Inschriftenkatalog: Landkreis Holzminden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 83: Landkreis Holzminden (2012)

Nr. 57 Polle, St. Georg 1553

Beschreibung

Epitaph für Gordt Ketteler. Gelb-grauer Sandstein. Das früher an der Außenseite der Ostwand der Kirche eingemauerte Grabmal wurde im Dezember 1990 restauriert und im Altarraum aufgestellt.1) Das Epitaph ist dreigliedrig und ähnelt im Aufbau dem Wrede-Epitaph in derselben Kirche; Nr. 77. In der unteren Zone eine Rollwerkkartusche mit der Inschrift A, erhaben in vertieftem Feld zwischen vertieften Linien gehauen, im linken Drittel ein diagonal verlaufender Riß. Rechts und links der Kartusche zwei Wappen. Im durch zwei kannelierte Säulen gerahmten Mittelfeld kniend der Verstorbene in Ritterrüstung und mit Schwert vor Christus am Kreuz mit dem eingehauenen Titulus B, neben ihm sein Helm. Im oberen Feld ein gewundenes, von einem Gesims geteiltes und in Voluten auslaufendes Schriftband mit der Inschrift C, erhaben in vertiefter Zeile. Das Schriftband, das den Heiligen Geist in Gestalt einer Taube und eine Muschel umfängt, erweckt den Eindruck einer giebelartigen Bekrönung des Epitaphs. Rechts und links des Schriftbandes je ein nach innen geneigtes Wappen. Reste einer farbigen Fassung des Epitaphs sind erkennbar.

Maße: H.: 203 cm; B.: 112 cm; Bu.: 5 cm (A), 3,2 cm (B), 3,5 cm (C).

Schriftart(en): Kapitalis mit Elementen der frühhumanistischen Kapitalis.

DI 83, Nr. 57 - Polle, St. Georg - 1553

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Meike Willing) [1/3]

  1. A

    IOB · 19 · CAP · ABER · IH · WEIS · DAS MEIN · ERL/OSER · LEBT · V(N)D · ER · WIRDT · MICH · HERNACH / AVSa) · DER · ERDEN · AVFFERWECKEN · VND / WERDE · DARNACH · MIT · DIESER · / MEINER · HAVT · VMBGEBEN · WERDEN / VNDb) · WERDE · IN · MEINEM · FLEISCH · GOT / SEHENc) · DEN SELBIGEN · WERDE · MIR · SEN2) / VND · MEINE · AVGEN · WERDEN · IHN / [S]CHAWENd) · VND · KEIN · FREMBDRE3)

  2. B

    I(ESVS) N(AZARENVS) R(EX) I(VDAEORVM)4)

  3. C

    AN(NO) 1 · 5 · 5 · 3 · IST · DER · EDLE // VND · ERENVEST GORDT · KETLER · IM // HERN · SALIGLICH · ENTSLAFEN

Wappen:
Ketteler5)Nagel7)
von der Recke6)?8)

Kommentar

Die schmalen, eng gestellten Buchstaben der Kapitalis zeigen, daß sich der Bildhauer noch am Formideal der frühhumanistischen Kapitalis orientiert, allerdings ohne deren typische Schmuckformen zu übernehmen. Auffallend sind durchgebogene Schäfte bei dem verschränkten W sowie bei E und F; bei den letzteren vor allem dann, wenn die Stellung neben einem Buchstaben mit rechtem Bogen, wie z. B. D, dies erfordert. Bemerkenswert sind außerdem das sehr schmale, unten fast spitze G, das zumeist rautenförmige O sowie die auf Deckbalken und Bogen reduzierte 5. Die Bögen des D sind nach links über den Schaft verlängert, der Mittelteil des konischen M endet über der Mittellinie. Die Schaft-, Balken- und Bogenenden zeigen teilweise schwach ausgeprägte keilförmige Verbreiterungen. Mit Ausnahme von Namensinitialen (vgl. Nr. 44 u. 45) handelt es sich hierbei um das erste Auftreten der Kapitalis im Landkreis Holzminden und zugleich um die früheste datierte Inschrift in hochdeutscher Sprache.

