Die Inschriften des Landkreises Ludwigsburg

2. Historischer Überblick

Der Landkreis Ludwigsburg in seinen heutigen Grenzen besteht erst seit dem Jahre 1973. Damals wurden im Zuge der baden-württembergischen Gebietsreform dem Altkreis Ludwigsburg große Teile der aufgelösten Landkreise Vaihingen an der Enz und Leonberg angegliedert1). Zur Gebietsabrundung im Osten wurden die Gemeinden Affalterbach und Rielingshausen angeschlossen, die vorher zum Landkreis Backnang gehört hatten. Vom Landkreis Heilbronn kamen die Orte Gronau und Prevorst hinzu.

Im Innern des neugebildeten Kreises hatte die Gebietsreform eine teilweise erhebliche Umgestaltung der Gemeindegrenzen zur Folge. Viele seit Jahrhunderten selbständige Dörfer wurden zu neuen [Druckseite XI] Vewaltungsgebieten zusammengeschlossen, in manchen Fällen über die alten Kreisgrenzen hinweg. Ortsnamen, die bis auf die Zeit der alemannischen Landnahme zurückgehen, wurden durch mehr oder weniger glücklich gewählte Kunstnamen für die neuen Großgemeinden ersetzt. Aus Beihingen, Geisingen und Heutingsheim wurde die Stadt Freiberg, benannt nach einem für kurze Zeit dort ansässigen Adelsgeschlecht. Die Burg Remseck lieh einem Zusammenschluß von Gemeinden im Südosten des Kreises ihren Namen. Um dem Benutzer des vorliegenden Bandes die Orientierung zu erleichtern, wird jede Inschrift unter dem althergebrachten Ortsnamen aufgeführt. Die neue Gemeindezugehörigkeit wird in Klammern beigefügt2).

Die im Jahre 1974 abgeschlossene Gebietsreform war nicht der erste Eingriff in historisch gewachsene Strukturen des heutigen Landkreises3). Die namengebende Stadt Ludwigsburg selbst entstand erst im Anschluß an das seit 1704 erbaute Schloß Ludwigsburg. Sie verdankt ihre Existenz dem Wunsch des württembergischen Herzogs Eberhard Ludwig nach einem eigenen Versailles und wurde mitten hineingesetzt in einen geordneten Mikrokosmos kleiner und gleichgewichtiger Amtsbezirke. Erst 1719 wurde ihr ein eigener Bezirk zugeordnet, der im Laufe der folgenden zweieinhalb Jahrhunderte auf Kosten der umliegenden Ämter immer weiter ausgedehnt wurde. Wichtigste Stationen waren die endgültige Angliederung des Amtes Markgröningen im Jahre 1807 und der Anschluß des größten Teiles der Oberämter Besigheim und Marbach im Jahre 1938. Heute umgreift der Landkreis neben einer Anzahl einstiger Stabsämter, Klosterbezirke und ritterschaftlicher Territorien zehn ehemalige württembergische Amtsstädte mit der Masse ihres Verwaltungsgebietes4).

Trotz dieser Vielfalt zeigt das geographische und historische Bild, das der neue Großkreis bietet, eine im Vergleich zu anderen Gebilden der Gebietsreform seltene Geschlossenheit.

Zentrum der geographischen Gliederung ist das Neckarbecken, eine weite, flachwellige Gäulandschaft, die sich vom Strohgäu im Südwesten über das Lange Feld bei Ludwigsburg bis zur nördlichen Kreisgrenze erstreckt, während sie nach Osten in der Backnanger Bucht über die Kreisgrenzen hinausreicht. Sie wird durchschnitten von den vielfach gewundenen Tälern des Neckars und seiner Nebenflüsse, die sich bis zu einhundert Meter tief in den Muschelkalk-Untergrund eingenagt haben. Das etwa 250 m über dem Meeresspiegel gelegene Becken ist an seinen Rändern schüsselartig aufgebogen und wird von bis über 500 m hohen Bergzügen gesäumt, dem Stromberg, den Löwensteiner Bergen und den Ausläufern des Schwäbischen Waldes, den Stuttgarter Bergen und dem Glemswald. Vor allem im Nordwesten, Nordosten und Süden laufen die Kreisgrenzen über weite Strecken entlang dieser Höhenrücken. Sie sind aus Keuperschichten mit Sandsteindecken aufgebaut, wenig fruchtbar und auch heute noch weitgehend waldbestanden. In der Mulde des Neckarbeckens dagegen hat sich durch Aufwehungen im Laufe von Jahrmillionen eine bis zu zwanzig Meter mächtige Lößlehmschicht abgelagert, die äußerst fruchtbar ist. Ein mildes Klima, das auch den Anbau von Sonderkulturen lohnend macht, sorgt dafür, daß diese Böden zu den landwirtschaftlich wertvollsten Flächen Süddeutschlands gehören5).

Auf der Grundlage von Getreide und Wein, die bis weit in die Alpenländer exportiert wurden, entwickelte sich eine blühende Wirtschaft. Der Pauperismus des 18. und 19. Jahrhunderts, der gerade im Neckarland weit verbreitet war, hatte seine Ursache in der Realteilung des Grundbesitzes, die zu einem starken Anwachsen der Bevölkerung führte. Er darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß dieser Landstrich vor dem Dreißigjährigen Krieg ausgesprochen wohlhabend war. An der Bottwartalstraße von Marbach nach Beilstein konnten auf einer Strecke von nur 15 km drei Städte, zwei Klöster, drei Adelsburgen und vier Dörfer existieren. Insgesamt drängen sich auf dem Gebiet des heutigen Landkreises etwa zwanzig mittelalterliche Städte und stadtähnlich ummauerte Dörfer, die allesamt im Weinbaugebiet liegen. Angehörige der bürgerlichen Oberschicht dieser Städte haben schon im vierzehnten Jahrhundert Grabplatten in Auftrag gegeben, die sich von denen des Hochadels äußerlich nicht unterschieden6).

Trotz seiner Wirtschaftskraft hat der Raum ein Zentrum mit eigener politischer und kultureller Ausstrahlungskraft nicht auszubilden vermocht. Seit dem späten Mittelalter war fast das ganze Kreisgebiet eine Kernlandschaft des Herzogtums Württemberg, dessen Geschicke es teilte. Die Residenz [Druckseite XII] Stuttgart, seit 1477 die Universität Tübingen, und daneben noch die benachbarten Reichsstädte Heilbronn und Esslingen vermittelten die kulturellen Maßstäbe. Die relativ großen Entfernungen zu den Kulturzentren an Rhein, Main und Donau sorgten dafür, daß neue Entwicklungen nur zögernd rezipiert wurden, insbesondere seit der Einführung der Reformation im Jahre 1534, die das evangelische Württemberg von den überwiegend katholisch gebliebenen Territorien des Umlandes isolierte.

