Inschriftenkatalog: Landkreis Luwigsburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 25: Lkr. Ludwigsburg (1986)

Nr. 365 Geisingen (Stadt Freiberg am Neckar), ev. Pfarrkirche St. Nikolaus 1576

Beschreibung

Doppelgrabmal für Hans von Stammheim und seine Gemahlin Ursula geborene Schertlin von Burtenbach. Im Chor, drittes Denkmal der Nordwand. Große Aedikula, die Rahmenarchitektur aus hellgrauem Sandstein, die darin eingelassenen Rechteckplatten mit den Figuren der Verstorbenen in Hochrelief aus hellgrauem, matt gehaltenem Marmor. Unter einem gesprengten Giebel sind die beiden rundbogigen Bildnischen zusammengefaßt, gerahmt von kannelierten Pilastern; im Giebelfeld zwei Vollwappen, ein drittes Wappen ursprünglich in der Mitte des Giebels1; am Kranzgesims Jahreszahl (A); den betend einander zugewandten Standfiguren sind die Grabschriften (B1, B2) in der Sockelzone zugeordnet; an der Sockelplatte des Mittelpfeilers das Monogramm (C). Wappen tingiert, Schrift schwarz gefaßt, Bildgrund und Zwickelfelder farbig getönt, Dekor der Rüstung des Ritters vergoldet.

Maße: H. ca. 300, B. 240, Bu. 2–2,5 (A) cm.

Schriftart(en): Fraktur.

DI 25, Nr. 365 - Freiberg am Neckar-Geisingen  - 1576

 © Heidelberger Akademie der Wissenschaften [1/3]

  1. A

    M · D · /// L X X V I /

  2. B1

    Anno dominj 1575 den tag Sebastianj Ist In gott ver=/ schiden der Eddel vnd vest hans von stamheim zu Stamhaim . vnd / geisingen etc. kriegshauptman vnd des schwabischen krais obrister locot=/ enent dem gott begnade. /

  3. B2

    Anno dominj 1569 . auf den sechsten tag des monats nouembris aines / Sonnentags Ist in gott verschiden die Edel vnd Tugentsam fraw vrsula / von Stamheim ain geporne Schertlen von Burtenbach Hansen von / Stamheim seligen Eeleiblicher gemahel dero gott begnade . /

  4. C

    P(AULUS) . M(AIR) . I(N) . A(UGSBURG) . /

Datum: 20. Januar.

Wappen:
(Stammheim);
StammheimSchertlin von Burtenbach

Kommentar

Über das Grabmal und über die Personen der Verstorbenen sind wir durch die Autobiographie des berühmten Kriegsmannes Sebastian Schertlin von Burtenbach (1496–1577) gut unterrichtet.2 Hans von Stammheim3 heiratete Schertlins Tochter Ursula; die Hochzeit fand 1541 auf Schloß Burtenbach (Lkr. Günzburg) statt, das Sebastian Schertlin 1532 erworben hatte. Auch persönlich war Hans von Stammheim dem Schwiegervater verbunden: er kämpfte mit ihm auf verschiedenen Kriegsschauplätzen, so z. B. im Schmalkaldischen Krieg 1546 als Befehlshaber zweier Augsburger Fähnlein. Schertlins Beispiel in Burtenbach (1546) folgend, führte er in Geisingen die Reformation ein. Obgleich aus seiner Ehe ein Sohn Hans Wolf (gest. 1588)4 hervorging, schlossen Hans und Sebastian Schertlin 1559 März 13 einen Erbvertrag, der den Schertlin die Anwartschaft auf die Stammheimischen Lehen in Württemberg sicherte.5

Sebastian Schertlin war der Auftraggeber des Grabmals, das für 200 Gulden durch den Augsburger Bildhauer Paul Mair (ca. 1540–1615)6 ausgeführt wurde. Schertlin hatte diesen Meister, den er vermutlich durch seinen Augsburger Wohnsitz kannte, zuvor bereits für ein Grabmal in Burtenbach herangezogen.7 Als Importstück steht das Werk nicht allein wegen seines Materials (Marmor), sondern auch wegen seiner klassizistischen, wohl an italienischen Vorbildern orientierten Haltung im Bearbeitungsgebiet isoliert.

Anmerkungen

  1. Erkennbar auf Taf. 4 bei Demmler, 1910.
  2. Stuttgart, WürttLB Cod. hist. F 10, mehrfach im Druck erschienen. Hier wurde benutzt die Ausgabe von O. Schönhuth, Leben und Thaten des weiland wohledlen und gestrengen Herrn Sebastian Schertlin von Burtenbach. Münster 1858. – Zur Biographie Schertlins vgl. H. Gaese, in: LudwigsburgerGbll 27 (1975) 69–88; G. Wunder, in: Lebensbilder aus Schwaben und Franken 13 (1977) 52–72 (mit Auswahl der älteren Literatur). – Zur Genealogie vgl. Stammtafel Schertlin, ferner G. Wunder, in: SüdwestdtBllFamilien- u. Wappenkunde 11 (1959) 1–7; ebd. 13 (1969/1972) 40–45; A. Rieber, ebd. 127–135 (Ulmer Linie).
  3. Vgl. Stammtafel Stammheim. – Zur Herrschaft der Stammheim und Schertlin in Geisingen vgl. E. Schübelin, in: LudwigsBGbll 8 (1916) 78–104; zuletzt A. Seiler, ebd. 34 (1982) 20–35.
  4. Vgl. nr. 411.
  5. Da Hans Wolf tatsächlich 1588 ohne männliche Erben starb, traten die Schertlin die Nachfolge an.
  6. Zu diesem Meister vgl. Demmler 1910, 57–78; Thieme-Becker 24 (1930) 493; Fleischhauer, Renaissance 1971, 137.
  7. Grabmal für Hans Philipp Schertlin (gest. 1568), Bruder der Ursula; weitere Aufträge folgten. Vgl. Demmler 1910, 58ff. und Taf. 3. – Vorbild für Geisingen könnten die Grabdenkmäler für die Grafen von Oettingen auf Schloß Harburg gewesen sein, die 1562ff. durch Paulus Mair geschaffen wurden; vgl. KdmBayern/Schwaben III: Lkr. Donauwörth, S. 306f. und Abb. 268.

Nachweise

  1. OABLudwigsburg 1859, 218.
  2. Demmler 1910, 63ff. und Taf. 4.
  3. E. Schübelin, in: LudwigsbGll. 8 (1916) 103.
  4. O. Paret 1934, 351 und Taf. 16, 1.
  5. H. Gaese, in: HgW 1975, Nr. 7/8, 17–19 (mit Abb.).

Zitierhinweis:
DI 25, Lkr. Ludwigsburg, Nr. 365 (Anneliese Seeliger-Zeiss und Hans Ulrich Schäfer), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di025h009k0036501.