Die Inschriften des Landkreises Ludwigsburg

8. Die Schriftformen der originalen Überlieferung

Romanische und gotische Majuskel

Die Überlieferung der Monumentalinschriften im Landkreis Ludwigsburg setzt – verglichen mit anderen Bereichen, die abseits kultureller Zentren liegen – relativ früh ein. Die in der Bearbeitung vorausgegangenen Nachbarkreise Karlsruhe und Enzkreis zeigen deutlich voneinander abweichende Ergebnisse: im Kreis Karlsruhe ist die erste Inschrift im Original erst aus dem beginnenden 14. Jahrhundert überliefert, die romanische Majuskel läßt sich auf den Denkmälern daher nicht belegen, die gotische Majuskel nur mit 12 Originalen179). Dagegen sind im Enzkreis noch 4 Denkmäler mit romanischer Majuskelschrift nachweisbar (einsetzend mit 1201) und 24 Steine mit Beschriftung in gotischer Majuskel180). Der Landkreis Ludwigsburg überliefert aus dem gleichen Zeitraum 17 originale Stein­schriften [Druckseite XLI] (die älteste datierte aus dem Jahr 1280), die allerdings teilweise nur fragmentarisch erhalten und daher zeitlich nicht mit letzter Sicherheit bestimmbar sind; außerdem lassen sich 4 Wandinschriften und 2 Glocken nachweisen. In offenbar sehr getreuer Nachzeichnung bewahrt die Kopialüberlieferung 3 frühe Denkmäler aus Oberstenfeld181). Damit entspricht der Bestand der Inschriften im 13. und 14. Jahrhundert nahezu dem des Enzkreises; er konzentriert sich allerdings – auch hier dem Enzkreis mit dem Zentrum Maulbronn vergleichbar – auf die Klöster Oberstenfeld und Mariental/Steinheim und die Stadt Markgröningen.

Aus Oberstenfeld ist die wohl früheste Inschrift des Bearbeitungsgebietes nur in der Nachzeichnung erhalten (nr. 2). Für die Gedenkinschrift des Kanzlers Oudalrich ist durch die Angabe des Todesdatums ein Terminus ante quem mit dem Jahr 1032 gesetzt. Der Standort ist in den Quellen nicht fixiert, das Begräbnis des Kanzlers und Mitstifters von Oberstenfeld in der Kirche ist gesichert; als Begräbnisort kommt die Chorkrypta in Frage. Die auf einem Bogenfeld eingemeißelte Schrift könnte an einem Fenster der Krypta angebracht gewesen sein182). Der Buchstabenbestand ist noch fast ganz der Kapitalis verhaftet; einmal ist E unzial gebildet, einmal M , bezeichnenderweise bei der Wiedergabe der Jahreszahl183). Ein unzial wiedergegebenes V könnte eher ein Mißverständnis der Nachzeichnung sein, läßt aber auch eine nicht korrekt gemeißelte runde Form zu. Die Schrift zeigt Kürzungen und Ligaturen (AN, HN), O und V am Beginn des Eigennamens sind ineinander verschränkt. Die Buchstaben sind breit und flächig angelegt, die Hasten an den Enden verdickt und mit deutlichen Dreieckssporen versehen. Die Nachzeichnung stellt die Schrift zwischen Linien, die auch als erhabene Stege gedeutet werden könnten, in die die Buchstaben eingetieft waren.

Ein Vergleich dieser Schrift aus Oberstenfeld mit anderen Objekten aus etwa gleichem Zeitraum ist – schon wegen der nur als Nachzeichnung vorliegenden Überlieferung – problematisch, zumal die Erfahrung gezeigt hat, daß Erkenntnisse aus den Schriftformen der Inschriftenpaläographie nur sehr bedingt aus einer Kulturlandschaft in eine andere übertragbar sind184). Eine im Original erhaltene Inschrift, die in Zweitverwendung an der Kirche in Altlußheim bei Speyer (Rhein-Neckar-Kreis) eingesetzt ist, zeigt weitgehende Ähnlichkeit in den Buchstabenproportionen, Formenbestand und Schlagtechnik. Die Grabschrift eines Priesters (?) ist in 3 Zeilen auf einem querrechteckigen Stein (Zeile 2 auf erhöhter Leiste) eingemeißelt185). Auch bei dieser Schrift sind die Buchstaben flächig ausgemeißelt, die Enden der Hasten teilweise verdickt und an manchen Buchstaben mit Dreieckssporen geschlossen, Ligaturen und Kürzungen noch sparsam verwendet. Wenn die Zuweisung des Steins an einen Priester aus der Diözese Speyer richtig ist – Altlußheim war seit 946 Speyerer Besitz –, lassen sich für beide Inschriften gleiche Anregungen oder Vorbilder vermuten. Oberstenfeld war im 11. Jahrhundert durch die Tätigkeit Oudalrichs als Kanzler Kaisers Konrads II. (1034–39) eng mit dem Speyerer Bistum verbunden, es lag im Bistumsbereich und in unmittelbarer Nähe der curtis Marbach, die seit 972 zu einem Zentrum bischöflich-speyerischen Besitzes im rechtsrheinischen Diözesangebiet ausgebaut worden war. In Marbach hatten die Speyerer Bischöfe Markt- und Münzrecht und den Königsbann. Ein weiterer Beleg kann diese Beobachtungen von Speyerer Einflüssen stützen: die Bleitafel aus dem Sarg Kaisers Konrads II. im Speyerer Dom zeigt – berücksichtigt man die Unterschiede des ‚Beschreibstoffes’ und der Technik der Inschriftenanbringung – nahezu die gleichen Buchstabenformen: A mit Deckbalken oder auch links übergreifendem Abschlußstrich, nur E in unzialer Form, M abweichend von der klassischen Form mit Schräghasten, die nicht bis zum Fuß der Zeile reichen. Die Abschlußstriche an den Hasten und selbst Dreieckssporen (bei C) entsprechen trotz materialbedingter dünnerer Strichstärke weitgehend der Oberstenfelder Inschrift186). Diese Befunde machen deutlich, daß die stets von geschriebenen Schriften abhängige Monumentalschrift ihre Vorbilder zunächst in räum­licher [Druckseite XLII] Nähe suchte und nur dort finden konnte, wo Schriftkundige – und im 11. Jahrhundert war das noch der geistliche Stand – solche geschriebenen Vorlagen (vielleicht Auszeichnungsschriften der Codices in der Speyerer Dombibliothek?) heranziehen konnten187). Wie einheitlich geprägt Monumentalschriften – auch in verschiedenen Materialien – sein können, zeigt der Hildesheimer Bestand der Bernwardszeit: bei allen Differenzierungen nach Material und Bestimmung haben sie eine übereinstimmende Proportion der Buchstaben, vergleichbare Kürzungsgewohnheiten, gleiches Verhältnis von Unzial- und Kapitalformen, so daß man berechtigt ist, von Bernwardinischen Inschriften zu sprechen188).

Die Beischrift der Kreuzigungsgruppe in Gemmrigheim (nr. 4) ist nicht datiert; sie läßt sich durch die Nennung des noch lesbaren Namens praepositus Heinricus versuchsweise auf die Mitte des 13. Jahrhunderts eingrenzen. Die noch erkennbaren Schriftteile – in der Mitte ist die Schrift durch eine ‚deletio memoriae’ getilgt, nur Beginn und Ende sind erhalten – entsprechen dieser zeitlichen Einreihung. Die Majuskel ist bereits aufgelockert und vom strengen Formenkanon des kapitalen Alphabets gelöst. Neben das unziale E tritt H in unzialer (d. h. im Grunde der Minuskel entlehnter) Form. Kürzungen und Ligaturen (VS) mit Hochstellung von Buchstaben lassen das Schriftband fast ornamental erscheinen, eine sicherlich beabsichtigte Wirkung, der auch die Einzelbuchstaben in unregelmäßigem Duktus und unterschiedlicher Ausführung sich einpassen189). Schrift ist hier nicht in erster Linie Informationsträger, sondern ist der Funktion als dekoratives Element eingebunden. Informationsträger mußte sie nicht notwendig sein, weil ohnehin außer der Geistlichkeit niemand sie lesen konnte. Möglicherweise ist die Gemmrigheimer Kreuzigungsgruppe als ein öffentlich auferlegtes Bußwerk anzusehen. Das würde auch die spätere ‚deletio memoriae’ (Tilgung eines Namens?) erklären können.

