Inschriftenkatalog: Landkreis Holzminden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 83: Landkreis Holzminden (2012)

Nr. 165 Holzminden, Luther-Kirche 1604

Beschreibung

Epitaph für Wulbrand von Gülich und seine Frau. Stein. Bemalung 1900 erneuert. Das Epitaph besteht aus einem breiten hochrechteckigen Stein und einem von drei Obelisken bekrönten Giebelaufsatz. Um den Stein verlaufen in zwei vertieften Zeilen die Inschriften A und B. Das Todesdatum der Ehefrau in Inschrift B wurde nicht nachgetragen. Die Inschriften rahmen ein Flachrelief, das unter einem Rundbogen die Familie des Verstorbenen unter einem kleinen Kruzifix mit dem Titulus C zeigt: das Ehepaar als große stehende Figuren, er in Prunkrüstung, zu ihren Füßen kniend fünf Söhne, von denen zwei durch ein Kreuz als verstorben gekennzeichnet sind, und eine Tochter. In den Bogenzwickeln Engelsköpfe. In einem breiten Feld unter dem Mittelteil zwei Rollwerkkartuschen nebeneinander, in der linken die Inschrift D, in der rechten, ursprünglich freien, ein Renovierungsvermerk von 1900.1) Oben über dem vorspringenden Gesims, unter einer Darstellung des segnenden Gottvaters mit Weltkugel, ein Fries, über dessen gesamte Breite die Inschrift E verläuft; darunter über die linke Hälfte das Chronodistichon F, die rechte Seite blieb wohl für den Nachtrag einer weiteren Inschrift frei. Auf den Pilastern, die den Bogen im Mittelteil tragen, beidseitig je vier Vollwappen, unter denen die Beischriften G auf Schriftbändern angebracht sind. Alle Inschriften – mit Ausnahme der eingehauenen Wappenbeischriften – erhaben in vertiefter Zeile und in Gold auf Schwarz gefaßt.

Maße: H.: ca. 350 cm; B.: 164 cm; Bu.: 6 cm (A, B), 1,5 cm (C), 1,9 cm (D), 4 cm (E), 3 cm (F), 1,6 cm (G).

Schriftart(en): Kapitalis mit Minuskel-t (A), Kapitalis (B, C), humanistische Minuskel (D, F), Fraktur (E), Minuskel mit Versalien (G).

DI 83, Nr. 165 - Holzminden, Luther-Kirche - 1604

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Meike Willing) [1/3]

  1. A

    DER · ERNVEST · VND · MANHAFT · WULBRAND · VON · GU/LICH · JOHANSEN · DES · OBERSTEN · SEL(IGEN) · SOHN · FURSTL(ICH) · BRAVNSCH(WEIGISCHER) HAUBT(MANN) · IST · UFF · VER-/KUND(IGUNG) MARIAE2) 15[42]a) GEBOREN · VND [M]ONTAGb) · VOR · / PAULI · BEKER(UNG) · 22 · IANVARII · A(NN)O · 1604 · IM · 62 · IAR · SEINES · ALTERS · SELIG · ENTSLAFEN · DES · SELE · BEI · GOT · RUHEt

  2. B

    DIE · ERNREICHE · VND · VEILTUGENTSAME · FRAW · ELISA/BETH · HOVENERS, WEILANT · WULBRANDS · VON · GULICH · HAUPTM(ANNS) SEL(IGEN) WITTIB · IST · / ANNO 1559 · DINSTAGS NACH LAETAR(E)3) · GEBORENc)/ A(NN)O ⟨...⟩ IM ⟨..⟩ IARd) · IRES · ALTERS SELIG · GESTORBEN · DERO · SEHLe) · BEI GOT · RVHET

  3. C

    I(ESVS) · N(AZARENVS) · R(EX) · I(VDAEORVM)4)

  4. D

    Qui iacet hic, vivus linguis virtutib(us), armis /Guliacus viguit stirpe favore Ducum /Gallia testatur, testatur et Hispalis oraf), /Cum Duce Brunsvico Teutona terra probat /Ergo Parca minus gaude : post busta manebit /Gloria membra urna mens cubat arce Dei /Tandem animae corpus, quando ultima fulserit hora /Iungetur stabili et pace fruetur. Amen.

