Inschriftenkatalog: Landkreis Holzminden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 83: Landkreis Holzminden (2012)

Nr. 29 Amelungsborn, Klosterkirche 1478

Beschreibung

Kelch.1) Silber, vergoldet mit Emailleeinlagen. Sechspaßfuß mit durchbrochener Zarge und Standring. Auf den sechs Paßfeldern des Fußes, die in den Fußhals übergehen, unter von schmalen Diensten getragenen Baldachinen, aufgenietete, plastische figürliche Darstellungen, die auf einer Erdscholle aus dunkelgrünem Emaille mit roten Punkten stehen. Sie sind nach demselben Model gegossen und unterscheiden sich nur durch ihre Attribute. Die zugehörigen Inschriften A und C–G auf jeweils der Paßrundung folgenden, an den Enden eingerollten Schriftbändern. Inschrift A unter einer Darstellung Christi am Kreuz zwischen Maria und Johannes, am Baumkreuz mit schräg aufgerichteten Balken der Titulus B. Inschrift C unter der im Jahr 1900 erneuerten2) Figur Jakobus’ des Jüngeren mit Märtyrerpalme und Walkerstange; Inschrift D unter einer Darstellung der Katharina von Alexandria mit Krone, dem Stück eines Rades und einem Schwert; Inschrift E gehört zu einer Darstellung der Barbara mit Turm und Märtyrerpalme. Inschrift F ist unter der Figur der Benigna angebracht; sie trägt eine Axt (Beil?) in der linken und ein großes Messer (Schwert?) in der rechten Hand. Inschrift G unter der Darstellung der ebenfalls im Jahr 1900 erneuerten Figur des Philippus,2) der ein dreiarmiges Antoniuskreuz (T-Kreuz) und Märtyrerpalme trägt. Inschrift H ist auf der Sockelplatte in Höhe der Kreuzigungsgruppe angebracht. An den sechsseitigen Schaftstücken unter dem Nodus die Inschrift I, über dem Nodus die Inschrift J, bei der ein Feld mit einem floralen Muster gefüllt ist. Beide Inschriften sind in Konturschrift glatt vor schraffiertem Hintergrund graviert. In den sechs Rotuli des mit Maßwerk verzierten Nodus die Einzelbuchstaben der Inschrift K und ein Kreuz, Gold in dunklem Grubenschmelz; zwischen den Rotuli grüne Halbedelsteine. Bis auf e und s, die 1884 noch vorhanden waren, wurden die Buchstaben bei der Restaurierung um 1900 ergänzt.3) Am unteren Schaftende ein Christuskopf, bei dem die Arme des Kreuznimbus lilienförmig gestaltet sind. Inschriften L und M unter dem Fuß des Kelches eingeritzt. Soweit nicht anders vermerkt sind die Inschriften graviert. Als Worttrenner stehen in A und F–H Sternchen, am Ende der Inschriften zur Füllung des Schriftbandes Rankenwerk.

Das Kloster, das für seine im Jahr 1409 zwölf Altäre eine reiche Ausstattung an Altargeräten besaß, hat diese im Verlauf der Reformation nach 1542, vor allem aber in der Krisen- und Kriegszeit zwischen 1625 und 1640 durch Auslagerung, Veruntreuung, Verkauf und Diebstahl fast vollständig eingebüßt. Zurückgekehrt nach Amelungsborn ist nur der Abendmahlskelch von 1478, den der Abt Theodor Berkelmann persönlich über die Wirren der Kriegsjahre gerettet hatte. Im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war er im Gebrauch der Gemeinde Negenborn. Die 1753 als dazugehörig genannte, ebenfalls vergoldete Patene ist heute nicht mehr vorhanden.4)

Maße: H.: 21,5 cm; Dm.: 16,5 cm (Fuß), 12 cm (Kuppa); Bu.: 0,3 cm (A, C–G), 0,1 cm (B), 0,12 cm (H), 1,3 cm (I, J), 0,7 cm (K), 0,25 cm (L, M).

Schriftart(en): Gotische Minuskel (A–K), mit Versal (I), Kursive (L, M).

