Inschriftenkatalog: Landkreis Luwigsburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 25: Lkr. Ludwigsburg (1986)

Nr. 197 Markgröningen, Spitalgebäude in der Bezgasse (heute Stadtbücherei) 1507 und 1509

Beschreibung

Bauinschriften des Spitalmeisters Johannes Betz.

I. Am Kellereingang an der Straßenseite; bei der letzten Renovierung 1977–1981 an die jetzige Stelle versetzt. Rundbogiges Türgewände aus gelbgrauem Sandstein; auf der Innenseite des Bogens links in Kopfhöhe sechszeilige Inschrift, darunter viereckige Vertiefung zum Einrasten eines Türbalkens. In späterer Zeit wurde das Tor offenbar an der Außenseite mit Türflügeln versehen, deren Falz nachträglich an der Stirnseite des Gewändes abgearbeitet wurde, so daß die Inschrift an der linken Seite um weniges beschnitten ist. Buchstaben braun nachgezogen. Eine zweite Inschrift im Bereich des Kellers ist nicht mehr vorhanden.1

Maße: H. 58,5, B. 42, Bu. 4,8-5 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

DI 25, Nr. 197 - Markgröningen - 1507

 © Heidelberger Akademie der Wissenschaften [1/6]

  1. [A]nno d(omi)ni 1507a) / [c]ompletu(m) est ce/[ll]ariu(m) Sub fr(atr)e / Johanne Betz / hui(us) Hospita/lis Magistro /

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1507 wurde der Keller vollendet unter Bruder Johannes Betz, Meister dieses Spitals.

II. Türsturz, 1968 beim Abbruch von einem Teil des Spitalgebäudes, welches westlich an die Kirche anschloß, geborgen; vorläufig im städtischen Bauhof. Querrechteckige Platte aus grauem Sandstein mit fein scharrierter Oberfläche. Zwei durchlaufende Inschriftzeilen, darunter außen zwei Wappenschilde in flachem Relief, zwischen denen sich die Inschrift in drei kurzen Zeilen fortsetzt. Rand bestoßen, rechtes Wappen erst in neuerer Zeit beschädigt.2

Maße: H. 44, B. 103, Bu. 4 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

  1. An(n)o d(omi)ni Milleno quingenteno Nono · / Fabricatum est edificiu(m) istud sub fr(atr)e / Johanne Betz · / huius Hospital(is) / Magistro /

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1509 ist dieses Gebäude gebaut worden unter Bruder Johannes Betz, Meister dieses Spitals.

 
Wappen:
Stebenhaber? (gespalten, vorn steigender Löwe, hinten sechsmal schrägrechts geteilt); Hospitaliterorden und Betz kombiniert.

Kommentar

Der in beiden Bauinschriften genannte Johannes Betz war in den Jahren 1507–1532 Spitalmeister. Unter seiner Führung muß das Spital wirtschaftlich einen Höhepunkt erreicht haben, denn nach Aussage mehrerer Bauinschriften mit seinem Namen wurden während seiner Amtszeit eine Reihe von Neubauten im Spitalbereich errichtet, die Kirche renoviert und durch Anbauten erweitert sowie ein neuer Kirchturm erbaut.3 Die vorliegenden Inschriften beziehen sich auf das sog. Pfründhaus oder Seelhaus, das Hauptgebäude des Spitals an der Südwestecke des Spitalbereichs. Es besteht aus einem langen, schräg zur Kirchenachse stehenden Trakt mit Weinkeller (Inschrift I) und einem nördlich daran anschließenden Bauteil mit einer Halle im massiven Erdgeschoß, die sich als Krankensaal ehemals gegen das Langhaus der Kirche zu in einer Arkadenstellung öffnete. Im Obergeschoß an einer Tür, die den direkten Zugang zur Kirche erlaubte, muß sich Inschrift II befunden haben.

