Inschriftenkatalog: Landkreis Luwigsburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 25: Lkr. Ludwigsburg (1986)

Nr. 211 Oberstenfeld, ehem. Stiftskirche St. Johannes d. T. 1512

Beschreibung

Gemalter Fügelaltar für Steffan Rüwlin (Rühle) genannt Schreiber und seine Ehefrau Adelheid. An der Ostwand des Chores. Rechteckiges Triptychon (Holz) mit sieben Tafelbildern. In der Mitteltafel eine Kreuztragung, auf dem linken Flügel oben Ölbergszene, unten Geißelung Christi, rechter Flügel oben Christus vor Pilatus, unten Dornenkrönung. Auf der Außenseite der Flügel (Werktagsseite) links der Stifter vor seinen Patronen St. Stephan und St. Katharina, rechts die Stifterin vor den Patronen St. Adelheid und St. Anna Selbdritt. Neben den Stiftern je ein Wappen. Auf dem unteren Rahmen der Werktagsseite links und rechts je ein zweizeiliger Schriftblock (A, B) in ocker auf dunkelbraunen Grund gemalt. Die alte Predella fehlt. Im Jahre 1578 wurde der Altar anläßlich der Erwerbung durch Wolfgang von Weiler um einen (heute abgenommenen) Giebel, eine neue Predella und einen Sockel vermehrt, die Außenflügel mit der Inschrift wurden spätestens zu diesem Zeitpunkt übermalt. Bei einer Restaurierung im Jahre 1938 wurden die ursprünglichen Stifterbilder wieder freigelegt; die zugehörige Inschrift galt als nicht restaurierbar und ist enstprechend schlecht erhalten. Die neuen Teile von 1578 zeigten im Giebel Gnadenstuhldarstellung, auf der Predella ist links kniend Wolfgang von Weiler mit 5 Söhnen dargestellt (davon 3 durch ein Kreuz als verstorben gekennzeichnet)1; in der Mitte zwei große Wappen, rechts die Ehefrau des Wolfgang von Weiler, Brigitta Willich (Wilch) von Alzey mit zwei Töchtern (eine davon durch Kreuz als verstorben bezeichnet), die ältere mit einem Wappen zu Füßen. Rechts und links außen je zwei Ziffern einer Jahreszahl (C). Der Altar war vermutlich seit 1578 im südlichen Seitenschiff in der Grablege der Familie von Weiler aufgestellt.

Maße: H. 155, B. 156, Bu. 1,7 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

DI 25, Nr. 211 - Oberstenfeld - 1512

 © Heidelberger Akademie der Wissenschaften [1/1]

  1. A

    [A]nno · d(omi)ni · funfftzenhundert · vnd · xii · iar · uff · den · xi · tag deß herbst · monats ·/ ztarb · der · Ersame · Steffan · Schriber · kuche(n)maisster · dem · gott · gnedig · s[ei ·]

  2. B

    Anno · Domini · funfft[zenhundert] ⟨. . . . . . . . . . . . . . . . . . .⟩ / ztarb · Die · Erb[are] Fraw Adelh[eid . . . . . . . . . . . . . . .] husfraw · d[er · go]tt [gnedig · sei ·]

  3. C

    1 5 7 8

Datum: 11. September.

Wappen:
Wappen (Altar): Rüwlin gen. Schreiber, Renner; (Predella): Weiler, Willich von Alzey, Talheim.

Kommentar

Die Bildtafeln zitierten in Form und Inhalt Vorlagen von Dürer und Schäufelin.2 Die bisher unvollkommene Lesung der Inschriften hat zu irrigen Interpretationen über den Stifter geführt: der Name wurde als Steffan Schreiber von Kirchen (Kirchheim an der Teck) gelesen, der Name seiner Frau als Adelheid Jonerin3; nach dem Gütersteiner Nekrolog ist dieser Steffan Schreiber am 15. 7. 1511 verstorben; der Altar gilt als seine Stiftung an die Kartause Güterstein (westlich von Urach).4 Die hier vorgelegte und vollständigere Lesung erlaubt die genauere Zuschreibung der Stiftung an Steffan Rüwlin genannt Schreiber; er war württembergischer Küchenmeister und Küchenschreiber zu Urach seit 1483 und wird mehrfach urkundlich genannt.5 Seine Frau Adelheid hat ihn überlebt, ihr Sterbedatum ist in Inschrift B offen gelassen und wure nicht nachgetragen. Vermutlich ist aber der nach dem Gütersteiner Nekrolog am 15. 7. 1511 verstorbene Steffan Schreiber personengleich mit dem Küchenmeister Steffan Schreiber und die Namensabweichungen und das andere Sterbedatum beruhen auf Überlieferungsfehlern.6 Die Witwe hat offenbar den Altar kurz nach dem Tod des Ehemannes in Auftrag gegeben. Ihr Sterbedatum wurde vermutlich nicht nachgetragen, weil die Kartause Güterstein im Zuge der Reformation 1534 aufgehoben wurde. Über den Weg, den der Altar aus Güterstein in den Besitz der Familie Weiler genommen hat, sind nur Vermutungen möglich.7

Anmerkungen

  1. Zu Wolfgang von Weiler und seiner Familie vgl. nrr. 352, 401, 402, 403.
  2. M. Schefold, Der Oberstenfelder Flügelaltar, in: Pantheon 22 (1938) 348–52. – Ders., in: HgW 1 (1950) 73f. – Zuletzt H. Gräf, Unterländer Altäre 1350–1540, 72ff.
  3. H. Decker-Hauff, Zur Herkunft des Oberstenfelder Altars, in: Neue Beiträge zur Archäologie und Kunstgeschichte Schwabens (Festschrift J. Baum), Stuttgart 1952, 134–137 (Abb. 64 und 65).
  4. Decker-Hauff a. a. O. 135.
  5. Pfeilsticker 509, 511, 517, 634.
  6. So steht bei Pfeilsticker 517 als Todesdatum für Stephan Schreiber 15. 7. 1511, während im Beleg 511 sein Todestag zwischen Cantate und Martini 1512 angesetzt wird, was mit der Lesung der Inschrift übereinstimmt. – Die Ehefrau Adelheid war nach Pfeilsticker eine Tochter des württembergischen Küchenmeisters Hans Renner in Urach und lebte noch 1538: Pfeilsticker 509, 511; ebd. wird auch die Lesart Jonerin zitiert. – Da um 1485 eine fast erwachsene Tochter Katharina genannt wird (Pfeilsticker 634), muß die Ehefrau ein sehr hohes Alter erreicht haben, wenn nicht diese Tochter einer früheren Ehe Schreibers entstammt.
  7. Decker-Hauff a. a. O. 136. – Über einen ähnlichen Fall der Neuverwendung eines spätmittelalterlichen Altarwerks in Blaubeuren vgl. Fleischhauer, Renaissance 344f. – Zu Stephan Schriber zuletzt M. u. H. Roosen-Runge, Das spätgotische Musterbuch des Stephan Schriber in der Bayerischen Staatsbibliothek München Cod. icon. 420 (Faksimile), 3 Bde. (Wiesbaden 1981), hier Bd. III 199f.

Nachweise

  1. Decker-Hauff (wie Anm. 3) 136.

Zitierhinweis:
DI 25, Lkr. Ludwigsburg, Nr. 211 (Anneliese Seeliger-Zeiss und Hans Ulrich Schäfer), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di025h009k0021108.