Inschriftenkatalog: Landkreis Holzminden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 83: Landkreis Holzminden (2012)

Nr. 11 Stadtoldendorf, Städtisches Museum 2. H. 14. Jh.

Beschreibung

Kreuzstein. Sog. Valepage-Stein. Roter Sandstein. 1929 auf dem Gelände des Gutes Giesenberg gefunden, wo er als Brücke verwendet worden war. Auf der Vorderseite im Flachrelief eine Kreuzigungsgruppe, darunter eine liegende Figur in langem Gewand, die mit erhobenen Händen den Kreuzstamm umfaßt. Der Kopf ist verloren. Am Kreuz der Titulus A. Auf einem erhöhten Schriftband die an der oberen, fast ganz zerstörten Schmalseite beginnende Inschrift B, die an den beiden Längsseiten fortgesetzt wird. Rechts neben dem Kreuzesstamm eine Marke (M1). Auf der stark verwitterten Rückseite im oberen Drittel ein nasenbesetztes Kreuz, darunter die Darstellung des Überfalls. In den Winkeln des Kreuzkopfes Vierpässe. Auf der Nase des Kreuzkopfes ein kleines Sporenkreuz. Das Opfer, das sich mit der rechten Hand an den Oberkörper greift, trägt einen Hut und, wie der Täter, ein bis an die Knie reichendes Gewand und Spitzschuhe. Der Räuber1) hält die linke Hand des Opfers fest und sticht mit einem Dolch in dessen Hals. Hinter dem Täter ein Rad mit acht Speichen. Unter dem Kopf des Ermordeten ein (mit dessen Kopf durch ein Band verbundener?) schmaler Dreiecksschild, von dem eine senkrechte Linie auf die darunter angebrachte Inschrift C zuläuft. Alle Inschriften sind eingehauen.

Maße: H.: 162 cm; B.: 105 cm; Bu.: 4 cm (A), 6,5–7,5 cm (B), 5,5 cm (C).

Schriftart(en): Gotische Majuskel (A, B), gotische Minuskel mit Versal (C).

DI 83, Nr. 11 - Stadtoldendorf, Städtisches Museum - 2. H. 14. Jh.

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Meike Willing) [1/2]

  1. A

    I(ESVS) N(AZARENVS) R(EX) I(VDAEORVM)a)2)

  2. B

    + A(NN)[O] D[OMINI] [– – –] / LUDEKUSb) [UAL]EPAGHE EST OCCIS(US) / INOCENTER ∙ A LATRONIB(US) CUJ(US) A(NIMA) R(EQUIESCAT)

  3. C

    Ludekec) ∙ / valepaghe

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn ... wurde Ludeke Valepage unschuldig von Räubern getötet. Seine Seele ruhe (in Frieden).

Wappen:
Valepage?3)

Kommentar

Die gotische Majuskel ist in einer hohen, schmalen Form ausgeführt, die eine ausgeprägte Tendenz zur Benutzung der runden Varianten eines Buchstabens erkennen läßt; lediglich A ist flachgedeckt. Bei der gotischen Minuskel ragen die Oberlängen kaum über das Mittelband hinaus; die Schäfte des k in Ludeke sind auf zwei, vom Schaft getrennte Quadrangel reduziert.

Bei dem Getöteten dürfte es sich um einen Angehörigen der im späten 14. und 15. Jahrhundert als ritterbürtig anerkannten Familie Valepage aus dem Hochstift Paderborn handeln.4) Die Frauenfigur auf der Vorderseite, deren Kopf abgeschlagen oder abgeplatzt ist, ist wahrscheinlich die Stifterin des Steines,5) möglicherweise die Mutter oder eine sonstige weibliche Verwandte des Ermordeten. Die Valepage sind seit dem 14. Jahrhundert im Hochstift Paderborn ansässig. Heinrich von Wichmodeberg, genannt Valepage (im Jahr 1400: Henricus dictus Valepaghe), besitzt seit spätestens 1389 den „Lakehof“ bei Delbrück als Lehen. In seinem Siegel führt er als Wappen allerdings sechs Rosen (3:2:1). 1405 ist er tot; seine Witwe Christine oder Stine verwaltet den Besitz zunächst selbst, der 1423/25 an seinen Neffen Johann fällt. Der Name Ludeke (oder Ludere) ist in der Familie im 14. oder 15. Jahrhundert nicht belegt. Der Versuch von Hans-Jürgen Rade, den Kreuzstein für einen hypothetischen Sohn „Ludolf“ der mit Johann Valepage verheirateten Lyse von Heerse in Anspruch zu nehmen, in deren Familie „Ludolf“ als Leitname erscheint, scheitert am Befund und würde den Stein mindestens in das späte erste Viertel des 15. Jahrhunderts rücken, was angesichts der gotischen Majuskel auf der Vorderseite wenig wahrscheinlich ist. In Erwägung ziehen könnte man zur Erklärung des Namens auch ein Patenverhältnis zur Familie des Domkanonikers Heinrich Westphal, mit dem und dessen Sohn Ludeke die Valepage 1434 und 1440 Geldgeschäfte machten.6)

