Inschriftenkatalog: Landkreis Luwigsburg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 25: Lkr. Ludwigsburg (1986)

Nr. 29 Bietigheim (Stadt Bietigheim-Bissingen), Friedhofskirche St. Peter 1. H. 14. Jh.

Beschreibung

Wandgemälde-Zyklus im Chor. Das Programm umfaßt vier überlebensgroße und frontal angeordnete Figuren – zwei Könige (?), ein Bischof, ein Heiliger mit Pilgerhut (?) – auf den Wandstücken zwischen den Fenstern1 und etwas kleiner gebildete, dem Chorraum zugewandte Figuren unter hohen Baldachinen in den Leibungen der fünf Chorfenster (I bis V). Nur die letzteren haben Beischriften auf Spruchbändern. Schrift rot auf hellem Grund, gotische Majuskel. Die Beschreibung beginnt mit der westlichen Leibung (Ia) des Fensters an der Nordseite.

DI 25, Nr. 029 - Bietigheim-Bissingen-Bietigheim - 1. H. 14. Jh.

 © Heidelberger Akademie der Wissenschaften [1/5]

  1. Ia

    Leer.

  2. Ib

    Jugendlicher Heiliger mit Palmzweig und Spruchband zu Häupten:LAVRENTIV[S] /

  3. IIa

    Bärtiger Heiliger mit kreisrundem Gegenstand (ehemals Rundscheibe mit Lamm Gottes) und Spruchband:IOHANNES · B[APT](ISTA) /

  4. IIb

    Heiliger Bischof mit Buch und Spruchband:[. . . . . . . .]MVS /

  5. IIIa

    Heiliger Bischof mit Buch und Pedum, Spruchband leer.

  6. IIIb

    Heiliger Bischof mit Buch und Pedum, auf dem Spruchband nur noch:[. . . . . . . . . .]VS /

  7. IVa

    Heiliger Bischof mit Buch und Spruchband:S · NICOLAVS · /

  8. IVb

    Heiliger Bischof, Spruchband:[S] · ERHARDVS /

  9. Va

    Weibliche Heilige mit Salbgefäß und Schleier, darüber bogenförmiges Spruchband:MARIA · MAGDALENA /

  10. Vb

    Leer.

Kommentar

Der heutige Chor soll seine Gestaltung erst um 1390 erhalten haben2; das Langhaus wird – ausgehend von dem 1473 datierten Wandgemälde an der Nordwand3 – im allgemeinen mit diesem Datum verbunden. Jedoch sind weder die Architekturformen, noch der Stil der Wandmalerei mit dem späten Baudatum des Chores in Einklang zu bringen. Der fünfseitig geschlossene Chor mit den zweibahnigen Fenstern mit einfachstem Maßwerk und einem Gewölbe mit einfach gekehlten Rippen auf schlichten Konsolen steht in der Nachfolge der Bettelordensbauten des 13. Jahrhunderts, z. B. St. Paul in Esslingen. Der Charakter der Wandmalerei muß mit dem Begriff „hochgotisch“ umrissen werden. Hochgotisch ist auch die Zierarchitektur, in die die gemalten Figuren eingefügt sind: Baldachin-Architekturen, deren Kreuzblumen bis in die Scheitelzone der Fensterleibungen aufragen; ihre Wimperge waren – wie das Nikolaus-Bild ausweist – ursprünglich mit feinstem gemalten Maßwerk verziert.4 Bei genauer Prüfung fällt auf, daß die eingangs erwähnten, frontal ausgerichteten Figuren an den Wandstücken zwischen den Fenstern älter sein müssen als die Figuren in den Leibungen. Sie tragen keine Inschriften und sind sehr viel monumentaler angelegt. Jedenfalls scheinen sie aus der Bauzeit zu stammen; vermutlich ist die dekorative Bemalung der Gewölbezone zugehörig. Das Dekorationssystem der Fensterleibungen ist nicht auf die benachbarten Wandstücke bezogen, sondern schließt unvermittelt an; offensichtlich ist diese Wandmalerei später hinzugefügt worden in einer zweiten Dekorationsphase, die die Formen der nachklassischen Hochgotik der Heiligkreuztaler Glasmalerei voraussetzt.5 – Damit steht der Schriftbefund im Einklang. Bei allem Vorbehalt gegen Eingriffe der Restauratoren ist die Schrift als voll entwickelte gotische Majuskel zu bezeichnen, die mit einer Ansetzung um 1390 nur schwer zu vereinbaren wäre. Die unzialen Formen sind geläufig, ohne daß besondere Zierformen festzustellen wären. Die Proportionen sind breit, die Anlage der Buchstaben flächig mit Schwellungen. Das pseudo-unziale A ist aufgenommen.

