Inschriftenkatalog: Landkreis Holzminden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 83: Landkreis Holzminden (2012)

Nr. 181 Arholzen, St. Marien 1610

Beschreibung

Glocke. Bronze. Die Glocke ist 1963 gesprungen und steht seit 1983 vor der 1980 erbauten neuen Kirche auf einem Sockel.1) Die sechszeilige Inschrift verläuft zwischen sieben glatten Stegen unterhalb der Glockenschulter. Darunter ein Fries aus Blattranken. Die Inschrift ist erhaben gegossen, die Worttrenner in Form von Rauten, die Zeilenanfänge sind mit Rosetten markiert.

Maße: H.: 64 cm (mit Krone), 49 cm (ohne Krone); Dm.: 56,5 cm; Bu.: 1,4–1,5 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 83, Nr. 181 - Arholzen, St. Marien - 1610

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Meike Willing) [1/5]

  1. · IN · HONOREM · S(ANCTI)S(SIM)AE · TVADISa) · REGNANTE · IMPERATORE · RVDOLPHO · (SECVN)DOb) · AVGVSTO · IN/·VICTISSIMO · R(EVEREN)D(ISSI)MO · ILL(VSTRISSI)MO · D(OMI)NO · HENRICO · IVLIO · BRVNO·POLENSIVM · ET · LVNE/·BVRGENSIVM · PRINCIPE · PRESVLE · AMELVNZ·BORNENSIc) · D(OMI)NO · ANTHONIOd) · GEORGY · ET /· PRESIDE · FVRSTENBERGENSI · NICOLAO · THESMARO · CAMPANA · HAEC · FVSA · ET · COM/·PARATA · EST · SVMTIBVS · INHABITANTIVMe) · HVNC · PAGVM · AROLDISSEN · ANNO · SALVTIS /· 1610 : GOES · MICH · DIEDERICH · MENTE LOBET · DEN · HERNN · IN · SEINEM · HEILIGTVMB 2)

Übersetzung:

Zu Ehren der heiligen Dreifaltigkeit. Als Rudolf II., der unüberwindliche Augustus, als Kaiser herrschte (und) der hochwürdigste und durchlauchtigste Herr Heinrich Julius als Fürst von Braunschweig und Lüneburg (wörtlich: der Braunschweiger und Lüneburger), als Herr Anton Georgii Vorsteher (Abt) von Amelungsborn war und Nikolaus Thesmar Amtmann in Fürstenberg, wurde diese Glocke gegossen und erworben auf Kosten der Einwohner der Gemeinde Arholzen.

Im Jahr des Heils 1610 goß mich Dietrich Mente.

Kommentar

An der Schrift fällt der Wechsel von Haar- und Schattenstrichen auf, der durch Linksschrägenverstärkung an M, N, V und A, ein verstärktes Mittelteil am S sowie durch Verstärkung der senkrechten Schäfte von L, T, E und D geschieht; hinzu kommen unterschiedlich stark ausgeprägte Bogenschwellungen, die besonders bei O, C, B und der geschwungenen Cauda des R auftreten. E und L zeichnen sich durch einen verlängerten unteren Balken aus, der einmal geschwungen ist (das erste E in REGNANTE); er endet in einem serifenartigen Sporn, der sich auch an den Schäften von I, N, H, T, V und A findet. Das M ist konisch, der Mittelteil reicht fast bis zur Mittellinie; G weist eine senkrechte Cauda auf, die in einem Sporn endet, der je nach Ausführung nach links, nach rechts oder nach beiden Seiten übersteht.

AROLDISSEN ist die häufigere ältere Namensform (so auch noch 1654 bei Merian), die seit der Mitte des 16. Jahrhunderts, als der Ort wiederbesiedelt wurde, in „Ar(h)olzen“ umgedeutet wurde.3)

Der aus der bekannten Gießerfamilie Mente (vgl. Nr. 66) stammende Dietrich Mente ist in der Zeit von 1610 bis 1627 als Glocken- und Stückgießer in Hildesheim nachzuweisen. Auch dort verwendet er meistens die Formel GOES MICH. Da er hier den bei ihm üblichen Zusatz IN HILDESHEIMB wegläßt, hat er die Glocke vermutlich am Ort hergestellt.4) Dietrich Mente hat im selben Jahr auch eine nicht mehr erhaltene Glocke für Wangelnstedt gegossen; vgl. Nr. 184.

Rudolf II. (reg. 1576 bis 1612) und Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel (reg. 1589 bis 1613), der als REVERENDISSIMVS tituliert wird, weil er auch Bischof von Halberstadt war, werden in einer weiteren Inschrift gemeinsam angeführt; vgl. Nr. 174. Anton Georgii (1542–1625) war von 1598 bis 1625 Abt von Amelungsborn.5) Zu Nikolaus Thesmar, von 1602 bis 1614 Amtmann in Fürstenberg, vgl. Nr. 172. Die Liste der genannten Würdenträger spiegelt die sich im Ort überschneidenden Herrschaftsrechte wieder. Diese lagen einerseits beim Herzog, vertreten durch den Amtmann von Fürstenberg (später Allersheim), andererseits beim Kloster Amelungsborn, das auch, über die zuständige Stadtoldendorfer Pfarrei, Patron der am 3. Januar 1611 eingeweihten Kapelle in Arholzen war, die erst 1651/53 zur Kirche erhoben wurde.6)

Textkritischer Apparat

  1. TVADIS] Fehlerhaft statt TRIADIS; vgl. bereits Kdm. und Pfeifer.
  2. (SECVN)DO] Befund: spitze 2 mit Kürzungsstrich.
  3. AMELVNZ·BORNENSI] Vom Schrägschaft des Z ist nur der Abdruck des Wachsstreifens zu erkennen.
  4. ANTHONIO] Der Balken des H gewölbt, vermutlich infolge des Gusses.
  5. INHABITANTIVM] Der Querbalken des H ist beim Guß ausgebrochen, ebenso der des A, von dem nur eine Vertiefung, auf der die Wachsform saß, erhalten ist.

Anmerkungen

  1. Auf dem Sockel die Inschrift „Arholzen 1983“. Vgl. Lilge, Kirche in Arholzen, S. 66 u. 67f.
  2. Ps. 150,1.
  3. Vgl. Casemir/Ohainski, Ortsnamen Lkr. Holzminden, S. 30f. Zur Wiederbesiedlung vgl. Lilge, Kirche in Arholzen, S. 60. Rauls, Deensen, S. 293.
  4. Zu Dietrich Mente vgl. DI 58 (Stadt Hildesheim), Nr. 601 (1610, mit Kommentar); zu der Formel siehe bes. Nr. 606 (1611), 608 (1611), 610 (1611?), 636 (1616), 642 (1618). Pfeifer, Glockengießergeschlechter, S. 30–32. Eichler/Poettgen, Handbuch, S. 189f.
  5. Vgl. Mahrenholz, Abtsliste III, S. 202–217.
  6. Vgl. Lilge, Kirche in Arholzen, S. 60f. u. 69f. Kdm. Kr. Holzminden, S. 148f. u. 200f. Rauls, Stadtoldendorf, S. 84.

Nachweise

  1. Kdm. Kr. Holzminden, S. 150.
  2. Pfeifer, Glockengießergeschlechter, S. 31.
  3. Lilge, Kirche in Arholzen, S. 66.

Zitierhinweis:
DI 83, Landkreis Holzminden, Nr. 181 (Jörg H. Lampe und Meike Willing), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di083g015k0018104.