Die Inschriften des Landkreises Ludwigsburg

5. Material und technische Ausführung

[Druckseite XXVIII]

Der größte Teil der erhaltenen Inschriften-Denkmäler ist aus Stein gefertigt. Im Bearbeitungsgebiet ist der vorherrschende Werkstoff der hier oder in der näheren Umgebung anstehende Sandstein in seinen verschiedenen Spielarten, wobei der – für Bildhauerarbeiten und als Baumaterial gleichermaßen geeignete – gelbe Sandstein von dunkel- bis graugelber Färbung deutlich überwiegt. Der rote Sandstein ist bis um 1500 im westlichen Teil des Kreisgebietes ebenfalls häufig, später jedoch nur noch vereinzelt verwendet worden. Der hellgrau bis weiß gefärbte, sehr feinkörnige graue Sandstein aus der Gegend von Heilbronn, aber auch bei Stuttgart gebrochen, war künstlerisch anspruchsvolleren Denkmälern mit Figurenschmuck vorbehalten. Er eignete sich selbst für die feine Meißelarbeit kleinteiliger Reliefs und ermöglichte ein scharf gezeichnetes Schriftbild, ist aber wegen seiner weichen Beschaffenheit durch Verwitterung und Steinfraß gefährdet. Die derzeit noch im Freien befindlichen, den Einwirkungen der Luftverschmutzung und Feuchtigkeit ausgesetzten Denkmäler sind ausnahmslos bereits geschädigt. Dies betrifft die Grabmalbestände an den Außenwänden der Alexanderkirche in Marbach und der Pfarrkirche in Enzweihingen ebenso wie die Grabplatten an der Kirchhofsmauer in Aldingen95). Auswärtiges und daher kostspieligeres Material – wie Marmor und Alabaster – wurde nur für vereinzelte Denkmäler besonders anspruchsvoller Auftraggeber importiert (nrr. 351, 365, 451). Ebenso selten sind Denkmäler, die Materialien verschiedener Struktur und Farbe kombinieren (nr. 451). Schiefer – in der Nachfolge des Johann von Trarbach beliebt – imitierte man durch dunkle Fassung (nrr. 400, 440, 466, 536 u. ö.).

Die Schrift ist fast durchgängig in den Stein eingehauen. Die übliche Technik war die der keilförmig eingetieften Linie. Jedoch besitzt eine kleine, zusammengehörige Gruppe von Denkmälern bandartig-flach vertiefte Schriften, die mit einer kontrastierend eingefärbten Füllmasse ausgestrichen sind (nrr. 123, 124, 159, 160 – beide Gruppen Ende 15. Jahrhundert). Erhaben ausgemeißelte Inschriften sind die Ausnahme (nr. 9); bei einer Vaihinger Gruppe des 15. Jahrhunderts ist dies eine Eigenheit der Werkstatt (nrr. 81, 102, 104, 110 u. ö. ). – Vorgeritzte Hilfslinien sind noch in einigen Fällen erkennbar (nrr. 126, 400, 591 u. ö.).

Die Frage, ob einzelne Werke ursprünglich farbig gefaßt waren, kann vom Befund her nicht mit Sicherheit beantwortet werden. Daß Steindenkmäler aller Art ebenso wie Bauskulpturen im Mittelalter generell farbig gefaßt waren, dürfte aufgrund der Forschungsergebnisse der letzten Jahrzehnte gesichert sein96). Die flächendeckende Fassung – bis zum Spätmittelalter die Norm – trat allmählich zugunsten einer Teilfassung zurück, die sich auf bestimmte Akzente beschränkte. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ist in Analogie zu anderen Gebieten anzunehmen, daß Grabmäler und Kleinarchitekturen eine Teilfassung erhielten97). Abgesehen von tingierten Wappen und farbig gefaßten Schmuckformen der Rahmenarchitektur waren bei den Figuren die Gewandsäume und Ränder der Rüstung oft mit Gold akzentuiert (vgl. nr. 365); auch waren mindestens die Augäpfel farbig angelegt, was den Figuren Leben und „Blick“ verlieh. Die Neigung zur flächendeckenden Fassung scheint Ende des 16. Jahrhunderts wieder zuzunehmen98). Jedenfalls sind im Bearbeitungsgebiet Versuche erhalten, eine solche Fassung zu rekonstruieren, ohne daß über den ursprünglichen Zustand Klarheit besteht (nrr. 435, 621, 645).