Mehrere Fragmente aus dem Kloster Mariental bei Steinheim (nrr. 5, 12) lassen sich von der Schrift her ebenfalls noch dem 13. Jahrhundert zuweisen und als romanische Majuskel ansprechen. Der Buchstabenbestand ist von geringer Aussagekraft, zeigt aber neben neuen Unzialformen für T und U noch immer die offene Form von C und E und A in kapitaler Form mit Deckstrich190).

Mit der sicher zu datierenden Deckplatte vom Grabmal des Grafen Hartmann von Grüningen (gest. 1280) und den möglicherweise um 1260 anzusetzenden Weiheinschriften der Stadtkirche in Markgröningen (nrr. 6, 10) ist im Bearbeitungsgebiet der Schritt zur Gotisierung der Majuskelschrift zu dokumentieren. Er ist weniger im Eindringen weiterer unzialer Formen der Buchstaben zu den schon vertrauten zu sehen (M nur in den Datierungen!), als vielmehr in der Verselbständigung der Einzelbuchstaben, der Ausrundung ihrer Formen und damit ihrer Abschließung voneinander, C und E sind noch nicht rechts mit Abschlußstrichen geschlossen, aber ihre Bögen sind durch Aufschwellungen betont, die Enden der Hasten stark keilförmig verdickt. Die erhabene Technik an der steinernen Deckplatte unterstreicht diese Tendenz (zumal sie durch die moderne Einfärbung noch betont wird), die aber auch an den nur schwach und fragmentarisch erhaltenen Wandinschriften deutlich zu erkennen ist191).

Verglichen mit diesen beiden Markgröninger Schriften sind die Lapidarinschriften des Klosters Mariental aus dem gleichen Zeitraum (nrr. 11, 21, 23) offenbar ganz anderen Anregungen gefolgt; die Grabplatte für Burcsint von Heinriet (gest. 1297), für Hailwigis Aich (gest. 1305) und selbst noch die für Catharina Riuhin (gest. 1330) haben bemerkenswert dünnstrichig angelegte Schriften, die weit spationiert sind. Zwar setzen sich unziale Buchstabenformen auch hier neben den jeweiligen kapitalen durch, U steht neben V, M auch außerhalb der Datierung unzial mit rechts offenem Bogen und zumindestens einmal ist näherungsweise die Form des pseudounzialen A vertreten, charakteristischerweise im gleichen Wort TUMULATA im Wechsel mit der kapitalen Form; auch T und V bzw. U stehen in diesem Wort wechselnd in kapitaler und unzialer Ausführung (nr. 11). Trotzdem bleibt der Gesamteindruck dieser Marientaler Inschriften eher uncharakteristisch für eine gotische Majuskel und zeigt konservative Elemente. Er legt die Vermutung nahe, daß möglicherweise klostereigene Werkleute nach schreibschriftlichen Vorlagen und ohne Erfahrungen oder Kenntnisse der Arbeit anderer Werkstätten diese [Druckseite XLIII] Steine meißelten192). Dazu paßt, daß in der Grabplatte der Hailwigis Aich (nr. 21) ein singuläres unziales W erscheint, gebildet ganz zweifellos in Analogie zum kapitalen W durch Aneinanderschiebung von zwei U, wie es die Inschrift im Wort TUMBA hat193). Schwellungen, verdickte Hasten und Sporen fehlen völlig, die Hasten sind dagegen durch feine Querstriche abgeschlossen, wie sie ähnlich auch ein Marientaler Fragment zeigt (nr. 5).

Demgegenüber sind die Belege aus Großsachsenheim (nr. 17), Unterriexingen (nr. 39), Oberstenfeld (nrr. 22, 26, 39) und Markgröningen (nr. 24) aus dem gleichen Zeitraum deutlich der sog. breiten Form der gotischen Majuskel zuzuordnen mit rechts geschlossenen C und E, pseudounzialem A wechselnd mit kapitalem A. Eine gewisse Starrheit eignet allen Schriften, die breite Flächigkeit des späteren 14. Jahrhunderts, verbunden mit der Durchbildung der Kontur des einzelnen Buchstabens, läßt sich allenfalls in Ansätzen beobachten. Dazu stimmt auch, daß die kapitalen Formen der Buchstaben A, E, H, M, N, T und V nie ganz außer Gebrauch kamen, während andernorts nur T und V noch kapitale neben unzialen Formen zeigen194). Auch die sog. ‚hohe Form’ der gotischen Majuskel, bei der das Verhältnis von Höhe zu Breite der Buchstaben sich von 1:1 auf 2:1 verschiebt, läßt sich allenfalls annähernd im Oberstenfelder Grabstein der Sophia von Lichtenberg erkennen (nr. 22).

Es muß offen bleiben, ob sich dieser auffällig konservative Charakter der Majuskelinschriften zwischen der Mitte des 13. Jahrhunderts und der Mitte des 14. Jahrhunderts auf Überlieferungslücken zurückführen läßt oder eine gewisse Stagnation der Schriftentwicklung im mittleren Neckarraum anzeigt, die erst gegen Ende des Jahrhunderts überwunden werden konnte.

Für eine ungünstige Quellenlage könnte es sprechen, daß nach 1359 (Glocke aus Bönnigheim; nr. 31) keine einzige gotische Majuskelschrift mehr im Original erhalten ist, ganz abweichend von den Befunden im Enzkreis und im Kreis Karlsruhe195). Andererseits ist der konservative Stil der Inschriften im Landkreis Ludwigsburg in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts zu deutlich ausgeprägt, um erwarten zu lassen, daß sich in der zweiten Jahrhunderthälfte noch eine nennenswerte Entwicklung vollzog. Vermutlich dominierte er auch nach der Jahrhundertmitte.

Die Ablösung der gotischen Majuskelschrift durch die gotische Minuskel um die Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert hat nicht zu ihrem völligen Verschwinden geführt196). Sie wurde weiterverwendet für die Versalien der Minuskel, vor allem das pseudounziale A in dem Wort Anno (nrr. 102, 104, 110 u. ö.), lebte gelegentlich auch in Zahlbuchstaben noch weiter und stand dann wiederum ein Jahrhundert später noch sozusagen Pate bei den zunächst tastenden Versuchen der Rezeption einer Kapitalis in der Lapidar­schrift (Ottmarsheim, nr. 190 von 1502). Auffallend bleibt – und das spricht wiederum für konservatives Festhalten an einmal rezipierten Schriften, wie es oben schon vermutet wurde –, daß kein Nachleben der Majuskel in selbständiger Gestaltung zu beobachten ist, während in anderen Bearbeitungsgebieten, die kulturellen Zentren näher stehen, auch das 15. Jahrhundert noch die gotische Majuskel gelegentlich als Denkmalschrift nutzt197). Man kannte die Schrift wohl aus eigener Anschauung oder aus handschriftlicher Überlieferung und konnte Handwerker und Künstler mit der Ausführung einer Schrift beauftragen, selbst wenn sie der herrschenden Stilrichtung (und damit dem ‚Zeitgeschmack’) widersprach. Eben diese Voraussetzungen waren in unserem Bearbeitungsgebiet vermutlich nicht gegeben. Der hier skizzierte Sachverhalt läßt sich auch in anderen Räumen beobachten, die eine vergleichbare Struktur aufweisen198). Monumentalschriften, deren unmittelbare Vorlagen nicht – wie Handschriften – mobil waren und von einem Ort zum anderen wandern konnten, lassen sich daher immer nur in relativ eng umgrenzten Räumen miteinander vergleichen, ihre Gebundenheit an Kulturlandschaften muß berücksichtigt werden. Nur die großen Entwicklungslinien verlaufen parallel, auch hier aber mit Abweichungen. So ist in Rom etwa der Schrifttypus der gotischen Minuskel in Lapidarschriften [Druckseite XLIV] niemals nennenswert rezipiert worden, vereinzelte Belege sind entweder fremder Herkunft oder beruhen auf fremden Anregungen; nach der Ablösung der gotischen Majuskel in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts wurde als Denkmalschrift scheinbar unvermittelt die vom Frühhumanismus neuentdeckte und wiederbelebte Kapitalis verwendet, für die antike Denkmäler in Rom unmittelbare und auch unerschöpfliche Anregung gaben199).

