Inschriftenkatalog: Landkreis Holzminden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 83: Landkreis Holzminden (2012)

Nr. 14 Kemnade, Klosterkirche St. Marien 1390–1410

Beschreibung

Tumba mit Deckplatte für den Edelherrn Siegfried von Homburg. Die Tumba aus Sandstein, die Deckplatte aus Dolomit. Das Grabdenkmal steht seit 1958 im südlichen Querschiff. Nach der Restaurierung von 1856/59, bei der das linke Bein und der rechte Unterschenkel der Christusfigur sowie wenige Teile der Schrift ergänzt wurden, war es in der Mitte der Vierung aufgestellt; der ursprüngliche Standort war das nördliche Querschiff.1) An der vorderen Schmalseite des Tumbakastens am Fußende eine rundbogige Nische mit der Darstellung des heiligen Meinrad und der eingehauenen Inschrift A in der Laibung. Auf der Deckplatte ist der Verstorbene mit seiner Ehefrau vor dem Gekreuzigten kniend dargestellt. Der Kreuzestitulus B ist erhaben in vertieftem Feld ausgeführt. Unter den Knien der Figuren ein Allianzwappen, bestehend aus zwei nach innen geneigten, an den Kreuzesstamm gelehnten Wappenschilden. Auf dem über den Rücken herabhängenden Stechhelm Siegfrieds eine Abwandlung des Wappens zu seinen Knien. Die Inschrift C auf einem abgeschrägten Schriftband an drei Seiten um die Deckplatte umlaufend, erhaben in vertieftem Feld. In den vier Ecken auf Tondi Ahnenwappen im gelehnten Schild.

Maße: H.: 206 cm; B.: 118 cm (Deckplatte). H.: 56 cm; B.: 90 cm; T.: 177 cm (Tumbakasten, ohne Sockel und Deckel); Bu.: 2,5 cm (A), 3 cm (B), 8,5 cm (C).

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

DI 83, Nr. 14 - Kemnade, Klosterkirche St. Marien - 1390-1410

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Meike Willing) [1/7]

  1. A

    richart losa)

  2. B

    i(esus) · n(azarenus) · r(ex) i(udaeorum)2)

  3. C

    anno d(omi)ni m° ccc° lxxx° obiit siffridus nobilis / d(omi)n(u)s de ho(m)borchb) p(ri)ori / die vndeci(m) miliu(m)c) virginu(m)3) requiescat in pace ame(n)

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1380 starb der Edelherr Siegfried von Homburg am Tag vor dem Fest der elftausend Jungfrauen. Er ruhe in Frieden. Amen. (C)

Wappen:
Querfurt/Homburg4)Honstein/Braunschweig-Lüneburg6)
Homburg/Querfurt 5)

Kommentar

   
(Tondi)
Anhalt7) Everstein8)
Everstein8) Anhalt7)

Die stark konturierte, klassisch ausgeformte gotische Minuskel der Inschriften B und C deutet auf eine Entstehung um oder nach 1400 hin. Auch stilgeschichtlich nimmt Karrenbrock eine Entstehung des Grabmals zu Beginn des 15. Jahrhunderts, in der Zeit des beginnenden weichen Stils, an. Der gotisierende Ausbau des nördlichen Querschiffs zur Grabkapelle, der von Altarstiftungen der Söhne Siegfrieds in den Jahren 1384 und 1409 begleitet wurde und der der Aufstellung des Grabmals vorausgegangen sein muß, wird baugeschichtlich ebenfalls um 1400 angesetzt.9) Diese zeitliche Einordnung wird stilgeschichtlich bekräftigt durch zwei zur Ausstattung der Kapelle zählende, als Stifterabbildungen ausgestaltete Konsolköpfe, die vermutlich ebenfalls den Verstorbenen und seine Frau darstellen, sowie durch die von ihnen getragene Madonnenfigur; vgl. Nr. 15. Die Datierung geht von diesen Beobachtungen aus und setzt als Endpunkt den Tod des letzten Homburgers Heinrich im Jahr 1409, der einen Abschluß der Arbeiten zu seinen Lebzeiten (oder sehr bald danach) angestrebt haben dürfte, wie er auch politisch sein Erbe in den letzten Lebensjahren zu regeln versuchte.10)

