Inschriftenkatalog: Landkreis Luwigsburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 25: Lkr. Ludwigsburg (1986)

Nr. 159 Schwieberdingen, ev. Pfarrkirche St. Georg vor 1498?

Beschreibung

Grabdenkmal des Ludwig von Nippenburg. Im Chor, fünfter Stein an der Nordwand.1 Hochrechteckige Platte aus hellgrauem Sandstein, an drei Seiten von Rundstabprofil gerahmt und von geschlungenem Schriftband umzogen. Der Ritter steht in voller Rüstung auf einem Löwen und hält in der Rechten sein Vollwappen, in der Linken eine Hellebarde und einen Wappenschild; die fast vollplastisch gearbeitete Figur überschneidet das Schriftband mehrmals; vier Ahnenwappen in den Ecken. Bis auf Stoßschäden an der Helmzier und am Helm gut erhalten. Schrift dunkel gefaßt.

Maße: H. 200,5, B. 124, Bu. 9 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

DI 25, Nr. 159 - Schwieberdingen - vor 1498?

 © Heidelberger Akademie der Wissenschaften [1/2]

Datum: 17. Januar.

  1. · 1 · 4 · 9 · 8 · starb der · edel · vn(d) / · fest · lvdwig v(o)n · nipenbvrg · vf / anthoni · de(m) got gnad / [am Schwertknauf:] H [an der Hellebarde Schildchen mit ligiertem Monogramm:] S F Ma)

 
Wappen:
Nippenburg Westernach

   
Ahnenwappen:
unbekannt (Büffelhörner) Sachsenheim
Heimerdingen unbekannt (Löwe?, steigend)

Kommentar

Ludwig war mit Dorothea von Westernach verheiratet und starb kinderlos.2 Die hier angegebenen Ahnenwappen sind in der Reihenfolge vertauscht und in der Ansprache unklar, denn die Genealogie der Nippenburg im 14. Jahrhundert ist noch nicht erforscht.3 Ludwig hatte seinen Sitz in Hemmingen, wo ihm zu Lebzeiten ein Epitaph errichtet wurde (vgl. nr. 160); er wurde aber wohl in Schwieberdingen, der traditionellen Grablege der Familie, bestattet. Vermutlich war er als Bauherr am dortigen Chorneubau 1495ff. beteiligt, denn am Gewölbe ist neben den Wappen seiner Neffen und Erben auch sein Mutterswappen Heimerdingen angebracht.4 Ludwig wird der Beiname „der Reiche“ beigelegt, weil er die von seinem Vater Hans gen. Schlegel (vgl. nr. 71) begonnene Erwerbspolitik konsequent weitergeführt hat.5 Sein Grabdenkmal ist innerhalb der Reihe spätgotischer Denkmäler der Nippenburg durch die Gestaltung als Bildnisgrabmal besonders herausgehoben. Inschrift und heraldischer Schmuck sind hier mit der Komposition des Ganzen unterennbar verbunden. Denn ein lebhaft geschlungenes Spruchband umzieht die Figur des Ritters weniger als Rahmung, denn als raumschaffendes, vielfach bewegtes Motiv, vor dem sich die fast vollrunde Gestalt abhebt. Das geschlungene, breite Schriftband – offenbar eines der Leitmotive der Werkstatt – erscheint in zwei weiteren Denkmälern der Nippenburg von derselben Hand.6 – Die Schrift ist eine – leider mehrfach durch Restaurierung verdorbene – Minuskel von verhältnismäßig großem Format. Auf Versalien ist verzichtet. Besonders auffallend ist die flache Bildung der Buchstaben; sie sind nicht keilförmig eingetieft, wie sonst bei der Minuskel üblich, sondern bandartig flach und breit aus dem Grund herausgearbeitet, als wäre beabsichtigt gewesen, die Negativform mit einer farblich kontrastierenden Füllmasse zu füllen. Eben diese Technik kehrt auf den zwei heraldischen Nippenburg-Denkmälern mit Schriftbändern ebenfalls wieder, bestätigt also die Zuweisung an dieselbe Werkstatt. – Das Formular ist ungewöhnlich. Die Jahreszahl zu Beginn wirkt wie nachträglich eingetragen durch die weiträumige Stellung der spätgotischen Ziffern im Gegensatz zu den sehr eng gefügten Buchstaben. Vermutlich wurden Anfang und Ende des Schriftbandes zunächst bei Anfertigung des Denkmals freigelassen; so konnten Todesjahr und Todestag später nachgetragen werden. Damit wäre eine Entstehung vor Ludwigs Todesjahr 1498 und eine Vergabe des Auftrags zu seinen Lebzeiten durch ihn selbst wahrscheinlich; dies wird durch sein Denkmal in Hemmingen Gewißheit, denn auch dort sind die Todesdaten ausgespart, allerdings ist eine Datierung nach 1490 gesichert.7 Wenn man annimmt, daß der kinderlose, aber reiche Ludwig zu Gedächtnis und Seelenheil zu Lebzeiten den Chorneubau mit der Familiengrablege zu Schwieberdingen begann, kommt man auf eine zeitliche Eingrenzung zwischen frühestens 1495 und spätestens 1498, was mit Stil und Schriftbefund in Einklang steht.