Anmerkungen

  1. Über diesen Figuren in Höhe der Gewölbeansätze ein Fries aus geometrischen Formen, darüber in den Zwickeln Rankenwerk und über den Fenstern Fabeltiere. Die Gewölbekappen tragen rote Sterne auf ehemals blauem Grund. An der Westwand des Chores verblaßte Darstellung der klugen und törichten Jungfrauen in gestaffelten Tabernakeln, in der Mitte vermutlich ehemals Christus als Weltenrichter. Innenrestaurierung 1934 unter E. Fiechter. – In nachreformatorischer Zeit war der Chor (und wohl auch das Langhaus?) vollständig übermalt. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts waren das Wappen Württembergs und Spuren einer gemalten Inschrift mit der Jahreszahl 1558 zu erkennen; vgl. OABBesigheim 1853, 122.
  2. Diese Auffassung vertrat vor allem Roemer, Bietigheim, 25, 57 und öfter; er verknüpft den Neubau mit einer Geldverwilligung der Gräfin Antonia von Württemberg im Jahre 1391, was mangels Quellenangabe nicht nachprüfbar ist. Ebenso im Grabungsbericht von O. Paret für 1934 ohne jede Begründung; vgl. LudwigsburgerGbll 13 (1957) 93–96. Die jüngere Literatur übernimmt diese Datierung ohne Bedenken.
  3. Dargestellt ist die Verherrlichung der Muttergottes (ohne Inschrift). Das Gemälde liefert höchstens einen terminus ante, aber keinesfalls eine zeitliche Fixierung des Langhaus-Baues. Zuletzt wurde die Sakristei laut Bauinschrift von 1486 angefügt (vgl. nr. 138).
  4. Da die Wandmalerei des mittleren Neckargebietes nicht wissenschaftlich ausgewertet ist und Beispiele aus der Tafel- und Buchmalerei fehlen, muß die Glasmalerei herangezogen werden. Die hochgotischen Zyklen von Esslingen, St. Dionys, um 1280, und von Kloster Heiligkreuztal, vor 1312, sind nächstverwandt; vgl. CVMA I, 1: Schwaben (Bearb. H. Wentzel). Berlin 1958, 51ff. und 190ff. (mit Abb.). – Mit Bietigheim nahezu identische Zierarchitekturen ebd. Abb. 101ff., 437ff. Vgl. auch R. Becksmann, Die architektonische Rahmung des hochgotischen Bildfensters. Berlin 1967, Abb. 66, 67.
  5. Zu einer zeitlichen Ansetzung der Kirche siehe auch nr. 28. – Stammt der Priestergrabstein von 1349 als eine Art Stiftergrabmal aus der Peterskirche, was freilich nicht zu beweisen ist, so ergäbe sein Datum einen weiteren Anhaltspunkt für den Neubau des Chores in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts.

Zitierhinweis:
DI 25, Lkr. Ludwigsburg, Nr. 29 (Anneliese Seeliger-Zeiss und Hans Ulrich Schäfer), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di025h009k0002909.