Inschriftenkatalog: Landkreis Holzminden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 83: Landkreis Holzminden (2012)

Nr. 77 Polle, St. Georg 1569

Beschreibung

Epitaph für Anna von Meschede. Grauer Sandstein. Der Aufbau des Epitaphs ist dreigliedrig und ähnelt dem des Epitaphs für Gordt Ketteler (vgl. Nr. 57). Im unteren Feld eine Rollwerkkartusche mit der Inschrift A, erhaben in vertiefter Zeile zwischen erhabenen Linien gehauen, rechts und links begrenzt durch zwei glatte Säulen mit aufgesetztem Wappenfeld. Im Mittelfeld eine Darstellung der Verstorbenen mit ihrem Ehemann in Ritterrüstung. Beide kniend und mit zum Gebet gefalteten Händen. Rechts und links durch eine kannelierte Säule mit je zwei aufgesetzten Wappenfeldern gerahmt. Die Köpfe des Ehepaares und Teile der Säulen wurden beim Einbau einer (1962/64 wieder entfernten) Empore abgemeißelt.1) Im oberen Bereich eine Darstellung des segnenden Erlösers mit der Weltkugel, gerahmt von einem geschweiften und in Voluten endenden Schriftband. Das Band umschließt mittig einen Engelskopf über einem Gesims. Darauf die erhaben in vertiefter Zeile ausgeführte Inschrift B. Das Schriftband erweckt den Eindruck eines giebelartigen Abschlusses des Epitaphs. Rechts und links des Schriftbandes die durch Größe hervorgehobenen Wappen der Eheleute. Die Wappen der rechten Seite sind gewendet.

Maße: H.: 268 cm; B.: 142 cm; Bu.: 4,5 cm.

Schriftart(en): Kapitalis mit Elementen der frühhumanistischen Kapitalis.

DI 83, Nr. 77 - Polle, St. Georg - 1569

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Meike Willing) [1/3]

  1. A

    ANNO · 1 · 5 · 6 · 9 · DEN · 17 · MARTII · IST · DIE / ERBARE · VND · TVGENTSAME · FRAVWE · ANNA · GEBORN / VON · MAESCHEDE · DES · ERNVESTEN · FRANTZ / DE · WREDE · ELICHE · GEMAHEL · AVS · DIESEM / IAMERDAL · CHRISTLIG · ABGESCHEDEN · VND / RAWET · ALHIR IN DEM HEREN · DER · SELEN / GOT · ALMECHTIG · GNEDICH · SEIN · WOLLE · VND / VERINE · ER · EIN FROLICH AVFERSTEHENT · AMEN

  2. B

    ABACVC 2 CAPITEL // DER GERECTEa) LEBET // SEINES GLAVBENS2)

Wappen:
Wrede3)Meschede7)
Grafschaft4)Ketteler8)
Bruch5)Malsburg9)
Wolff von Gudenberg6)Hattorp10)

Kommentar

Der Schrifteindruck ist geprägt von schmalen, hochrechteckigen Proportionen. An Einzelformen der frühhumanistischen Kapitalis finden sich ein konisches M, A mit nach links überstehendem Deckbalken; C ist sehr weit offen, einzelne G (GEBORN) unten spitz. Die Schäfte von E, F, L und R sind teilweise nach rechts durchgebogen, Nodi oder Ausbuchtungen fehlen. Die 1 ist auf den Schaft reduziert, 6 und 9 sind geschlossen und eingerollt, wobei die Bögen sehr hoch bzw. tief gezogen sind und das offene Ende waagerecht verlängert ist; die rechtsgewendete 5 ist auf Deckbalken und Bogen reduziert. Zu dem wahrscheinlichen Bildhauer, den Niederländer Arend Robin, vgl. den Kommentar zu Nr. 57.

