Inschriftenkatalog: Landkreis Holzminden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 83: Landkreis Holzminden (2012)

Nr. 72(†) Bodenwerder, Homburgstr. 41 2. D. 16. Jh.

Beschreibung

Haus. Fachwerk. Das traufenständige Haus, früher Nr. 198, ist zwei Geschosse hoch und drei Gefache breit. Inschrift A verläuft auf dem Schwellbalken des Obergeschosses, erhaben in vertiefter Zeile, farbig, gold vor rotem Hintergrund ausgeführt. Punkte, Quadrangeln und Quadrangeln mit Zierhäkchen als Worttrenner. Zwei Halb- und zwei Viertel-Rosetten oberhalb sowie drei Tauband-Ornamente unterhalb der Inschrift als Fachwerkzier. Inschrift B befand sich an einem heute nicht mehr erhaltenen Hinterhaus.1)

Inschrift B nach Rose.

Maße: Bu.: ca. 12–15 cm.

Schriftart(en): Frühhumanistische Kapitalis mit Minuskeln (A).

DI 83, Nr. 72 - Bodenwerder, Homburgstr. 41 - 2. D. 16. Jh.

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Meike Willing) [1/1]

  1. A

    T·HVE · NEMANDE · DAN · WAS · MAN · DIR · DOEN · sOl · SO · GEFElST DV · GOD · VNDE · DEMa) · MINshN · WOl

  2. B †

    Si deus pro nobis quis contra nos2)

Übersetzung:

Tu niemand etwas an, als das, was man dir antun soll. So gefällst du Gott und den Menschen. (A)

Wenn Gott für uns ist, wer vermag dann etwas gegen uns. (B)

Versmaß: Deutsche Reimverse (A).

Kommentar

In Inschrift A rundes T mit Bogen nach links, A mit nach rechts überstehendem Deckbalken und geknicktem Mittelbalken, N teilweise mit ausgebuchtetem Schrägbalken, offenes unziales D, verschränktes W, über den Oberlängenbereich gezogenes Schaft-s mit Nodus im Wechsel mit kapitalem S, G mit einer Cauda in Form eines mit dem Bogen nicht verbundenen rechten Winkels, I mit nach rechts ausgebuchtetem Schaft, R mit über den Bogen hinausreichendem, nach links gebogenem Schaft, der Mittelteil des M endet teilweise weit über der Mittellinie; l und h sind, mit einer Ausnahme, in Minuskelschrift ausgeführt. Die Mischschrift aus frühhumanistischer Kapitalis mit eingestreuten Minuskeln unterstützt die baugeschichtliche Datierung von Braun auf die Zeit um 1550.3)

Inschrift A greift in Form der Spruchdichtung die „Goldene Regel“ auf, die in Ethik und Theologie seit der Antike eine große Rolle spielte, durch die Bedeutung, die Luther ihr in seiner Begründung der Nächstenliebe gab, aber noch einmal eine Akzentuierung erfuhr.4) Das Zitat aus dem Römerbrief des Paulus in Inschrift B ist ein Kernspruch der Reformation, der sich, ebenfalls als lateinisches Zitat, bis in das 17. Jahrhundert hinein in Inschriften verschiedener Art findet.5) Die Anbringung als Hausinschrift bringt die reformatorischen Gesinnungen des Erbauers zum Ausdruck.

Textkritischer Apparat

  1. DEM] DEN Mithoff.

Anmerkungen

  1. Rose, Chronik, S. 259.
  2. Rm. 8,31.
  3. Kdm. Bodenwerder/Pegestorf, S. 35.
  4. Heinz-Horst Schrey, Goldene Regel III, in: TRE 13, 1984, S. 576f. Vgl. Thesaurus Proverbiorum, Bd. 12, s. v. Tun (Nr. 259–319, bes. Nr. 316 u. 317), S. 45–47.
  5. Vgl. DI 66 (Lkr. Göttingen), Nr. 127 (B1: Graffito 1573); Nr. 220 (Glocke 1593). DI 28 (Stadt Hameln), Nr. 103 (Hausinschrift Ende 16. Jh.); Nr. 122 (Epitaph 1620).

Nachweise

  1. Rose, Chronik, S. 259.
  2. Mithoff, Kdm. Calenberg, S. 14.
  3. Kdm. Bodenwerder/Pegestorf, S. 35 (mit Abb. 55).

Zitierhinweis:
DI 83, Landkreis Holzminden, Nr. 72(†) (Jörg H. Lampe und Meike Willing), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di083g015k0007200.