Die Inschriften des Landkreises Ludwigsburg

4. Die Quellen der nichtoriginalen Überlieferung

Die Beschäftigung mit Inschriften beginnt nach den bisher vorliegenden Untersuchungen im Zeitalter der Renaissance. Im Mittelpunkt des Interesses der Humanisten stehen zunächst die antiken Schriftdenkmäler, doch angeregt von den damals entstehenden Sammlungen römischer Inschriften wenden sich einzelne Gelehrte auch der nachrömischen Epigraphik zu72).

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Ein geradezu typisches Beispiel für diesen Sachverhalt bietet im Landkreis der Präzeptor der Marbacher Lateinschule, Simon Studion (1543–1605), ein gelehrter, vielseitig interessierter Mann. Sein Hauptinteresse galt den römischen Denkmälern in der Umgebung von Benningen, durch deren Sammlung er sich den Ehrentitel eines „Vaters der württembergischen Altertumsforschung“ erwarb73). Daneben kopierte er aber auch mittelalterliche Inschriften. Seine „Vera origo domus Wirtembergica“ (1597) enthält eine genaue Abzeichnung der historisch wichtigen Gemälde und Inschriften im Marbacher Schloß74). Die Sammeltätigkeit setzt damit im Bearbeitungsgebiet früher ein als in Heidelberg oder in München, und selbst aus Mainz ist aus der Zeit vor dem Ende des 16. Jahrhunderts nur eine einzige Inschriftensammlung bekannt75).

Trotzdem gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen den Verhältnissen im Bearbeitungsgebiet und den zum Vergleich herangezogenen Kulturzentren. Während dort teilweise über fünfzig Prozent der erfaßten Schriftdenkmäler nur noch kopial überliefert sind, haben sich in dem hier untersuchten Bearbeitungsgebiet mehr als drei Viertel der Inschriften im Original erhalten. Dieser hohe Anteil hat seine Ursache keineswegs in einer gegenüber Heidelberg oder München besonders geringen Verlustrate, sondern darin, daß die Inschriften im Kreis Ludwigsburg – im Gegensatz zu denen der großen Städte – in der Vergangenheit noch nie systematisch erfaßt worden sind. Auch das ist kein Einzelfall. Im Landkreis Karlsruhe und im Enzkreis, die – abgesehen vom Kloster Maulbronn – keine alten Zentren überregionaler Bedeutung aufweisen und die damit in ihrer Struktur dem Bearbeitungsgebiet gleichen, liegen die Verhältnisse ähnlich76). Der Grund ist einleuchtend. Für die relativ wenigen Sammler, die sich in der Vergangenheit um die epigraphische Überlieferung bemühten, waren die großen Zentren mit ihren Grabmälern und Residenzen geistlicher und weltlicher Fürsten wesentlich lohnendere Objekte systematischer Sammeltätigkeit als die Bestände in Landstädten und Dörfern.

Tab. 1 Überlieferung und Verbreitung der Inschriften in den 12 inschriftenreichsten Orten des Kreisgebietes
  Erhalten + Summe Erstveröffentlichung
Aldingen 26 13 39 9
Beihingen 22 3 25 10
Bietigheim 19 1 20 2
Großsachsenheim 16 3 19 4
Marbach a. N. 35 11 46 27
Markgröningen 45 7 52 18
Mundelsheim 19 1 20 5
Oberstenfeld 23 6 29 11
Oßweil 7 14 21 2
Steinheim 10 11 21 9
Unterriexingen 30 2 32 4
Vaihingen a. d. Enz 35 23 58 11

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Die ältesten Inschriftenkopien aus dem Landkreis finden sich deshalb in Sammlungen und Abhandlungen zur württembergischen Landesgeschichte, wo sie – auch das ist typisch – als historische Quelle oder zu genealogischen Zwecken herangezogen werden77).

Die Reihe dieser Werke beginnt mit den dreibändigen „Annales Suevici“ des Tübinger Professors Martin Crusius (1526–1607), gedruckt 1595/96 in Frankfurt am Main. Crusius erzählt in wenig systematischer Form wichtige Begebenheiten im deutschen Südwesten und verwendet dabei auch Inschriften als Quelle. Die Zuverlässigkeit seiner Abschriften ist unterschiedlich; insbesondere bei der Wiedergabe von Grabschriften scheint er sich einige Freiheiten genommen zu haben78).

