Inschriftenkatalog: Landkreis Holzminden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 83: Landkreis Holzminden (2012)

Nr. 28 Bodenwerder, St. Nicolai 1471

Beschreibung

Glocke. Bronze. Die Inschriften verlaufen zwischen drei Kordelstegen um die Schulter und sind durch einige kleine Medaillons und Figuren, möglicherweise Pilgerzeichen, untergliedert. Inschrift A oben, Inschrift B in der Zeile darunter umlaufend, beide erhaben gegossen. Zwischen den beiden Teilen der Inschrift A als Worttrenner eine Darstellung der Maria mit dem Kind. Am unteren Kordelsteg hängende Kreuzblumen. Auf der Flanke der ansonsten schlichten Glocke eine Bischofsgestalt, wahrscheinlich der heilige Nikolaus.

Maße: H.: 105,5 cm (mit Krone), 87 cm (ohne Krone); Dm.: 110 cm; Bu.: 5,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

DI 83, Nr. 28 - Bodenwerder, St. Nicolai - 1471

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Meike Willing) [1/3]

  1. A

    anno · d(omi)ni · m° · cccc° · lxxi° ·defu(n)ctos · pla(n)go · viuos · uoco · fulgura · frango ·

  2. B

    uoxa) · uoxb) · mea : uite : ad : sacra : uos : voco : venite ·

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1471. Die Verstorbenen betrauere ich, die Lebenden rufe ich, die Blitze breche ich. (A)

Meine Stimme ist die Stimme des Lebens. Ich rufe euch zum Gottesdienst, kommt! (B)

Versmaß: Hexameter, zweisilbig leoninisch gereimt (A, B). In B durch die Wortstellung gestört.

Kommentar

Die Buchstaben sind fast vollständig in das Zweilinienschema gestellt. Beim g ist der untere Bogen zu einem waagerechten Strich reduziert; der obere und untere Bogen des runden, gebrochenen s weist senkrechte Abschnitte und einen Diagonalstrich auf, die Schäfte des u enden oben stumpf.

Die beiden leoninischen Hexameter entstammen einer längeren, bei Johannes Gerson (1363–1429) überlieferten Dichtung, die die Bestimmungen der Glocken zusammenfaßt.1) Inschrift B, die sich auch auf einer Glocke in Boffzen findet (vgl. Nr. 35), ist häufig auf Glocken angebracht worden.2) Zusammen finden sich (A) und (B) ebenfalls auf einer Glocke in Göttingen aus dem Jahr 1402.3)

Textkritischer Apparat

  1. uox] mox Mithoff (am Ende des Verses). Die Doppelung des Wortes vox („Stimme“) paßt nicht an diese Stelle und sprengt das Versmaß. Wie Mithoff bereits anmerkt, gehört ein vox hinter mea. Der Übersetzung liegt die umgestellte Wortfolge zugrunde.
  2. uox] voce Mithoff.

Anmerkungen

  1. Vgl. Walter, Glockenkunde, S. 186.
  2. Walter, Glockenkunde, S. 224f. Vgl. DI 28 (Stadt Hameln), Nr. 26 (1462). DI 39 (Landkreis Jena), Nr. 111 (1511). Mit größeren Abweichungen z. B. DI 17 (Lkr. Haßberge), Nr. 3 (M. 13. Jh.), 36 (1448) u. 87 (1510).
  3. Vgl. DI 19 (Stadt Göttingen), Nr. 29 (1402).

Nachweise

  1. Mithoff, Kdm. Calenberg, S. 14.
  2. Rose, Chronik, S. 216 (nach Mithoff).
  3. Kdm. Bodenwerder/Pegestorf, S. 20 u. Tafel 19–20.

Zitierhinweis:
DI 83, Landkreis Holzminden, Nr. 28 (Jörg H. Lampe und Meike Willing), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di083g015k0002802.