Der mittlere Neckar gehört zu den Gebieten, die schon in der Frühzeit vom Menschen besonders gern aufgesucht worden sind7). Bei Steinheim hat man in den Schottern der Murr den Schädel einer jungen Frau gefunden, die vor rund 200 000 Jahren gelebt hat und als direkte Vorfahrin des homo sapiens gilt8). Die Fundplätze aus der Jungsteinzeit gehen in die Hunderte. Im sechsten und fünften vorchristlichen Jahrhundert war der Asperg Sitz eines keltischen Herrschergeschlechtes von überregionaler Bedeutung9). Im neunten Jahrzehnt unserer Zeitrechnung kam der größte Teil des heutigen Landkreises unter die Herrschaft der Römer, als die Reichsgrenze von der Alb an den Neckar vorverlegt und durch eine Kastellreihe gesichert wurde. Auf Kreisgebiet lagen die Kastelle Benningen und Walheim. Als die Grenze um die Mitte des zweiten Jahrhunderts ein letztes Mal vorgeschoben und durch den Limes befestigt wurde, verloren diese Orte ihre militärische Funktion und wurden zu blühenden Zivilsiedlungen. Das flache Land wurde durch die Verbindungsstraßen zwischen Zivilsiedlungen und Limeskastellen erschlossen und war mit Gutshöfen besetzt10).

Das Ende der römischen Herrschaft kam in den Jahren 259/260, als die germanischen Alemannen den Limes überrannten und das Gebiet zwischen Rhein, Bodensee und Iller in ihren Besitz brachten. Über die ersten zwei Jahrhunderte germanischer Herrschaft weiß man sehr wenig. Erst um die Wende zum sechsten Jahrhundert werden Abläufe faßbar, die bis heute von Bedeutung sind: die Eingliederung in das Frankenreich und die Herausbildung der politischen und siedlungsgeographischen Strukturen des Raumes.

Die Franken waren im Zuge ihrer Expansion nach Süden und Südwesten mit den Alemannen zusammengestoßen und hatten sie im Jahre 497 bei Tolbiacum („Zülpich“) entscheidend besiegt. Die fränkische Grenze wurde weit nach Süden vorgeschoben. Sie verlief ab jetzt quer durch den südlichen Teil des späteren Landkreises; vom Lemberg südöstlich Marbach über den Asperg und weiter entlang der Glems, wobei das nördlich und westlich gelegene Gebiet zur Francia gehörte, das südlich und östlich gelegene zur Alamannia. Diese Grenze hat über Jahrhunderte eine wichtige Rolle gespielt. Nach der Einbindung Restalamanniens in das Frankenreich war sie bis zum Ende des Hohen Mittelalters die Nordgrenze des Herzogtums Schwaben, auch wenn sie seit der Stauferzeit keine politische Bedeutung mehr hatte. Als kirchliche Grenze schied sie bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts die Bistümer Speyer und Konstanz. Als Volkstums- und Dialektgrenze ist sie noch heute greifbar, auch wenn sich das Schwäbische in den letzten Jahrhunderten auf Kosten des Fränkischen um wenige Kilometer nach Norden vorgeschoben hat11).

Südlich und nördlich der Grenze folgen die ältesten Siedlungen der schwäbisch-alamannischen Ortsnamenmonotonie auf -ingen. Man kann vermuten, daß vielen Orten nördlich der Grenze offenbar erst nachträglich die „fränkische“ Endsilbe -heim angehängt wurde (Heutingsheim, Bietigheim, Bönnigheim usw. )12). Wie vorsichtig man allerdings mit allen derartigen Zuschreibungen umgehen muß, zeigt das Beispiel des Dorfes Pleidelsheim, das trotz der fränkischen Ortsnamenmonotonie aufgrund seines gründlich erforschten Reihengräberfeldes als alamannische Gründung aus der Zeit um 450 nach Christus erkannt worden ist13). Auch Murr und Großbottwar sind wohl altalamannische Siedlungen. Als früheste Organisationsformen des Raumes werden mit dem Einsetzen der schriftlichen Überlieferungen ab dem achten Jahrhundert die Gaue faßbar. Die fränkischen Gaue sind in ihrer Ausdehnung weitgehend mit den Landdekanaten identisch, den im 12. und 13. Jahrhundert entstandenen Kirchensprengeln. Im Nordwesten lag der Enzgau, dessen Nord- und Westausdehnung in etwa mit den heutigen Kreisgrenzen zusammenfällt und der im Osten bis Bietigheim und Bissingen reichte. Kirchlich war dieses Gebiet bis zur Reformation im Landdekanat Vaihingen an der Enz zusammengefaßt. Im Norden reichte der Zabergau – das Landdekanat Bönnigheim – mit Orten wie Erligheim und Kirchheim­ [Druckseite XIII] ins Kreisgebiet hinein; der Südwesten mit Ditzingen, Heimerdingen, Schöckingen, Gerlingen, Hirschlanden und dem Dekanatssitz Markgröningen gehörte zum Glemsgau. Das Gebiet östlich des Neckars und die Orte am linken Neckarufer bildeten den Murrgau, der im Osten über das Kreisgebiet hinaus bis Sulzbach an der Murr und Rudersberg ausgriff. Kirchlich war dieser Gau später im Landkapitel Marbach organisiert14). Die Gaueinteilung des schwäbischen Anteils am Kreisgebiet ist schwerer zu durchschauen. Offenbar wurde dieses Gebiet ursprünglich zum Neckargau gerechnet, später zumindest in seinen westlichen Bereichen zum Glemsgau15).

Kirchliche und weltliche Herrschaftsbildung lassen erkennen, daß der Raum bis zum Ende des frühen Mittelalters recht abseitig gelegen war. Hier stießen die Grenzen von vier Bistümern zusammen. Die Christianisierung des Enz- und Glemsgaues wurde vom Kloster Weißenburg im Elsaß getragen, das eng mit dem Bistum Speyer verbunden war, zu dem beide Gaue von Anfang an gehörten. Zabergau und Murrgau bildeten bis zur Mitte des achten Jahrhunderts den äußersten Zipfel des Bistums Worms, gehörten dann für kurze Zeit zum Bistum Würzburg und kamen im neunten Jahrhundert endgültig zu Speyer. Die Gebiete südlich der Stammesgrenze mit den Kirchen in Aldingen, Ditzingen, Geisnang (später Ludwigsburg), Gerlingen, Hochberg a. N., Hochdorf a. N., Kornwestheim, Möglingen, Neckargröningen, Neckarrems, Oßweil, Poppenweiler und Siegelshausen gehörten zum Bistum Konstanz16). Die Bistumsgrenze teilte den Ort Ditzingen entlang dem Flüßchen Glems in zwei Ortsteile mit eigenen Pfarrkirchen.

