Inschriftenkatalog: Landkreis Holzminden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 83: Landkreis Holzminden (2012)

Nr. 172 Holzminden, Grabenstr. 43 1609

Beschreibung

Portal des Tilly- oder Thesmarhauses. Stein. Der heute fünfzehn Gefache lange und an der Front sieben Gefache breite, einstöckige Fachwerkbau mit Auslucht (Standerker) an der Giebelseite und einem Zwerchhaus an der Längsseite erhebt sich über einem hohen steinernen Sockel. Der ursprünglich wesentlich repräsentativere Bau wurde aus statischen Gründen zwischen 1816 und 1827 an der Südseite um vier Gefache verkürzt; gleichzeitig wurde ein Stockwerk abgenommen und das Dach an den Giebelseiten abgewalmt.1) Links von der Auslucht ein steinernes Renaissanceportal mit der erhaben gehauenen Inschrift in zwei Kolumnen auf dem querrechteckigen Türfries, farbig (blau und gold) gefaßt. Rechts und links davon Beschlagwerkornamente.

Maße: H.: 51 cm; B.: 215 cm; Bu.: 4 cm (Kapitalis), 3 cm (Minuskel).

Schriftart(en): Humanistische Minuskel mit Kapitalis.

DI 83, Nr. 172 - Holzminden, Grabenstr. 43 - 1609

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Christine Wulf) [1/1]

  1. Auxiliante DEO coeli terraeq(ue) ter uno /Factore, immunem Principe dante locu(m) · /Principe qui Patriae Decusa) est, lux, Duxq(ue)a), Paterq(ue) /HEINRICO IVLO · Martis et artis honos · /NICOLAVS proprio THESMARVS surgere sumtu, /Et vigili hanc cura Fecit et esse domum. //

    Agnoscat praesens aetas et postera grato /Pectore tam largi muneris usq(ue) memor. /Huius sanctab) TRIAS structurae semper ab o(mn)i /Ignis aquae belli vi tueatur opus /ANNO CHRISTI . / 1609

Übersetzung:

Weil Gott, der dreieinige Schöpfer des Himmels und der Erde half, und der Fürst einen abgabefreien Ort zur Verfügung stellte – der Fürst Heinrich Julius, der Stolz, Licht, Führer und Vater des Vaterlandes und die Zierde der Kriegskunst und der Wissenschaft ist – hat Nikolaus Thesmar auf eigene Kosten und mit wachsamer Sorge dieses Haus aufrichten und bauen lassen.

Das jetzige und das zukünftige Zeitalter sollen mit dankbarem Herzen das so großzügige Geschenk anerkennen und es immerfort im Gedächtnis behalten. Die heilige Dreifaltigkeit möge dieses Bauwerk stets vor jeglicher Gewalt durch Feuer, Wasser, Krieg bewahren. Im Jahr Christi 1609.

Versmaß: Elegische Distichen.

Kommentar

Die humanistische Minuskel weist das charakteristische runde g mit einem nicht ganz geschlossenen unteren Bogen, langem s im Wort und rundem s am Wortende auf; x besteht aus zwei voneinander abgewendeten Bögen mit einem Mittelbalken (lux) oder Quadrangel (Dux). An der Fahne des r findet sich ein Zierstrich nach rechts oben, ebenso an dem rechts über den Bogen verlängerten Balken des e. Die Kürzung von -q(ue) wird durch ein Zeichen in Form einer kleineren arabischen 3 angezeigt.

Sprachlich bemerkenswert an den kunstvoll gefügten Versen sind einerseits die Binnenreime lux – dux und martis – artis sowie die großen Entfernungen von eigentlich zusammengehörigen Elementen wie Principe und Henrico Ivlo oder paterque und martis et artis.2)

