Inschriftenkatalog: Landkreis Holzminden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 83: Landkreis Holzminden (2012)

Nr. 183 Meinbrexen, St. Johannis 1610

Beschreibung

Grabplatte für Andreas Compertus. Roter Sandstein, seit 1958 bzw. 19921) innen an der Westwand der Kirche aufgestellt. Die Grabschrift A ist an vier Seiten um den Stein umlaufend eingehauen. Das Mittelfeld ist zweigeteilt. Im oberen hochrechteckigen Teil ein schlichtes, eingehauenes Kreuz mit abgerundeten Enden auf einem Bogensockel; links vom Kreuzesstamm die Inschrift B, rechts davon die Inschrift C. Das Kreuz selbst steht auf einem Inschriftenbalken mit der Inschrift D. Im unteren querrechteckigen Teil des Mittelfeldes die Inschrift E. Alle Inschriften sind eingehauen.

Maße: H.: 166 cm; B.: 83,5 cm; Bu.: 4 cm (A), 4,2–5 cm (B, C), 4,2 cm (D), 4,1–5 cm (E).

Schriftart(en): Kapitalis mit Sonderformen.

DI 83, Nr. 183 - Meinbrexen, St. Johannis - 1610

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Meike Willing) [1/1]

  1. A

    ANNO DOMINI MDCXa) SEPTEMB(RIS) / DIE III DIEM SVVM PLACIDE OBIIT REVERENDVS ET DOCTVS VIR DOMINVS / ANDREAS COMPERTI PASTOR HVIVS / ECCLESIAE PRIMVS. ANNO AETATIS LXIII, MINISTERII VERO XXXVII.

  2. B

    IOAN: XI / IESVS DICIT: / EGO SVM / RESVRRECTI=/O ET VI/TA2)

  3. C

    CAP: XIV, / EGO VIVO / ET VOS / VIVE=/TIS3)

  4. D

    SIMBOL(VM): LAETVM POST FLETVM

  5. E

    APOCAL: XIV. / BEATI QVI IN DOMINO MORI=/VNTVR A MODO ETIAM DI=/CIT SPIRITVS, VT RE=/QVIESCANT A LABORIBVS / SVIS SED OPERA ILLO=/RVM SEQVVNTVR ILLOS ·4)

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1610 am 3. September ist der ehrwürdige und gelehrte Mann, Herr Andreas Compertus, erster Pastor dieser Kirche, im 63. Lebensjahr, aber im 37. Dienstjahr friedlich gestorben. (A)

Jh. 11: Jesus spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben. (B)

Kap. 14: Ich lebe, und ihr werdet auch leben. (C)

Wahlspruch: Froh nach dem Wehklagen. (D)

Off. 14: Selig sind die, die in dem Herrn sterben von nun an. Ja, spricht der Geist, sie sollen ruhen von ihrer Mühsal, aber ihre Werke folgen ihnen nach. (E)