Der württembergische Arzt und Archivar Oswald Gabelkover (1539–1616) und sein Sohn Johann Jakob sammelten Inschriften vor allem aus genealogischem Interesse79). Die beiden hinterließen ein fast unübersehbares, in wesentlichen Teilen aus Notizzetteln bestehendes Opus an Stammtafeln, Urkundenexzerpten und Inschriftenkopien, das über verschiedene Bestände von Landesbibliothek und Hauptstaatsarchiv verstreut ist. Für den Landkreis wichtig sind vor allem die „Miscellanea historica“80) und die „Genealogia Nothafftiana“, letzteres eine handschriftliche Familiengeschichte der Nothaft von Hochberg, die von dem Rudersberger Pfarrer Johann Georg Waltz (gestorben 1658/59) ergänzt worden ist81). Waltz hat auch eigene Kollektaneen hinterlassen, die für den Landkreis aber nicht ergiebig sind82). Bei Waltz wie bei den beiden Gabelkover ist im Einzelfall nicht immer leicht zu entscheiden, ob und in welchem Umfang eine Textpassage als Zitat einer Inschrift aufgefaßt werden kann83). – Die Stammtafeln des Johann Pleickhardt von Helmstatt (1571–1636) – Darmstadt, Hess. Landesbibliothek Hs. 1970 – enthalten auch Genealogien württembergischer Familien (Zitat: J. P. von Helmstatt).

Von den späteren württembergischen Historiographen zieht Christian Friedrich Sattler (1705–1785) in größerem Umfang Inschriften heran, vor allem in seinen historisch-topographischen Werken84). Im 19. Jahrhundert schwindet die Neigung, Inschriften als historische Quelle wörtlich zu zitieren. Die württembergischen Oberamtsbeschreibungen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts85) und das von Eduard Paulus im Jahre 1889 herausgegebene Kunstdenkmälerinventar des Neckarkreises erbringen kaum verlorene Inschriften86). Dies ist nur auf den ersten Blick verwunderlich. Die Oberamtsbeschreibungen zitieren in der Regel die wichtigen oder besonders auffälligen Objekte, deren Verlustrate in den vergangenen einhundert Jahren gering war. Paulus behandelt die Grabmäler ausgesprochen stiefmütterlich, erwähnt oft nicht einmal die wichtigsten Stücke, und dort, wo er es tut, fehlt meist die Inschrift. Gleich unergiebig sind die Monographien zur Geschichte einzelner Orte und Gebäude. Die meisten dieser Arbeiten sind in diesem Jahrhundert entstanden; es liegt in der Natur der Sache, daß sie – wenn sie überhaupt Inschriften zitieren – in der Regel auf erhaltenes Material zurückgreifen.

Die Masse der kopial überlieferten Inschriften läßt sich nur mühsam aus weit zerstreuten Aufzeichnungen erschließen, die in den verschiedenen Archiven liegen und ihr Entstehen den unterschiedlich­sten [Druckseite XXVII] Motiven verdanken. So hat sich eine Weiheinschrift aus der Zeit um 1500 in die Steuerakten der einst selbständigen Gemeinde Kleinbottwar verirrt, weil sie Auskunft über die Baulast der Kirche gibt87).

Das Familienarchiv Decker-Hauff in Stuttgart verwahrte unter dem Titel „Hans Hauffs Epitaphienbüchlein“ eine bis ins 17. Jahrhundert zurückgehende Sammlung von Grabschrift-Kopien für Angehörige dieser Familie. Das Werk, an dem mehrere Hände mitgearbeitet hatten, ging in den Bombennächten des Jahres 1944 zugrunde. Abschriften des Epitaphienbüchleins überstanden den Krieg. Sie wurden, soweit sie das Bearbeitungsgebiet betreffen, von Professor Dr. Hansmartin Decker-Hauff mitgeteilt.

Ergiebig, aber schwer zu erschließen, sind die handschriftlichen Aufzeichnungen, die sich in den Registraturen mancher evangelischer Pfarrämter finden lassen. Einige von ihnen gehen auf eigene Initiative der Verfasser zurück. Genannt seien die „Kurtze Beschreibung von Hessigheim, Besigheimer Amts“ (1757) des Pfarrers Friedrich Karl Grammlich88) und der „Kirchencatalogus oder Seelenregister der Gemeinde zu Hochdorf, angefangen An(n)o 1782“ des Jakob Friderich Jaeger, in welchen eine von Karl Jonathan Hutzel verfaßte Ortschronik inseriert ist89).

