Inschriftenkatalog: Landkreis Göttingen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 66: Lkr. Göttingen (2006)

Nr. 318 Hann. Münden, Städtisches Museum 1618

Beschreibung

Pokal der Kaufgilde. Silber. Ohne Marken und Beschauzeichen. Der Pokal erhebt sich auf einem mit drei Frauenköpfen besetzten Fuß, von dem drei kleine gebogene Frauenkörper zur Becherwandung überleiten. Der untere Teil der Becherwandung ist von drei Engelsfiguren im Flachrelief umgeben, die in Ornament mit Fruchtgehängen übergehen. Ein mit drei Engelsköpfen besetzter Profilring trennt die Wandung vom unteren Teil. Die gesamte obere Wandung ist mit Gravuren bedeckt: auf der Vorderseite oben am Rand über dem Wappen der Kaufgilde1) die Jahreszahl A, darunter um den Schild herum angeordnet die zeilenweise verlaufende Inschrift B, die übrige Fläche trägt durch Rankenwerk verbundene Medaillons mit Marken und umlaufenden Beischriften (C). Die u in der Inschrift B sind mit Diakritika versehen. Der Entwurf des heutigen Deckels stammt von dem Bildhauer Gustav Eberlein, der sich nach der endgültigen Auflösung der Kaufgilde 1888 und dem Übergang des Pokals in städtischen Besitz in Berlin persönlich um die Ausführung des Deckels kümmerte.2)

Maße: H.: 41,2 cm; Dm.: 17,3 cm (oben), 16,5 cm (unten); Bu.: 0,5–0,7 cm (A), 0,3 cm (B), 0,4 cm (C).

Schriftart(en): Fraktur.

  1. A

    16 · 18

  2. B

    wer sich will wirckn // in diese zunfft, / muß sein einer // Erlichn ankunfft, / Seiner Eltern, // vndt nicht eigen, / Vndt solchs mitt // Echtt Briefn betzeugen / Alß dan wirtt // er genohmmen an, / Vnd Jhm diess // Ehre angethan, / Das er der // kauffgilde zu Ehrn / Zu drinken sich nicht muss beschwern, / Jhrn wilkom aus bis an den grundt / Vnd dasselb thun in einer stundt, / Auch nimandsen darauß schenckn, / Sönst thudt man Jhn wieder vollsenckn, / Dartzu Jhr gesetz halten fein, / Vndt mitt den Gilbrudern einig sein / Darnach dancken dem liben Gott / Vor seine gabe vnd / wolthatt.

  3. C 1. Reihe:

    H(err) . Christoff : Mengershausen . gilldem(eister) 3) / Alltg(eselle) . S(ein) . Shon // Gregorius · von · Wehende · gilldem(eister) 4) // Georgen · Stülling · gilldem(eister) 5) // · H(err) · Johan · Bock · gildemeister 6)

  4. C 2. Reihe:

    H(err) Christoff · Mattenbergk 7) // · H(err) · Bartoldus · Witzenhausen 8) // · H(err) · Georgen · Hüpeden · 9) // · H(err) · Christoff · Sundtheimb 10) // · H(err) · Heinrich · König 11)

  5. C 3. Reihe:

    · H(err) · Jost Stüllingk 12) // Johan · Hessler 13) // Valentin · Lodewieg · 14) // Christoffer · Mengershausen · Seni(or) 3) // Christoff · Brunß 15) // · H(err) · Frantz · Brebener 16)

  6. C 4. Reihe:

    Ricuß · Brunß · 17) // Hans · Hanneker 18) // Sontagk · Schwertt 19) // Johannes · Mattenbergk · 20) // Johan · von der Rosen 21) // Christoffer · Barlesen · Junior · / CK 22)

  7. C 5. Reihe:

    Georgen · Fundeman · 23) // Herman · Fundeman 24) // Ludolf · Schierholtt / LS 25) // Gerdt Schlagk 26) // EIN GETREVES HERZE IS DER WELT KRON / HEN//RICH / AVE//MA/N 27)// Bartholdus Hölscher 28)

Kommentar

Die Inschrift B nimmt Bezug darauf, daß ein neues Mitglied der Kaufgilde den vermutlich mit Bier gefüllten Pokal innerhalb einer Stunde ohne Hilfe von anderen zu leeren hatte, angesichts eines Fassungsvermögens von einem Stübchen – gut 3 ½ Litern – eine trotz des geringeren Alkoholgehalts des damaligen Biers nicht ganz leicht zu bewältigende Aufgabe.

Die immer wieder zu lesende Behauptung, der Pokal sei im Jahr 1626 von Tillyschen Soldaten als Kriegsbeute verschleppt und später – der Zeitpunkt ist nirgends genannt – unter ansehnlichen Opfern der Mündener wieder eingelöst,29) läßt sich mit den Quellen nicht in Einklang bringen. Das von 1592 bis 1709 lückenlos geführte Protokollbuch der Kaufgilde vermerkt zwar unter dem Jahr 1618 die alten Gildemeister haben den newen silbern Pokall oder Wilkom, so am gewicht 92 loth gehalten, bey gethaner und abgelegter rechnung den newen gildemeistern neben andern sachen gelieffert,30) gibt im folgenden aber keinerlei Hinweis auf den Verlust des Pokals, seine Auslösung oder auf die Anschaffung eines Ersatzstücks. Auch die 1671 einsetzenden Rechnungsbücher der Kaufgilde belegen lediglich, daß 1671 ein Pokal vorhanden war.31) Seit der Anschaffung des Pokals 1618 zahlte jedes neue Mitglied bei seiner Aufnahme in die Kaufgilde einen Taler zum Pocall, eine Sitte, die bis ins 18. Jahrhundert hinein erhalten blieb.32) Anläßlich der vorübergehenden Auflösung der Gilden während des Königreichs Westfalen wurde 1811 eine detaillierte Aufstellung über das Vermögen der Kaufgilde angelegt. Darin ist der Kaufgildepokal als silberner Becher ohne Deckel mit einem Gewicht von 88 ¾ Lot aufgeführt und ein weiterer Silberpokal genannt, der der Kaufgilde während der Besatzung im Siebenjährigen Krieg abhanden gekommen sei.33) Möglicherweise geht darauf die 1885 erstmals nachweisbare Geschichte vom Raub durch Tillys Soldaten zurück, indem der Siebenjährige Krieg mit dem Dreißigjährigen und der erhaltene Pokal mit dem verlorenen verwechselt wurde. Noch wahrscheinlicher ist allerdings, daß die letzten überlebenden Mitglieder der Kaufgilde die Geschichte einfach erfunden haben, um den Wert des Pokals zu betonen, den sie lieber gewinnbringend verkauft hätten, als ihn der Stadt Münden kostenlos zu überlassen.34)