Nächstverwandt ist ein nicht erhaltener Wappenstein des Grafen Ulrich des Vielgeliebten von 1478, ehemals am Hauptstätter Tor in Stuttgart8; hier sind die Schrift, das gerollte Spruchband und die heraldische Zier so eng mit den Nippenburger Denkmälern verwandt, daß wohl an eine Werkstatt im Umkreis des Stuttgarter Hofes gedacht werden muß.

Textkritischer Apparat

  1. Reihenfolge der Buchstasben beliebig. Halbey liest S M L und vermutet hier die Signatur des Bildhauers, aufzulösen als das Monogramm des Moritz Lechler von Heidelberg. Dies ist aus zeitlichen wie auch stilistischen Gründen abwegig; vgl. Halbey 1954, Kat. nr. 1 und Text S. 6ff. Zu Moritz Lechler zuletzt: Seeliger-Zeiss, Lorenz Lechler 160ff.

Anmerkungen

  1. Bis zur Renovierung 1964 im Langhaus an der Südwand.
  2. Zur Genealogie vgl. Stammtafel Nippenburg.
  3. Nach Bucelinus II 216 kommt das Wappen Röflin von Ditzingen in Frage; nach Schön, Regesten Nippenburg 144, das Wappen Stöffler (Mutter der Margarethe von Heimerdingen). Die korrekte Abfolge der Ahnenwappen müßte demnach lauten: Nippenburg Heimerdingen / Sachsenheim Röflin (bzw. Stöffler) /
  4. Vgl. nr. 157.
  5. Der Beiname schon bei J. P. v. Helmstatt. fol. 54f. (Stichwort Nippenburg). Zu Ludwigs Besitzerwerb vgl. Rau, Nippenburg, in: LudwigsburgerGbll. 23 (1971) 14ff.
  6. Vgl. nrr. 160, 109. – Im Bearbeitungsgebiet bereits am Grabmal des Bernhart Nothaft (gest. 1467; vgl. nr. 96), noch am Grabmal der Anna Schenk von Winterstetten (gest. 1512; vgl. nr. 209).
  7. Vgl. nr. 160.
  8. Zuletzt Stuttgart, WürttLandesmuseum (Inv. Nr. 207); im Krieg vernichtet. – Dazu J. Baum, Deutsche Bildwerke des 10.–18. Jahrhunderts. Kat. d. Kgl. Altertümer-Slg. in Stuttgart III, 206 und Abb.; Halbey 1954, Kat. nr. 5 und Text S. 17ff.

Nachweise

  1. OABLudwigsburg 1859, 314.
  2. Halbey 1954, Kat. nr. 1 und Text S. 6ff.
  3. Willi Müller, Schwieberdingen, das Dorf an der Straße. Ludwigsburg 1961, 48 und Abb. 36.

Zitierhinweis:
DI 25, Lkr. Ludwigsburg, Nr. 159 (Anneliese Seeliger-Zeiss und Hans Ulrich Schäfer), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di025h009k0015906.