Die adelige Grundbesitzerschicht, die bis ins zehnte Jahrhundert nur in ihren frommen Schenkungen, hauptsächlich an die Klöster Weißenburg im Elsaß, Neuhausen bei Worms, Lorsch, Fulda und an das Hochstift Speyer, faßbar wird17), scheint in enger Beziehung zu den rhein-fränkischen Gebieten zu stehen.

Wichtigste Herrschaftsträger im Kreisgebiet waren bis ins 12. Jahrhundert die Murrgaugrafen mit dem Leitnamen Adalbert. Als Grafen sind sie seit 1003 im Zabergau, seit 1009 im Murrgau bezeugt. Auch im Glemsgau übten sie Herrschaftsrechte aus. Nach ihrem Gerichtsort im Murrgau nannten sie sich auch Grafen von Ingersheim, nach 1075 heißen sie Grafen von Calw nach ihrer Burg im Schwarzwald. Ein Seitenzweig des Hauses sind die älteren Grafen von Löwenstein, die gleichfalls im Landkreis begütert waren. Eine andere Seitenlinie trat im Enzgau die Nachfolge der 1175 letztmals erwähnten Eginonen, der älteren Grafen von Vaihingen, an und begründete die jüngere Vaihinger Grafenlinie. Noch vor 1239 erhob diese Familie das Dorf Vaihingen zur Stadt (vgl. nr. 18)18).

Stammvater der ganzen Sippe und überdies noch Ahnherr der Grafen von Lauffen, Henneberg und Berg soll der Graf Burkhard „von Bottwar“ gewesen sein, der um 965 Güter in Großbottwar an Kloster Neuhausen bei Worms vergabte. Eine Tochter Burkhards soll die nur kurze Zeit blühende Linie der Grafen „von Oberstenfeld“ gestiftet haben, aus welcher der kaiserliche Kanzler Oudalrich (gestorben 1032; nr. 2) hervorging. Aus Großbottwar und Oberstenfeld sind die ältesten Inschriften des Kreisgebietes überliefert. Sie erweisen nicht nur, daß das Frauenstift Oberstenfeld eine Gründung dieser bedeutenden Familie aus der Zeit um die Jahrtausendwende ist – was früher oft bezweifelt wurde –, sondern sie machen auch deutlich, daß Großbottwar der frühe Mittelpunkt eines Herrengeschlechtes von großer historischer Bedeutung gewesen sein muß19).

Vor der Mitte des 12. Jahrhunderts begann der Niedergang der calwischen Macht. Nach dem Tode des Pfalzgrafen Gottfried von Calw (gestorben um 1133) kamen große Teile des Glemsgaues, darunter das spätere Stadtgebiet von Ludwigsburg, über dessen Tochter Uta an die Welfen und weiter an die Pfalzgrafen von Tübingen. Die Tübinger vergabten reichen Besitz an ihr Hauskloster Bebenhausen und vererbten die Glemsgaugrafschaft an eine Seitenlinie, deren Angehörige sich seit 1228 Grafen von Asperg nannten. Auf dem Hohenasperg entstand eine Burgstadt, die im 16. Jahrhundert an den Fuß des Berges verlegt wurde20). [Druckseite XIV] Eine Sonderentwicklung nahm Markgröningen. Die ursprünglich calwischen, später welfischen Rechte dort scheinen zu den Gütern gehört zu haben, die Welf VI., Utas Ehemann, testamentarisch den Staufern vermachte. Jedenfalls ist Kaiser Friedrich Barbarossa im Jahre 1189 nach dem Kauf eines Hofes, der dem Kloster Murbach im Elsaß gehört hatte, allem Anschein nach alleiniger Besitzer des Ortes. Kaiser Friedrich II. verlieh 1240 die Stadtrechte. Die junge Stadt kam 1252 als Reichslehen in den Besitz des Reichsbannerträgers Hartmann von Württemberg-Grüningen, dessen Versuch, sich ein Territorium zu schaffen, allerdings fehlschlug. Seine Rolle als Stifter der Pfarrkirche St. Peter und Paul (seit dem Spätmittelalter Wechsel des Patroziniums: St. Bartholomäus) hat sich in mehreren Inschriften niedergeschlagen (nrr. 8, 9). Nach seinem Tode im Jahr 1280 erlangte Markgröningen vorübergehend den Status einer Reichsstadt. Die Verbindung mit dem Privileg der Reichssturmfahne, die letztlich auch auf Graf Hartmann zurückgeht, führte allerdings dazu, daß die Stadt meist als Lehen ausgetan oder verpfändet war21). Dennoch hat sich dort ein städtisches Patriziat herausbilden können, dessen Angehörige ihren Reichtum in einer Fülle aufwendiger Bauten und Grabdenkmäler dokumentieren.

Im südlichen Zabergau spielten die calwischen Rechte seit dem 13. Jahrhundert keine Rolle mehr. Das zum Reichsgut gehörende, ummauerte Dorf Kirchheim am Neckar konnte seine Reichsfreiheit bis zum Jahre 1400 behaupten. Dann stellte es sich unter württembergischen Schirm, um die Machtansprüche von Adelsgeschlechtern abzuwehren, die, wie zum Beispiel die Herren von Urbach, im Dorfe Fuß gefaßt hatten. Der Ort besaß bis 1806 eine eigene Blutsgerichtsbarkeit und hatte Sitz und Stimme im Stuttgarter Landtag22). Vom Selbstgefühl seiner Schultheißen zeugt das Grabmal des Conrad Braun (nr. 446).

Bönnigheim war 793 von einer Nonne Hiltpurg dem Kloster Lorsch geschenkt worden; im 13. Jahrhundert ging die Lehensherrschaft an das Erzstift Mainz über, bei dem sie bis 1785 verblieb. Die um 1250 oder um 1280 zur Stadt erhobene Siedlung kam 1288 an Albrecht von Löwenstein, den natürlichen Sohn Rudolfs von Habsburg. Nach 1330 wurde die Ortsherrschaft durch Verkäufe in vier Teile zersplittert und von den Familien Sachsenheim, Gemmingen und Neipperg sowie dem Erzstift Mainz als Ganerbiat gemeinsam verwaltet23).