Da die Gewichtsangaben von 1618 und 1811 in etwa übereinstimmen und sich auch mit dem heutigen Gewicht von 1274 g ungefähr in Einklang bringen lassen,35) zumal wenn man geringfügige Veränderungen im Laufe der Zeit und weniger präzise Waagen in Rechnung stellt, ist es sehr wahrscheinlich, daß der Pokal zunächst überhaupt keinen Deckel gehabt hat. Dies legt auch die Gestaltung in Form eines überdimensionierten Bechers nahe.

Anmerkungen

  1. Wappen Kaufgilde (aus linkem Schildrand wachsender Arm, eine Elle haltend, zu beiden Seiten davon je ein Messer).
  2. StA Hann. Münden, MR 2024. Zur Anfertigung des Deckels ausführlich Pezold, Münden 2, S. 49. Bis zum Jahr 1811 existierte zu dem Pokal kein Deckel (MR 2265, Schreiben vom 11. März 1811, vgl. a. Kommentar), in der Folgezeit wurde jedoch ein Deckel angefertigt, der aber 1888 nicht den Ansprüchen der Stadt entsprach, obwohl ihn Eberlein als durchaus passend bewertete (MR 2024).
  3. Wappen Mengershausen (geteilt, oben oberhalber steigender Löwe).
  4. Wappen Wehende (Sparren, darüber zwei, darunter eine Lilie).
  5. Wappen Georg Stülling (geteilt, oben Hausmarke H23, unten drei Kleeblätter 2:1).
  6. Wappen Bock (Bock an Baum steigend, darüber drei Sterne).
  7. Wappen Christoph Mattenberg (Hausmarke H17).
  8. Wappen Witzenhausen (steigender Löwe, eine Blume haltend).
  9. Wappen Hupeden (Flügel).
  10. Wappen Sundtheim (Kranich? mit Stein in der erhobenen Kralle, links oben Sonne).
  11. Wappen König (Krone).
  12. Wappen Jost Stülling (Mann mit Fahne und Schwert).
  13. Wappen Hessler (Hausmarke H24).
  14. Wappen Lodewieg (Hausmarke H25, darüber zwei, darunter eine Rose).
  15. Wappen Christoph Bruns (Hausmarke H26).
  16. Wappen Brebener (Hausmarke H27).
  17. Wappen Ricus Bruns (Hausmarke H28).
  18. Wappen Hanneker (Hahn).
  19. Wappen Schwert (Hausmarke H29).
  20. Wappen Johannes Mattenberg (Hausmarke H30).
  21. Wappen Rosen (Rose).
  22. Wappen Christoph Barlesen (Initialen CK im Schild). Möglicherweise liegt hier eine falsche Ausführung von CB vor.
  23. Wappen Georg Fundemann (Hausmarke H31).
  24. Wappen Hermann Fundemann (Hausmarke H32).
  25. Wappen Ludolf Schierholt (Initialen LS, das S um die Haste des L geschlungen).
  26. Wappen Schlag (Hausmarke H33 zwischen zwei Rosen).
  27. Wappen Avemann (geteilt, oben oberhalber Mann mit Fahne und Schwert, unten Reichsapfel, darüber Herz und Krone), die Namensbeischrift unten im Wappen zu beiden Seiten des Wappenmotivs.
  28. Wappen Hölscher (Hausmarke H34).
  29. StA Hann. Münden, MR 2024, erstmals fol. 15r, Schreiben von 1885. So u. a. auch Fischer, Kunstdenkmäler, S. 26.
  30. StA Hann. Münden, Protokollbuch der Kaufgilde (ohne Signatur), fol. 127r.
  31. StA Hann. Münden, Rechnungsbücher der Kaufgilde (ohne Signatur).
  32. StA Hann. Münden, Protokollbuch der Kaufgilde (ohne Signatur), passim.
  33. StA Hann Münden, MR 2265 (unpaginiert), Schreiben vom 21. März 1811.
  34. Hierzu ausführlich Pezold, Geschichte 2, S. 49.
  35. Die Berechnung legt für ein Lot 14,6 g zugrunde. Vgl. Verdenhalven, Meß- und Währungssysteme, S. 33. Für 88 ¾ Lot ergibt sich eine Abweichung von +21 g, für 92 Lot eine Abweichung von +69 g zum heutigen Gewicht. Ein zum Pokal passender Deckel mit einem Durchmesser von über 17 cm wäre in jedem Fall wesentlich schwerer gewesen als 69 g.

Nachweise

  1. Fischer, Kunstdenkmäler, S. 26f.

Zitierhinweis:
DI 66, Lkr. Göttingen, Nr. 318 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di066g012k0031808.