Inschriftenkatalog: Landkreis Luwigsburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 25: Lkr. Ludwigsburg (1986)

Nr. 128 Nussdorf (Gem. Eberdingen), ev. Pfarrkirche Hl. Kreuz (Friedhofskirche) 1482

Beschreibung

Wand- und Gewölbemalerei im Chor. Gotische Minuskel, schwarz auf hellem Grund.

I. An der Südwand auf zwei Joche verteilt. 26 Szenen der Passions- und Auferstehungsgeschichte Christi mit roten Rahmenstreifen. Der Zyklus beginnt oben mit dem Einzug in Jerusalem und ist in fünf Reihen übereinander angeordnet, endend rechts unten mit der Darstellung der Himmelfahrt Christi. Als Besonderheit ist dem Bild der Kreuzigung in der 4. Reihe von oben ein Meditationsbild zum Leiden Christi vorangestellt. Inschriften befinden sich nur auf der Szene mit der Darstellung des dornengekrönten Christus durch Pilatus (2. Bild der 4. Reihe, von oben gezählt); Pilatus und den Vertretern der Juden sind Spruchbänder beigefügt:

  1. Ecce homo /Crucifie, crucifie/a)1

In der folgenden Szene am Baldachin über dem Thron des Pilatus ist das Entstehungsjahr aufgemalt:

  1. 1 4 8 2b) /

In der Mitte unten auf dem Rahmenstreifen Restaurierungsinschrift.2

II. An der Westwand über dem Triumphbogen: Weltgericht in zwei Zonen; oben Deesis-Darstellung, beigefügt links neben Maria eine dreizeilige Renovierungsinschrift3; unten die Apostel als Beisitzer in zwei Gruppen, in der Mitte öffnen sich die Gräber. Die Grabsteine über den Grüften sind beiseitegeschoben; zwei dieser Grabplatten links von der Mitte zeigen fragmentarische Inschriften:

  1. [m cccc] lxxxii [. . . . .] hans von / Rischach / [. . . .] o [s]ant · michels · tag [. . . . .] /

Auf der Platte Kreuz mit Kelch und Wappen Trutwin (2 Fische). Der unterhalb von diesem Grab dargestellte Grabstein trägt die Jahreszahl 1482 und ein jetzt unkenntliches Wappen.

III. Gewölbemalerei in den Feldern des Stern-Netz-Gewölbes. Das einheitliche Programm läßt sich –ausgehend von den Darstellungen in den beiden mittleren quadratischen Feldern mit jeweils einer Engelsfigur mit dem Kreuzesholz und der Vera Icon – als Verehrung des Heiligen Kreuzes ansprechen. Als Zeugen sind in den vier Rautenfeldern des Chorschlusses die vier Kirchenväter zusammen mit den Symbolen der vier Evangelisten dargestellt; den Symbolen sind Spruchbänder beigegeben (von links nach rechts):

  1. [bei St. Augustinus :] S · lucas · / [bei St. Gregor :] S · johannes / [bei St. Hieronymus :] S · marcus · / [bei St. Ambrosius :] S · matheus /

Die folgenden sechs rautenförmigen Felder enthalten je einen Engel mit den Leidenswerkzeugen Christi (Martersäule, Dornenkrone, Schilfrohr, Hammer und Zange, Ysopstab, Geißel und Ruten, Lanze und Nägel). Die vier Rautenfelder nächst dem Triumphbogen zeigen je eine Engelsfigur mit flatterndem Spruchband; die vier Spruchbänder ergeben den Text der zwei ersten Glaubensartikel (beginnend auf der Südseite):

  1. Credo · in deum · patrem · / Omnipotentem · creatorem · / Celi · et · terrac) · et · jhesum · cristum / Filium · dey · unicu(m)d)