  5. E

    Die Sehelen der Gerechten seind in Gottes hand vnd keine quäle rhuret Sie an ·5)

  6. F

    1542 · QVae bona proDVXIt generoso eX MartIVs Viro, /1604 · HeC rapIt atra DIes IanI, ea Morte bona

  7. G
    von Gülich Hoveners 
    Mennemans Denninge 
    vom Busch Bonnighausenh) 
    von Rawerttg) Wolffen 

Übersetzung:

Derjenige, der hier liegt, Gülich, war zu Lebzeiten angesehen durch Kenntnis der (alten) Sprachen, durch Tugenden, Waffentaten, Abstammung und die Gunst der Herrscher: Gallien (Frankreich) bezeugt es, Spanien bezeugt es; zusammen mit dem braunschweigischen Herzog anerkennt das auch Deutschland. Darum zügle deine Freude, Parze: Nach dem Begräbnis wird sein Ruhm fortbestehen. Die Glieder ruhen im Grab, der Geist in der himmlischen Burg. Endlich, wenn die letzte Stunde erstrahlt, wird der Körper mit der Seele verbunden werden und dauerhaften Frieden genießen. Amen. (D)

1542 1604: Das kostbare Gut, das der März aus einem edlen Mann hervorbrachte, dies riß dieser schwarze Tag des Januar durch den Tod hinweg. (F)

Versmaß: Elegische Distichen (D), Chronodistichon (F): Hexameter mit der Jahreszahl 1542 (Geburtsjahr), Pentameter mit der Jahreszahl 1604 (Todesjahr).

Wappen:
Gülich6)Hovener10)
Mennemans7)Denning11)
von dem Bussche8)Bonnighausen12)
Rawertt9)Wolffen13)

Kommentar

Die Kapitalis der Inschriften A und B weist keilförmig verbreiterte Schaft-, Balken- und Bogenenden auf. Bei R setzen Bogen und die geschwungene Cauda, bei K oberer und unterer Schrägschaft und bei B beide Bögen getrennt voneinander am Schaft an; die beiden oberen Schaftenden des U sind nach links gebrochen. Zu der spitzen 2 kommen eine leicht offene 6, geschlossene 9, rechtsgewendete 5 und schaftförmige 1.

Die humanistische Minuskel der Inschrift D zeichnet sich durch ein rundes g mit zumeist offenem unteren Bogen sowie doppelstöckigem a aus; das lange s ist zumeist schaftförmig, zweimal auch geschwungen (testatur), das obere Schaftende des t ist nach rechts gebogen. Im Chronodistichon F finden sich keine Unterlängen. Die 2 ist spitz, die 1 am unteren Schaftende gespalten, hinzu kommt eine aufgerichtete 4. Die Minuskel der Wappenbeischriften G ist stark durch Restaurierung überformt, die Versalien sind von der Fraktur beeinflußt.

Der in Inschrift A genannte Vater des Verstorbenen, der Kriegsoberst Johann Gülicher, taucht zuerst 1550 zur Anwerbung eines Regiments in der Holzmindener Gegend auf; seit den 1560er Jahren ist er in der Stadt ansässig sowie Pfandinhaber eines Amelungsborner Hofes und Besitzer herzoglicher Ländereien. Die Familie stammte, worauf der Name hindeutet, vermutlich aus der Jülicher Gegend.14) Auch der nach der Ahnenprobe mutmaßliche Name seiner Ehefrau (Mennemans) deutet auf eine rheinische Herkunft. Die Holzmindener Gülichs sind mit anderen Familien dieses Namens, die auch andere Wappen führten, nicht in Verbindung zu bringen. Johann Gülicher war spätestens im Oktober 1575 tot.15) Die adelige Herkunft Wulbrands – die Namensform „von Gülich“ setzte sich erst am Ende des 16. Jahrhunderts durch – sollte die Anbringung der großmütterlichen Wappen des Verstorbenen betonen, von denen aber nur das der Familie von dem Bussche (I) nachzuweisen ist.