Die gotische Minuskel

Erhaltene Minuskelinschriften aus dem Landkreis Ludwigsburg setzen mit dem Jahre 1394 ein. Die Übernahme der Minuskel (Textura) in völlig ausgebildeter Form aus der kalligraphischen Buchschrift in die Lapidarschrift läßt sich in Frankreich schon in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts nachweisen; sie vollzog sich aber im deutschen Sprachbereich in einem sehr zögernden und schrittweisen Prozeß erst seit den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts200). Dabei konnte in der Verwendung für andersartige Schriftträger zwar an eine Vielzahl ausgereifter und differenzierter Vorlagen angeknüpft werden, die vor allem im Bereich von Auszeichnungsschriften zu suchen sind, aber der Schwierigkeitsgrad dieser Schrift mit dem ungewohnten Vierliniensystem und den zahlreichen Schaftbrechungen muß bei ihrer Umsetzung in eine zweidimensionale Form notwendig ihre Ausführung davon abhängig machen, wie geübt der Handwerker oder Künstler sich zeigte. Es ist deshalb bemerkenswert, daß sowohl die Tumbaplatte des Friedrich Osterbrunn von Riexingen in Unterriexingen (nr. 37), als auch die zeitlich noch um zwei Jahre ihr vorangehende Bauinschrift aus Vaihingen (nr. 36, nur in alter Photographie überliefert) in erhabener Technik gearbeitet sind. Dabei werden die Schriften reliefartig aus dem Stein ausgehauen und nicht vertieft in ihn eingeschlagen201). Die vermutlich in Vaihingen zu lokalisierende Werkstatt läßt sich über Jahrzehnte hin verfolgen (nrr. 36, 37, 52, 53, 58, 81, 87, 102, 104, 110, 171, 172). Die erste Minuskel von 1394 ist noch sehr stark in das Zweiliniensystem der gotischen Majuskel eingebunden, Ober- und Unterlängen der Buchstaben sind mit in die Zeile gedrängt – sichtbar etwa bei d, f, g –, deren Höhe ohnehin durch die Plattenschräge der Tumba beschränkt war. Eben aus dieser Einbindung, die bei nahezu allen Minuskelschriften bis gegen die Mitte des 15. Jahrhunderts zu beobachten ist, ergibt sich ein sehr gepreßtes Schriftbild, zumal auch die Schaftbrechungen nach rechts den Zeilenraum zusätzlich einengen. Die Poppenweiler Bauinschrift von 1428 (nr. 52) ist völlig gleichartig ausgeführt.

Größere Wortzwischenräume, stärkere Spationierung insgesamt und auch deutlichere Betonungen der Oberlängen kennzeichnen die ersten Markgröninger Minuskel-Beschriftungen von 1412 und 1417 (nrr. 42 und 46a); die flexiblere Technik des Ausmeißelns der Inschrift aus dem Stein läßt die Schrift feinstrichiger erscheinen. Versalien werden nicht verwendet, lediglich das M der Jahreszahl ist der gotischen Majuskel entlehnt. Das Fehlen der Versalien in den Minuskelschriften bleibt im Bearbeitungsgebiet bis in die letzten Jahrzehnte des 15. Jahrhunderts die Regel. Eine Ausnahme macht allenfalls das pseudounziale A der Majuskel, vorzugsweise auch von der Vaihinger Werkstatt im Wort Anno in sehr dekorativer Form verwendet (nrr. 102, 104, 110 u. ö.). Deutlich zeigt sich hier die auch sonst schon beobachtete Werkstattabhängigkeit gerade der Minuskel in den Lapidarinschriften202). Die Werkstatt läßt sich auch mit Aufträgen außerhalb von Vaihingen nachweisen (nr. 87 in Kleinsachsenheim, nr. 102 in Ensingen), sie arbeitete mindestens bis 1476. Von den eingetieften Schriften, die zur gleichen Zeit entstanden sind, heben sich ihre Arbeiten ganz deutlich ab und verraten in Präzision und Proportion einen Urheber, der vermutlich seine Vorlagen selbst auszuwählen und umzusetzen wußte, also lese- und schreibkundig war203). Ein vergleichbarer und so augenfälliger Befund für die Abgrenzung einer bestimmten Werkstatt läßt sich im 15. Jahrhundert nur selten belegen204).

[Druckseite XLV]

Die eingetieften Schriften im Bearbeitungsgebiet kontrastieren dazu – von wenigen Ausnahmen abgesehen – ganz deutlich; sie sind weniger qualitätvoll, vielfach sehr ungelenk und allenfalls sehr sklavisch an Vorlagen gebunden und ihnen nachgearbeitet. Das zeigt sich ebenso an der Ausführung der Gemeinen und ihrer Einbindung in ein Zeilensystem wie auch an den fehlenden Versalien (nr. 78 aus Aldingen von 1455 und ebenso noch nr. 274 aus dem Jahr 1544), an allgemeiner Unvertrautheit mit der Anlage eines Textes und seiner Raumverteilung (nr. 134 aus Steinheim von 1485, nr. 152 aus Oßweil von etwa 1491)205).

Demgegenüber sind einige Mundelsheimer Grabplatten der Urbach (nrr. 103, 114, 177, letztere allerdings nur sehr fragmentarisch erhalten) in einer bemerkenswert gleichmäßigen und proportionierten Minuskel gearbeitet; Versalien sind – abgesehen vom Zahlzeichen M – nicht verwendet, aber die Ober- und Unterlängen sind beachtet, die Schaftbrechungen stark betont. Viele Buchstaben haben deutlich ausgezogene Haarstriche, die wohl schreibschriftlichen Vorlagen nachgeahmt sind.

Wenn um die Wende des 15. zum 16. Jahrhundert häufiger Versalien zur Gliederung der Minuskelschrift gebraucht werden, so stammen sie – mit Ausnahme des A – fast nie aus dem Alphabet der gotischen Majuskel und sind auch nicht vergrößerte Minuskelbuchstaben, sondern sie sind offenbar direkten schreibschriftlichen Vorlagen entnommen und wirken oft im Schriftzusammenhang der Minuskel wie fremde Elemente (nr. 84 aus Markgröningen von 1499, nr. 124 aus Markgröningen von 1482, nr. 149 aus Bissingen von 1490). Diese Tendenz setzt sich nach der Jahrhundertwende fort: Minuskelschriften in eher schwerfälliger Ausführung zeigen bereits Kapitalis-Versalien (nr. 183 von 1500, nr. 191 von 1502, nr. 220 von 1515, alle aus Oberstenfeld); andere benutzen Buchschrift-Versalien, die sich mit den Gemeinen der Minuskel nicht oder nur schwer zu einer Einheit verbinden (nr. 193 in Aldingen 1504 bei A, E, V, nr. 208 in Hochdorf a. N. 1511).