Unter den Bauinschriften des Johannes Betz findet sich dreimal neben dem Wappen des Spitalmeisters das noch zu deutende Wappen einer nach dem Landesherrn, aber vor dem Meister des Spitals einzuordnenden Obrigkeit.4 Das Wappen wird allgemein als das Wappen Österreich-Burgund bezeichnet.5 Dies ist nicht haltbar: die österreichische Zwischenherrschaft datiert erst von 1520–1534.6 Da der Spitalmeister von Markgröningen im Range selbst dem Propst der Stuttgarter Stiftskirche voranging7, ist hier am ehesten ein hoher Repräsentant des Ordens und Vorgesetzter des Spitalmeisters zu vermuten; da es sich nicht um ein geistliches Amtswappen zu handeln scheint, müßte hier freilich das Familienwappen eines Ordensoberen vorliegen.8 Weiter ist die Möglichkeit nicht auszuschließen, daß hier ein apokryphes Stifterwappen angebracht wurde.9

Die beiden Inschriften sind in der Ausführung so ähnlich, daß an denselben Steinmetzen gedacht werden kann. Zwar ist II reicher ausgestaltet durch Versalien, die mit Zierstrichen, Verdopplungen und feiner Zähnung geschmückt sind, aber in den Grundzügen ist die Schrift gleich, auch wenn Verwitterung bei I Haarstriche nicht mehr ausmachen läßt. In beiden Inschriften erscheinen dieselben Sonderformen für die Versalien H und M, ein der gotischen Majuskel entliehenes unziales H und ein kapitales M mit gespreizten Schenkeln. Besonderes auffällig ist die Bildung des B in II: es ist rechts offen und läuft links in kleinen Sporen aus.

Textkritischer Apparat

  1. Spätgotische Ziffern.

Anmerkungen

  1. Sie ist 1859 noch erwähnt; vgl. OABLudwigsburg 1859, 254: „… nach lateinischen, an dem Gebäude angebrachten Inschriften [wurde der Keller] im Jahr 1507 in 200 Tagen vollendet und an Michaelis desselben Jahres der erste Wein eingelegt.“ Diese Information geht über die Aussage von I hinaus und kann nur von einer zweiten Inschrift stammen.
  2. Wenig ältere Abbildungen – entstanden vor 1981 – zeigen einen noch intakten Zustand, z. B. in: Markgröningen 779 bis 1979. Festbuch S. 67.
  3. Vgl. nrr. 196, 212, 213, 235. Zur Person des Johannes Betz vgl. Roemer, Markgröningen I, 148. Die für Betz angenommene Herkunft aus Markgröningen ist keineswegs sicher, denn ein weiteres Glied der Familie war erst eine Generation nach ihm in der Stadt ansässig; vgl. nr. 376. Das Betz-Wappen am Langhaus-Gewölbe der Stadtkirche, das als Beweismittel herangezogen wird, stammt von 1847. – Zum Besitzstand des Spitals zu Betz’ Zeit vgl. das Lagerbuch des Spitals von 1528 (Stuttgart HStA H 120 Nr. 14); Heyd, Markgröningen 1829, 203ff.
  4. Vgl. auch nrr. 196, 212. Diese Wappen-Kombination erscheint nur während der Amtszeit des Betz.
  5. So schon bei OABLudwigsburg 1859, 254; Roemer, Markgröningen I 149; zuletzt H. Oechsner, in: Spitalkirche zum Heiligen Geist Markgröningen 1981, 11, 13, 15; F. Much, ebd. 26, 28.
  6. Das Wappen der Landesherrschaft zwischen 1530 und 1534 (Wiedereroberung des Landes durch Herzog Ulrich) ist in einer Wappenscheibe von 1533 im Markgröninger Rathaus erhalten; vgl. dazu E. Lenk, in: HgW 6 (1955) 56.
  7. Vgl. Roemer, in: Spitalkirche zum Heiligen Geist 1981, 71 (Wiederabdruck).
  8. Das Wappen ist figurengleich mit dem Wappen der Stebenhaber von Memmingen (ursprünglich 1290–1446 auch in Schw. Gmünd). Da das Memminger Ordensspital im 15. Jahrhundert dem Markgröninger Spital übergeordnet war – vgl. Militzer 10 –, wäre eine Verbindung durchaus denkbar. – Zu den Stebenhaber vgl. G. Nebinger und A. Rieber, in: BllBayerischen Landesvereins für Familienkunde Bd. 13 (1977) 177–216.
  9. Die Stifter des Spitals sind nicht bekannt. Zum Gütererwerb der Frühzeit vgl. Militzer 1975, 33ff.

Nachweise

  1. OABLudwigsburg 1859, 254.
  2. Christa Seliger 1968, 32.
  3. Markgröningen 779–1979, S. 67 mit Abb.
  4. F. Much (vgl. Anm. 5) 22 (nr. 4) und 15 (nr. 5) mit Abb.
  5. H. Oechsner (vgl. Anm. 5) 15.

Zitierhinweis:
DI 25, Lkr. Ludwigsburg, Nr. 197 (Anneliese Seeliger-Zeiss und Hans Ulrich Schäfer), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di025h009k0019701.