Sein Sohn Wulbrand, geboren am 25. März 1542 (A), setzte das Militärhandwerk fort. Als Landsknechtsführer in spanischem Dienst zog er 1569 nach Frankreich; später kämpfte er für einen anderen Herrn gegen Dänemark. 1577 erwarb Wulbrand einen Bauplatz auf dem Gelände der verfallenen Holzmindener Burg.16) Am 5. Juli 1579 heiratete er in Höxter die zwanzigjährige Elisabeth („Ilsabe“) Hovener (1559–1631/32), die aus einer dortigen Ratsfamilie stammte; der Zirkel in ihrem Wappen könnte auf eine Zimmermanns- oder Baumeisterfamilie hindeuten.17) Zu dieser Zeit war Wulbrand von Gülich in unbekannter Funktion im Amt Steinbrück, 1584 wurde er von Herzog Julius als Amtmann in (Hann.) Münden eingesetzt. 1586 erhielt er den Auftrag, in Höxter und Umgebung, also auf dem Gebiet der Abtei Corvey, Werbungen zu veranstalten. Ostern 1587 übernahm er die Funktion des Hauptmanns der Dammfestung von Wolfenbüttel, die er offenbar bis zu seinem Tod am 22. Januar 1604 innehatte. Die selbstbewußte Witwe Elisabeth von Gülich, die seit der Plünderung Holzmindens durch Tillys Soldaten 1625 zunehmend verarmte, starb offenbar 1631/32.18) Mitten im Krieg und in Geldnot haben ihre beiden noch lebenden Kinder die freigelassenen Felder für ein Lobgedicht auf die Mutter neben (D) und ein weiteres Chronodistichon neben (F) nicht ausfüllen lassen.

Die beiden auf dem Epitaph mit Kreuz gekennzeichneten Kleinkinder waren 1586, wohl an Windpocken, gestorben; es überlebten den Verstorbenen drei Söhne: der mutmaßlich älteste, Jakob, der spätestens 1616 tot war, Johannes, der vermutlich jüngste, der 1609 das Pädagogium in Gießen besuchte, 1613 in Helmstedt immatrikuliert wurde und 1626 unverheiratet starb. Der um 1590 geborene Sohn Wulbrand d. J. heiratete 1616 Dorothea Limburg. 1620 wird er als Fähnrich bezeichnet, von 1619 bis 1622 ist er, als Pfandinhaber, Amtmann von Wickensen. 1622 wird er ebenfalls Hauptmann genannt. Am 1. Januar 1634 ist Wulbrand Gülich d. J. bei der Belagerung von Hildesheim gefallen.19) Die einzige Tochter, Agnes, heiratete 1605 in einer aufwendigen Hochzeit den Amtmann Nikolaus Thesmar, der 1609 in Holzminden ein großes Haus erbaute; sie starb bereits 1618.20) Von den verarmten Enkelinnen Wulbrands, die von seiner Tochter und dem gleichnamigen Sohn abstammten, starb die letzte bald nach 1663; 1661 hatte sie das inzwischen ruinöse Haus des Großvaters verkauft.21)

Textkritischer Apparat

  1. MARIAE15[42]] AE 15 heute nicht mehr farbig gefaßt; 42 ergänzt nach Inschrift F.
  2. [M]ONTAG] M und O heute nicht mehr farbig gefaßt. Vom M ist nur der letzte Schrägschaft zu erkennen.
  3. Hinter dem Wort eine große Lücke in der Inschrift, ohne daß Text fehlt.
  4. IAR] I heute nicht mehr farbig gefaßt.
  5. SEHL] Haufehler: am linken Schaft des H unten ein Querbalken.
  6. Hispalis ora] Aus metrischen Gründen an dieser Stelle verwendet, eigentlich: Sevilla. Gemeint ist aber das um eine Silbe zu lange Hispania ora, gleichgeordnet mit Gallia und Teutona terra, das auch der Übersetzung zugrunde gelegt wird.
  7. Rawertt] Das r zu c fehlrestauriert.
  8. Bonnighausen] Bonniehausen Kdm.; heutige Fassung Baumehausen.

