Inschriftenkatalog: Landkreis Luwigsburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 25: Lkr. Ludwigsburg (1986)

Nr. 117 Ditzingen, ev. Pfarrkirche U. L. Frau (Konstanzer Kirche) 1478

Beschreibung

Inschrifttafel an der Nordwand des Beinhauses unter der Sakristei, außen an der Nordseite des Chores. Hochrechteckige Platte aus rotem Sandstein mit Inschrift in dreizehn Zeilen, von Ritzlinie eingefaßt. Oberfläche durch Verwitterung angegriffen.

Maße: H. 92, B. 63,5, Bu. 5,5–6 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

DI 25, Nr. 117 - Ditzingen - 1478

 © Heidelberger Akademie der Wissenschaften [1/1]

  1. O lieber · mensch do / solt nit furgana) · /Ein pater noster solt / du vns hie lan · /Ach got ist vnse(r) so / gar vergessen · /Mit almusen v(n)d / mit messen · /Ach liben frund kom/mend uns ze sturb) /Gutc) gebett sind all/musen in dast feg /fur M : cccc lxxviiid) /

Kommentar

Die Inschrift formuliert einen gereimten Hilferuf der armen Seelen im Fegefeuer an die Lebenden. Die Datierung 1478 macht diese Anrufung zugleich zur Bauinschrift für Beinhaus und Sakristei an der Chornordseite und darf als terminus ante quem für die Erbauung des Chores gelten, der – ebenso wie der Turm – schon vorhanden gewesen sein muß.1

Jeweils zwei Zeilen der Inschrift bilden einen Reimvers. Die Ausführung ist unbeholfen, die Bildung der Buchstaben unregelmäßig. Die Zeilen sind dicht gedrängt in der Stellung, die Worte fast ohne Zwischenraum. Versalien sind nur jeweils für die Versanfänge verwendet.2

Textkritischer Apparat

  1. Sinn: du sollst nicht vorübergehen.
  2. Steuer, altes Wort für Hilfe, Beistand; vgl. Fischer, Schwäbisches Wörterbuch V 1747f.
  3. Andere Lesung Mit gebett.
  4. Diese Lesung ist eindeutig, denn das letzte i der Jahreszahl in römischer Schreibung ist in die Rahmen-Ritzlinie hineingehauen. – Die älteren Autoren bringen die Lesung: 1477.

Anmerkungen

  1. Die Baugeschichte ist verwickelt, weil das Dorf zwischen zwei Bistümern geteilt war; dies hatte zur Folge, daß zwei Pfarrkirchen – die Konstanzer Kirche (jetzige ev. Kirche) und die Speyerer Kirche (heutige Friedhofskirche) – bestanden. Obgleich schon 1269 ein Pleban in Ditzingen genannt ist, wird die Konstanzer Kirche eindeutig erst ab 1384 (Pfründen-Stiftung) bezeichnet. Seit 1399 war sie dem Kloster Hirsau inkorporiert. Zur Baugeschichte vgl. OABLeonberg 1930, 688ff.; W. Irtenkauf und A. Schahl, in: Ditzingen in Wort und Bild, 11ff. u. 23ff.
  2. Es sei hier auf die Wandgemälde des Langhauses wenigstens hingewiesen, weil auch sie eindeutig ehemals Inschriften trugen. Von den Schriftspuren auf den Spruchbändern ist nur auszumachen, daß es sich um eine Beschriftung in gotischer Minuskel handelte. Auf der Nordwand Rosenkranzbild, auf der Südwand Bilderzyklus der Zehn Gebote, kombiniert mit den aegyptischen Plagen, aufgedeckt 1956; vgl. G. S. Graf Adelmann, in: Heilige Kunst 1956, 5ff. (Restaurierungsbericht).

Nachweise

  1. A. Klemm, in: Bes. lit. Beilage des Staatsanzeigers für Württ. 1881, 240.
  2. Otte, H. und Wernicke, E., Handbuch der kirchlichen Kunstarchäologie I 424.
  3. Keppler 1888, 191.
  4. OABLeonberg 1930, 674.
  5. Ditzinigen in Wort und Bild. Ditzingen 1979, 25.
  6. Kirchenführer: Ditzingens Kirchen. Hrsg. z. Fünfhundertjahrfeier der Ditzinger Kirchen 1980 (S. 4, nicht paginiert).

Zitierhinweis:
DI 25, Lkr. Ludwigsburg, Nr. 117 (Anneliese Seeliger-Zeiss und Hans Ulrich Schäfer), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di025h009k0011700.