Der schon bei den Schriftdenkmälern der gotischen Majuskel beobachtete konservative Zug zeigt sich auch zur Zeit der Dominanz der gotischen Minuskel noch als wirksam: man nahm eine neue Schriftart zwar an, aber man wußte nicht ganz mit ihr umzugehen und konnte sie nicht selbständig weiterentwickeln, zumal es an unmittelbarer Anschauung vorbildlicher Denkmäler noch fehlen mochte. Sieht man von der Vaihinger Werkstatt und wenigen anderen Ausnahmen ab, so dürften kaum leistungsfähige Werkstätten im Bearbeitungsgebiet ansässig gewesen sein, die zu dieser Zeit mit Vorzeichnungen und handschriftlichen Vorlagen eigenständig umzugehen wußten. Beispielhaft für diese Schwierigkeit könnte etwa die Bauinschrift des Peter Nothaft von Hohenberg an der Amanduskirche in Beihingen (nr. 181 von 1500) sein: der gelehrte Kleriker, Kanonikus am Domstift und St. Alban in Mainz und Stiftsherr zu Liebfrauen, war gewiß in der Lage, einen Text abzufassen, eine Schriftprobe für die Minuskel mit Anweisungen für notwendige oder auch für mögliche Kürzungen seinem Auftrag beizugeben; was aber fehlte, war eine Werkstatt mit der nötigen Erfahrung und Geläufigkeit im Ausmeißeln größerer Textteile, ihrer Raumverteilung und Anordnung. Verglichen mit Bauinschriften aus Mainz oder Maulbronn, die zur gleichen Zeit entstanden, ist ein rückständiger – oder besser: provinzieller – Zug unübersehbar, wie er durch die Situation eines Bearbeitungsgebietes ohne kulturelle Zentren leicht erklärlich ist206). Einen ähnlichen Befund legen auch die erhaltenen Grabsteine der Geistlichen Friedrich Doleatoris aus dem Jahr 1490 (nr. 149 in Bissingen) und Gregor Mast aus dem Jahr 1494 (nr. 156 in Marbach) nahe: sie verraten in der Gestalt ihrer Texte (Distichon bzw. Hexameter) wie in der Wortwahl durchaus frühhumanistisches Gedankengut, während die Ausführung der handwerklichen Arbeit dem nicht entsprechen kann, sondern die Verse in die traditionelle Umschrift zwängt, die das Verständnis erschwert; die Minuskelschriften sind durch Versalien bereichert, deren Formen bei nr. 149 der Schreibschrift (F, J), bei nr. 156 wohl eher dem frühen Buchdruck entlehnt scheinen (C, G, O). Zu den Gemeinen der Minuskel stehen sie eher in Kontrast. In ganz ähnlicher Form äußert sich noch 1526 eine Unsicherheit in der Anwendung der Schriften, wenn neben einem M (Versalie), das enge Verwandtschaft zu frühen Schreibmeistervorlagen zeigt, ein nahezu unziales d und ein rundes s in der Minuskel erscheinen, während der Schlußwunsch AMEN Buchstaben einer Bastard-Kapitalis verwendet (nr. 240 in Bönnigheim).

Demgegenüber lassen sich aber in einigen Städten des Bearbeitungsgebietes gegen Ende des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts auch Werkstätten von Rang abgrenzen, die mit einiger Kontinuität arbeiten und wahrscheinlich in Zusammenhang mit größeren Bauvorhaben der Spätgotik zu bringen sind207). Aus ihrem Bereich stammen Minuskelschriften, die in der Ausführung Selbständigkeit verra­ten,[Druckseite XLVI] sich nicht sklavisch an eine Vorlage binden und von Entwicklungstendenzen zeugen. Das gilt etwa für Schwieberdingen, wo mit dem Chorneubau zwischen 1495–98 auch eine Grablege der Nippenburg verbunden war (nrr. 27, 32, 109, 119, 159), ebenso für Marbach, dessen Stadtkirche gewissermaßen als ‚Residenzkirche’ von Graf Ulrich V. von Württemberg neu errichtet wurde (nr. 121) und wo – trotz zahlreicher Verluste noch in neuerer Zeit – sich Zeugnisse einer Werkstatt erhalten haben, deren Minuskelschrift einheitliche Züge trägt (nrr. 191, 199, 201). In Markgröningen sind die Baumaßnahmen unter dem Spitalmeister Johannes Betz seit 1507 zu belegen (nrr. 196, 197, 212, 213); schon in den letzten Jahren des 15. Jahrhunderts bezeugen Grabplatten für Angehörige der Ehrbarkeit die Tätigkeit einer erfahrenen Werkstatt. Einige ihrer sehr gleichmäßig gearbeiteten Minuskelschriften sind in rechteckigem Querschnitt ausgemeißelt und mit einer dunkelfarbigen Einlage (Blei oder eine harzhaltige Füllmasse?) betont; auch die Schwieberdinger Werkstatt wußte offenbar mit einer derartigen Technik umzugehen208). Das Prinzip der Schaftbrechung ist bei den Markgröninger Schriften sehr konsequent beachtet; Ober- und Unterlängen sind unvollkommen ausgebildet, das p hat einen sehr großen Bauch, beim g liegt der Abstrich mit dem rückwärtsgeführten Querstrich direkt unter dem Corpus des Buchstabens (nr. 129). Sehr ungewöhnlich ist – bei nahezu gleichbleibender Ausführung der Gemeinen der Minuskel – der Stein der Elisabeth Lyher (nr. 150), bei dem fast alle Worte mit Versalien beginnen, die aus einem sicher noch nicht geläufigen Kapitalis-Alphabet entnommen sind. A in Anno ist noch in Majuskel gemeißelt, in Amen dagegen mit gebrochenem Querbalken und breitem Deckbalken; der gebrochene Querbalken trägt eine tropfenförmige Verlängerung, D und W sind kapital, E einmal unzial und rechts geschlossen, zweimal aber in der Form des epsilonförmigen E der Bastard-Kapitalis, U in der völlig ungewöhnlichen konsonantischen Form. Feine Haarstriche an den Gemeinen sind trotz der neueren Nachziehung der Schrift noch zu erkennen. Ähnliche Elemente zeigt der Reischach-Stein (nr. 151) aus der gleichen Zeit, während die Grabschrift des Aberlin Schultheiß (nr. 192 aus dem Jahr 1503) den Bauinschriften des Johannes Betz von 1512 (nrr. 212, 213) entspricht.

In Vaihingen an der Enz, wo die Tradition der erhabenen Minuskelschrift mit dem Ende des 15. Jahrhunderts abbricht, läßt sich eine Nachfolgewerkstatt (oder ein in ihr geschulter Steinmetz mit anderer Arbeitsweise?) an sehr ausgeprägten und individuellen Minuskelschriften seit 1501 verfolgen (nr. 188); die hier noch in einen strengen Rhythmus gebundene Schrift mit zahlreichen Kürzungen hat einige charakteristische Buchstaben, die sie identifizieren. Neben dem schreibschriftlichen A (nrr. 188, 216, 217, 219, 256, 259) in Anno sind es vor allem das g, dessen Unterlänge deutlich betont ist und mit einem kräftigen Linksstrich ausläuft, daneben das neben dem Schulter-r gebrauchte ‚runde’ r, hier keineswegs rund, sondern eckig-spitzig geformt. Die Schrift ist bei allen Gemeinsamkeiten nie einförmig, ihre Anwendung um 1530 (nrr. 256, 259) unterscheidet sich von der um 1514 deutlich. Vermutlich ist auch die Bauinschrift an der Stadtkirche (nr. 215) trotz ihres vergleichsweise strengeren Duktus dem gleichen Werkstattkreis einzureihen.

Typisch für die Situation im Bearbeitungsgebiet ist die Entwicklung und Handhabung der Minuskel in ihrer Spätphase: in den abgelegeneren Orten ändert sie ihr Erscheinungsbild kaum, allenfalls verschleifen sich die Brechungen der Schäfte, die Füße der Buchstaben werden sozusagen auf der Zeile abgeschnitten, ausgerundete Formen für c, p und s verwischen den Charakter der ‚Gitterschrift’ (nrr. 253, 272, 273, 277 u. ö. in Unterriexingen). In Markgröningen und anderen Städten sind Spätformen der Minuskel mit der Fraktur zusammengeflossen (nr. 267 Geisingen, nr. 296 Markgröningen), während in Oberriexingen noch 1563 der Grabstein des Pfarrers Kaulius (nr. 319) eine fast klassische Minuskelumschrift in deutscher Sprache zeigt, die mit einer in Kapitalis gemeißelten lateinischen Versinschrift im Mittelfeld gut zusammengeht209).