Die meisten verdanken ihr Entstehen jedoch direkt oder indirekt einem Erlaß des Königlichen Evangelischen Konsistoriums vom 15. Juni 1827, der die Pfarrer anwies, „Pfarrbeschreibungen für die evangelischen Parochien des Königreiches“ anzulegen und fortzuführen. Nicht wenige Geistliche hielten es für ihre Pflicht, im Rahmen der Beschreibung der Kirchenausstattung, oder auch in gesonderten Beilagen, auf eventuell vorhandene Inschriften einzugehen.

Die wertvollste dieser Arbeiten ist die „Beschreibung der in Oberstenfeld und Umgebung vorhandenen Denkmale“ (1837) des Oberstenfelder Stiftspfarrers Sigel, weil sie die einzige bekannte Kopie der Grabschrift des Kanzlers Oudalrich enthält. Das Original der Handschrift ist zur Zeit verschollen, eine Kopie liegt in der Landesbibliothek in Stuttgart90). Beschreibungen ähnlicher Art liegen in Beihingen (Karl Friedrich Amandus Dörner, Pfarrbeschreibung von Beihingen/Neckar, 1827–1835), Höpfigheim (Ernst August Meyding, Pfarrbeschreibung der Parochie Höpfigheim, 1836) und Hochberg am Neckar (Georg August Heinrich Hartmann, Beschreibung der Altertümer der alten Kirche zu Hochberg, 23./24. 5. 1845) sowie im Stadtarchiv Ludwigsburg (Karl Jakob Veit, Chronikalisches, Clerikales, Feudales von Oßweil, 1882; Jacob Seyfang, Beschreibung des Pfarrdorfes Eglosheim, 1892). Ferner gehören in diesen Zusammenhang die Arbeiten des späteren Tübinger Prälaten Georg Christian von Seubert (1782–1835)91) und von Alfred Klemm (1840–1897), Pfarrer zu Vaihingen a. d. Enz, Geislingen, Sulz und Backnang92).

Auch das Landesdenkmalamt in Stuttgart bewahrt Akten mit Texten verlorener Inschriften. Im Rahmen der Wiederherstellung der Alexanderkirche in Marbach in den Jahren 1926–28 wurden unter der Leitung von Professor Ernst Fiechter umfangreiche Grabungen durchgeführt. Dabei wurden die zahlreichen aus dem Fußboden gehobenen Grabplatten abgeschrieben und vermessen93).

Schließlich ist noch anzumerken, daß auch der vorliegende Inschriftenband bereits bei seinem Erscheinen eine Quelle für verlorene Inschriften ist. Drei kleinere Objekte, die zwischen 1965 und 1970 aufgenommen wurden und die in der Literatur nicht erwähnt werden, sind inzwischen zerstört worden.

Bei dieser breiten Streuung der Belege ist es sicher, daß nicht alle Kopien verlorener Inschriften erfaßt worden sind. Aus Pfarregistraturen und staatlichen und privaten Archiven sind auch in Zukunft noch Neufunde zu erwarten94).