Kommentar

Die Ausmalung ist – an drei verschiedenen Stellen – eindeutig auf 1482 datiert und bietet einen terminus ante quem für die Erbauung der Kirche. Diese hatte in einer 1369 und 1381 erwähnten Kapelle einen Vorgängerbau. Der spätgotische Neubau steht vermutlich in Zusammenhang mit der 1468 erfolgten Gründung einer Bruderschaft, mit der eine Wallfahrt „Zum Heiligen Kreuz“ verbunden war.4 Zugleich war die Kirche als Eigenkirche der Reischach Grablege dieses Geschlechts, das sich seit 1468 mit Württemberg in den Besitz des Ortes teilte.5 Die eigentliche Pfarrkirche des Ortes war die seit 1165 im Besitz des Klosters Hirsau befindliche Martinskirche in der Ortsmitte, erbaut 1498 durch den Abt Blasius Schelltrub (gest. 1503).6 Sie wurde nach den Zerstörungen des 2. Weltkriegs nicht wieder aufgebaut; dafür wurde die alte Wallfahrtskirche innerhalb des Friedhofs Gottesdienstraum der evangelischen Gemeinde.

Es ist davon auszugehen, daß die Reischach bereits auf den spätgotischen Neubau und seine Ausstattung Einfluß nahmen. So ist die Bezugnahme auf die Reischach in der Grabplattenbeschriftung des Gerichtsbildes als versteckter Hinweis auf die Auftraggeber der Ausmalung zu werten. Das Wappen der Vaihinger Familie Trutwin könnte auf einen Nussdorfer Priester dieser Zeit hinweisen.7 Auch die Restaurierung der Kirche 1880 durch August v. Beyer geschah auf Veranlassung der Reischach. Die Wiederherstellung der Wandgemälde lag in Händen des Kölner Kirchenmalers Loosen. Wie der Befund zeigt, scheute sich dieser nicht, große Teile zu ergänzen und zu übermalen. Trotzdem ist wahrscheinlich, daß die – offensichtlich übergangenen – Schriftbänder zum originalen Bestand gehören. Bemerkenswert ist, daß die Malerei – wie die Renovierungsinschrift von 1721 ausweist – im Gefolge der Reformation niemals übertüncht wurde. Die Eigenkirche der Reischach – Angehörige der reichsfreien Ritterschaft – war dem Zugriff der fürstlich-württembergischen Verwaltungsorgane entzogen. Die Ikonographie des Zyklus – Passion, Weltgericht und die Leidenswerkzeuge Christi – war mit der lutherischen Lehre vereinbar.

Textkritischer Apparat

  1. So statt crucifige.
  2. Ziffer 4 in spätgotischer Schreibung.
  3. So statt terrae.
  4. So statt unigenitum.

Anmerkungen

  1. Nach Io. 19, 5–6.
  2. Wortlaut: Maler Loosen aus Cöln 1882.
  3. Der Befund ist nicht eindeutig: Hanß Jerg / Oster (?) . . . 1721 / . . . . . . . . . . . /“.
  4. WürttReg. nr. 14154.
  5. Zur Besitzgeschichte vgl. OABVaihingen 1856, 205f.
  6. Sein Wappen am Gewölbe der ehem. Sakristei (jetzt Jugendraum innerhalb des neuen Gemeindezentrums); am Chorgewölbe das Meisterzeichen eines „Mitarbeiters des Peter von Koblenz“. (Stz. nr. 14).
  7. Ein Johannes Trutwin ist als Pfarrer in Nussdorf belegbar; vgl. nr. 166. Im 15. Jahrhundert sind mehrere Vertreter der Familie im geistlichen Stand nachweisbar; vgl. Toepke, Register.
  8. Parallele: Wandgemälde der ev. Pfarrkirche Weilheim/Teck, entstanden um 1500, renoviert 1601; dazu R. Lieske, Protestantische Frömmigkeit 115 u. ö.; ferner Einleitung S.

Nachweise

  1. OABVaihingen 1856, 201.
  2. Stange VIII, 111 u. Abb. 231.

Zitierhinweis:
DI 25, Lkr. Ludwigsburg, Nr. 128 (Anneliese Seeliger-Zeiss und Hans Ulrich Schäfer), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di025h009k0012805.