Eine Einbeziehung der gemalten Minuskelinschriften des Bearbeitungsgebietes in den Überblick zur Schriftgeschichte ist aus grundsätzlichen Erwägungen unterblieben; gemalte Inschriften (und insbesondere Minuskelschriften) sind bei Restaurierungen in besonderem Maße der Gefahr der falschen Nachziehung ausgesetzt, sie können daher keine eindeutigen Befunde präsentieren.

[Druckseite XLVII]

Die Fraktur

War die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts eine Periode des Übergangs in der Geschichte der Monumentalschrift, so setzten sich nach der Jahrhundermitte die Kapitalis und die Fraktur als die typischen Schriften der Spätrenaissance durch. Neben der Kapitalis bleibt die Fraktur zwar im Bearbeitungsgebiet zahlenmäßig deutlich zurück, aber im Vergleich mit den benachbarten, bereits bearbeiteten Regionen ist der Anteil von 122 erhaltenen Frakturinschriften im Verhältnis zur Gesamtzahl recht stattlich210). Dieser verhältnismäßig große Prozentsatz (ca. 17,6%) ist eindeutig den auswärtigen qualifizierten Werkstätten zu verdanken, deren Werke vermutlich beispielhaft auf die lokalen Steinmetzunternehmen einwirkten. Ferner ist diese Anzahl schon deshalb im Bearbeitungsgebiet relativ hoch, weil hier aufgrund der Auftraggeberschicht ein deutliches Übergewicht deutschsprachiger Inschriften nach Einführung der Reformation gegeben ist. Die Fraktur wurde vorzugsweise für die deutschen Texte verwendet. Bei Grabdenkmälern mit mehreren deutschsprachigen Inschriften zeichnet sich eine Art hierarchische Abstufung ab: die Grabschriften sind meist in Fraktur gearbeitet, die Bibelzitate meist in Kapitalis.

Die schrittweise Ablösung der gotischen Minuskel durch die Fraktur – zunächst durch Aufnahme von Fraktur-Versalien – ist mehrmals ausführlich dargelegt worden211). Deshalb kann die erste voll ausgebildete Fraktur im Werk des Joseph Schmid von Urach vorgestellt werden, ohne daß die Zwischenstufen erläutert zu werden brauchen. Schmid hat sowohl in den Stein eingetiefte wie erhabene Fraktur-Inschriften geschaffen212); die von ihm erhaltenen Werke im Bearbeitungsgebiet zeigen die Vorzüge des Schmidschen Schriftbildes nicht in demselben Maße, da sie die Fraktur als Umschrift tragen (nrr. 294, 295, 298). War die Fraktur hier schon vor Schmids Tod 1555 voll zur Anwendung gekommen, findet sie sich bei Sem Schlör erst in Werken der 1580er Jahre (z. B. nrr. 398, 400) in einer flüssigen, locker angeordneten Form; typisch sind a und n mit nach links einwärts gebogener Haste, das oben zugespitzte, einwärts eingedrückte o, das ebenso behandelte h. Eine ähnlich persönlich geprägte Fraktur gebraucht Jacob Müller (nrr. 457, 458, 490); hier gewinnt die Schrift durch die schwungvolle, aber unpräzise Ausformung fast kursiven Charakter. Typisch sind hier die unten zugespitzten Formen, das Ausscheiden praktisch jeder Rundung; dafür sind die Hasten aller Buchstaben leicht nach links durchgebogen. Gegenüber diesen Frakturarten wirken die Frakturen des Augsburgers Paulus Mair (nr. 365; 1576) und des Jeremias Schwarz von Leonberg geradezu klassisch streng und ausgewogen (z. B. nrr. 428, 433, 466, 467, 536 u. ö.). Hier scheinen als Vorbilder die Dürer-Fraktur aus Dürers theoretischen Werken und die daraus entwickelte Buchschrift des späteren 16. Jahrhunderts aufgenommen; die Gemeinen sind durchgehend wie bei der gotischen Minuskel gebrochen. Großzügige Schwünge sind auf die Versalien beschränkt, die gelegentlich zusätzliche Zierstriche und Schleifen erhalten. Die strenge Grundform der Schrift bleibt durch die Jahrzehnte des Bestehens der Leonberger Werkstatt gewahrt, wenn auch die Ausführung im einzelnen variiert. Vermutlich wurde – ebenso wie bei der Herstellung der Ritterfiguren und ihrer Harnische oder der Reliefs der Bibel-Historien – nach einem gleichbleibenden Grundmuster gearbeitet. Auch nach 1620 ist diese Fraktur in der Werkstatt Leonberg II die vorherrschende Schrift; sie wird zunehmend mit Einschüben einzelner Worte oder Zeilen in kursiv gestellter humanistischer Minuskel aufgelockert (s. u.).

Es wurde gelegentlich davor gewarnt, die Inschrift eines Denkmals als Kriterium für Zuschreibungen an bestimmte Werkstätten zu benutzen, weil Entwurf und Ausführung von Schriften mitunter Spezialisten oblag. In der Tat wissen wir über Herstellungsvorgänge und Rationalisierungsmethoden durch Arbeitsteilung noch zu wenig, um hier Aussagen machen zu können. Betrachtet man im Kreis Ludwigsburg als einem Gebiet mit erfreulicher Denkmalsdichte die zweitrangigen Frakturschriften der örtlichen Steinmetzen (etwa nrr. 311, 348, 404, 552), so heben sich die Frakturen der Werkstätten von Schwarz oder Jakob Müller deutlich ab; dasselbe gilt für die Kapitalis. Hier ist es sogar möglich, aufgrund der Schrift-Ausführung Repliken zu entlarven (nrr. 641, 673).

Besonders ausgezierte Frakturschriften von erstaunlich hohem Niveau finden sich auf den gemalten Epitaphien (nrr. 456, 518 u. ö.) und in der Wandmalerei (nrr. 395, 444 u. ö.). Der leicht zu handhabende Pinsel erlaubte eine Bereicherung der Versalien durch feinste Haarstriche und opulente Schleifen, die im Werkstoff Stein zur Verunklärung geführt hätten.

[Druckseite XLVIII]

Die humanistische Minuskel

Für die humanistische Minuskel können im Bearbeitungsgebiet keine neuen Ergebnisse vorgestellt werden213). Alle Beispiele gehören der Zeit nach 1600 an, also einer Zeit, die diese Schrift vermutlich aus rein dekorativen Beweggründen verwendete, obgleich der Bezug zum Humanismus noch gelegentlich in der Verwendung für lateinische Bibelzitate bewußt geblieben ist (nrr. 668, 669). Diese Schrift kommt in normaler und in kursiver Stellung vor, zunächst überwiegend bei Einschüben von Eigennamen in Frakturtexte (z. B. nrr. 669, 673), nach 1650 zunehmend in vollständig kursiven Texten214), auch kombiniert mit kursiver Kapitalis. Entwickelt und verbreitet wurde diese Schrift in der Werkstatt Leonberg II, deren Tätigkeit über die Bearbeitungsgrenze 1650 hinausführt.

Die Kapitalis

Die Rezeption der Renaissance-Kapitalis nördlich der Alpen verlief bekanntlich keineswegs einheitlich und wirft immer noch eine Reihe von Fragen auf, die mit der speziellen Situation eines abgegrenzten Bearbeitungsgebietes eng verknüpft sind. Eine frühzeitige Aufnahme der Renaissanceformen war gebunden an das Vorhandensein humanistisch gebildeter Kreise einerseits und an künstlerisch hochentwickelte Werkstätten andererseits, die die Vorbilder für die eigenen Bedürfnisse umzusetzen wußten. Es ist nicht überraschend, daß sich die reine Renaissanceform der Kapitalis – in Analogie zu den Verhältnissen in schon bearbeiteten Nachbargebieten – Kreis Karlsruhe, ehemaliger Kreis Sinsheim (jetzt Rhein-Neckar-Kreis), Main-Tauber-Gebiet – relativ spät durchsetzt und eine breite Anwendung praktisch erst nach 1560 zu beobachten ist. Das gilt ebenso für den angrenzenden Enzkreis, wenn man die Sonderentwicklung des Klosters Maulbronn ausklammert; dort war bereits 1493 eine vollendet gebildete Renaissance-Kapitalis als Bauinschrift entstanden215).