  1. DI. II (Mainz) S. [17] ff. »
  2. Filtzinger u. a. (wie Anm. 10) 14ff. »
  3. Simon Studion, Vera origo domus Wirtembergica, Handschrift WürttLB Stuttgart Cod. hist. F 57. Vgl. nr. 99»
  4. Vgl. DI. V (München) S. XIX f.; DI. XII (Heidelberg) S. XVIf.; DI. II (wie Anm. 72). »
  5. Vgl. DI. XX (Karlsruhe) S. XVII; DI. XXII (Enzkreis) S.XXIf. »
  6. DI. II. (wie Anm. 72). »
  7. Crusius, Annales Suevici I–III. – Ins Deutsche übersetzt und bis 1733 fortgeführt durch Joh. Jacob Moser (1701–1785) mit dem Titel: Schwäbische Chronik. Frankfurt 1733. »
  8. Gabelkovers Hauptwerk als württembergischer Hofhistoriograph, eine „Historia Württembergica“ in elf Büchern, blieb unvollendet; Druck (verändert) von Joh. Ulrich Steinhofer, Ehre des Herzogtums Wirtenberg oder Neue wirtenbergische Chronik ... 2.–4. Theil. Tübingen, Stuttgart 1746–1755. – Zu Gabelkover zuletzt: R. Seigel, Zur Geschichtsschreibung beim schwäbischen Adel in der Zeit des Humanismus, in: Speculum Sueviae (Festschrift Decker-Hauff) I. Stuttgart 1982, 96f., 109; vgl. auch Bernhardt I 303f. »
  9. Stuttgart WürttLB Cod. hist. O 16; Cod. hist. F 22. »
  10. Genealogia Nothafftiana, ... zusammengetragen durch Oswald Gabelkover, vermehrt durch M. Johann Georg Waltzen (1658); Handschrift Stuttgart HStA J 1 Nr. 86. »
  11. Johann Georg Waltz, Kollektaneen, Handschrift Stuttgart WürttLB Cod. hist. F 100. »
  12. Aus diesem Grund sind die allein durch Gabelkover überlieferten Inschriften nur mit großem Vorbehalt aufgenommen worden (z. B. nrr. 54, 76, 77, 91, 423). Wenn der Wortlaut einer Inschrift heute noch am Original nachprüfbar ist oder durch einen weiteren Kopisten überliefert wurde (z. B. bei den Oßweiler Grabplatten nrr. 237, 249), so ergeben sich meist Abweichungen, die zeigen, daß Gabelkover nicht am Wortlaut, sondern nur an der genealogischen Information einer Grabplatte interessiert war. Deshalb mußte im Rahmen der Bearbeitung des vorliegenden Bandes auf eine systematische Durchsicht aller Gabelkover-Quellen verzichtet werden, da ein derartiger – wenig Erfolg versprechender – Arbeitsaufwand nicht gerechtfertigt wäre. »
  13. Ch. F. Sattler, Geschichte des Herzogtums Württemberg unter der Regierung der Graven 1–4, Tübingen 1773–772. – Ders., Geschichte des Herzogthums Würtenberg unter der Regierung der Herzogen 1–13, Tübingen 1769–83. »
  14. Beschreibung des Oberamts Besigheim, Stuttgart 1853; Beschreibung des Oberamts Ludwigsburg, Stuttgart 1859; Beschreibung des Oberamts Marbach, Stuttgart 1866; Beschreibung des Oberamts Vaihingen, Stuttgart 1856; Beschreibung des Oberamts Waiblingen, Stuttgart 1850. – Zitiert: OAB mit Ortsnamen. »
  15. E. Paulus, Die Kunst- und Altertumsdenkmale im Königreich Württemberg; Bd. 1 (Neckarkreis), Stuttgart 1889. – Zitiert: Paulus, Neckarkreis. »
  16. Vgl. nr. 182»
  17. In der Registratur des evangelischen Pfarramts Hessigheim. »
  18. Evangelisches Pfarramt Hochdorf (Gem. Remseck am Neckar). »
  19. Die Kopie ist angeschlossen an: Elisabeth von Ziegesar, Geschichte des adeligen Stiftes zu Oberstenfeld, Stuttgart, WürttLB cod. hist. F 955, Anhang Fasz. 4. »
  20. Titel: Einige historische und antiquarische Notizen über Freudental, Rechentshofen und Kirpach, aus vorhandenen Monumenten, Kirchen- und Lagerbüchern, gesammelt um 1820; Stuttgart, WürttLB cod. hist. HB XV 93. »
  21. Abgesehen von den zahlreichen gedruckten Titeln (s. Literaturverzeichnis) ist hier vor allem sein umfangreicher Nachlaß zu nennen; Stuttgart, WürttLB cod. hist. Q 347, cod. hist. O 100. »
  22. Fiechter, Grabungsakten der Alexanderkirche in Marbach 1926–28; Archiv des Landesdenkmalamtes in Stuttgart. »
  23. Leutrum (Frauenkirche 52–60) zitiert zum Beispiel 75 Texte mit den Namen von Personen, die in der Frauenkirche in Unterriexingen begraben sein sollen. Als Quelle nennt er „Kirchenbücher“. Elf dieser Texte aus der Zeit vor 1650 sind jedoch so formuliert, daß die Vermutung naheliegt, es handle sich um Abschriften verlorener Grabsteine (dort nrr. 2, 4, 6, 8, 9, 10, 12, 14, 21, 27, 29, 33). In die vorliegende Arbeit sind sie wegen ihrer unsicheren Herkunft nicht aufgenommen worden, was nicht ausschließt, daß Leutrum eine Inschriftensammlung abgeschrieben hat, die heute unerkannt in irgendeinem Archiv liegt. »