DI 83, Nr. 29 - Amelungsborn, Klosterkirche - 1478

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Meike Willing) [1/4]

  1. A

    · vide · me · o · dilecte5)

  2. B

    i(esus) n(azarenus) r(ex) i(udaeorum)6)

  3. C

    S(anctus) iacobb(us)a) minor

  4. D

    sancta katrina

  5. E

    Sancta barbara

  6. F

    · Sancta · benigna

  7. G

    · Sanct(us) · philipus

  8. H

    orate · p(ro) · iohane · abb(at)e · an(n)ob) · m° · lxxviii ·c)

  9. I

    S(anctus) iohan

  10. J

    maria

  11. K

    i e s u s +

  12. L

    veget iiiid) mark vie) loet7)

  13. M

    item xxxf) gulden / kostet golt makelon / un[de] steyn

Übersetzung:

Sieh mich an, oh Geliebter! (A)

Betet für den Abt Johannes. Im Jahr 1(4)788). (H)

Wiegt vier Mark und sechs Lot. (L)

Kostet 30 Gulden Goldmacherlohn und (für) Steine. (M)

Kommentar

Die gravierte gotische Minuskel der Inschriften A und C–G ist als ausgeprägte Gitterschrift gestaltet (vgl. bes. minor in Inschrift C). Die zumeist in drei Spitzen ausgezogenen Brechungen und die gespaltenen bzw. gegabelten Oberlängen vermitteln insgesamt den Eindruck einer zackig-spitzen Schrift, was durch die sternchenförmigen Worttrenner noch verstärkt wird. Auffällig ist der gegabelt endende senkrechte Teil des gebrochenen unteren Bogens beim doppelstöckigen a, der in den oberen Enden der u-Schäfte eine Parallele hat; r, e, g und t tragen Zierstriche, die zum Teil an den Enden eingerollt sind. Die S neben den Heiligennamen – nur in (D) findet sich ein langes s – erhalten Versalcharakter durch ausgeprägte Diagonalstriche; dieser fehlt beim ansonsten sehr ähnlich gestalteten runden s am Ende von philipus (G). Die Inschriften H, I und J sind in einer typischen, bandartigen Goldschmiedeminuskel ausgeführt. Die Brechungen liegen teilweise vor dem Schaft und schaffen, verstärkt durch die Binnenzeichnung des glatt erhabenen Buchstabenkörpers, ein geradezu plastisches Schriftbild. Beim e ist der Balken zu einem Zierstrich reduziert, der in einer ausgeprägten Verdickung end

Das Bildprogramm mit den fünf Märtyrerfiguren weist lokale, zisterziensische und zeittypisch spätmittelalterliche Bezüge auf. Rechts und links der Kreuzigungsszene sind zwei Amelungsborner Altarpatrone gruppiert: Jakobus minor und Philippus; auf Jakobus folgen zwei der in der spätmittelalterlichen Frömmigkeit beliebten 14 Nothelferinnen: die heilige Katharina, die auch einen Altar in der Kirche besaß, und die heilige Barbara. Daneben ist die heilige Benigna plaziert, vermutlich eine Nonne aus dem Zisterzienser-Frauenkloster Trebnitz, die um 1241 bei dem Einfall der Mongolen nach Schlesien das Martyrium erlitten haben soll.9) Das Programm und seine Ausführung mit gegossenen Figuren, für die als Parallele ein Pokal aus Werdau in Sachsen ins Auge fällt, könnte, wie auch die Hinzunahme der Figur der Benigna, auf einen mitteldeutschen Werkstattzusammenhang deuten.10)

Hervorzuheben ist, daß Maria und Johannes nicht nur in der Kreuzigungsszene, sondern auch auf dem Schaft (I, J) neben Jesus (K) genannt werden. Dem liegt zumindest bei Johannes ein persönlicher Bezug des Stifters, des Abtes Johannes, zugrunde. Bei diesem handelt es sich um den 27. Abt von Amelungsborn, Johannes VI. von Dassel, der von 1477 bis zu seinem Tod am 5. Juli 1483 amtierte. Vermutlich stiftete er den Kelch aus Dankbarkeit für seine Berufung.11) Die Anrufung Christi in Inschrift A, die einem Passionsgedicht des Zisterzienserabtes Arnulf von Löwen (ca. 1200–1250) entstammt, steht in der Tradition mystischer Frömmigkeit im Zisterzienserorden.12)