Die Frage nach der farbigen Behandlung der Schrift bei Steindenkmälern kann ebenfalls nicht eindeutig beantwortet werden. Wo Farbspuren erhalten sind und anzeigen, daß die Buchstaben mit Farbe hervorgehoben waren, ist nicht klar, ob es sich um eine ursprüngliche Färbelung oder um eine spätere denkmalpflegerische Maßnahme handelt99). Jüngst aufgedeckte Grabplatten zeigen bei tadellosem Erhaltungszustand keinerlei Anhaltspunkte für eine Farbfassung (z. B. nr. 42)100). Bei Bauskulpturen – Schlußsteinen und Gewölbekonsolen mit Spruchbändern – war die Schrift oft nur aufgemalt; hier ist [Druckseite XXIX] die Färbelung der Buchstaben selbstverständlich (nrr. 122, 157, 200). In nachgotischer Zeit wurde die Schrift bei aufwendigen Grabmälern gelegentlich vergoldet, auch wenn kein schieferartig geschwärzter Grund vorlag (nrr. 400, 440, 466 u. ö. ).

Stein wurde in der Spätrenaissance gelegentlich durch Stuck imitiert. Zwar haben sich im Bearbeitungsgebiet keine erstrangigen Raumdekorationen aus Stuck erhalten, aber in den Stuckarbeiten der Kirchen von Asperg und Horrheim mögen sich die prunkvollen Raumschöpfungen des Herzogshauses101) in bescheidener Form spiegeln (nrr. 434, 483).

Inschriften-Denkmäler aus Metallguß – Bronze, Messing oder Gußeisen – sind im Bearbeitungsgebiet vollständig verlorengegangen, wenn man von den – mit dreizehn erhaltenen und sechs wenigstens schriftlich bezeugten Exemplaren – relativ zahlreichen Glocken absieht102). Auch die kleineren Metallauflagen auf Steindenkmälern in Form von Schrift-Täfelchen, Wappen oder einzelnen Buchstaben sind fast ausnahmslos dem Metallraub zum Opfer gefallen (nrr. 43, 199, 201, 451). Das einzige nachweisbare Bronzedenkmal war nicht einheimisch (nr. 357). Daß hier mit großen Verlusten gerechnet werden muß, macht ein Vergleich mit dem erhaltenen Bestand in der Pfarrkirche der Neipperg in Schwaigern (Lkr. Heilbronn) oder in der Kilianskirche in Heilbronn deutlich.

Edelmetall als Werkstoff ist nur in zwei Abendmahlskelchen und in einem städtischen Willkomm-Gefäß vertreten (nrr. 184, 185 bzw. 544). Es sind dies Goldschmiedearbeiten auswärtiger Werkstätten, bei denen der Schmuck durch Schrift untergeordnete Bedeutung hat. Da das gesamte mittelalterliche Altargerät nach Einführung der Reformation unter Herzog Ulrich 1536 eingeschmolzen sein soll, ist mit einem Totalverlust auf diesem Gebiet zu rechnen103). Für die nachreformatorische Zeit ist dies möglicherweise in einigen Fällen zu revidieren104).

Die große Gruppe der gemalten Inschriften unterliegt im einzelnen anderen Bedingungen als die von Steinmetzen, Holzschnitzern, Graveuren oder Gießern hergestellten Schriften. Die größere Anfälligkeit bedingte eine Bestimmung für den Innenraum, aber auch da gab es zahlreiche Möglichkeiten der Tilgung durch Übermalen oder durch Vernichtung des Untergrundes. Holz als Inschriftenträger konnte – darin dem Stein verwandt – zwar auch (eingetieft oder erhaben) geschnitzte Schriften tragen; normalerweise aber war die glatt gehobelte, grundierte Tafel Grund gemalter Schrift. Die Dezimierung durch Brand, Fäulnis, Wurmfraß und die leichtere Beweglichkeit mögen der Grund dafür sein, daß sich aus mittelalterlicher Zeit nur noch wenige Stücke erhalten haben: zwei Retabel und zwei Totenschilde. Aus nachreformatorischer Zeit besitzen wir neben einer stattlichen Zahl gemalter Holzepitaphien105) mit geschnitzter Rahmung Teile der Kirchenausstattung, wie Emporen-Brüstungen mit gemalten Feldern und Teile der Kanzel (einschließlich Schalldeckel). Die in anderen Regionen – z. B. in Niedersachsen oder in der Schweiz – häufigen Hausinschriften, eingeschnitten in die Balken der Fachwerkhäuser, fehlen fast ganz.