Der Bildhauer wird kunsthistorisch der niederländischen Schule zugeordnet.11) In Inschrift A hat sich der mutmaßliche Meister richart selbst genannt. Seine enge, von ihm herausgestellte Verbindung zum heiligen Meinrad, dessen Verehrung vor allem für den Umkreis des Klosters Einsiedeln und im Bodenseeraum nachgewiesen ist,12) könnte auf eine Herkunft aus diesem Raum hindeuten.

Die Wappen in den Tondi verweisen auf die Eltern Siegfrieds von Homburg (erwähnt 1309–1380): Heinrich von Homburg und Agnes, Tochter des Burggrafen Gebhard (III.) von Querfurt-Mansfeld, der mit Irmgard von Anhalt verheiratet war.13) Die Großmutter väterlicherseits war Agnes von Everstein.14) Die üblichen Positionen der beiden großmütterlichen Ahnenwappen sind damit vertauscht.15) Das Allianzwappen zu Füßen des Paares zeigt, daß neben Siegfried vermutlich seine zweite Ehefrau, eine Tochter des Grafen Heinrich V. von Honstein (Hohenstein) und dessen Frau Mechtild von Braunschweig-Göttingen, dargestellt wurde.16)

Textkritischer Apparat

  1. los] sos Kdm. Bodenwerder/Pegestorf, erwägen aber auch die Lesung los.
  2. ho(m)borch] Der gerade Abschluß des Bogens an beiden h deutet eine spätere Nachbearbeitung an.
  3. vndeci(m) miliu(m)] Das untere Drittel der Buchstaben ci miliu ergänzt.