Die wichtigsten Rechts- und Besitznachfolger der Calwer Grafen – vor allem im Murrgau – waren die Markgrafen von Baden. Ihr Besitz am mittleren Neckar geht nicht auf die Stammlinie des Hauses, die Herzöge von Zähringen, zurück, er ist vielmehr auf vielfältige Weise erheiratet und erworben. Um 1100 faßten sie durch die Heirat mit einer Erbtochter der Hessonen in Backnang hart östlich der Kreisgrenze Fuß und gründeten dort ein Chorherrenstift als Erbgrablege, das sie mit reichem Besitz ausstatteten. Als Lehensträger der Klöster Weißenburg und Erstein im Elsaß und wohl auch durch verwandtschaftliche Beziehungen zu den Calwern brachten sie das untere Murrtal, Teile des Bottwartales um die Burg Schaubeck und Gronau, vor allem aber die Neckarlinie von Stuttgart bis vor die Tore von Heilbronn und Streubesitz im Enzgau in ihren Besitz. Abgesehen von Stuttgart gründeten sie die Städte Hoheneck und Besigheim, letztere auf Ersteiner Lehensbesitz24). Neuerdings wird ihnen auch die Gründung der Stadt Marbach zugeschrieben, die kurz vor 1250 südlich des alten, um die Alexanderkirche gelegenen Dorfes angelegt wurde25). In Gemmrigheim hat sich eine Inschrift des Backnanger Stiftes aus der Mitte des 13. Jahrhunderts erhalten (nr. 4).

Neben dem badischen Territorium etablierten sich im 12. und 13. Jahrhundert eine ganze Anzahl kleinerer Herrschaften auf dem Boden des Landkreises. Die Grafen von Wolfsölden, allem Anschein nach Erben der Hessonen, errichteten im Umkreis ihrer namengebenden Burg bei Affalterbach ein kleines Territorium, das unter wechselnden Herren bis 1322 bestand26). Wolfsöldener Dienstmannen waren vermutlich die Herren von Owen-Affalterbach und die Nothaft27). Im Bottwartal finden wir die hochadeligen Herren von Lichtenberg als Rechts- und Besitznachfolger der Grafen „von Oberstenfeld“. Mittelpunkt ihres nicht sehr ausgedehnten Besitzes war Großbottwar, das sie um 1250 zur Stadt erhoben. Ihre Grablege hatten sie im Oberstenfelder Stift, dessen Schirmvögte sie waren. In Steinheim an der Murr gründeten Elisabeth von Steinheim und ihr zweiter Ehemann Berthold von Blankenstein im Jahre 1254 auf Elisabeths Erbgut ein Frauenkloster, das sich 1284 zur Abwehr der württembergischen Ansprüche auf die Schirmvogtei unter den Schutz des Reiches stellte. Das Kloster erwies sich als [Druckseite XV] durchaus lebenskräftig und besaß um 1500 Einkünfte in mehr als dreißig Orten. Es nahm auch Bürgerstöchter aus den umliegenden Städten auf28).

Am Stromberg gründete Belrein von Eselsberg zwischen 1230 und 1250 das Zisterzienserinnenkloster Mariakron zu Rechentshofen als Grablege und machte Hohenhaslach und Horrheim zu Städten. Nach seinem Tod kurz vor 1255 fiel das kurzlebige Territorium an die Grafen von Vaihingen. Rechentshofen wurde Erbbegräbnis der Vaihinger und ihrer Dienstleute, die beiden Städte nahmen nach kurzer Blüte wieder dörflichen Charakter an29). In Kirbach (heute Kirchbachhof, Gem. Ochsenbach, Stadt Sachsenheim) bestand seit dem 13. Jahrhundert eine Benediktiner-Propstei des Klosters Odenheim (Gem. Östringen, Lkr. Karlsruhe)30). Sie wurde 1442 an das Zisterzienserinnenkloster Frauenzimmern (Gem. Güglingen, Lkr. Heilbronn) verkauft, welches daraufhin nach Kirbach verlegt wurde, jedoch wegen hoher Verschuldung dort nicht zum Blühen kam (aufgehoben 1543).

Die letzte Phase der Territorienbildung begann um die Wende zum 14. Jahrhundert mit der Expansion der Grafschaft Württemberg. Im 13. Jahrhundert hatten die Grafen auf dem Boden des Landkreises wenig mehr als das Dorf Neckarrems und die jetzt abgegangene Burg Brachheim bei Tamm besessen. Im Jahre 1297 erwarb dann Graf Eberhard I. durch seine Ehe mit Irmgard von Baden den Besitz der Markgrafen im Murrtal und im oberen Bottwartal und die Vogtei über das Stift Backnang. 1302 gelang es ihm, dem Herzog Hermann von Teck-Oberndorf die Herrschaft Marbach abzukaufen, die um die Mitte des 13. Jahrhunderts als Heiratsgut einer badischen Erbtochter an Hermanns Vater Ludwig von Teck gekommen war. 1308 erwarb Württemberg die Grafschaft Asperg, den ehemaligen Glemsgau; 1322 die Grafschaft Wolfsölden, 1336 die Stadt Markgröningen, 1357 die Herrschaft Lichtenberg mit Großbottwar und der Vogtei über das Oberstenfelder Stift. Um 1360 war der Erwerb der Grafschaft Vaihingen abgeschlossen. In deren Gebiet erhoben die Württemberger im Jahre 1364 Bietigheim zur Stadt, ihre einzige eigene Gründung auf dem Boden des Landkreises. Mit diesen Erwerbungen war Württemberg zur dominierenden Macht im Neckarbecken aufgestiegen. 1495 wurde die Grafschaft zum Herzogtum erhoben. Nur die Markgrafschaft Baden behauptete noch Reste ihres einstigen Besitzes: Hoheneck bis 1496 und das Amt Besigheim mit Mundelsheim, Walheim, Hessigheim und halb Löchgau bis 159531). Für Besigheim und Mundelsheim sind Inschriften badischer Amtsträger überliefert (nrr. 54, 76, 91, 177, 345, 490). Eingesprengt in das württembergische Gebiet waren die Besitzungen des niederen Adels, die in der Regel von Württemberg oder einer anderen Herrschaft zu Lehen gingen. Fast alle mußten bei jedem Besitzerwechsel neu verliehen werden. Den Versuchen, sich von der Lehensabhängigkeit freizumachen, war im allgemeinen kein dauerhafter Erfolg beschieden.

Es ist nicht möglich, im Rahmen dieser Arbeit alle Familien aufzuzählen, die im Kreisgebiet begütert waren. Die wichtigsten müssen genügen.

