Inschriftenkatalog: Landkreis Göttingen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 66: Lkr. Göttingen (2006)

Nr. 388 Gieboldehausen 1646, 1650

Beschreibung

Anhänger am Kleinod der Schützenbruderschaft St. Sebastian. Silber. Das Schützenkleinod besteht aus einem Netz von Silberketten, die auf einem Latz befestigt sind. Der Latz bestand früher aus schwarzem Samt und ist heute durch einen roten Kunststoff ersetzt. Die Schilde und Anhänger aus der Zeit von 1646 bis heute hängen in sechs Reihen untereinander an den Ketten. In der Mitte des Latzes ist an den Ketten eine große Medaille, das älteste Stück an der Schützenkette, befestigt. Sie zeigt in der Mitte den Braunschweiger Herzog zu Pferd, der durch die umlaufende leicht plastische Inschrift A bezeichnet ist. Am Beginn der Inschrift ein Engelskopf, die Worttrenner sind als kleine Rosetten ausgeführt. Im Innenfeld um die Reiterfigur herum ist die Inschrift B in Punktschrift eingestichelt. An der oberen Kette links hängt ein Silberschild mit der in Zeilen verlaufenden Inschrift C, rechts ein Schild mit der ebenfalls in Zeilen verlaufenden Inschrift D. An der zweiten Kette von oben ist die Figur eines springenden Hirschen angehängt, unter dessen Körper eine Kette mit einem Kruzifix daran hängt. Das Kreuz ist als Astkreuz gestaltet und trägt den Titulus E. Es ist nicht sicher zu entscheiden, ob es sich bei dem Kruzifix noch um ein Stück aus dem Bearbeitungszeitraum handelt (vgl. Kommentar).

Maße: Dm.: 8,9 cm; Bu.: 0,25 cm (A, B). H.: 3,8 cm; B.: 3,1 cm; Bu.: 0,2 cm (C). H.: 3,8 cm; B.: 2,8 cm; Bu.: 0,2 cm (D). H. (Hirsch mit Kruzifix): 8 cm; B. (Hirsch): 5 cm; Bu.: 0,2 cm (E).

Schriftart(en): Kapitalis (A, B, E), mit Minuskeln (C, D).

DI 66, Nr. 388 - Gieboldehausen - 1646, 1650

 Sabine Wehking [1/3]

  1. A

    FRIDERICUS · ULRICUS · DEI · GRATIA · DUX · BRUNSVICENSIS · ET ·LUNEB(URGENSIS)

  2. B

    DEM : M :a) FLECK(EN) GIBELDHAVS(EN) : DIS : KLEINET : VEREHRT : GEORGE POLEMAN / 1646 Z(UM) : G[E]DECHNIS : b)

  3. C

    1650/ GEWAN · GEOR/G · KOCH · DIS KlE/INOT / VNDt LISEN DIE · H(ERREN) · / SCVtzEN DIESE · / KEttEN · MAC=/HEN ·

  4. D

    COVRDT EYSEN=/HVET · V(ON) · NETE=/R1) · LEVTNANT / VNtER · LANtGR/AF · FRIDERICHE/N / HAt ZV DIESEM KlE/INOT · VER·EHRT · VIER · RICHSTALER / ANNO / 1650

  5. E

    I(ESVS) N(AZARENVS) R(EX) I(VDAEORVM) 2)

Übersetzung:

Friedrich Ulrich, von Gottes Gnaden Herzog zu Braunschweig und Lüneburg. (A)

Kommentar

Die Gieboldehäuser Schützenbruderschaft St. Sebastian ist erstmalig in Türkensteuerlisten aus dem Jahr 1545 nachzuweisen, dürfte aber schon lange vor dieser Zeit existiert haben.3) Es ist daher davon auszugehen, daß es auch eine ältere Schützenkette gab, die möglicherweise in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges abhanden kam. Darauf könnte der Umstand deuten, daß im Jahr 1650 ein neues Schützenkleinod angeschafft wurde. Möglicherweise war die im Auftrag des Amtmanns Polmann mit der Inschrift B versehene Medaille bereits im Hinblick auf das neue Schützenkleinod gestiftet worden. Die Rechnungen der Schützenbruderschaft aus dem Jahr 1650 verzeichnen nicht nur die bei einem Goldschmied in Duderstadt angefertigte silberne Kette, für die der Goldschmied 4 Gulden und 10 Mariengroschen erhielt, sondern auch einen Hirsch als Anhänger für diese Kette.4) Hierbei dürfte es sich um die heute an der Kette hängende Figur handeln. Ob diese von Anfang an mit dem Kruzifix als Anhänger versehen war, läßt sich nicht entscheiden.

Die ältesten Inschriften des Schützenkleinods spiegeln die Verhältnisse am Ende des Dreißigjährigen Krieges. Der Stifter der Medaille, Georg Polmann, wurde im Jahr 1642 von dem schwedischen General Hans Christoph von Königsmarck, der das Eichsfeld besetzt hatte, in Gieboldehausen als Amtmann eingesetzt. Der Mainzer Amtmann war damit vorübergehend seines Amtes enthoben. Die vornehmlichste Aufgabe Polmanns war es, Kriegskontributionen einzutreiben. Daß ausgerechnet dieser bei der Bevölkerung verhaßte Amtmann, der von dem Mainzer Rat Urbanus Polenz als Großmutter des Teufels (=Königsmarck) bezeichnet wurde, das älteste Stück des Kleinods stiftete, ist eine gewisse Ironie der Geschichte. Polmann blieb bis zum Jahr 1649 in Gieboldehausen und erpreßte mit der Drohung, das Amt in Schutt und Asche zu legen, weiterhin Gelder, die auf Anweisungen des Mainzer Kurfürsten gezahlt werden mußten, obwohl das Amt nach der langen Kriegszeit völlig verarmt war.5)

Auch der in der Inschrift D genannte Cordt Eisenhut war kein Einwohner Gieboldehausens, sondern ein durch die Geschehnisse des Dreißigjährigen Krieges vorübergehend nach Gieboldehausen gelangter Soldat. Er diente im Heer des Landgrafen Friedrich von Hessen, der im September 1646 das Eichsfeld von der schwedischen Königin ungeachtet der Ansprüche Königsmarcks als Geschenk zugesagt bekommen hatte. Obwohl die Schenkung mit dem Abschluß des Westfälischen Friedens gegenstandslos wurde, forderte auch der Landgraf von Hessen bis 1649 Kontributionszahlungen. Vermutlich hielt sich Cordt Eisenhut in dieser Angelegenheit in Gieboldehausen auf.6)

Textkritischer Apparat

  1. Es läßt sich nicht sicher entscheiden, ob die Initiale als M(AINZISCHEN) oder als M(ARKT) aufzulösen ist. Vgl. a. Kommentar.
  2. Die meisten E sind epsilonförmig ausgeführt.

Anmerkungen

  1. Gemeint ist vermutlich Netra im Werra-Meißner-Kreis, das heute zur Gemeinde Ringgau gehört.
  2. Io. 19,19.
  3. Vgl. dazu Wehking/Rexhausen, Gieboldehausen, S. 262f.
  4. Gemeindearchiv Gieboldehausen, Rechnung der Schützenbruderschaft St. Sebastian 1650.
  5. Vgl. Wehking, Amt Gieboldehausen, S. 139–142.
  6. Vgl. ebd., S. 140f.

Nachweise

  1. Wehking/Rexhausen, Gieboldehausen, S. 267 mit Abb.

Zitierhinweis:
DI 66, Lkr. Göttingen, Nr. 388 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di066g012k0038800.