Inschriftenkatalog: Landkreis Holzminden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 83: Landkreis Holzminden (2012)

Nr. 233 Meinbrexen, St. Johannis 1628

Beschreibung

Grabplatte für Justus Kruß (Krösse, Croes). Roter Sandstein. Die nach unten hin schmaler werdende Grabplatte, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgenommen wurde,1) befindet sich heute gegenüber der Eingangstür an der Südwand der Kirche. Sie ist im oberen Teil durch Abplatzungen der Oberfläche beschädigt und an der rechten Seite oben behauen. Daher fehlt ein Teil der auf der Rahmenleiste in vertiefter Zeile umlaufenden, erhaben gehauenen Inschrift A. Im Innenfeld oben ein Kreuz auf einem Bogensockel, darunter die eingehauene Inschrift B, das erste Wort noch auf dem Sockelfeld, der Rest der Inschrift im vertieften Innenfeld.

Maße: H.: 181 cm; B.: 77 cm (oben), 66 cm (unten); Bu.: 7 cm (A), 4 cm (B, erstes Wort), 4,5–5 cm (B).

Schriftart(en): Kapitalis mit Sonderformen.

DI 83, Nr. 233 - Meinbrexen, St. Johannis - 1628

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Meike Willing) [1/2]

  1. A

    [– – –] / [– – –] DIE REVERENDUS ET DOCTISSIMUS D(OMI)N(US) [JUS]TU[S] / [CR]OES ECLESIAE HU/IUS PASTOR CUM ESS(E)T 36 ANNORUM IN DOMINO DENATUS

  2. B

    AVGUSTINUSa)1) // NON EST QVISQVAMb) / HOMINU(M) QVIc) VEL UNA NOCTE IN / SEPOLCRO ACCU/BARE VELIT HUIC / QVEMd) OCULIS C/ARIO=REM HAB/UIT VIVUM / SIVE CONIUX / SIVE FILIUS = SIVE / FRATER FUE=/RITe) IUCUNDIS/SIMUS.

Übersetzung:

Am ... Tag ist der ehrwürdige und hochgelehrte Herr Justus Kruß, Pastor dieser Kirche, mit 36 Jahren im Herrn gestorben. (A)

Es gibt Niemanden (keinen Menschen), der auch nur eine Nacht gemeinsam im Grab liegen möchte mit Jemandem, der ihm im Leben teurer war als sein Augapfel, mag das nun seine Frau, sein Sohn oder sein liebster (angenehmster) Bruder gewesen sein. (B)

Kommentar

In Inschrift A wird konsequent U-Schreibung verwendet, in (B) U- neben V-Schreibung. Das kapitale E wechselt sich mit epsilonförmigem E ab; auffallend ist das eckige U mit breitem, spitz gebrochenen Verbindungsbogen. Die O sind häufig kleiner ausgeführt und hochgestellt; das Q ist mit gerader Cauda und rechtsschrägem Ansatzstrich versehen. Neben dem geschlossenen D findet sich ein offenes D in DOMINO. Die Gestaltung der Platte und die Besonderheiten der Schrift – besonders das Q und der Wechsel von kapitalem und epsilonförmigem E – lassen eine in Meinbrexen tätige Werkstatt erkennen, der noch drei weitere Grabplatten zuzuschreiben sind, darunter die für den 1610 gestorbenen Vorgänger des Verstorbenen, Andreas Compertus d. Ä.; vgl. Nr. 183, 234 u. 235.

Justus Kruß (Krösse, Croes) war weniger als zwei Jahre, von 1627 bis 1628, Pastor in Meinbrexen, nachdem er vorher als Kantor in Hameln gewirkt hatte. Nach den Angaben auf seiner Grabplatte wurde er wahrscheinlich 1592 geboren (A). Weitere Lebensdaten sind nicht bekannt.2) Offenbleiben muß, ob die Inschrift B – die Zuschreibung an Augustinus ist unzutreffend – als rein literarische Klage über den Tod zu verstehen ist oder ob man aus ihr lesen darf, daß der Verstorbene verheiratet war.

Textkritischer Apparat

  1. AVGUSTINUS] Das S am Ende kleiner auf der inneren Rahmenleiste.
  2. QVISQVAM] Der Steinmetz, der vermutlich das A vergessen hatte, hat offenbar nachträglich in das V einen Querbalken eingehauen, was hier als VA-Ligatur wiedergegeben ist.
  3. QVI] Befund: OVI; Irrtum des Steinmetzen.
  4. QVEM] Befund: OVEM; Irrtum des Steinmetzen.
  5. FUE=RIT] Befund: FUE=RTT; der Steinmetz hat entweder versehentlich den Deckbalken gehauen oder die breite untere Serife vergessen, die sich am zweiten und dritten I von IUCUNDISSIMUS findet.

Anmerkungen

  1. Die Zuschreibung an Augustinus läßt sich nicht verifizieren.
  2. Vgl. Freist/Seebaß, Pastoren, Bd. 1, S. 137; Bd. 2, S. 171 (Nr. 2187).

Zitierhinweis:
DI 83, Landkreis Holzminden, Nr. 233 (Jörg H. Lampe und Meike Willing), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di083g015k0023303.