Anmerkungen

  1. ERNEVERT VON DER FAMILIE / LEVSMANN. / IM IAHRE 1900.
  2. 25. März.
  3. 7. März.
  4. Io. 19,19.
  5. Wsh. 3,1.
  6. Wappen Gülich (gespalten, rechts drei Schrägbalken, links ein Stern).
  7. Wappen Mennemans (ein Sparren, umgeben von drei Köpfen).
  8. Wappen von dem Bussche I (drei Streitaxteisen bzw. Pflugscharen 2:1). Vgl. Siebmacher/Hefner, Wappenbuch, Bd. 2, Abt. 9, S. 5 u. Tafel 4. Spießen, Wappenbuch, S. 25 u. Tafel 58.
  9. Wappen Rawertt (zwei Schrägbalken, dazwischen drei Eicheln).
  10. Wappen Hovener (Zirkel?).
  11. Wappen Denning (drei Balken).
  12. Wappen Bonnighausen (Lilie?).
  13. Wappen Wolffen (steigender Wolf mit Vogel im Maul).
  14. Auch der Name der Stadt bzw. des Herzogtums Jülich wurde in Wolfenbütteler Akten um 1600 häufig „Gülich“ geschrieben; vgl. z. B. StAW 1 Alt 5, Nr. 207d.
  15. Vgl. z. B. das Wappen der Osnabrücker (von) Gülichs, ebenfalls mit fraglicher Adelsqualität: Spießen, Wappenbuch, Bd. 1, S. 62; Bd. 2, Tafel 150. Adelslexikon, Bd. 4, S. 312f. Kieckbusch, Bürgerleben, S. 198 u. 214–216. Kretschmer, Holzminden, S. 96.
  16. Kieckbusch, Bürgerleben, S. 217–220.
  17. Ebd., S. 220f. Die Familie Hovener wird, wie die Familie Denninge, nicht erwähnt bei Rabe; die Ratslisten sind aber nur lückenhaft erhalten; Rabe, Höxter, S. 214–216. Zu den Hoveners vgl. Kieckbusch in der folg. Anm. Zu der Kaufmannsfamilie Bonnighausen vgl. Rabe, Höxter, S. 156f. u. 298; zur Rats- und Kaufmannsfamilie Wulff vgl. ebd., S. 19, 106, 136f., 184, 224 u. 298.
  18. Kieckbusch, Bürgerleben, S. 221–224.
  19. Kieckbusch, Bürgerleben, S. 225–230. Vgl. Matrikel Helmstedt, Bd. 1, Abt. 1, S. 229, Nr. 165.
  20. Vgl. Kieckbusch, Bürgerleben, S. 198–203, 212, 278 u. 345. Zu Thesmar vgl. Nr. 172.
  21. Vgl. Kieckbusch, Bürgerleben, S. 189, 212–214, 230–232, 278, 283.

Nachweise

  1. Kdm. Kr. Holzminden, S. 66f. (mit Abb.).
  2. Kretschmer, Holzminden, S. 91 (Abb.) u. 180.
  3. Krämer/Leiber, Weserrenaissance, S. 32 (Abb. 28).
  4. Meyer, Friedhöfe, S. 33 (Abb.).
  5. Göhmann, Lutherkirche, S. 36f. u. 94 (Abb. 23).
  6. Kieckbusch, Bürgerleben, S. 217 u. 224.

Zitierhinweis:
DI 83, Landkreis Holzminden, Nr. 165 (Jörg H. Lampe und Meike Willing), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di083g015k0016500.