Eine bedeutende Rolle spielten im 15. Jahrhundert die Herren von Urbach. Ihr Hauptsitz war das von Baden zu Lehen gehende Dorf Mundelsheim, das sie in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts erfolglos zur Stadt zu erheben versuchten. Anfang des 16. Jahrhunderts verloren sie den Ort und sanken ins bürgerliche Connubium ab32). Wesentlich besser wirtschafteten die Herren von Sachsenheim, ursprünglich vaihingische Ministerialen, die ihren Stammsitz Großsachsenheim im Jahre 1495 zur Stadt erheben und bis zu ihrem Aussterben im Jahre 1561 halten konnten33).

Über das ganze Kreisgebiet verbreitet war die Familie Nothaft. Ihre ältesten Sitze waren Hochberg am Neckar und Beihingen, wo sie den ursprünglich von der Grafschaft Löwenstein zu Lehen gehenden Ortsteil besaßen. Zeitweilig hatten sie auch Hochdorf (Gem. Remseck), die Burg Kleiningersheim und badische Lehen in Mundelsheim in ihrem Besitz. Hochdorf gaben sie nach 1511 an die Herren von Bernhausen, diese verkauften den Ort später an die Holdermann, von denen er wieder an die Nothaft zurückkam34). Beihingen wurde 1534 an Ludwig von Freiberg verkauft, dessen Töchter das Dorf an die Hallweil und Breitenbach brachten, später für kurze Zeit auch an die Weiler und die Göler35). [Druckseite XVI] Ähnlich verzweigt waren die Herren von Nippenburg, die sich nach ihrer Burg bei Schwieberdingen nannten. Die einzelnen Linien des 1646 ausgestorbenen Geschlechtes saßen in Schwieberdingen, Hemmingen (seit 1438), Schöckingen (seit 1428), Heimerdingen und Unterriexingen. Den letztgenannten Ort, ursprünglich Stammsitz der Herren von Riexingen, teilten sie mit dem Zweig der Schenken von Winterstetten, deren Erbe zu Ende des 16. Jahrhunderts die Herren von Sternenfels antraten36).

Eine ganze Anzahl adeliger Familien hielt ihren Besitz über viele Jahrhunderte. Die Herren von Weiler besitzen noch heute die 1483 erworbene Burg Lichtenberg bei Oberstenfeld. Die Herren von Münchingen saßen von der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts bis zu ihrem Aussterben im Jahre 1891 in Münchingen. Daneben hatten sie Besitz in Hochdorf an der Enz. Die Herren von Reischach zu Reichenstein, seit dem 15. Jahrhundert im Besitz von Riet und Nussdorf, haben die 1879–1882 historistisch ausgebaute Schloßanlage in Nussdorf erst vor wenigen Jahren in bürgerliche Hände verkauft.

In Aldingen saßen bis 1746 die Herren von Kaltental, in Kleinbottwar von 1480 bis 1645 die Plieningen37). Andere Herrschaften wechselten mehrmals den Besitzer, so zum Beispiel Höpfigheim, wo bis zum Ende des 15. Jahrhunderts die Urbach begütert waren, dann bis 1587 die Speth und schließlich die Jäger von Gärtringen. In Geisingen und Heutingsheim schließlich waren bis 1588 die Stammheim begütert, dann die Schertlin von Burtenbach.

Für die vorliegende Edition sind diese Familien sehr wichtig, weil auf sie die Masse unserer Schriftdenkmäler zurückgeht. Insbesondere in ihren Grablegen haben sie über Jahrhunderte hinweg versucht, möglichst aller Familienmitglieder zu gedenken. Zerstörte Grabplatten wurden gelegentlich durch Neuanfertigungen ersetzt, in der Fremde gestorbene Familienmitglieder durch Gedächtnisinschriften dokumentiert (nrr. 27, 32, 475). Eindrucksvolle Beispiele solcher Grabmal-Genealogien sind die Kirchen in Aldingen, Beihingen, Kleinbottwar, Schwieberdingen und Unterriexingen.

Die wirtschaftlichen Verhältnisse dieser Schicht waren äußerst unterschiedlich38). Generell läßt sich jedoch feststellen, daß der Ertrag der oft recht kleinen und durch Erbteilungen vielfach zersplitterten Besitzungen schon im 15. Jahrhundert gering war, so daß viele Niederadelige – insbesondere die jüngeren Söhne – als Beamte in den Dienst der Fürsten traten, nicht selten nach einem abgeschlossenen Universitätsstudium. In Württemberg treffen wir sie vor allem im Hofdienst und als Obervögte, also als oberste Verwaltungsbeamte der Amtsbezirke. Ihr soziologischer Abstand zur Ehrbarkeit, der bürgerlichen Oberschicht der württembergischen Amtsstädte, ist nicht sehr groß. Auch die Ehrbarkeit steht im Dienst des Landesherrn, besser gesagt, wer im Dienst des Landesherrn steht, gehört mit seiner ganzen Familie zur Ehrbarkeit. Angehörige dieser Schicht sind vor allem die Untervögte, Keller und Burghauptleute, daneben viele Mitglieder der landesherrlichen Zentralverwaltung39). Auch die Bürgermeister, obwohl keine herzoglichen Beamten, sondern Organe der städtischen Selbstverwaltung, entstammen meist der Ehrbarkeit, ebenso wie der größte Teil des niederen Klerus. Neben der Amtsbesoldung haben sie oft noch beträchtliche Einnahmen aus Grundbesitz und anderen Rechten. Vor allem die Geistlichen sind nicht selten zu umfangreichen Stiftungen in der Lage. So ist es nicht verwunderlich, daß die Angehörigen dieser bürgerlichen Oberschicht eine Fülle von Grabplatten und Epitaphien in Auftrag gegeben haben, die sich schon im 15. Jahrhundert in ihrer Gestaltung von den Denkmälern des Adels im allgemeinen nicht unterscheiden. Wenn Figurengrabmäler beim Adel trotzdem häufiger sind, dann liegt als Erklärung die Vermutung nahe, daß dies weniger auf die finanziellen Möglichkeiten zurückzuführen ist, als auf Standesrücksichten und Repräsentationsbedürfnis.

Zweimal war nach dem Ende des 14. Jahrhunderts die Stellung Württembergs im Gebiet des Landkreises gefährdet. Im Jahre 1462 war Graf Ulrich V. von Württemberg, der sich leichtfertig in ein antipfälzisches Bündnis hatte ziehen lassen, in der Schlacht bei Seckenheim in die Gefangenschaft des Kurfürsten Friedrich von der Pfalz geraten. Zur Auslösung mußte er unter anderem das Amt (Groß-) Bottwar verpfänden. Schloß, Stadt und Amt Marbach wurden auf unbestimmte Zeit der pfälzischen Lehensherrschaft unterstellt; erst 1504 wurde im Zuge des Pfälzischen Erbfolgekrieges die württembergische Hoheit wiederhergestellt40).

