SPES · / CHA/RITAS · /

  2. B

    Gott allein die Ehr2) / 1 · 5 · / 89 · /

  3. C

    WG , VH , WG / Herman von Jannovicz / Oberuogt zu Sachsenhaim · /· VP · /

Wappen:
Janowitz

Hermann von Janowitz3, seit 1574 herzoglich württembergischer Haushofmeister und seit 1579 außerdem Obervogt zu Sachsenheim, hat die Fensterstiftung veranlaßt. Die Scheibe ist signiert mit dem Monogramm V(lrich) P(feiffer). Dieser war Glasmaler in Tuttlingen, lieferte 1582/1583 Arbeiten für Stuttgart, 1585/1586 und 1589/90 Wappenscheiben für den herzoglichen Hof.4 Das dreifache Monogramm vor dem Namen des Stifters wurde als dessen Devise angesprochen und versuchsweise W(alt’s) G(ott) – V(ir) H(onestus) – W(alt’s) G(ott) aufgelöst.5

II. Fensterstiftung des Vogtes Johann Michael Hirschmann. In der Komposition ähnlich wie I: oben Darstellung einer Amtsstube mit dem Vogt und zwei weiteren Personen, vor den Pfeilern die Figuren von Justitia und Caritas mit Beischriften (A); im Feld Vollwappen und Spruchband (B); in der Sockelzonge (C).

Maße: H. 34,5, B. 23 cm.

Schriftart(en): Kapitalis (A), Fraktur (B, C).

  1. A

    IVSTITIA / CARITAS · /

  2. B

    Gott / Ist mein Trost6) · / 1 · 6 · 31 · /

  3. C

    Johann Michael Hirschman / Vogt · Zue Sachssenheimb · / Anno Dominj · 1 · 6 · 31 · / Jar · MRa) /

 
Wappen:
Hirschmann

Kommentar

Der Stifter war 1626–1629 Geistlicher Verwalter zu Markgröningen, dann 1629–1632 und 1635–1639 Untervogt und Keller zu Sachsenheim, dann in Bottwar bis zu seinem Tod 1645.7 – Die Signatur MR wird als diejenige des Melchior Maurer (geb. 1590, gest. 1661) gedeutet, welcher als Glied der ab 1597 in Reutlingen tätigen Glasmalerfamilie Maurer dort seit 1619 bezeugt ist.8

Die besonders in der Schweiz blühende Sitte der Fensterstiftungen für öffentliche Gebäude, insbesondere für Rathäuser, auch für Gast- und Badhäuser, war bis in den Dreißigjährigen Krieg hinein auch in Württemberg verbreitet. Das Kompositionsschema – „Oberbild“, darunter stämmige Pfeiler mit vorgestellten Tugenden, Vollwappen im Feld, Stifterinschrift in der Sockelzone – folgt der in der Schweiz ausgebildeten Form.9

Textkritischer Apparat

  1. Volutenranken als Zeilenfüllung.

Anmerkungen

  1. Z. Zt. provisorisch im Amtszimmer des Bürgermeisters untergebracht; ein kunstvoller Eisenguß-Ofen (datiert 1591) ist verloren.
  2. Häufig gebrachter Spruch (Devise Calvins) im protestantischen Bereich; nach 1. Tim. 1, 17 und 5. Mos. 32, 3.
  3. Vgl. Stammtafel.
  4. Thieme-Becker 26 (1932) 529. – Auflösung des Monogramms bei Fleischhauer, Renaissance 1971, 266.
  5. Vorschlag von H. Gaese, Ludwigsburg. Vgl. Bachteler, in: HgW 1957, 17–18; ders., Großsachsenheim 1962 110f., Abb. 29.
  6. Nach Ps. 46, 2.
  7. Pfeilsticker 2182, 2244, 2596, 2747. – Er war ein Sohn des Herrenberger Vogtes gleichen Namens und heiratete in Großbottwar 1638 die Agnes Catharina, Tochter des Johann Jacob Schlosser, Vogt zu Lorch. Er ist nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Bürgermeister zu Schorndorf (gest. 1634); Pfeilsticker 1421 u. ö.
  8. Thieme-Becker 24 (1930) 279; S. Graf Adelmann, in: Schwäbische Heimat 1968, 22ff.; Fleischhauer, Renaissance 1971, 266, 446.
  9. Vgl. im Bearbeitungsgebiet nr. 650 (Markgröningen 1631). – Zu dieser der Spätrenaissance eigentümlichen Gattung der Glasmalerei vgl. E. Landholt, in: Tobias Stimmer. Kat. d. Ausst. Basel 1984, 392ff.

Nachweise

  1. OABVaihingen 1856, 266.
  2. Klemm, in: Bes. lit. Beilage zum Staatsanzeiger für Württemberg 1881, 266.
  3. Vierteljahrshefte des Zabergäuvereins 1912, 69.
  4. M. Otto, in: HgW 8 (1957) 52f. mit Abb.
  5. Bachteler, Großsachsenheim 1962, 110f., 124 Abb. 29 und 30.
  6. Ders., in: Sachsenheim, Tor zum Stromberg 1975, 84f. mit Abb.

Zitierhinweis:
DI 25, Lkr. Ludwigsburg, Nr. 417 (Anneliese Seeliger-Zeiss und Hans Ulrich Schäfer), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di025h009k0041708.