Der in Inschrift M gegenüber den früheren Lesungen korrigierte Preis von 30 Gulden für die Goldschmiedearbeit und möglicherweise die fünf kleinen Halbedelsteine entspricht dem Preis für den ebenfalls mit sechs Figuren geschmückten Kelch des Bartold Magerkol in Hildesheim, der 1489 33 Gulden für die Silberarbeit und das Vergolden kostete.13)

Bei Johann von Dassel muß es sich um einen Angehörigen der ursprünglich im Einbecker Raum ansässigen Familie des niederen Adels handeln,14) die seit Anfang des 15. Jahrhunderts in das Lüneburger Patriziat Eingang fand. In dieser Familie kommt der (allerdings sehr häufige) Name Johann im 15. und frühen 16. Jahrhundert mehrfach vor.15) Hermann von Dassel ist 1439 Kanoniker des Moritzstiftes in Hildesheim.16) Die Grafen von Dassel hingegen sind 1325 ausgestorben.17)

Textkritischer Apparat

  1. iacobb(us)] Statt des fehlenden us-Häkchens ein u oberhalb der Niete.
  2. an(n)o] Das o klein und hochgestellt.
  3. lxxviii] 1xxviii Göhmann, S. 10. Die das Jahrhundert bezeichnenden Zahlzeichen fehlen; schriftgeschichtlich und historisch kommen dafür nur cccc in Frage.
  4. iiii] 8 Kdm.; Heutger, S. 91. Aus viii gelesen; vor den drei letzten i ein Strich, der wie der linke Schrägschaft eines v wirkt, ein rechter ist aber nicht zu erkennen. Über den beiden letzten i eindeutig Punkte, über den beiden ersten kurze Striche.
  5. vi] 6 Kdm.; Heutger, S. 91.
  6. item xxx] (C?) LXXX Kdm. (C) LXXX Göhmann, S. 11. CLXXX Heutger, S. 91. Das item-Kürzel, dessen Schlaufe zu L verlesen wurde, ist aber deutlich zu erkennen.