Der Bauherr Nikolaus Thesmar war von 1602 bis 1614 Amtmann in Fürstenberg.3) Er kam aus einer aus Kolberg in Pommern stammenden, durch Herzog Julius nach 1577 in seinen Dienst gezogenen Familie; 1606 korrespondiert der Amtmann mit seinem lieben Vettern und vertraweten Brudern, dem gleichnamigen Sekretär des Kammergerichts Nikolaus Thesmar.4) Der Holzmindener Thesmar heiratete am 22. September 1605 Agnes, die Tochter Wulbrands von Gülich (vgl. Nr. 165) und erhielt am 15. November des Jahres das Bürgerrecht in Holzminden. Im August 1607 schenkte ihm Herzog Heinrich Julius (1564–1613), den sein Amtmann in der ersten Kolumne der Inschrift so beredt lobt, ein (erbenzinspflichtiges) Grundstück am Rand der bereits verfallenen Burganlage. Auf dem in der Schenkungsurkunde genannten sumpfig(en) Baugrund und wegen der Nähe der Weser mußte Thesmar sein Haus auf einem noch heute zu erkennenden hohen steinernen Sockel errichten. Das Haus selbst kaufte er von Statius von Münchhausen, wie Thesmars Tochter und einzige Erbin Catharina Elisabeth („Ilsabe“) 1636 in einem Rechtsstreit vorbringen ließ. Münchhausen, mit dem Thesmar auch sonst in enger Verbindung stand, plante in Bevern seine großartige Schloßanlage und ließ dafür, etwa ab 1603, die existierenden Bauten abbrechen. Darunter befand sich nach dendrochronologischen Untersuchungen von 2001 auch das vermutlich von Brun Arndt von Bevern (1534–1588, vgl. Nr. 112) nach seiner Heirat 15585) errichtete repräsentative Wohnhaus, das 1816 in einer Rißzeichnung aufgenommen wurde. Ein beim Wiederaufbau in Holzminden in den Jahren 1608 und 1609 eingezogener Deckenbalken stammt von einem 1607 gefällten Baum. Möglicherweise wurde auch das steinerne Renaissanceportal, über dem Thesmar seine Bauinschrift anbringen ließ und das offenbar für einen anderen Bauzusammenhang geschaffen wurde, wie die unbearbeiteten Seiten zeigen, aus Bevern nach Holzminden versetzt.6)

Als 1640 kroatische Einheiten des kaiserlichen Heeres die Stadt in Brand steckten, blieb das „Thesmarhaus“, wie Kieckbusch es nennen möchte, von der Zerstörung bewahrt.7) Thesmars in der zweiten Kolumne der Inschrift ausgesprochener Wunsch ging insoweit in Erfüllung. Ob der kaiserliche Feldherr Johann t’Serclaes Graf von Tilly (1559–1632), dessen Soldaten die Stadt 1625 geplündert hatten, sich jemals in dem Haus aufgehalten hat, ist dagegen unsicher.8)

Textkritischer Apparat

  1. Decus, Duxq(ue)] Der Schaft des D ist über den Bogen hinaus nach oben verlängert (vgl. auch DEO); vom Steinmetzen, vor allem bei Decus, überbetont, so daß der Eindruck eines b entsteht. Bei dem richtigen b ist aber das obere Ende des Schaftes (vgl. ab, belli) leicht nach rechts ausgezogen.
  2. sancta] Das c durch die Farbfassung als e fehlrestauriert.

Anmerkungen

  1. Vgl. Kieckbusch, Bürgerleben S. 209–211, mit den Abbildungen S. 207f. Kdm. Kr. Holzminden, S. 71.
  2. Auf die sprachlichen Besonderheiten aufmerksam gemacht hat mich Fidel Rädle, Göttingen.
  3. Kieckbusch, Bürgerleben, S. 119 mit S. 197 u. 212.
  4. Ebd., S. 196f. Vgl. Samse, Zentralverwaltung, S. 231f.
  5. Vgl. Honselmann, Notizen, S. 290. Kieckbusch erschließt eine Heirat im Jahr 1557; Bürgerleben, S. 206.
  6. Zur Baugeschichte vgl. Kieckbusch, Bürgerleben, S. 205–212. Zu Thesmar vgl. ebd., S. 119, 174f., 176f. u. 193.
  7. Vgl. ebd., S. 288–302, bes. S. 299f.
  8. Vgl. ebd., S. 276–278.

Nachweise

  1. Kdm. Kr. Holzminden, S. 71f.
  2. Thiele, Führer, S. 18f.
  3. Bloß, Holzmindens Namen, S. 38 (Abb.).
  4. Kretschmer, Holzminden, Abb. nach S. 176.
  5. Krämer/Leiber, Weserrenaissance, S. 11 (Abb.).
  6. Kieckbusch, Bürgerleben, S. 208 (Abb.).

Zitierhinweis:
DI 83, Landkreis Holzminden, Nr. 172 (Jörg H. Lampe und Meike Willing), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di083g015k0017205.