In ähnlicher Weise singulär erscheint die Bauinschrift am Chorbogen der Markgröninger Stadtkirche (nr. 106). Sie ist einwandfrei 1472 datiert und befindet sich in gutem Zustand noch in loco. Ihrem Formenbestand nach gehört sie zu derjenigen Gruppe von Schriften, für die sich die Bezeichnung „Frühhumanistische Kapitalis“ oder „Früh-Kapitalis“ eingebürgert hat216). Bemerkenswerte Stilkriterien sind das A mit breitem Deckstrich und gebrochenem Querbalken, das O mit übermäßiger, seitlicher Schwellung und das sog. „byzantinische“ M in Form eines H mit kurzem Mittelschaft. Auffallend ist ferner, daß nicht nur I und L in Schaftmitte von kreisrunden Punkten begleitet werden; diese finden sich auch eingeschlossen in D und (dreimal übereinander) in O sowie verschmolzen mit der Rundung des C. Die Proportionen sind für diese Schrift untypisch breit mit Ausnahme des schmalen, retrograd gebildeten N. Die Inschrift beginnt mit einem ausgeprägten Punktzeichen in Form eines auf die Spitze gestellten, in der Mitte tief eingegrabenen Vierecks, von dem oben und unten feinstrichige, gegenständig angeordnete Bogen mit eingerolltem, punktförmigen Ende ausgehen. Diese sog. Paragraphenpunkte wiederholen sich als Worttrenner. Am Ende der Inschrift ist das Zeichen besonders reich ausgeziert und durch eine spätgotische Ranke ergänzt. Diese Trennzeichen sind in der gotischen Majuskel und Minuskel geläufig und betonen auch hier den spätgotischen Charakter der Schrift, obgleich keine der Buchstabenformen – ausgenommen das A – unmittelbar dem Bestand der gotischen Majuskel entnommen ist.

Die Bauinschrift ist in der damals führenden Bauhütte des fürstlichen Werkmeisters Aberlin Jörg ausgeführt worden; das Chorgewölbe trägt sein Zeichen neben dem Wappen des Grafen Eberhard im Bart (1459–1496) als Bauherrn217). Als Repräsentant des spätmittelalterlichen Fürstenstandes wählte er nach burgundisch-französischer Sitte die ritterliche Devise ATTEMPTO, verbunden mit dem Emblem des Palmbaums, der an seine Pilgerfahrt ins Heilige Land 1468 erinnern soll. Beide schmücken die mit seiner Person verbundenen Gegenstände – wie seine Bücher, das von Kaiser Maximilian I. verliehene Prunkschwert, seine Bildnisse sowie Grabplatte und Epitaph; seine Bauunternehmungen sind meist mit ihnen gezeichnet (nrr. 120, 202)218). Die Devise – meist in ein Spruchband eingefügt – ist [Druckseite XLIX] fast durchweg in jener Kapitalis-Zierschrift ausgeführt, die am Kaiserhofe Friedrichs III. verbreitet war219). Möglicherweise wird hier die Anlehnung an die Devise Friedrichs III. als Vorbild deutlich; die Buchstabenfolge AEIOU erscheint meist in ähnlicher Ausführung und in vergleichbarem Zusammenhang220).

Im vorliegenden Band wird – wie schon im Band XX (Karlsruhe) – die Bezeichnung Bastard-Kapitalis für diese Schrift wieder aufgenommen221). Die der Forschung bisher geläufige Bezeichnung „Frühhumanistische Kapitalis“ oder „Frühkapitalis“ zielt auf eine zu einseitig gesehene Verbindung mit dem Milieu des Frühhumanismus, außerdem zu sehr auf den angeblichen Charakter einer „Übergangsschrift“, die nur eine bestimmte Stufe der spätmittelalterlichen Schrifterneuerung hinsichtlich einer angestrebten gereinigten Renaissance-Schrift darstellt. Neuere Forschungen konnten nachweisen, daß die Bastard-Kapitalis in ihren verschiedenen Ausprägungen222) bereits in ihrer Frühzeit als eigenständige Schrift neben einer reinen Renaissance-Kapitalis verwendet wurde223). So hat Bauermann mehrere Vorschläge zu einer Benennung dieser Schrift gemacht, darunter auch den einer „gotischen Kapitale“, da die Schrift in der Tat Elemente der gotischen Majuskel und Kapitale in sich vereinigt224). R. Fuchs225) wies nach, daß in einem bestimmten Milieu – hier im spätmittelalterlichen Worms – Grabmäler mit einer der gotischen Majuskel nahestehenden Kapitalis im Verlauf des 15. Jahrhunderts serienweise gefertigt wurden. Dieser Sachverhalt bestätigt, daß Bastard-Kapitalis-Schriften auch im Sinne einer weiterentwickelten gotischen Majuskel verwendet wurden. Auf ähnlich retrospektive Erscheinungen im Bereich der Münzen und Medaillen wäre hinzuweisen226).

Im Bearbeitungsgebiet begegnet die Bastard-Kapitalis nach 1472 in weiteren Beispielen aus dem Bereich des dekorativen Bauschmucks: auf den Spruchbändern der Apostel-Schlußsteine des Eglosheimer Langhaus-Gewölbes (um 1500–1510; nr. 200), zuvor schon fragmentarisch in Marbach und Schwieberdingen (nrr. 122, 157), also wiederum im Umkreis der führenden Bauhütten227). Auf Grabmälern ist diese Schrift 1515 für Oberstenfeld kopial überliefert (nr. 221), ferner erhalten auf Vaihinger und Marbacher Exemplaren nach 1520, die im übrigen keinerlei Versuch einer Anleihe an Renaissanceformen verraten (nrr. 228, 235a, 247, 248). Die Vaihinger Platte der Magdalena Gremper (nr. 228), anzusetzen nach 1520, zeigt eine andere Variante der Bastard-Kapitalis mit „normalem“ M und M mit gespreizten Schenkeln, unzialem und links offenem D, ein- und zweibauchigem E neben kapitalem, eckigem E, I mit Punkt, ferner in den für diese Schrift allgemein beobachteten schlanken Buchstabenformen. Entgegen dieser hervorragend gestalteten Form sind die späten Vorkommen nach 1550 (nrr. 356, 392, 434) eher als ungeschickt gestaltete Renaissance-Kapitalis zu interpretieren.