Nur fünfzehn Jahre nach der Aufhebung der pfälzischen Oberlehensherrschaft über Marbach hat dann Herzog Ulrich I. durch seine heillose Politik für fünfzehn Jahre sein ganzes Land verloren. Nachdem er die öffentliche Meinung der Zeit durch die Ermordung Hans von Huttens gegen sich aufgebracht, [Druckseite XVII] seine Gemahlin, eine bayrische Herzogstochter, mit dem Tode bedroht und zur Flucht gezwungen, und schließlich auch noch die Reichsstadt Reutlingen überfallen hatte, wurde er durch eine Koalition unter Führung des Schwäbischen Bundes aus dem Land getrieben. Der Bund übergab Württemberg den Habsburgern, die es durch eine landständische Regierung verwalteten41). 1534 eroberte Ulrich das Herzogtum mit Hilfe des Landgrafen von Hessen zurück. Als Gegenleistung mußte er sich den protestantischen Reichsständen anschließen und in seinem Land die Reformation zulassen. Im Frühjahr 1535 wurde der evangelische Gottesdienst eingeführt. Die unter württembergischem Schirm stehenden Klöster wurden Schritt für Schritt der Landeshoheit unterworfen und aufgelöst. Das Kirchengut wurde säkularisiert, staatliche Behörden übernahmen die Besoldung der Geistlichen, den Unterhalt der kirchlichen Einrichtungen und die Armenpflege. Im Januar 1540 wurde die Entfernung der Bilder und Altäre aus den Kirchen angeordnet. Das eingezogene Kirchenvermögen wurde in den Ämtern den geistlichen Verwaltern unterstellt, herzoglichen Beamten, die zur Ehrbarkeit gehörten. In den Dörfern wurde das Kirchengut von je zwei Heiligenpflegern verwaltet. In Bauinschriften dörflicher Kirchen und Friedhöfe werden sie neben Pfarrer, Schultheiß und Lehrer nicht selten genannt. Wie letztere gehören sie zur dörflichen Oberschicht, die bis 1650 epigraphisch kaum faßbar wird.

In den älteren Darstellungen zur württembergischen Geschichte wird immer wieder betont, wie schnell und leicht das Land reformiert worden sei und wie freudig die Bevölkerung die neue Lehre begrüßt habe42). Die inschriftliche Überlieferung zeichnet ein anderes Bild. Die Einführung der Reformation war zunächst nur ein politisch-administrativer Vorgang. Es dauerte Jahrzehnte, bis das Land dem neuen Glauben innerlich gewonnen war.

Am deutlichsten wird dies in den Gebieten des landsässigen Dienstadels und der Klöster, die der württembergischen Landesherrschaft nur mittelbar unterworfen waren. In Hochberg am Neckar war die Einführung der Reformation erst nach dem Tode des alten Wolf Nothaft im Jahre 1553 möglich, der sich auf seinem Grabmal noch mit dem Rosenkranz abbilden ließ. Im nahen Aldingen gab Agatha von Kaltental, verheiratet mit einem württembergischen Hofbeamten, kurz vor 1550 ein Denkmal in Auftrag, auf dem sie selbst mit dem Rosenkranz abgebildet ist, der in dieser Übergangszeit nicht unbedingt als Bekenntnis zum alten Glauben gewertet werden muß. Eine Linie der Herren von Kaltental widersetzte sich offen der neuen Lehre, die in Aldingen erst im Jahre 1568 eingeführt wurde. Philipp Wolf von Kaltental erreichte, daß den Einwohnern die Wahl des Bekenntnisses freigestellt blieb. So konnte noch um 1600 ein Marienbild mit ausgesprochen dogmatischer Inschrift in die simultan genutzte Aldinger Kirche gestiftet werden, wo es bis heute erhalten ist (nr. 496). Auch die Herren von Weiler auf Burg Lichtenberg beharrten noch lange beim alten Glauben (nrr. 352, 453).

Das Dominikanerinnenkloster Steinheim, das Frauenstift Oberstenfeld und das Zisterzienserinnenkloster Rechentshofen – wegen ihres Grundbesitzes besonders lohnende Objekte des herzoglichen Reformeifers – verhielten sich unterschiedlich. Die Steinheimer Nonnen, deren Kloster nach der Reform von 1478 anscheinend eine letzte Blüte erlebt hatte, leisteten dem seit 1553 zunehmend stärker werdenden württembergischen Druck bis zuletzt Widerstand. Erst um 1580 starb die letzte Ordensschwester. Der Ort Steinheim war dem Kloster schon im Jahre 1564 weggenommen und mit militärischer Gewalt dem Herzog unterworfen worden43). In Oberstenfeld nahm die Äbtissin Magdalena von Talheim im Jahre 1540 die württembergische evangelische Kirchenordnung an und ersparte so dem Stift die Auflösung. Wie sehr dies ein politischer Schritt war, der mit Magdalenas religiöser Überzeugung nichts zu tun hatte, zeigt ihr Grabmal aus dem Jahre 1570. Dort wird sie mit Rosenkranz und Gebetbuch dargestellt (nr. 341).

Die Reformation ist auch die Geburtsstunde des evangelischen Pfarrerstandes, der gerade in Altwürttemberg eine besondere Ausprägung erfahren hat. Unmittelbar nach Ulrichs Rückkehr machten von dem Angebot, zum neuen Glauben überzutreten, neben Glaubensüberzeugten auch solche Geistliche Gebrauch, die ein eheliches Verhältnis eingehen oder legalisieren wollten. Der Beruf war nicht nur wegen seiner Besoldung auch für die Angehörigen der bürgerlichen Oberschicht interessant, zumal die evangelische Kirche dem herzoglichen Kirchenregiment unterstand. Neben der Seelsorge oblag dem Pfarrer die Schulaufsicht und die Überwachung der „Kirchenzucht“, eines Sittenkodex, der tief in das Privatleben jedes Untertanen eingriff. Vor allem in den Dörfern wurde er durch diese Macht­fülle [Druckseite XVIII] und durch seine Universitätsbildung zur bestimmenden Persönlichkeit. Die zahlreichen Inschriften für Pfarrer und deren Angehörige im Kreisgebiet geben ein Bild vom Selbstgefühl dieses Standes44). Bildungsstolz und Berufsethos sprechen aus den in gebundener lateinischer Sprache abgefaßten Grabschriften, in denen immer wieder die Mühe des Predigtdienstes betont wird. Diese Prägung durch den Beruf hat mit Sicherheit die Bildung von Pfarrerdynastien und Tendenzen zur Abschließung des Standes gefördert. Viele Denksteine dieser Pfarrfamilien sind mit Wappen geschmückt, und Verdienste wie Verwandtschaftsverhältnisse werden weitschweifig angegeben (nrr. 427, 460, 530, 560, 609).