Anna von Meschede war die Tochter von Otto von Meschede (gest. 1531) und Anna (Walburga) Ketteler (um 1503–1581), deren Mütter Margarethe von der Malsburg, verheiratet mit Godert von Meschede, und Anna von Hattorp (nach 1472–1514), verheiratet mit Wilhelm von Ketteler (um 1460–1526) waren.11) Dem entsprechen die Wappen der heraldisch linken Seite. Die Eltern von Franz de Wrede – die Familie verwendet zeitgenössisch zumeist diese Namensform – waren Georg (Jürgen) von Wrede aus Mielinghausen (heute Horn-Millinghausen, Ortsteil von Erwitte im Kreis Soest) der seit 1532 Pfandinhaber der Ämter Polle und Hunnesrück war,12) und Katharina von Grafschaft, die kurz nach 1531 gestorben ist; seine Großmütter waren Bela vom Bruch, verheiratet mit Goddert von Wrede, und Sibylla (Bela) Wolff von Gudenberg (gest. 1517), die zweite Frau des Johann von Grafschaft (gest. 1513). Die zugehörigen, gewendeten Ahnenwappen finden sich auf der heraldisch rechten Seite.13) Anna von Meschede war die Stiefschwester des Franz de Wrede (gest. 1584), denn sein Vater hatte in zweiter Ehe Anna von Ketteler, die Witwe des Otto von Meschede geheiratet, mit der er zumindest den Sohn Rab Otto hatte (vgl. Nr. 120).14) Franz de Wrede heiratete in zweiter Ehe Edeling von Bevern (1528–1589); vgl. Nr. 69 u. 112.

Textkritischer Apparat

  1. GERECTE] Statt: GERECHTE.

Anmerkungen

  1. Vgl. Kdm. Lkr. Hameln-Pyrmont, S. 436 (mit Abb. 497).
  2. Hab. 2,4.
  3. Wappen Wrede (gespalten, darüber Kranz mit fünf Blüten). Vgl. Spießen, Wappenbuch, Bd. 1, S. 134; Bd. 2, Tafel 340.
  4. Wappen Grafschaft (zwei Pfähle). Vgl. Spießen, Wappenbuch, Bd. 1, S. 60 u. Tafel 142.
  5. Wappen Bruch (schreitender Hund auf mit Schindeln bestreutem Grund), gewendet. Vgl. Spießen, Wappenbuch, Bd. 1, S. 22 u. Tafel 51.
  6. Wappen Wolff von Gudenberg (geviert, 1 u. 4 Wölfe, 2 u. 3 Löwen), gewendet. Vgl. Spießen, Wappenbuch, Bd. 1, S. 133; Bd. 2, Tafel 340.
  7. Wappen Meschede (Sparren). Vgl. Spießen, Wappenbuch, Bd. 1, S. 89; Bd. 2, Tafel 214.
  8. Wappen Ketteler (Kesselhaken). Vgl. Siebmacher/Hefner, Wappenbuch, Bd. 2, Abt. 9, S. 10 u. Tafel 11.
  9. Wappen Malsburg (geteilt, oben schreitender bekrönter Löwe, unten drei Rosen 2:1). Vgl. Spießen, Wappenbuch, Bd. 1, S. 85; Bd. 2, Tafel 206.
  10. Wappen Hattorp (Schrägbalken, mit drei Kleeblättern belegt), gewendet. Vgl. Spießen, Wappenbuch, Bd. 1, S. 66; Bd. 2, Tafel 158.
  11. Vgl. Fahne, UB Meschede, S. 403f. Honselmann, Bela Wolff, S. 186. Grusemann, Frühgeschichte, S. 167f. Die Tochter von Wilhelm Ketteler und Anna von Hattorp heißt hier „Walburga“ (ein späterer Klostername?).
  12. Vgl. Samse, Zentralverwaltung, S. 290.
  13. Vgl. Honselmann, Bela Wolff, S. 181 u. 184–186.
  14. Vgl. Honselmann, Bela Wolff, S. 186. Fahne, UB Meschede, Nr. 300 (1527). Kohl, Domstift St. Paulus, S. 602 (13.51570): Legate des Domherrn Caspar Wrede an Anna Ketteler, die Witwe seines Bruders, und ihre Kinder Jasper und Rabodo (Rab Otto). Grusemann nimmt wegen der Festlegung auf den Namen „Walburga“ für die Mutter der Anna von Meschede für das Jahr 1533 unnötigerweise eine weitere Ehe von Jürgen Wrede mit einer „Anna“ an; Frühgeschichte, S. 168. Auch die 1570 testamentarisch bedachte Anna Ketteler kann er trotz der namentlichen Nennung ihrer Kinder nicht einordnen; ebd., S. 336; vgl. S. 188.

Nachweise

  1. Mithoff, Kdm. Calenberg, S. 157.
  2. Kdm. Lkr. Hameln-Pyrmont, S. 438 (mit Abb. 509).

Zitierhinweis:
DI 83, Landkreis Holzminden, Nr. 77 (Jörg H. Lampe und Meike Willing), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di083g015k0007705.