Kommentar

Die mit dünnem Strich gehauene Schrift zeigt einen ausgeprägten Gestaltungswillen, ist aber unregelmäßig ausgeführt, wie die aus Platzmangel in kleineren Buchstaben gehauene letzte Zeile von (E) und die linke Längsseite von (A) zeigen, an deren Ende die neulateinischen Zahlzeichen weit auseinandergezogen sind, um den überschüssigen Platz zu füllen. Auffallend ist das epsilonförmige E, dem an zwei Stellen (EGO in (C), ETIAM in (E)) ein kapitales gegenübersteht. Die Schrägschäfte des konischen M sind teilweise geschwungen, der Mittelteil endet über der Mittellinie. Das A ist vereinzelt mit gebrochenem Mittelbalken und einmal mit nach links ausgestelltem (PASTOR) bzw. geschwungenem linken Schrägschaft (E) ausgeführt. Der Bogen des unzialen G endet auf der Mittellinie, nur die nach rechts durchgebogene Cauda reicht auf die Grundlinie hinab; der Bogen des Q reicht ebenfalls nicht bis zur Grundlinie herab, die Cauda mit rechtsschrägem Anstrich ist nach rechts unten abgeknickt. Das O ist spitzoval, das C weit offen. In (B) und (C) fallen die vergrößerten Buchstaben der ersten drei bzw. zwei Zeilenanfänge auf. Während in (A) nur einige Schaftenden konisch verbreitert erscheinen, sind in (B–E) serifenförmige Sporen an Schaft- und Bogenenden zu verzeichnen. R ist in (E) mit geschwungener Cauda, die am Bogen ansetzt, ausgeführt, die Bögen des B setzen getrennt am Schaft an. Es besteht offenbar ein Werkstattzusammenhang mit drei weiteren, in Meinbrexen aufgefundenen Grabplatten ohne figürliche Darstellung und mit ähnlichen Schrifteigentümlichkeiten; vgl. Nr. 233, 234 u. 235.

Die mit dem Verzicht auf die Abbildung der Person des Verstorbenen und auf Renaissance-Schmuckformen in ihrer Schlichtheit beeindruckende Grabplatte ist das Ergebnis eines Gestal-tungswillens, zu dem auch stilistische Rückgriffe wie das spätmittelalterlich anmutende Bogensockelkreuz und das Wiederaufgreifen von Formen der frühhumanistischen Kapitalis gehören (in der der Steimetz offenbar ungeübt war). Dieser Programmwille dürfte dem gebildeten Andreas Compertus selbst oder seinem gleichnamigen Sohn zuzuschreiben sein. Andreas Compertus d. Ä. (Gumbrecht) wurde, wie sich aus der vorliegenden Inschrift ergibt, im Jahr 1547, und zwar in Stetten in der Rhön geboren. Er war zuerst Schullehrer in Salzderhelden, dann Kantor an St. Alexandri in Einbeck.5) Von 1572 bis 1584 war er Pfarrer in Derental, seit 1573 auch in Meinbrexen.6) In Derental hat er sich um den Neubau der Kirche verdient gemacht und an seine erste Predigt in der Kirche durch selbstverfertigte elegische Distichen erinnert; vgl. Nr. 83. Sein gleichnamiger, in Meinbrexen geborener Sohn war Pfarrer in Bevern; vgl. Nr. 237. Andere Nachkommen blieben über die Jahrhundertmitte hinaus in Meinbrexen ansässig.7)

Textkritischer Apparat

  1. MDCX] M in neulateinischen Zahlzeichen: CI und gespiegeltes C.

Anmerkungen

  1. Vgl. Leiber, Fundchronik 1992/94, S. 155.
  2. Io. 11,25.
  3. Io. 14,19.
  4. Apc. 14,13.
  5. Vgl. Letzner, Dasselische Chronica, 4. Buch, fol. 66r. Sein Studienort ist, anders als Freist/Seebaß angeben (vgl. die folg. Anm.), unbekannt. In Marburg wurde am 11. September 1586 ein Simon Compertus Stedensis ex comitatu Hennebergensi, möglicherweise ein jüngerer Bruder, immatrikuliert; Matrikel Marburg, Bd. 1, S. 55.
  6. Freist/Seebaß, Pastoren, Bd. 1, S. 73 (1573 bis 1584 keine Vakanz!) u. 137; Bd. 2, S. 56 (Nr. 732). Vgl. Nr. 95.
  7. Vgl. KbA Hannover, Kb Meinbrexen (Beerdigungen): 1653, 21. Feb.: Jürgen Compert gestorben; 1658, 30. April: Dorothea Comperti Kind; 1659, 21. März: Ewerd Compertis Frau.

Zitierhinweis:
DI 83, Landkreis Holzminden, Nr. 183 (Jörg H. Lampe und Meike Willing), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di083g015k0018308.