Inschriftenkatalog: Landkreis Holzminden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 83: Landkreis Holzminden (2012)

Nr. 12 Deensen, Gutspark 1403

Beschreibung

Kreuzstein. Sog. Ibermannstein. Roter Sandstein. Rechteckige Steinplatte, in der oberen Hälfte ein durchbrochenes, nasenbesetze Radkreuz. Der Stein, der heute im Park des Gutes in Deensen aufgestellt ist, stand zuvor 200 Meter nördlich der Eisenbahnstation Deensen/Arholzen.1) Letzner zufolge befand er sich im späten 16. Jahrhundert in der Nähe einer Richtstätte.2) Auf der Vorderseite läuft die mehrmals, zuletzt um 1990 erneuerte, eingehauene Inschrift A in einem geritzten Kreis um das ebenfalls restaurierte nasenbesetzte Kreuz. Die als ergänzt gekennzeichneten Stellen fehlten bereits um 1900.3) Im unteren Bereich ein Topfhelm zwischen „zwei sackartigen Taschen oder Schilden“,4) deren Griffe oder Haltebänder in den Inschriftenkreis hineinreichen. Darunter ein eingehauenes Wappen im gelehnten Schild, rechts und links von diesem die eingehauene Jahreszahl B. Die Rückseite des Steines ist schlicht.

Maße: H.: 183 cm (über der Erde); B.: 93 cm; Bu.: 4 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

DI 83, Nr. 12 - Deensen, Gutspark - 1403

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Meike Willing) [1/2]

  1. A

    ⟨HIC⟩a) FVITb) ⟨OCCISVS NIC⟩OLA(VS)c) // NAV//B⟨E⟩RAd) ARMIG⟨ER⟩e) · R(EQVIESCAT) · IN · PA⟨CE⟩f)

  2. B

    ⟨14 // 03⟩g)

Übersetzung:

Hier ist der Edelknecht Nikolaus Naubera getötet worden. Er ruhe in Frieden.

Wappen:
Iber?5)

Kommentar

Nach dem Photo des NLD in Hannover fallen an der Schrift von Inschrift A die ausgeprägten Sporen an den erhaltenen Buchstaben auf; L ist mit Balkensporn gestaltet. Das A erscheint, dem Prinzip der Abwechslung in der gotischen Majuskel entsprechend, in drei Gestalten: als flachgedecktes A mit Deckbalken in NICOLA(VS) und PACE, als rundes A mit gebogenen Schäften (NAVBERA) sowie als abgewandelte Form eines pseudounzialen A in ARMIGER, das spiegelbildlich zu dem folgenden R gestaltet ist. Die übrigen Buchstaben sind von Rundformen bestimmt: ein symmetrisches unziales M, ein leicht eingerolltes G sowie rundes N in IN und wohl auch in NAVBERA. Der Schaft des B und des R in NAVBERA ist durchgebogen.

Der Stein hat mindestens drei Restaurierungen mit zum Teil erheblichen Ergänzungen erfahren. Die arabischen Ziffern sind gewiß nicht ursprünglich.6) Letzner zufolge ist die Jahreszahl, so darbey gestanden, bereits Ende des 16. Jahrhunderts abgeschlagen gewesen; die Mordtat solle aber, wie alte Leute berichten, 1403 geschehen sein.7) Die heutige Jahreszahl B dürfte erst aufgrund dieser Angabe (schon um 1600?) angebracht worden sein. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts waren durch Ausbrechungen bereits erhebliche Lücken in der Inschrift entstanden, die Steinacker in seinem „Kunstdenkmäler“-Band sinngemäß ergänzt hat. Diese Ergänzungen wurden vor 1933 in die ausgebrochenen Stellen nachgehauen, wie die Zeichnung bei Eggeling zeigt; auch der untere Teil des Wappens wurde nachgearbeitet.8) Es ist dies der Zustand, der noch dem Kreuzsteine-Inventar in den 1980er Jahren fast vollständig vorlag. In den um 1990 ausgefüllten Fehlstellen wurde die Inschrift zum Teil nach Steinacker, zum Teil aber auch nach Letzner (NAVBERA) in weitgehend kapitalen Formen erneut ergänzt.9)

Letzner erzählt zu dem Stein, daß drei Bedienstete eines Grafen Otto oder Hermann von Everstein,10) die in Stadtoldendorf gezecht hätten, auf dem Heimweg in einen Streit geraten seien, bei dem der adelige Schildknecht Niclas Neuber und der Koch Hans Iberman von dem Dritten getötet wurden, der anschließend floh. Diese Geschichte sollte möglicherweise seine Lesung Neuber mit der mündlichen Tradition in Übereinstimmung bringen, in der der Stein bereits bei Grenzbegehungen von 1484 und 1556 als Ibermans Creutz, bezeichnet wurde.11) Letzner, der seit 1589 Pastor in Iber (zwischen Moringen und Einbeck) war, bezeichnet an anderer Stelle allerdings die Junker von Iber als Ibermänner.12) Nikolaus kommt im 13. Jahrhundert auch als Name in der Familie vor.13) Nicht ganz auszuschließen ist daher, daß schon bei der ersten, auf den Angaben von Letzner beruhenden Überarbeitung, bei der die Jahreszahl 1403 und vermutlich auch das Wappen ergänzt wurde, aus einem älteren DE YBERE NAVBERA geworden ist. Dann wäre doch ein „Nikolaus von Iber“ das Opfer.