Aus dem Bereich der Glasmalerei sind wenige Werke überliefert: Teile eines einzigen kirchlichen Zyklus in Kleinbottwar (nr. 162) und Kabinettscheiben des profanen Bereichs in den Rathäusern von Großsachsenheim und Markgröningen (nrr. 417, 650); Großbottwar hat seine Scheibenstiftungen eingebüßt, in der Substanz sind sie jedoch erhalten (nr. 305)106).

Zu den problematischen Schrift-Denkmälern gehören die gemalten Inschriften an den Wänden von Kirchen und Profangebäuden107). Der Erhaltungszustand ist fragmentarisch, da die Innenräume meist im 18. und 19. Jahrhundert übertüncht wurden, die Wiederaufdeckung aber in der Regel mit Substanzverlusten verbunden ist. Der Untergrund ist in allen Fällen die weiß getünchte Putzschicht der Wand oder der Gewölbekappen, auf die die Inschriften zusammen mit den Wandgemälden al secco aufgemalt waren.

  1. Zu den Grabmälern im einzelnen siehe Ortsregister. – Die 1847 aus dem Chor der Markgröninger Stadtkirche auf den Friedhof verlegten Denkmäler sind bereits in hoffnungslosem Zustand (nrr. 313, 376, 500, 501). »
  2. Ein Überblick über die Farbe in der Architektur, in: RDK VII (1981) 274–428 (bearb. v. F. Kobler und M. Koller), über die Fassung von Bildwerken, ebd. 743–826 (bearb. v. Th. Brachert und F. Kobler) ohne bes. Behandlung der Gattung Grabmal. »
  3. Vgl. etwa die Beobachtungen an Werken des Loy Hering in Eichstädt; dazu P. Reindl, Loy Hering. Basel 1977, 33ff. »
  4. Zu verweisen ist auf die farbige Fassung der Hochgräber in der herzoglichen Grablege zu Tübingen. Ihre Inschriften waren vergoldet. Die Quellen im Wortlaut bei A. Wintterlin, in: Festschrift zur 4. Säcularfeier der Universität Tübingen 1877, 19ff. »
  5. So sind z. B. die Schriften aller Grabmäler der Unterriexinger Frauenkirche 1891 schwarz nachgezogen worden. »
  6. Ferner die Platten der Ritter von Handschuhsheim in St. Vitus in Heidelberg, aufgedeckt 1970; vgl. DI. XII (Heidelberg) nrr. 56a, 198a, 209a, 221a, 377a. »
  7. Vgl. dazu Fleischhauer, Renaissance 1971, 151ff. – Die fragmentarisch erhaltene Stuck-Dekoration im Rittersaal des Schlosses Kaltenstein in Vaihingen, datiert 1570, enthält keine Inschriften. »
  8. Die noch vorhandenen Glocken wurden von S. Thurm im Deutschen Glockenatlas, Bd. I (Württemberg-Hohenzollern) verzeichnet. Deshalb begnügt sich der vorliegende Band mit einem Kurzkommentar. »
  9. Befehl der Bestandsaufnahme aller silbernen und goldenen Kirchengeräte, daraufhin Befehl der Ablieferung; vgl. J. Rauscher, Württembergische Visitationsakten I. Stuttgart 1932, Einl XXIVff. (Württembergische Geschichtsquellen 22). »
  10. Im Rahmen der Vorarbeiten zu dem vorliegenden Band konnte eine systematische Überprüfung der im Bearbeitungsgebiet noch vorhandenen Vasa sacra nicht geleistet werden, zumal erfahrungsgemäß die Ausbeute an Inschriften bei dieser Gattung schmal ist. »
  11. Bisher weder gesammelt noch bearbeitet; einzelne Nummern im Register. »
  12. Übersicht über die Reste des Bestandes im Bearbeitungsgebiet in: R. Becksmann, Die mittelalterlichen Glasmalereien in Schwaben von 1350–1530 ohne Ulm (=CVMA Deutschland 12) Berlin 1986. »
  13. Die erhaltenen Beispiele vgl. im Register. »