Als letztes großes historisches Ereignis vor 1650 hat der Dreißigjährige Krieg tief in die Verhältnisse des Landkreises eingegriffen. Schon im Jahrzehnt vor seinem Ausbruch wird die Stimmung ernster. Die selbstgefällige Präsentation der Verstorbenen in aufwendigen Figuren-Denkmälern – oft noch zu Lebzeiten in Auftrag gegeben – tritt zurück zugunsten neuer Epitaphtypen. In den Grabschriften werden ausgesprochen pessimistische Töne hörbar, in denen die Vanitas-Stimmung des beginnenden Barockzeitalters anklingt (nrr. 586, 604, 641, 654, 661). Gleichzeitig ist gerade in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts die Bautätigkeit ungebrochen; eine Wirtschaftskrise war nicht die Ursache dafür, daß Grabplatten-Serien nun beliebter werden als monumentale Figuren-Denkmäler45).

Der Krieg als solcher machte sich im Kreisgebiet zunächst nur indirekt bemerkbar, durch Truppendurchzüge, durch Hungersnöte und Seuchen, von denen nicht nur die Ortschroniken, sondern auch die Inschriften direkt oder indirekt berichten46). Die Katastrophe kam im Jahre 1634 nach der Niederlage der mit Württemberg verbündeten Schweden in der Schlacht bei Nördlingen. Kaiserliche Truppen überschwemmten das Land und plünderten es völlig aus. Von nun an war das Land bis zum Friedensschluß ein Tummelplatz von Freund und Feind. Der Landkreis war unter den am härtesten betroffenen Gebieten. Landwirtschaft und Handel kamen wegen der dauernden Überfälle marodierender Soldaten fast völlig zum Erliegen; die Einwohnerzahl sank auf einen Bruchteil des Vorkriegsstandes; manche Dörfer standen leer. Lediglich die größeren Amtsstädte boten ein gewisses Maß an Sicherheit. In Marbach und in Markgröningen befinden sich Grabplatten von Angehörigen des Adels der Umgebung; allem Anschein nach hatten sich diese Leute in die Stadt geflüchtet (nrr. 611, 614, 655).

Die erheblichen Gebäudeverluste, die wiederum vor allem die unbefestigten Dörfer betrafen, sind zu einem Teil als unmittelbare Folge von Kampfhandlungen zu sehen. So wurden bei der Belagerung des Hohenasperg in den Jahren 1634 und 1635 die Orte Asperg, Tamm und Eglosheim zerstört47). In der Mehrzahl der Fälle scheint es sich aber um absichtliche oder fahrlässige Brandstiftung gehandelt zu haben. Aus vielen Orten wird berichtet, daß Häuser und teilweise auch Kirchen von durchziehenden Soldaten angezündet worden seien48). Ein typisches Beispiel ist die Zerstörung des Klosters Mariental in Steinheim, das nach dem Abzug der schwedischen Besatzung im Jahre 1643 in Flammen aufging, weil angeblich ein Wachtfeuer nicht gelöscht worden sei49). Bei solchen Bränden blieben die in Stein ausgeführten Bauteile meist verschont. Deshalb hat sich eine größere Anzahl in Stein gehauener Bauinschriften aus der Zeit vor 1648 erhalten, während auf Holz angebrachte Hausinschriften aus dieser Zeit äußerst selten sind. Beim Wiederaufbau wurden im übrigen auch Inschriftensteine als billiges Baumaterial verwendet. Der Friede von 1648 bestätigte den württembergischen Vorkriegsbesitz. Die verödeten Dörfer wurden teilweise mit Soldaten, Flüchtlingen und Zuwanderern – vor allem aus der Schweiz – besiedelt; der Wiederaufbau schritt nur schleppend voran50).

Das Jahr 1650 bildet die Zeitgrenze für den vorliegenden Inschriftenband. Die späteren Ereignisse sollen wenigstens unter dem Aspekt ihrer Auswirkungen auf den Inschriftenbestand in anderem Zusammenhang skizziert werden51).