Diese Schrift ist – hier ihrem Namen zum Trotz – im Bearbeitungsgebiet gerade nicht in Zusammenhang mit denjenigen Denkmälern zu finden, die eine erste Berührung mit dem Formenschatz der Renaissance verraten228). Sie begegnet zuerst ausschließlich im Repertoire der Maler als Beischrift in der Wandmalerei. Einem im Befund nicht einwandfreien Zeugnis von 1498 (nr. 161) folgen die zweifellos übergangene gemalte Renovierungsinschrift des Spitalmeisters Johannes Betz von 1507 (nr. 196) und eine 1523 datierte Gewölbemalerei in Eberdingen (nr. 233). Mit diesen Beispielen wird ein Einfluß des [Druckseite L] gelehrten Klerus faßbar, im Falle Eberdingens des Klosters Hirsau, das seit 1511 den Kirchensatz besaß und zweifellos auf den Kirchenneubau einwirkte; zudem läßt sich der Maler als ein um 1511 mehrfach im Kloster Maulbronn tätiger Dekorateur nachweisen. Als Normalschrift nicht nur für lateinische Texte, sondern auch für deutschsprachige Inschriften offiziellen Charakters – wie z. B. Bauinschriften – setzte sich die Renaissance-Kapitalis seit etwa 1540 durch (nrr. 269, 276, 283, 284). Dann entstand 1553 als ein Markstein der Entwicklung und zunächst im Bearbeitungsgebiet als Importstück isoliert stehend, das Markgröninger Vimpelin-Grabmal (nr. 296). Joseph Schmid von Urach schuf hiermit nicht nur einen neuen Denkmaltypus, sondern auch eine meisterhaft gebildete Inschrift229), das lateinische Epigramm in Renaissance-Kapitalis ist in der Durchbildung der Schrift vorausweisend auf die führende Kapitalis der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts (I mit Punkt, M mit gespreizten Schenkeln und hohem Mittelteil, nach rechts geneigtes schwächliches S etc.). Diese wurde – wie es scheint – zuerst in Stuttgarter Werkstätten entwickelt230). Die Buchstaben sind ganz flach eingehauen und tragen deutliche Sporen: besonders typisch ist die starke Akzentuierung der Haupthasten gegenüber den Nebenhasten, was dem Schriftbild bei ausgewogener Formgebung im einzelnen einen lebendigen – hier als dynamisch bezeichneten – Charakter verleiht. An der Verbreitung dieser Schrift im Bearbeitungsgebiet hat die Werkstatt des Jeremias Schwarz in Leonberg von den 1570er Jahren an den größten Anteil (z. B. nrr. 351, 355, 373 u. ö.); sie ist jedoch gleichfalls bei Leonhard Baumhauer in Tübingen verwendet worden. Merkmale der Schwarzschen Kapitalis sind: überhöhte Versalien, gerades M mit hohem Mittelteil, spitzes A ohne Deckstrich, kräftig geschwellte Rundungen bei C, D, G, O etc., Trennpunkte auf der Zeile. Das Frühwerk des Jeremias ist durch diese Schrift gekennzeichnet; erst nach seiner Rückkehr aus Heidelberg um 1588 tritt die Fraktur neben die Kapitalis. Im Spätwerk gewinnt diese ein „klassischeres“ Aussehen durch eine eher lockere Anordnung von Buchstaben und Zeilen und eine breitere Proportionierung der Buchstaben bei Verkleinerung der Schrift insgesamt (nrr. 425, 428, 439 u. ö.). Die lokalen Meister der bürgerlichen Denkmäler orientierten sich an diesen Vorbildern, erreichten jedoch niemals die Schönheit und Ausgewogenheit des Schwarzschen Schriftbildes.