Wenn es sich bei dem Getöteten um einen Ritterbürtigen handelt, kann das Rad kein Berufszeichen, etwa für einen Wagner, sein;7) es wird daher doch ein Verweis auf die Hinrichtung des Räubers durch Rädern sein.8) In der Marke hat Eggeling eine Hausmarke (ein V und ein seitenverkehrtes L) gesehen.9) Da hier aber ein Wappen angebracht wurde, ist eine Hausmarke nicht erforderlich. Wahrscheinlicher ist daher die Interpretation als ein Steinmetzzeichen.

Textkritischer Apparat

  1. INRI] Der Schriftbefund läßt auch die Lesung IRNI zu.
  2. LUDEKUS] Lesung unsicher; K mit hoch angesetztem unteren Schrägbalken; die obere Hälfte fehlt, kein Rest eines Bogens erkennbar. LUDERUS Kreuzsteine und Steinkreuze; Luderus Eggeling, Sühnesteine; ders., Chronik.
  3. Ludeke] Lesung unsicher; Schäfte des k auf zwei, vom Schaft gelöste Quadrangel reduziert. Ludere Kreuzsteine und Steinkreuze; Luder Eggeling, Sühnesteine. Die beiden Quadrangel versteht Eggeling als Trennungszeichen und interpretiert das folgende e als Kürzel für „eques“ (Ritter), was aber nicht dem Sprachgebrauch des Spätmittelalters entspräche.

Anmerkungen

  1. Eggeling sieht hier noch einen zweiten Räuber am Werk; Eggeling, Sühnesteine, S. 136.
  2. Io. 19,19.
  3. Wappen Valepage? (gespalten und dreifach geteilt).
  4. So bereits Eggeling, Valepaghestein, S. 155f.; ders., Chronik, S. 43. Danach Rauls, Stadtoldendorf, S. 40.
  5. So auch Eggeling, Sühnesteine, S. 134f., der auch Maria Magdalena erwägt.
  6. Rade, Valepage, S. 343–361; zum Valepagestein bes. S. 358, zu beiden Westphals S. 357. Eine Abbildung des Siegels ebd., S. 355. Zum Wappen vgl. auch Spießen, Wappenbuch, S. 50 u. Tafel 119.
  7. So Kreuzsteine und Steinkreuze, S. 203.
  8. Eggeling, Sühnesteine, S. 136; ders., Chronik, S. 43. Eine Verbindung der Figur des Räubers mit dem Rad durch ein „Band“, das Eggeling sieht, ist unsicher. Eggeling folgen Rauls, Stadtoldendorf, S. 40 und Görlich, Kreuzsteine, S. 17 u. 28.
  9. Eggeling, Sühnesteine, S. 136.

Nachweise

  1. Kreuzsteine und Steinkreuze, S. 203 (Nr. 4123.4, mit Abb.).
  2. Eggeling, Sühnesteine, S. 134–136 (mit Abb. der Vorderseite und Zeichnung der Rückseite) – Eggeling, Chronik, S. 42f. u. 70f. (Zeichnungen).
  3. Ruhlender, Denksteine3, S. 167f.

Zitierhinweis:
DI 83, Landkreis Holzminden, Nr. 11 (Jörg H. Lampe und Meike Willing), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di083g015k0001107.