Das Grabmal ist das früheste bisher im Weserraum bekannte Werk des Niederländers Arend Robin (Robyn), der 1560 in Hameln (St. Bonfatii) das in Aufbau und Ausführung bis in die Details ähnliche Epitaph für Rudolf von Holle, den früh verstorbenen Sohn des Obersten Georg von Holle, anfertigte und ab etwa 1574 vor allem für Graf Otto IV. von Schaumburg, außerdem aber auch in Minden tätig war.9) Aus dem Jahr 1568 sind von ihm in Alfeld noch zwei Epitaphien für den Oberamtmann Heinrich Heinemeier und Katharina von Hanstein erhalten, die stilistische Verwandtschaft mit zwei Grabdenkmalen in Hameln für die Familie Spilcker (1566) und Katharina Vogedes (1570) aufweisen.10) Das Epitaph für Gordt Ketteler ist das erste sicher datierte im Kreis Holzminden (vgl. noch Nr. 55), das das Bestreben von Adeligen zeigt, sich durch Grabmäler und das Anbringen von Ahnenwappen als Angehörige des Standes repräsentativ darzustellen.11)

Die Wappen zeigen auf der rechten Seite unter dem des Verstorbenen (bzw. seines Vaters) das seiner Mutter aus der Familie von der Recke; in Frage kommen auf Grund dieses Wappens als Eltern nur Gerhard (I.) von Ketteler (ca. 1465–nach 1540) und seine Frau Margarethe von der Recke (gest. 1541). Die linke Seite zeigt die Verehelichung mit einer Angehörigen des minden-ravensbergischen Adelsgeschlechts der Nagel an (als mütterliche Wappen scheiden sie in dieser Generation aus).12) Bei dem Verstorbenen dürfte es sich daher um Goddert (I.) Ketteler handeln, der 1540 Sophia Nagel (gest. 1581 nach zweiter Ehe), Tochter von Eggert Nagel und Fye (Sophie) von Campe, geheiratet hat. Der Familiengeschichte zufolge soll er „um 1556“ gestorben sein, was durch das hier angegebene Datum zu korrigieren ist. Sein Sohn Goddert (II., gefallen 1588) führte seit 1581 einen bis zum Reichskammergericht getriebenen Prozeß, in dem Caspar und Rab Otto de Wrede Mitkläger waren.13)

Das Bibelzitat, das der Übersetzung Luthers folgt, zeigt Gordt Ketteler noch zu Lebzeiten Herzog Heinrichs d. J. als entschiedenen Lutheraner, wie mit dem Epitaph überhaupt der Aufforderung des Reformators Rechnung getragen wird, durch religiöse Darstellungen auf Grabmalen der christlichen Erbauung zu dienen.14) Dagegen fuhr die Mehrheit der Mitglieder der Familie Ketteler fort, katholische Domherren in den westfälischen Bistümern Münster und Paderborn zu stellen.15)

Das Epitaph für Gordt (Goddert) Ketteler ist zugleich das erste sicher zu datierende in einer Reihe von Grabdenkmalen (vgl. Nr. 55, 77 und 120), die den Einfluß westfälischer Familien im oberen Weserraum in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts dokumentieren. Deren Anwesenheit geht auf Georg (Jürgen) von Wrede aus Mielinghausen (heute Horn-Millinghausen im Kreis Soest) zurück, der seit 1532 Pfandinhaber von Polle war.16) Er war in zweiter Ehe mit Anna von Ketteler verheiratet, die eine Kusine des Verstorbenen war.17) Die Kirche in Polle, um die sich das Gedenken konzentrierte, wurde vermutlich in der Mitte des 16. Jahrhunderts von den Söhnen und Nachfolgern Georg von Wredes, Rab Otto, Franz (vgl. Nr. 77) und Philipp de Wrede, wie die Namensform zumeist lautet, erbaut.18) Der oben genannte Caspar (Jasper) de Wrede (gest. nach 1599) war ein weiterer Bruder und wie Franz Drost in Polle.19)

Textkritischer Apparat

  1. AVS] A ohne Balken.
  2. VND] Der Bogen des D durch einen Riß gestört.
  3. SEHEN] Das zweite E durch einen Riß gestört, S nur schwach erhaben am Kartuschenrand.
  4. [S]CHAWEN] S ausgebrochen.