  1. Vom Landkreis Vaihingen die Gemeinden Vaihingen, Oberriexingen, Häfnerhaslach, Hohenhaslach, Ochsenbach, Spielberg, Gündelbach, Horrheim, Sersheim, Ensingen, Kleinglattbach, Roßwag, Aurich, Enzweihingen, Nussdorf, Riet, Hochdorf, Eberdingen. Vom Landkreis Leonberg: Heimerdingen, Hemmingen, Münchingen, Korntal, Schöckingen, Hirschlanden, Ditzingen, Gerlingen. »
  2. Im Register werden die Standorte zusätzlich nach der neuen Gemeindezugehörigkeit aufgeschlüsselt. »
  3. G. Richter, Historische Bemerkungen zur Kreisreform von 1973, in: LudwigsburgerGbll 25 (1973) 7–21; HbHist Stätten VI (Baden-Württemberg) 513. »
  4. Asperg, Besigheim, Bietigheim, Bönnigheim, (Groß-) Bottwar, Hoheneck, Marbach, Markgröningen, Sachsenheim, Vaihingen. »
  5. H. Wild, Erd- und Landschaftsgeschichte des Kreises, in: Der Kreis Ludwigsburg 1977, 23ff.; G. Eisele, Intensive Landwirtschaft, ebd. 378f. »
  6. Vgl. etwa nr. 21 und nr. 22»
  7. Zum folgenden Abschnitt vgl. E. Wagner, Vor- und Frühgeschichte, in: Der Kreis Ludwigsburg 1977, 63ff. »
  8. K. Adam, in: Steinheim an der Murr 1980, 9ff. »
  9. Bittel, Kimmig, Schieck (Hg.), Die Kelten in Baden-Württemberg (1981), insbesondere 390ff. »
  10. Filtzinger, Planck, Cämmerer (Hg.), Die Römer in Baden-Württemberg (1976), insbesondere 234ff., Geschichte 550ff. »
  11. R. Christlein, Die Alamannen (1978) 22ff.; P. Sauer, Bis zum Ende des zweiten Weltkriegs, in: Der Kreis Ludwigsburg 1977, 93f. »
  12. O. Kleinknecht, Zur frühesten Geschichte des Murrgaus, in: Ludwigsburger Gbll 19 (1967) 42 f. »
  13. Christlein (wie Anm. 11) 30. »
  14. Ch. Stälin, Wirtembergische Geschichte I (184I ) 312ff. ; A. Seiler, Die mittelalterliche Kirchenorganisation im mittleren Neckarraum, in: LudwigsburgerGbll 31 (1979) 7ff. »
  15. F. Baumann, Die Gaugrafschaften im wirtembergischen Schwaben (1879) 103ff. »
  16. Seiler (wie Anm. 14). »
  17. Sauer (wie Anm. 11) 94ff. »
  18. Stälin (wie Anm. 14) I (1841) 335, 567; II (1847) 366ff.; Sauer (wie Anm. 11) 103, 107; HbHist Stätten VI, 132, 373, 489, 832; F. Wissmann (in: Der Kreis Vaihingen (1962) 101f.) bezeichnet auch die Eginonen als Abkömmlinge der Grafen von Calw. »
  19. Vgl. nrr. 1, 2 mit der dort angegebenen Literatur. »
  20. Sauer (wie Anm. 11) 103f., 108; Stälin (wie Anm. 14) II (1847) 425ff.; F. Quarthal, in: Die Pfalzgrafen von Tübingen, 9ff.; HbHist Stätten VI, 30. »
  21. H. Roemer, Markgröningen im Rahmen der Reichsgeschichte (1930/33) Bd. 1–2; HbHist Stätten VI, 513ff. »
  22. Wolfangel, Reichsdorf Kirchheim am Neckar (1915) 8ff., 14. »
  23. Zipperlen-Schille, Bönnigheim (1970); HbHist Stätten VI, 105. »
  24. Sauer (wie Anm. 11) 104; F. Heß, Altbaden an Neckar und Murr, in: HgW 2 (1950) 74f.; P. Sauer, Affalterbach, 8f. »
  25. H. Schäfer, in: Marbach 1282–1982 (Ausstellungsbericht), 31f. »
  26. Sauer, Affalterbach, 8ff. »
  27. G. Heß, Die rätselhafte Herkunft der Nothaft von Hochberg, in: HgW 4 (1953) 36f. – Vgl. nr. 19»
  28. B. Theil, in: Steinheim an der Murr 1980, 61ff. – Vgl. nr. 169»
  29. HbHist Stätten VI, 292 (Stichwort Hohenhaslach); Wissmann (wie Anm. 18) 108f. »
  30. HbHist Stätten VI, 270 (Stichwort Frauenzimmern); E. Hink, Das Zisterzienserinnenkloster Mariental zu Frauenzimmern-Kirchbach im Zabergäu. Diss. phil. Tübingen 1961; G. Assfahl, in: Jahrb. f. schwäbisch-fränkische Geschichte 28 (1976) 225–234. »
  31. Sauer (wie Anm. 11) 105f., 110; P. Sauer, Affalterbach 16f. »
  32. Uhland, Regesten Urbach. »
  33. HbHist Stätten VI, 270; K. Bachteler, Geschichte der Stadt Großsachsenheim. Großsachsenheim 1962; ders., in: Sachsenheim – Tor zum Stromberg. Sachsenheim 1975. »
  34. Gabelkover-Waltz, Genealogia Nothafftiana (1658). HStA Stuttgart J1 Nr. 86. »
  35. Ritz, Beihingen 29f., 32ff. »
  36. Rau, Nippenburg, in: Ludwigsburger Gbll 23 (1971) 7ff; Leutrum, Frauenkirche 54, 86. – Vgl. nr. 593 (1619). »
  37. Meißner, Kleinbottwar 8ff. – Vgl. nr. 239 (1525) und Stammtafel. »
  38. Karl Otto Müller, Zur wirtschaftlichen Lage des schwäbischen Adels am Ausgang des Mittelalters, in: ZWLG 3 (1939) 185–328. »
  39. W. Bernhardt, Die Zentralbehörden des Herzogtums Württemberg und ihre Beamten 1520–1629. 2 Bde. Stuttgart 1972, 1973. »
  40. C. F. Stälin (wie Anm. 14) III (1856) 509ff. – Vgl. nrr. 89, 93, 99»
  41. Stälin (wie Anm. 14) IV, 1 (1870) 116ff., 158ff., 357ff., 389ff.; W.-U. Deetjen, Studien zur Württembergischen Kirchenordnung Herzog Ulrichs 1534–1550. Stuttgart 1981, 12ff. »
  42. Vor allem Sattler, Pfaff und Stälin. Aufschlußreich ist aber Stälins Bemerkung (IV, 1, S. 389, Anm. 6), noch 1537 und 1538 sei der Magistrat der württembergischen Residenz Stuttgart überwiegend katholisch gewesen. »
  43. Theil (wie Anm. 28) 89ff. – In Kloster Rechentshofen unterschrieben 1549 die Priorin Paula von Liebenstein und sieben Nonnen die Anerkennung Herzog Ulrichs als Schirmherr; die Nonne Magdalena Schenk von Winterstetten (gest. 1579; nr. 374) erhielt 1564 ein Leibgeding und zog nach Vaihingen. »
  44. Vgl. die anschaulichen Schilderungen bei Sauer, Affalterbach, insbesondere 36ff , 49ff., 212ff. Zur Überwachung der Kirchenzucht wurden 1642/44 Kirchenkonvente errichtet. »
  45. Die Wirtschaftskrise in der Zeit Herzog Johann Friedrichs (1608–1628) wurde erst nach 1618 spürbar (W. A. Boelcke, Das Haus Württemberg u. die Wirtschaftsentwicklung des Landes, in: 900 Jahre Haus Württemberg (1984) 647. Die Bautätigkeit kam 1634 zum Erliegen. »
  46. Vgl. zum folgenden Abschnitt wiederum Sauer, Affalterbach 103ff. Inschriftliche Zeugnisse der Seuchen bieten nrr. 351, 469»
  47. Bolay, in: HgW 12 (1961) 21; Sauer (wie Anm. 11) 124. »
  48. Theil, Steinheim 97; Sauer, Affalterbach 109; Munz-Kleinknecht, Marbach 130ff. ; W. Müller, Erdmannshausen (1975) 195. »
  49. Theil a. a. O. »
  50. Sauer (wie Anm. 11) 125; Munz-Kleinknecht, Marbach 132, Anm. 4. »
  51. Sauer (wie Anm. 11) 125; Munz-Kleinknecht 142ff. – Vgl. unten S. XXff. »