Tab. 2 Schriftformen der originalen Überlieferung
  bis 1300 1300–1400 1400–1500 1500–1550 1550–1600 1600–1650 Summe
Romanische Majuskel 3 - - - - - 3
Gotische Majuskel 16 15 1 - - - 32
Gotische Minuskel - 3 102 58 15 - 178
Humanist. Minuskel - - - - - 8 8
Fraktur - - 1 3 61 57 122
Kapitalis - - 2 13 124 104 243
Bastard-Kapitalis - - 7 9 4 1 21
  1. Vgl. DI. XX (Karlsruhe) S. XXVIII. »
  2. DI. XXII (Enzkreis) S. XIII und Tabelle S. XXXII. »
  3. Vgl. nr. 2, 12a und 26»
  4. Gedenkinschriften an Architekturteilen lassen sich auch anderwärts belegen. Am bekanntesten wohl der Diderik-Stein aus Bingen (um 1000), heute im Mittelrheinischen Landesmuseum Mainz, vgl. zuletzt H. Tiefenbach, Zur Binger Inschrift, in: RheinVierteljahrsblätter 41 (1977) 124–137 (um 1000). – Mehrfach zu belegen auch in Frankreich, vgl. CIFM I 3 (Dep. Charente) Abb. Taf. XIX Fig. 8 (1216). – CIFM 9 (Aveyron, Lot, Tarn) Taf. III Fig. 5 (s. XI). »
  5. Die Hervorhebung der Jahreszahlen durch unziale Schreibung des M auch in Maulbronn (1201): DI. XXII (Enzkreis) nr. 4; ebenso, mit einem nahezu identischen M wie in Oberstenfeld in der Weiheinschrift der Krypta des Hildesheimer Domes (1015): Berges-Rieckenberg, Hildesheimer Inschriften Nr. 6 (Abb. Taf. 9). – Vgl. Kloos, Epigraphik 62 f. »
  6. Hinweise auf die Zusammenhänge bei Kloos, Epigraphik 136 (für die gotische Minuskel). »
  7. DI. XVI (Mannheim-Sinsheim) nr. 1 (10. Jh.). Eine fremde Herkunft ist für den Altlußheimer Stein auszuschließen, weil der Name Abbo im Einzugsbereich von Speyer (Worms, Lorsch) aus zeitgenössischen Quellen zu belegen ist. »
  8. Zur Grabtafel Konrads II. H. Ehrentraut, Bleierne Inschriftentafeln aus mittelalterlichen Gräbern, phil. Diss. Bonn 1951; Teildruck: Bonner Jahrbücher 152 (1952) Kat. Nr. 4, Abb. Taf. 37. »
  9. Die Blüte der Speyerer Domschule gerade in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts ist vielfach zu belegen; vgl. dazu F. J. Weber, Die Domschule von Speyer im Mittelalter, Phil. Diss. Freiburg 1954. »
  10. Berges-Rieckenberg, Hildesheimer Inschriften Taf. 4 (Alphabete der bernwardinischen Inschriften) und passim. »
  11. Ähnliche Wirkung hat die Schrift auf der sog. ‚Baumeisterkonsole’ im Kreuzgang in Maulbronn: DI. XXII (Enzkreis) nr. 19»
  12. Vgl. die Tabelle der Buchstabenformen der gotischen Majuskel bei Kloos, Epigraphik 130. »
  13. Gemalte Inschriften lassen sich nur mit Vorbehalt für Schriftvergleiche und Datierungen heranziehen; einerseits gehen sie – wegen der Materialverschiedenheit – gewöhnlich den Steininschriften in der Entwicklung um Jahrzehnte voraus, andererseits sind sie in besonderem Maße der Veränderung und Verfälschung bei Aufdeckungs- und Restaurierungsarbeiten ausgesetzt. »
  14. Die Situation des um 1250 gegründeten Dominikanerinnenklosters Mariental dürfte (rund 50 Jahre nach der Gründung!) mit Oberstenfeld und Maulbronn vergleichbar sein, so daß fehlende Anregungen erklärlich sind. »
  15. Das W ist schreibschriftlich seit dem 11. Jahrhundert belegt: Bischoff, Paläographie 156. – In der Lapidarschrift begegnet es um 1009 in der Fertigungsinschrift der Willigistür: DI. II (Mainz) nr. 5. Ein aus runden (unzialen) U verbundenes W läßt sich bisher m. W. nicht nachweisen. »
  16. Vgl. Kloos, Epigraphik 132. »
  17. Vgl. DI. XX (Karlsruhe) nrr. 8, 20, 12, 13, 14. – DI. XXII (Enzkreis) nrr. 28, 34, 35, 36, 38, 39, 46»
  18. Zur Rezeption der gotischen Minuskel vgl. zuletzt R. Neumüllers-Klauser, Schrift und Sprache in Bau- und Künstlerinschriften, in: Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Phil. hist. Klasse, 3. Folge Nr. 151 (1986) 62–81. »
  19. Vgl. DI. XVI (Mannheim-Sinsheim) nr. 51 (1459) und ebd. nr. 91 (1502) aus Ladenburg bzw. Weinheim. – Vergleichbare Belege bietet R. Fuchs, Wormser Inschriften zur Schriftgeschichte und Quellenkunde, in: Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Phil. hist. Klasse, 3. Folge Nr. 151 (1986) 82–99. »
  20. Vergleichbar scheint hier am ehesten der Bereich des Landkreises Haßberge (DI. XVII). Auch hier ist eine Fortentwicklung der – ebenfalls in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts schlecht belegten – Majuskel kaum zu beobachten. »
  21. W. Koch, in: Die mittelalterlichen Grabmäler in Rom und Latium ... 25–39 (Abb. 171 von 1445 und Abb. 139 von 1450, letztere eine Minuskel wohl französischer Herkunft). – Vgl. auch Kloos, Epigraphik 153f. »
  22. Dazu Neumüllers-Klauser, Schrift und Sprache passim, insb. die Kartenskizze S. 65. »
  23. Zur Technik vgl. Kloos, Epigraphik 54. »
  24. Dazu Kloos, Epigraphik 136, ferner DI. V (München) S. XXIVf. »
  25. Unbekannt ist, wie weit bereits im 14. und 15. Jahrhundert Musterbücher für Schriften benutzt wurden; man wird eher handgeschriebene Vorlagen annehmen müssen, ergänzt durch Schriftbeispiele aus Handschriften. Zu Schreibmeistervorlagen in späterer Zeit vgl. Zahn, Beiträge zur Epigraphik des 16. Jahrhunderts, Kallmünz 1966, 83ff. »
  26. Erhabene Inschriften bieten allgemein für Werkstattvergleiche bessere Ausgangsmöglichkeiten; vgl. dazu V. Liedke, Die Burghauser Sepulkralskulptur der Spätgotik 1 (=Ars Bavarica 21/22), München 1981 mit zahlreichen Nachweisen erhabener Minuskelschriften und Werkstattzugehörigkeiten. Der in Bayern und Österreich vielfach verwendete Rotmarmorstein war für die Technik der erhabenen Schrift wegen seiner größeren Härte besser geeignet als der weichere Sandstein. Vgl. auch V. Liedke, Die Haldner und das Kaisergrabmal in der Frauenkirche zu München (=Ars Bavarica 2), München 1974, 4ff. »
  27. Aufschlußreich für die Klassifizierung von Minuskelschriften ist das Register von DI. XXI (Kärnten I), wo die Positionen ,Minuskel ohne Versalien’ diejenige der ‚Minuskel mit Versalien’ um etwa das Vierfache übertrifft!  »
  28. Dazu DI. XXII (Enzkreis) nr. 122 von 1493, eine Bauinschrift im Parlatorium des Klosters Maulbronn.  »
  29. Vgl. dazu oben S. XXXIVf. »
  30. Vgl. nrr. 109, 123, 129, 134, 159, 160. – Vergleichbare Arbeiten lassen sich auch andernorts belegen: DI. XVI (Mannheim, Sinsheim) nr. 217 (1408); zum Vergleich s. auch S. Burckhardt, Berühmte Grabdenkmäler in der Neustädter Stiftskirche (Sonderdruck 2 des Hist. Vereins Neustadt), Neustadt 1984, nr. 26 (1439) und nr. 27 (1415). »
  31. Seit dem Einsetzen der erneuerten Kapitalis (s. unten S. XLVIIIf.) werden in den Monumentalinschriften erstmals zwei oder mehr Schriftarten nebeneinander verwendet. »
  32. Zum Vergleich: im Enzkreis ca. 13%, im Kreis Karlsruhe ca. 9%. »
  33. Vgl. DI. XXII (Enzkreis) Einleitung S. XXVIIff.; P. Zahn, Beiträge zur Epigraphik des sechzehnten Jahrhunderts. Kallmünz 1966; ders., in: DI. XIII (Nürnberg) S. XIXff. »
  34. Vgl. z. B. das Epitaph des Wilhelm von Janowitz und der Anna von Sachsenheim (gest. 1553) in Tübingen, das Epitaph des Balthasar von Gültlingen und der Agnes von Gemmingen (ca. 1554) in Berneck (Lkr. Calw), Abb. bei Fleischhauer, Renaissance 1971, Abb. 61. »
  35. Vgl. DI. XX (Karlsruhe) Einleitung S. XXXIf. (mit Zusammenfassung der älteren Literatur). »
  36. So in Hemmingen, Grabplatte des Joh. K. Varnbüler (gest. 1657), ferner im Enzkreis in Neuenbürg, Grabmal des Sohnes eines ev. Predigers (um 1655), und Zavelstein, Grabplatte des Kindes Loysa Christina von Buwinghausen (gest. 1666). – Abbildungen im Photo-Archiv der Heidelberger Inschriften-Kommission. »
  37. Vgl. DI. XXII (Enzkreis) nr. 122 und ebd. Einleitung S. XXX. »
  38. Kloos, Epigraphik 153ff. – Ein zweites auffallend frühes Beispiel von 1476 in Markgröningen kann hier unbeachtet bleiben, weil der überarbeitete Zustand problematisch erscheint (nr. 115). »
  39. Zu Eberhard im Bart zusammenfassend: Württemberg im Spätmittelalter, Kat. d. Ausstellung Stuttgart HStA und WürttLB 1985 (mit weiterführenden Literaturangaben). »
  40. Eine Zusammenstellung der von Eberhard veranlaßten Bauten und künstlerischen Unternehmungen steht noch aus. An die hier genannten Beispiele läßt sich anschließen: die Wappentafel am Beinsteiner Torturm in Waiblingen, datiert 1491 (KdmRems-Murr-Kreis II 1130–1132). »
  41. So auf dem ebenfalls 1472 datierten, aus Holz geschnitzten Betstuhl des Grafen in der Uracher Amanduskirche. »
  42. Beispiele bei F. Leitner, in: W. Koch, Epigraphik 1982, 67ff.; ferner DI. XX (Karlsruhe) Einleitung S. XXVIIIf. »
  43. Ebd. XXIX. – Die Benennung wurde vorgeschlagen von J. L. van der Gouw, in: Nederlands Archievenblad 20 (1966) 90. Obgleich mehrere Autoren die Bedenken van der Gouws gegen den Begriff „Früh-Kapitalis“ teilen, bedienen sie sich seiner weiterhin, so J. Bauermann, in: Westfalen 55 (1977) 379–387; bes. 383f. und 385ff.; F. Leitner (wie Anm. 220); R. Neumüllers-Klauser, in: DI. XXII (Enzkreis) Einleitung S. XXXII. »
  44. Bauermann hat den Charakter einer Mischschrift betont, Kloos (Epigraphik 153ff.) dagegen zwei Stilrichtungen unterschieden. Beide halten eine Untersuchung in breiterem Rahmen für unerläßlich. »
  45. Leitner (wie Anm. 221) stellte den gleichzeitigen Gebrauch an der Gewölbemalerei in Maria Saal (Lkr. Klagenfurt), datiert 1490, heraus. Dies ist bereits im Oeuvre des Jan van Eyck zu beobachten und ein durchaus verbreitetes Phänomen. »
  46. Bauermann (wie Anm. 221) 384. »
  47. Fuchs (wie Anm. 197) – Das Wormser Beispiel ist nicht allein dastehend: vgl. die gotische Majuskel auf zwei Wimpfener Grabplatten von 1537 und 1543 (DI. IV nrr. 125, 135) und – in anderer Variation – auf einer Ladenburger Grabplatte von 1502 (DI. XVI nr. 91). »
  48. Vgl. die späte, wohl erst 1495 entstandene Bildnismedaille Eberhards im Bart; dazu E. Nau, in: Jahrb. der Staatl. Kunstsammlungen in Baden-Württemberg 20 (1983) 7–18; ferner DI. XX (Karlsruhe) Einleitung S. XXIX. »
  49. Hier ist der tastende Versuch der Bauinschrift von 1502 in Ottmarsheim (nr. 190) zu erwähnen. »
  50. So besitzen die Denkmäler des Stuttgarter (?) Schülers des Jörg Töber in Großsachsenheim (nrr. 250, 251) und Geisingen (nr. 252) sowie das Plieningen-Familiendenkmal in Kleinbottwar (nr. 239) Inschriften in gotischer Minuskel. »
  51. Eine erhaben ausgehauene Renaissance-Kapitalis hatte Schmid bereits in Aldingen (nrr. 294, 295) und Hochberg (nrr. 298, 301) an untergeordneter Stelle bei Wappenbeischriften benutzt. »
  52. Vgl. etwa das Epitaph für Johann Gremp (gest. 1547) oder das für Anna Stickel (gest. 1563); Abb. 33 und 29 bei Wais, St. Leonhardskirche und Hospitalkirche Stuttgart. Stuttgart 1956. »