Anmerkungen

  1. Wagner, St. Georg (ohne Seitenzählung). Kdm. Lkr. Hameln-Pyrmont, S. 438.
  2. Luther-Bibel (Ausgabe von 1545): werde ich mir sehen.
  3. Hi. 19,25–27.
  4. Io. 19,19.
  5. Wappen Ketteler (Kesselhaken). Vgl. Siebmacher/Hefner, Wappenbuch, Bd. 2, Abt. 9, S. 10 u. Tafel 11.
  6. Wappen von der Recke (Balken, mit drei Pfählen belegt). Vgl. Spießen, Wappenbuch, Bd. 1, S. 103; Bd. 2, Tafel 253.
  7. Wappen Nagel (runde Spornschnalle mit Dorn, außen mit vier Lilien verziert), gewendet. Vgl. Spießen, Wappenbuch, Bd. 1, S. 93; Bd. 2, Tafel 226. Siebmacher, Wappenbuch 1605, S. 207 (Tafel 187). Nicht Wrede (Kranz mit fünf aufgesetzten Blüten), wie Mithoff, Kdm. Calenberg, S. 157, annimmt.
  8. Wappen? (gespalten).
  9. Vgl. DI 28 (Stadt Hameln), Nr. 65. Auch die Prunkkamine im Schloß Stadthagen, entstanden zwischen 1576 und 1604, weisen die in beiden Fällen verwendete giebelartige Bekrönung mit eingearbeitetem Schriftband auf. Vgl. Kreft/Soenke, Weserrenaissance, S. 33f.; zum 1592 fertiggestellten Relief am Hagenmeyerhaus in Minden siehe bes. S. 35f.
  10. Vgl. DI 28 (Stadt Hameln), Nr. 69 u. 74. Zu den Alfelder Epitaphien vgl. DI 88 (Lkr. Hildesheim; in Vorbereitung).
  11. Vgl. Borggrefe, „Die vom Adel“, bes. S. 16–20. Hufschmidt, „Von uraltem Adel“, S. 25. Hufschmidt, „Sehliglich entschlafen“, S. 262f.
  12. Grusemann, Frühgeschichte, S. 353–355, sowie Tafel VI (Todesdatum für Gerd Ketteler hier 1519!) u. XIII.
  13. Vgl. ebd., passim. Das gespaltene Wappen unten links bleibt unerklärt; das der mindenschen Familie Campen (IV) ist ganz anders; vgl. Spießen, Wappenbuch, Bd. 1, S. 27 u. Tafel 68.
  14. Vgl. Hufschmidt, „Sehliglich entschlafen“, S. 263.
  15. Vgl. Grusemann, Frühgeschichte, S. 357f.
  16. Vgl. Samse, Zentralverwaltung, S. 290.
  17. Vgl. Honselmann, Bela Wolff, S. 186. Die Väter, Wilhelm und Gerhard/Gerd (I.) Ketteler, waren Brüder; vgl. Grusemann, Frühgeschichte, S. 167f., S. 353–355, sowie Tafel VI u. XIII. Zu den im Hinblick auf Anna Ketteler (bei Grusemann „Walburga“) angebrachten Korrekturen vgl. den Kommentar zu Nr. 77.
  18. Vgl. Mithoff, Kdm. Calenberg, S. 157. Kdm. Lkr. Hameln-Pyrmont, S. 435. Wagner, St. Georg (o. S.). Zur Konzentration des Gedenkens um eine Kirche vgl. Hufschmidt, „Sehliglich entschlafen“, S. 262. Zu Franz und Rab Otto de Wrede vgl. Nr. 77 u. Nr. 120. Philipp (Lips) de Wrede wird noch 1585 u. 1588 genannt; Burchard, Bevölkerung, S. 103. Vgl. Nr. 112.
  19. Vgl. Spiegel, Geschichte der Spiegel, Bd. 1, S. 282. Samse, Zentralverwaltung, S. 291f., sowie S. 37, 40, 271 u. 319. Vgl. auch Nr. 112.

Nachweise

  1. Mithoff, Kdm. Calenberg, S. 157.
  2. Kdm. Lkr. Hameln-Pyrmont, S. 438 (mit Abb. 510).

Zitierhinweis:
DI 83, Landkreis Holzminden, Nr. 57 (Jörg H. Lampe und Meike Willing), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di083g015k0005703.