Inschriftenkatalog: Landkreis Luwigsburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 25: Lkr. Ludwigsburg (1986)

Nr. 48† Vaihingen a. d. Enz, Stadt-Befestigung 1421 und 1493

Beschreibung

Bauinschriften an Türmen der ehemaligen Stadtbefestigung.

I. Auricher Torturm im Zug der Auricher Straße an der Brücke über die Enz. Steintafel an der nördlichen Innenseite des Durchgangs; nach Abbruch des Tores in die Außenwand des Hauses Auricher Str. 16 eingefügt; heute wegen Aufschüttung der Uferstraße nicht mehr sichtbar.

Wortlaut nach Klemm 1875.

  1. anno d(omi)ni MCCCCXXIa) /

Das Auricher Tor (wegen des nahen Beginenhauses auch Frauentor genannt) war Teil der seit dem 13. Jahrhundert vorauszusetzenden Stadtbefestigung, in die ehemals drei Tortürme einbezogen waren.1 Im Zusammenhang mit der Niederlegung des Mauerringes 1815 wurden die Tore abgebrochen, so auch das Auricher Tor bis auf einen Mauerrest, der 1870 entfernt wurde.

II. Pulverturm an der Uferstraße, ehemals unmittelbar am Ufer der Enz. In das Dachgesims an der Nordseite sind zwei große, querrechteckige Wappensteine aus graugelbem Sandstein eingefügt. Sie nehmen an der Stirnseite die Krümmung der Hohlkehle des Gesimses auf. Der linke, kleinere Stein trägt eine Bauzahl in erhabenen Ziffern und zwei Wappenschilde. Schlechter Erhaltungszustand.

Maße: H. ca. 40, B. ca. 100, erhaben gemeißelte Ziffern ca. 20 cm.

  1. 1493 /

 
Wappen:
Aschmann? (Hauszeichen nr. 9); Meisterschild des Michel Bühl (Byhell) (Stz. nr. 8) /

Das rechts anschließende Werkstück – es sitzt über der Einstiegsöffnung des Turmes – zeigt die Halbfigur eines Engels in Hochrelief; er hält einen Wappenschild vor der Brust und präsentiert mit der ausgestreckten Linken einen zweiten Schild.

 
Wappen:
unkenntlich (Österreich); Stadt Vaihingen (ältere Form) /

Kommentar

Der Pulverturm an der Südecke des Befestigungsvierecks soll von den Familien Gremp und Aschmann im Jahre 1493 erbaut sein.2 Darauf könnte sich das – schon von Klemm als Wappen der Aschmann bezeichnete – Wappen mit dem Hauszeichen nr. 9 beziehen.3 Das zweite Wappen neben der Bauzahl ist im Bearbeitungsgebiet und seiner Nachbarschaft mehrfach nachweisbar und läßt sich als das Meisterzeichen des Steinmetzen Michel Bühl (Byhell) ansprechen, der somit als der Erbauer des Turmes identifiziert werden kann.4 Mit ihm wird ein wahrscheinlich in Vaihingen ansässiger Architekt der Spätgotik erstmals faßbar.

Für die weitere Interpretation der vorliegenden Inschrift kann ein 1495 datierter Wappenstein herangezogen werden, der von einem Stadtturm in Brackenheim stammt und laut Meisterzeichen auch von Michel Bühl gebaut wurde.5 Hier ist ebenfalls ein Engel dargestellt; er hält die Wappen Württemberg und Stadt Brackenheim. Man würde also analog dazu annehmen, daß der Engel in Vaihingen ebenfalls das württembergische Wappen zusammen mit dem Stadtwappen in Händen trug. Nun bezeugt aber Gabelkover einen anderen Befund6: zu seiner Zeit (Ende 16. Jahrhundert) hielt der Engel den österreichischen Schild. Als Erklärung bleibt nur die Möglichkeit, daß zu Beginnn der österreichischen Zwischenherrschaft 1520–1534 das württembergische Wappen durch das österreichische ersetzt wurde, nach der Rückkehr Herzog Ulrichs in seine Erblande 1534 der alte Zustand aber nicht wieder hergestellt worden ist. – Das Wappen ganz rechts ist trotz fortgeschrittener Verwitterung deutlich als das alte Wappen der Stadt Vaihingen – ein „Kolben“ oder „Knuß“, kombiniert mit der aufrechtstehenden Hirschstange Württembergs – zu erkennen. Es war dies die bis 1530 gültige Form des Stadtwappens.7 Weil diese Form in monumentaler Gestalt in Vaihingen nur hier erhalten ist, haben wir damit ein bemerkenswertes Zeugnis der Stadtgeschichte vor uns.8