Anmerkungen

  1. Oeler, Kemnade, S. 23. Vgl. die 1854 angefertigte Rißzeichnung: StAW 11 Alt Kemn., Nr. 24, Bl. 4. Eine Beschreibung aus der Mitte des 17. Jahrhunderts: StAW 2 Alt, Nr. 2781, Bl. 3.
  2. Io. 19,19.
  3. 20. Oktober.
  4. Wappen Querfurt/Homburg (gespalten, 1. fünfmal geteilt, 2. gekrönter Löwe auf mit Herzen besätem Feld in gestückter Einfassung). Ahnenwappen Siegfrieds von Homburg; gewendet, da zusammen mit dem Gegenüber Allianzwappen des Ehepaares. Zu Querfurt vgl. Siebmacher/Hefner, Wappenbuch, Bd. 1, Abt. 1,4, S. 48f. u. Tafel 38. Meyer, Grabmal, S. 23 u. Anm. d. Red., ebd., S. 27. Zu Homburg vgl. Siebmacher/Hefner, Wappenbuch, Bd. 1, Abt. 1, S. 27f. u. Tafel 48. Als gekrönter Löwe auch auf den etwas früheren Wappen (2. H. 14. Jh.) im mittleren Chorjoch von Amelungsborn; vgl. Kdm. Kr. Holzminden, S. 128.
  5. Wappen Homburg/Querfurt, abgewandelt (zwischen zwei nach unten an der Spitze zusammenlaufenden, siebenmal geteilten Hornflügeln sitzt in einer Krone ein Löwe). Figur gestürzt, da auf herabhängendem Helm. Als Helmzier von Homburg sonst zwei geschlossene, gestückte Hörner; vgl. Siebmacher/Hefner, Wappenbuch, Bd. 1, Abt. 1, S. 28 u. Tafel 48.
  6. Wappen Honstein/Braunschweig-Lüneburg (gespalten, 1. zwölffach geschacht, 2. zwei schreitende Löwen (Leoparden). Zu Honstein (doch geschachtet, gegen Kdm. Bodenwerder/Pegestorf, S. 58) vgl. Siebmacher/Hefner, Wappenbuch, Bd. 1, Abt. 1,4, S. 46f. u. Tafeln 36 u. 37. Zu Braunschweig vgl. Veddeler, Landessymbole, S. 81–83.
  7. Wappen Anhalt (gespalten, 1. achtmal (Lit.: siebenmal) geteilt, 2. linkshalber Adler), gewendet. Die Zahl der Teilungen variiert im 14. Jahrhundert. Vgl. Siebmacher/Hefner, Wappenbuch, Bd. 1, Abt. 1,3, S. 20f. u. Tafeln 29 u. 30. Meyer, Grabmal, S. 23.
  8. Wappen Everstein (gekrönter Löwe auf mit Herzen besätem Schild). Die Herzen finden sich sonst nicht im Eversteinschen Wappen. Vgl. Siebmacher/Hefner, Wappenbuch, Bd. 1, Abt. 1,3, S. 73 u. Tafel 89. Ebenfalls im mittleren Chorjoch von Amelungsborn; vgl. Kdm. Kr. Holzminden, S. 128.
  9. Vgl. Kdm. Kr. Holzminden, S. 373 u. 383. Karrenbrock, Steinskulptur, S. 167. Eine Errichtung der Tumba erst nach 1409 ist nicht anzunehmen, da das dafür in Anspruch genommene angebliche Todesdatum der Ehefrau 1409 – tatsächlich der Tod von Siegfrieds Sohn Heinrich und damit das Aussterben der Homburger – auf einem Mißverständnis von Karrenbrock beruht. Zu den Altarstiftungen vgl. Römer, Kemnade, S. 304 u. 322. Reitemeyer, Kulturgeschichtsbild, S. 49.
  10. Vgl. Schubert, Geschichte Niedersachsens, S. 790f.
  11. Vgl. Karrenbrock, Steinskulptur, S. 167f.
  12. Vgl. LCI Bd. 7, S. 626f.
  13. Vgl. Europäische Stammtafeln, N.F. VIII, Tafel 129; N.F. XIX, Tafel 84.
  14. Vgl. Europäische Stammtafeln, N.F. VIII, Tafel 129; N.F. XVII, Tafel 82.
  15. Vgl. zu dieser Möglichkeit den Kommentar zu Meyer, Grabmal, S. 27.
  16. Vgl. Europäische Stammtafeln, N.F. XVII, Tafel 91. Zur Identifizierung der Verwandtschaftsverhältnisse und damit der Wappen vgl. Jacobs, Verwandten, bes. S. 352, Anm. 18, u. S. 356f. mit Anm. 43. Jacobs bestätigt die von Meyer zitierten Überlegungen von Arnold Berg: vgl. Meyer, Grabmal, S. 24f. u. die Anm. d. Red., ebd., S. 27f. Gegen die Bedenken Meyers, ebd., S. 25f., und der Kdm. Bodenwerder/Pegestorf, S. 58. Die sich zum Teil auf Meyer stützenden Annahmen von Dobbertin, wonach Siegfried in einer dritten Ehe mit der angeblich neben ihm abgebildeten Mechthild von Braunschweig (der Mutter seiner zweiten Frau!) verheiratet gewesen sei und die zu ihren Knien angebrachten Wappen sie jeweils als Witwer bzw. Witwe charakterisierten, entbehrt, wie auch die Annahme, daß das Grabmal erst von der Witwe des letzten Homburgers, Schonette von Nassau (gest. 1436), um 1415 in Auftrag gegeben worden sei, jeder Grundlage; vgl. Dobbertin, Leopardenwappen, S. 163–168.

Nachweise

  1. Kdm. Kr. Holzminden, S. 390–392, mit Tafel X nach S. 264.
  2. Kdm. Bodenwerder/Pegestorf, S. 57f. mit Tafel 110 u. 111.
  3. Reitemeyer, Kulturgeschichtsbild, S. 48 (nur C teilweise).
  4. André, Klosterkirche Kemnade, S. 9 (nur Abb.).
  5. Oeler, Kemnade, S. 23f. (nur C) u. Abb. S. 15.

Zitierhinweis:
DI 83, Landkreis Holzminden, Nr. 14 (Jörg H. Lampe und Meike Willing), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di083g015k0001408.