Inschriftenkatalog: Landkreis Holzminden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 83: Landkreis Holzminden (2012)

Nr. 9 Amelungsborn, Klosterkirche 2. H. 14. Jh.

Beschreibung

Sog. Levitenstuhl. Roter Sandstein. Der dreisitzige Levitenstuhl ist an der südlichen Seite des erhöhten Chormittelschiffes aufgestellt. Die Vorderseite ist durch vier Wangen in drei Bereiche untergliedert, die die Sitze aufnehmen. Auf der Rückseite ist das Gestühl durch die als Strebepfeiler leicht hervortretenden Wangen in drei Felder geteilt, die mit flach gehauenen Ritzzeichnungen gefüllt sind, die links und rechts gut zwei Drittel der Höhe, in der Mitte mehr als vier Fünftel einnehmen. Im Mittelfeld ein Maßwerkgiebel über einer Rosette, flankiert von zwei Fialen. Zwischen Wimperg und Fialen links ein bärtiger Judenkopf als Zeichen für die Synagoge, rechts ein gekrönter Frauenkopf als Zeichen für die Ecclesia. Im linken Feld unter einem Maßwerkgiebel die Darstellung des Jakobus mit Pilgermuschel, im spiegelbildlich gestalteten rechten Feld unter dem Maßwerkgiebel ein bärtiger Christuskopf mit Kreuznimbus, darunter zwei bärtige Figuren, die offenbar zwei Apostel darstellen, die mit den Schwurfingern der Rechten auf Christus weisen. Die Figur links (mit Nimbus), vermutlich der heilige Stephanus, hält in der Linken ein Spruchband mit der eingehauenen Inschrift; der seitenverkehrt angesetzte Daumen verweist auf die Gestalt rechts (Paulus?), die in der Linken ein Buch hält.

Maße: H.: 259 cm; B.: 292 cm; Bu.: 3–4 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versal.

DI 83, Nr. 9 - Amelungsborn, Klosterkirche - 2. H. 14. Jh.

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Meike Willing) [1/2]

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Übersetzung:

Ich sehe den Herrn im Himmel.

Kommentar

Die Inschrift zeigt eine frühe gotische Minuskel. Der Balken am e ist zum offenen Schrägstrich reduziert; m, n und u sind mit gebrochenem, c mit geknicktem Bogen gestaltet, die o sind oval bis spitzoval.

Die Grundform der Anlage wurde vom hölzernen Chorgestühl und Levitenstuhl – dem Sitz für den zelebrierenden Priester, Diakon und Subdiakon beim Hochamt – übernommen und durch Elemente der Steinarchitektur bereichert. Eine stilistische Verwandtschaft mit den Kapitellreliefs der Chorpfeiler läßt sich feststellen, was auf eine Datierung um 1360/70 führen würde; die Fertigstellung des Chors in den 1360er Jahren ist jedenfalls das frühestmögliche Entstehungsdatum.2) Die Reliefs der Rückseite gehören Konrad Maier zufolge möglicherweise erst in das frühe 15. Jahrhundert.3) Der schriftgeschichtliche Befund spricht zumindest nicht gegen eine Datierung in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts.

Die Inschrift paraphrasiert die Vision Christi und Gottes durch den heiligen Stephanus, die in der Apostelgeschichte (7,55) geschildert wird. Heutger sieht in der Figur rechts Paulus; er verweist zur Erklärung auf eine ähnliche Erfahrung des Apostels (2. Ko. 12,2). Die Darstellung soll nach Heutgers Ansicht die biblische Begründbarkeit visionärer Erlebnisse zeigen, die von den Zisterziensern hoch geschätzt worden seien.4) Das Attribut des Buches widerspricht der Identifikation nicht, aber wieso sollte der heilige Paulus im Gegensatz zu seinem Gegenüber ohne Nimbus dargestellt sein?

Anmerkungen

  1. Nach Act. 7,55: ... intendens in caelum vidit gloriam Dei et Iesum stantem a dextris Dei et ait ecce video caelos apertos et Filium hominis.
  2. Maier, Klosterkirche Amelungsborn, S. 48–50. Göhmann, 850 Jahre, S. 85.
  3. Maier, Klosterkirche Amelungsborn, S. 54f.
  4. Heutger, Kloster Amelungsborn, S. 88f.

Nachweise

  1. Kdm. Kr. Holzminden, S. 133–135 u. Abb. 80–81.
  2. Kat. Die Weser, S. 247, Abb. 1 u. S. 254, Abb. 4.
  3. Heutger, Kloster Amelungsborn, S. 88.

Zitierhinweis:
DI 83, Landkreis Holzminden, Nr. 9 (Jörg H. Lampe und Meike Willing), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di083g015k0000904.