Inschriftenkatalog: Landkreis Luwigsburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 25: Lkr. Ludwigsburg (1986)

Nr. 121 Marbach am Neckar, ev. Pfarrkirche St. Alexander 1481

Beschreibung

Bauinschrift außen an der Westwand des Turmes unter dem ersten Kaffgesims. Querrechteckige Sandsteintafel mit dreizeiliger Inschrift zwischen eingehauenen Linien.

Maße: H. ca. 45, B. ca. 90, Bu. ca. 10 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

DI 25, Nr. 121 - Marbach am Neckar - 1481

 © Heidelberger Akademie der Wissenschaften [1/1]

  1. anfang · des · kors · 1450 / anfang · der · kirchen · 1463 / anfang · des · tvrns · 1481

Kommentar

Die Baugeschichte der Kirche, die einen der schönsten spätgotischen Innenräume Süddeutschlands besitzt, ist recht kompliziert, die Einteilung in drei Bauabschnitte nicht zufällig. Vorgängerbau der jetzigen Anlage war eine romanische Säulenbasilika aus dem 12. Jahrhundert.1 Im Jahre 1450 wurde deren kleiner Chor durch einen großzügigen Neubau unter dem württembergischen Baumeister Aberlin Jörg ersetzt.2 1453 wurde begonnen, das dreischiffige romanische Langhaus um zwei weitere Seitenschiffe mit je sechs Seitenkapellen zu verbreitern.3 Ein völliger Neubau war damals offenbar nicht geplant.4 Das änderte sich im Jahre 1463, als Graf Ulrich V. von Württemberg nach dem verlorenen Pfälzerkrieg (1460–1462) Stadt und Amt Marbach, bis dahin württembergisches Allod, von der Pfalz zu Lehen nehmen mußte.5 Um seinen Besitzanspruch zu demonstrieren, baute der Graf die Stadt zu einer Art zweiter Residenz neben Stuttgart aus.6 Im Zusammenhang damit wurde das romanische Langhaus – die „kirchen“ – abgebrochen und unter Einbeziehung der seit 1453 aufgemauerten Seitenkapellen als fünfschiffige Staffelhalle neu erbaut.7

Ziel war wohl die Schaffung einer repräsentativen Residenzkirche, denn es scheint, daß damals auch die große Westempore als Kirchenloge für den gräflichen Hof entstanden ist.8 Als Graf Ulrichs Tod im Jahre 1480 die kurze Rolle Marbachs als Nebenresidenz beendete, mögen die Mittel für den noch unvollendeten Kirchenbau spärlicher geflossen sein. Jedenfalls gibt sich der schlichte Turm im Vergleich zum aufwendigen Langhaus auffällig bescheiden.9

Anmerkungen

  1. Koepf, Alexanderkirche Marbach 6f. – Munz-Kleinknecht, Marbach 65.
  2. Sein Sparrenwappen mit drei Sternen auf einem Schlußstein des Chorgewölbes; vgl. nr. 106.
  3. Jahreszahl M°.cccc°.l.iii°. außen an der Südwestecke des südlichen Seitenkapellen-Schiffes. Vgl. Schahl, Neckarschwaben 243f.
  4. Koepf (wie Anm. 1) 11.
  5. WürttReg. nrr. 4926, 10675. – Vgl. nrr. 89, 93, 99.
  6. Vgl. nr. 99 Anm. 3.
  7. Abbruch und Neubau wurden bisher auf den Einfluß ‚rheinpfälzischer Meister’ zurückgeführt, die nach 1463 in pfälzischem Auftrag die Bauleitung übernommen hätten (Koepf a. a. O. 17ff.). Diese Annahme beruht auf einer Verkennung der damaligen Situation, die durch eine verstärkte württembergische Präsenz gekennzeichnet war (vgl. nr. 90), während die Pfalz zwar die Oberlehensherrschaft innehatte, aber keinerlei Herrschaftsrechte praktizierte. Für keinen der als ‚rheinpfälzisch’ bezeichneten Meister der Alexanderkirche – von denen bisher keiner namentlich bekannt ist – kann eine Verbindung zur Pfalz nachgewiesen werden. Koepf a.a . O. 18ff. bestätigt dies, wenn er nur württembergische Orte nennen kann, in denen Steinmetzzeichen vorkommen, die mit denen in der Alexanderkirche identisch sind. Die Konsolen mit Halbfiguren, ein Charakteristikum der Kirche (vgl. nr. 122), sind ebenfalls eine württembergische Entwicklung. Schahl (wie Anm. 3) vermutet, Aberlin Jörg habe auch beim Langhaus die Bauleitung gehabt. Im Licht der damaligen politischen Entwicklung erscheint dies sehr gut möglich.
  8. Die Konsolen, auf denen die Empore ruht, tragen Steinmetzzeichen, die sich auch an anderen Bauteilen des Langhauses finden.
  9. Die Vermutung, auch der Bauplan des Langhauses sei anläßlich eines Wechsels der Bauleitung vereinfacht worden (Koepf a.a. O. S. 13ff.), hat wenig für sich. Die in den Dachraum führenden Oberfenster des Mittelschiffs sind kein Beweis dafür, daß ursprünglich eine Basilika mit separat eingedeckten Seitenschifffen geplant war. Die Seitenschiffgewölbe sind zu hoch für eine solche Lösung. Es ist viel wahrscheinlicher, daß schon bei Baubeginn eine Staffelhalle geplant war, und daß die Oberfenster dazu dienten, den riesigen, sonst fensterlosen Dachraum, der vielfältig genutzt werden konnte, bei Bedarf zu belichten.

Zitierhinweis:
DI 25, Lkr. Ludwigsburg, Nr. 121 (Anneliese Seeliger-Zeiss und Hans Ulrich Schäfer), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di025h009k0012109.