Textkritischer Apparat

  1. ⟨HIC⟩] Ausgebrochen auf dem Photo des NLD; Ergänzung bereits in den Kdm.
  2. FVIT] Ursprünglich F mit langem Abschlußstrich; die letzte Restaurierung hat eher ein H hergestellt. Der Balken des F ist bereits auf dem Photo des NLD nicht mehr zu erkennen, aber der Abschlußstrich. FVIT fehlt bei Letzner; danach Ziegenmeyer.
  3. ⟨OCCISVS NIC⟩OLA(VS)] Heute erneuert als NICOLAV. Auf dem Photo des NLD ist die ergänzte Stelle ausgebrochen; nach A ist deutlich ein us-Kürzel zu erkennen, das nach oben über die Zeile hinausragt. Nach der Ergänzung [occisus Nic]ola in den Kdm. zunächst in die ausgebrochenen Stelle gehauen; vgl. die Abb. in Kreuzsteine und Steinkreuze.
  4. NAVB⟨E⟩RA] Neuber Letzner; de Ub[e]re Kdm. Danach Rauls, Ruhlender sowie Kreuzsteine und Steinkreuze. Nach dem Photo des NLD am Anfang offenbar ein rundes N mit Abschlußstrich; der Bogen fehlt weitgehend. Dieses ließ sich leicht als D lesen; die beiden A sind aber auf dem Photo des NLD als runde A mit gebogenen Schäften zu erkennen. Die Lesung De Ubere erscheint demnach nicht plausibel.
  5. ARMIG⟨ER⟩] Auf dem Photo des NLD bis G noch zu erkennen; ER später bereits in die Lücke nachgearbeitet; vgl. die Abb. in Kreuzsteine und Steinkreuze.
  6. PA⟨CE⟩] Vom ursprünglichen flachgedeckten A ist auf dem Photo des NLD nur der nach links überstehende Teil des Deckbalkens und der Ansatz des linken Schaftes zu erkennen. Die Ergänzung bereits in den Kdm., später in die Lücke eingehauen; vgl. Kreuzsteine und Steinkreuze (Photo).
  7. 1403⟩] Entspricht in der Form der Ziffern dem Druckbild bei Letzner.

Anmerkungen

  1. Nach Kreuzsteine und Steinkreuze, S. 201; dort auch Photo des Zustandes vor der Ergänzung. Vgl. auch die nicht ganz korrekte Zeichnung in Eggeling, Chronik, S. 41.
  2. Letzner, Dasselische Chronica, 4. Buch, fol. 190r.
  3. Vgl. NLD Hannover, Mappe Arholzen, Photo Nr. 12546.
  4. Kdm. Kr. Holzminden, S. 152.
  5. Wappen Iber? (je drei Wolken über und unter einem Balken); Steinacker zufolge belegt für Ludolfus de Iber im Jahr 1319; Kdm. Kr. Holzminden, S. 152. Letzner zufolge zeigt das Wappen zwei Sturmhüte über einem Balken, unter dem Balken ein verkehrter Sturmhut; Letzner, Dasselische Chronica, 4. Buch, fol. 168. Ebenso bei Siebmacher/Weigel, Wappenbuch, Bd. 2 (1734), Tafel 123.
  6. So bereits Kreuzsteine und Steinkreuze, S. 201. Vgl. auch Rauls, v. Elze/v. Campe, S. 24; ders., Stadtoldendorf, S. 39.
  7. Letzner, Dasselische Chronica, 4. Buch, fol. 190r.
  8. Vgl. Eggeling, Sühnesteine, S. 140; ders., Chronik, S. 41.
  9. Die letzte Überarbeitung war im Dezember 1990 bereits erfolgt: vgl. www.suehnekreuz.de, Pfad: Niedersachsen, Holzminden, Deensen (eingesehen zuletzt am 14.32012).
  10. Otto und Hermann sind seit dem 2. Drittel des 14. Jahrhunderts die Namen aller herrschenden Grafen von Everstein; sie ergeben allenfalls einen Terminus ante quem, da der letzte Graf Hermann 1408 auf die Herrschaft verzichtete.
  11. Zu 1484 vgl. Letzner, Dasselische Chronica, 4. Buch, fol. 190r. Die Grenzbeschreibung von 1556 (in einer Abschrift von 1700): StAW 4 Alt 3 Amelb., Nr. 5322 (unpaginiert, im Anschluß an die Nr. 8 der Marginalien von 1693). Auf Letzner beruht Eggeling, Chronik, S. 41f.
  12. Letzner, Dasselische Chronica, 4. Buch, fol. 166v: Von den Ibermännern. 1426 ist Kunne, Cord Ybermanns Tochter, Nonne in Wiebrechtshausen; Feise, Urkundenauszüge Einbeck, Nr. 755.
  13. 1253 ist Nikolaus von Ybere Zeuge in Einbeck; Feise, Urkundenauszüge Einbeck, Nr. 35; vgl. ebd., Nr. 48 u. 49; UB Plesse, Nr. 235.

Nachweise

  1. Kdm. Kr. Holzminden, S. 152f., mit Abb. 92 (S. 151).
  2. NLD Hannover, Mappe Arholzen, Photo Nr. 12546 (um 1900).
  3. Letzner, Dasselische Chronica, 4. Buch, fol. 190r.
  4. Ziegenmeyer, Grenz- und Denksteine, S. 77.
  5. Eggeling, Sühnesteine, S. 140 (mit Zeichnung).
  6. Eggeling, Chronik, S. 41f.
  7. Ruhlender, Denksteine3, S. 165 (mit Abb.); ders., Denksteine4, S. 220 (mit Abb.).
  8. Kreuzsteine und Steinkreuze, S. 200f. (Nr. 43211).

Zitierhinweis:
DI 83, Landkreis Holzminden, Nr. 12 (Jörg H. Lampe und Meike Willing), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di083g015k0001204.