Anmerkungen

  1. Ausführliche Beschreibung und Deutung bei Göhmann, Abendmahlskelch, S. 10–16.
  2. Die Erneuerung ist in einer unter dem Fuß angebrachten Inschrift bezeugt: St. Jacobus minor / St. Philippus / ern. 1900. Erneuert wurden außer den Figuren ein Großteil der Schmelzarbeiten, die Füllung der Zapfen, einige Steine und die Vergoldung; Kdm. Kr. Holzminden, S. 193f. Göhmann, Abendmahlskelch, S. 11. Die Figur des Jakob fehlte bereits 1753, die des Philipp war noch vorhanden; StAW 4 Alt 3 Amelb., Nr. 270.
  3. Vgl. Kdm. Kr. Holzminden, S. 193. Göhmann, Abendmahlskelch, S. 11.
  4. Vgl. Göhmann, Abendmahlskelch, S. 6–9. Mahrenholz, Abtsliste III, S. 212f.; ders. Abtsliste IV, bes. S. 166. StAW 11 Alt Amelb. Nr. 74, bes. Bl. 16f.
  5. Fast wörtliches Zitat aus der 5. Strophe des Passionsgedichtes Ad pedes: in hac cruce stans directe / vide me, o mi dilecte, / ad te totum me converte: / esto sanus, dic aperte, / dimitto tibi omnia. Ad pedes ist das erste von sieben Gedichten der Oratio rhythmica ad unum quodlibet membrorum christi patientis et a cruce pendentis, die lange Bernhard von Clairvaux zugeschrieben wurde; vgl. z. B. Wackernagel, Kirchenlied, Bd. 1, S. 120f. Die Rhythmica oratio, auch bekannt unter dem Titel Ad singula membra Christi patientis, wird heute Arnulf von Löwen (ca. 1200–1250) zugeschrieben, der seit 1240 Abt des Zisterzienserklosters Villers in Brabant war; vgl. Worstbrock, Arnulf von Löwen, Sp. 500f.
  6. Io. 19,19.
  7. Etwa 1014 g. Ein Gewicht von acht Mark und sechs Lot (fast 2 kg) widerspricht den Gewichtsangaben im Corpus bonorum von 1753: 1 lb. 31. Loth (etwa 910 g); vgl. StAW 4 Alt 3 Amelb. 270. Dabei ist die miterwähnte Patene vermutlich einbezogen; tatsächlich wiegt der Kelch 799 g. Vgl. Göhmann, Spurensuche, S. 57; ders., Abendmahlskelch, S. 6 u. 9. Ein Lüneburger Kelch vom Anfang des 15. Jahrhunderts wiegt etwas mehr als 24,5 Lot (392 g), die dazugehörige Patene 6 Lot 5 Gren (90,3 g); Witthöft, Metrologie, S. 71f. Der ebenfalls mit sechs Figuren geschmückte Kelch des Bartold Magerkol in Hildesheim von 1489 wiegt, wie eine unter dem Standring eingeritzte Inschrift besagt, mit sechs Mark (ca. 1386 g) sehr viel; DI 58 (Stadt Hildesheim), Nr. 204. Vgl. auch das Gewicht zahlreicher Kelche ähnlicher Größe und Art: Kat. Goldschmiedekunst, Nr. 64, 69, 87, 93 u. 95.
  8. So auch Göhmann, Abendmahlskelch, S. 10. Die verkürzte Datierung ist durch die Jahrhundertziffer zu ergänzen; vgl. Anm. c.
  9. Göhmann, Abendmahlskelch,S. 12–16, mit weiterer Literatur. Zu den Altären vgl. ders., 850 Jahre, S. 85f. Zur heiligen Benigna vgl. Bibliotheca Sanctorum 2, Sp. 1225.
  10. Vgl. Braun, Altargerät, S. 179–192, bes. S. 180 mit Tafel 23, Abb. 75 (Kelch aus Werdau). Auf diesen verweist bereits der Kat. Kunst und Kultur, S. 616. Vgl. auch mehrere Kelche aus der früheren Provinz Sachsen; Kat. Goldschmiedekunst, Nr. 69 (1430), S. 264–267, mit Nr. 78–81 (2. H. 15. Jh.), S. 281–284, Nr. 87–89 (1463, 1478), S. 286–288, sowie Nr. 93 (2. H. 15. Jh.) u. 95 (1495), S. 297 u. 300f., mit Farbtafel S. 159.
  11. Vgl. Mahrenholz, Abtsliste I, S. 30. Göhmann, Abendmahlskelch, S. 10.
  12. Vgl. Anm. 5. Heutger, Kloster Amelungsborn, S. 91.
  13. Vgl. DI 58 (Stadt Hildesheim), Nr. 204. Einen Kelch, der im Jahr 1551 52 Gulden kostete, erwähnt Braun, Altargerät, S. 172.
  14. Nur bei Harland in der Stammtafel verortet als Sohn des Dietrich von Dassel († 1444); Harland, Einbeck, S. 280 (mit falschem Todesdatum 1477 nach älteren Abtslisten).
  15. Vgl. DI 42 (Stadt Einbeck), Nr. 15 u. 130. Voß, Einbecker Bürgerhaus, S. 9–13 u. die Stammtafeln ebd., S. 41f.
  16. UB Stadt Hildesheim IV, Nr. 339.
  17. Vgl. Kruppa, Grafen von Dassel, S. 27. Göhmann ordnet den Abt irrtümlich den Grafen von Dassel zu; vgl. Göhmann, Abendmahlskelch, S. 10.

Nachweise

  1. StAW 4 Alt 3 Amelb., Nr. 270 (A–J).
  2. Kdm. Kr. Holzminden, S. 192f. u. Tafel VIII.
  3. Kat. Kultur und Geschichte, Nr. 5, S. 13f. (ohne Inschriften).
  4. Kat. Kunst und Kultur, S. 616.
  5. Göhmann, Abendmahlskelch, S. 6–17 (mit Abb.).
  6. Heutger, Kloster Amelungsborn, S. 91f.

Zitierhinweis:
DI 83, Landkreis Holzminden, Nr. 29 (Jörg H. Lampe und Meike Willing), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di083g015k0002906.