Inschriftenkatalog: Landkreis Holzminden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

  • Erste Katalognummer
  • Letzte KatalognummerInschrift
  • Zu Datensatz springen
  • Gesamtübersicht

DI 83: Landkreis Holzminden (2012)

Nr. 1 Kirchbrak, St. Michaelis 1. V. 13. Jh.

Beschreibung

Wandmalerei im Chor. Die um 1900 und erneut 1959 wiederentdeckten Wandmalereien wurden bis 1966 freigelegt und restauriert.1) An der Südseite des Chors die Frauen am Grab, in der Apsis Reste einer Darstellung der Himmelfahrt Christi, an der Nordseite eine Kreuzabnahme mit Inschriften: Joseph von Arimathia hält den Leichnam Christi. Links daneben Maria, die den rechten Arm ihres Sohnes umfaßt. Über den Kreuzbalken in Medaillons Sonne und Mond. Rechts unter dem Kreuz kniend mit einer Zange ein Helfer, vermutlich der nach Jh. 19,38f. dazugehörige Nikodemus. Oberhalb von diesem ein dritter Helfer auf einer Leiter, Hammer und Zange in den Händen haltend. Auf der rechten Seite war offenbar noch eine weitere Person (Johannes?) dargestellt, von der nur noch die Fußspitze zu erkennen ist.2) Inschrift A über dem Kopf des Joseph von Arimathia, B rechts neben dem Nimbus Christi, C über dem Kopf der Maria. Die Inschriften A–C sind ohne Rahmen auf den Putz gemalt, Inschrift D in einem Schriftband, das rechts neben dem Kopf des auf der Leiter stehenden Helfers beginnt, aber vermutlich von der rechts außen stehenden Person gehalten wurde.3)

Maße: Bu: 1,8 cm (A), 3 cm (B), 2,5 cm (C), 2,8 cm (D).

Schriftart(en): Griechische Majuskel (B), romanische Majuskel (A, C, D).

DI 83, Nr. 1 - Kirchbrak, St. Michaelis - 1. V. 13. Jh.

 Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Meike Willing) [1/3]

  1. A

    I[OSEP]a)

  2. B

    IHCb)

  3. C

    SA(N)C(TA)c) MARIA

  4. D

    S[A](NCTUS)d) [– – –]

Kommentar

Die Schäfte und Bögen der Buchstaben sowie der Kürzungsstrich weisen serifenartige Sporen auf. Erkennbar ist der Wechsel von Haar- und Schattenstrichen: Der Mittelteil des M, der gebrochene Mittelbalken des flachgedeckten A sowie der Mittelbalken des H sind als Haarstriche ausgeführt; der Bogen des C ist wie der Mittelteil des S in Inschrift D verstärkt, die Bogenenden von S und C zeigen deutliche Sporen. Die Schrägschäfte des A in SA(N)C(TA) sind leicht durchgebogen, der Deckbalken ist hier etwas ausgeprägter.

Nach stilkritischen Gesichtspunkten werden die Wandmalereien auf den Anfang des 13. Jahrhunderts datiert. Gestützt wird diese Datierung durch die Baugeschichte: Da die um die Mitte des 13. Jahrhunderts eingezogenen Kreuzgratgewölbe teilweise die Darstellung der Himmelfahrt Christi überdecken, müssen die Wandmalereien aus einer früheren Zeit stammen.4) Schriftgeschichtliche Überlegungen können nicht zu einer genaueren Bestimmung der Entstehungszeit beitragen, da die wenigen erhaltenen Buchstaben keine datierungsrelevanten Charakteristika erkennen lassen.

Textkritischer Apparat

  1. I[OSEP]] Vom P ist der Schaft und der oben an diesen anschließende Ansatz des Bogens erhalten. Die Inschrift IOSEP auch auf einer um 1230 ebenfalls als Wandmalerei ausgeführten Darstellung der Kreuzabnahme in der Kirche St. Maria in Neuenbeken (bei Paderborn); vgl. Kat. Kunst und Kultur, Bd. 2, S. 713f. u. Bd. 1, Abb. 54.
  2. IHC] Mit Kürzungsstrich über dem rechten Schaft des H. Die griechischen Großbuchstaben Iota, Eta und (byzantinisch-mittelalterliches) bogenförmiges Sigma sind sinngemäß als IES(US) aufzulösen.
  3. SA(N)C(TA)] Kürzungsstrich über dem rechten Schrägschaft des A.
  4. S[A](NCTUS)] S mit Querstrich; das untere Ende des linken Schrägschaftes vom A ist noch zu erkennen.

Anmerkungen

  1. Hölscher, St. Michael, S. 12. Grote/van der Ploeg, Wandmalerei, Katalogband, S. 130. Kdm. Kr. Holzminden, S. 306.
  2. Kat. Kunst und Kultur, Bd. 2, S. 711. Auf einer um 1230 entstandenen Wandmalerei in St. Maria in Neuenbeken ist der auf der Leiter Stehende inschriftlich als Nikodemus bezeichnet; vgl. ebd., S. 713f. Bei der bis auf die Fußspitze zerstörten Figur rechts neben der Leiter könnte es sich um Johannes handeln, da sie im Bild auf derselben Höhe wie Maria steht. Dagegen führt der Kat. Kunst und Kultur an, Johannes fehle häufig auf den Darstellungen der Kreuzabnahme mit rechts stehender Leiter; ebd., S. 711.
  3. Kat. Kunst und Kultur, Bd. 2, S. 711.
  4. Ebd. Verwiesen wird dort auf stilistische Ähnlichkeiten der Kirchbraker Wandmalerei mit den Miniaturen in einem Psalter der Hamburger Staatsbibliothek (Ms. in scrinio 84), der um 1200 entstanden ist. In diesem Codex ist die Kreuzabnahme ebenfalls, wie in Neuenbeken (vgl. Anm. 2), mit einem dritten Helfer neben Joseph von Arimathia und Nikodemus dargestellt. Allgemein zur Kreuzabnahme auch: LCI Bd. 2, 1970, Sp. 590–592.

Nachweise

  1. Kat. Kunst und Kultur, Bd. 2, S. 711 u. Bd. 1, Abb. 53.
  2. Hölscher, St. Michael, S. 11f. (nur Beschreibung).
  3. Grote/van der Ploeg, Wandmalerei, Katalogband, S. 130f. (Abb.).

Zitierhinweis:
DI 83, Landkreis Holzminden, Nr. 1 (Jörg H. Lampe und Meike Willing), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di083g015k0000101.