Textkritischer Apparat

  1. Variante nach OABVaihingen 1856, 85: anno 1421.

Anmerkungen

  1. Insgesamt besaß Vaihingen acht Türme. Zur Stadtbefestigung vgl. Feil 28, 226f.; WürttStädtebuch 282.
  2. So schon Chr. F. Sattler, Topographische Geschichte des Herzogtums Württemberg 1784, 250. – M. E. bezeichnet das Wappen wohl nicht den Stifter, sondern den im Jahre 1493 amtierenden Schultheißen oder Bürgermeister, der nicht benannt werden kann.
  3. Dasselbe Wappen im Zusammenhang mit zum Spital gehörigen Bauten; vgl. nrr. 130, 139. – Zur Identifizierung mit dem Wappen der Aschmann vgl. Klemm, Gremp von Freudenstein 1885, 175.
  4. Sein Name und Meisterzeichen am Chorgewölbe der Pfarrkirche St. Michael in Kürnbach 1501; vgl. DI. XX (Kr. Karlsruhe) nr. 128. – Ferner oben Einleitung S. XXXV.
  5. Abgebildet in: Wappenbuch des Stadt- und Landkreises Heilbronn. Bearb. von E. Gönner. Stuttgart 1965, 62. – Der Stein ist heute in Brackenheim am Magazinbau in der Schleglergasse eingelassen; ehemals am sog. Flüchttor. Spruchband (Kapitalis): WIRDBERG/VND/BRAKHN/1495/.
  6. Gabelkover, Stuttgart WürttLB. Cod. hist. F 22, p. 813 b: „Am großen dicken thurn an der Enz, ad dextram, gleich nehest am tach unden, steht ein Engel in stein gehauen, der helt den Oesterreichischen schilt, und under dem lincken flügel oder arm ein schilt da uff der ain seiten timidium quispiam aliud (= im gespaltenen Schild irgendetwas anderes), sinistra (= links) hirßhorn“.
  7. OABVaihingen 1856, 104; Feil 60f. – Seit 1530 führt die Stadt einen gekrönten, stehenden Löwen auf Dreiberg mit darüberliegender Hirschstange; siehe auch nrr. 544, 590.
  8. Das Wappen befand sich auch in der ehemaligen Spitalkirche an einem Gewölbeansatz im Chor; vgl. Klemm, Nachlaß. – Ferner auf einem Grenzstein von 1633 in der Steinsammlung des Heimatmuseums.

Nachweise

  1. O. Gabelkover, Stuttgart WürttLB. Cod. hist. F 22, p. 813 b.
  2. OABVaihingen 1856, 85.
  3. Klemm, Erinnerungen 1872, nr. 3, S. 11.
  4. Klemm, in: Bes. lit. Beilage z. Staatsanzeiger für Württemberg 1875, 59.
  5. Klemm, Nachlaß, Stuttgart WürttLB, Cod. hist. Q 347 Kapsel 4.
  6. Feil 227.

Zitierhinweis:
DI 25, Lkr. Ludwigsburg, Nr. 48† (Anneliese Seeliger-Zeiss und Hans Ulrich Schäfer), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di025h009k0004803.