Inschriftenkatalog: Landkreis Göttingen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 66: Lkr. Göttingen (2006)

Nr. 299 Hann. Münden, ev.-luth. Kirche St. Blasius 1612

Beschreibung

Grabplatte des Bürgermeisters Joachim Mecke. Sandstein mit Bronzetafel. Die aufwendige Grabplatte wurde bei Grabungen im Jahr 1973 im Mittelschiff der Kirche über einem intakten Grab mit dem vollständigen Skelett des Verstorbenen gefunden.1) Um den Rand des hochrechteckigen Steins verläuft die erhaben gehauene Inschrift A, im Innenfeld von Beschlagwerk eingefaßt eine Bronzetafel, darüber und darunter je zwei Wappenschilde im Relief. In der Mitte über der Bronzetafel ein Frauenkopf, oben zwischen den Wappenschilden ein Engelskopf, unten auf der Grabplatte im Beschlagwerk zwischen den Wappenschilden oben ein Engelskopf, unten ein Totenkopf, rechts und links davon die eingehauene Jahreszahl B. Über die Bronzetafel verläuft zeilenweise die erhaben gegossene Inschrift C, deren I mit i-Punkten versehen sind, darunter zwei nahezu vollplastische Putten, die sich an einen Totenschädel über gekreuzten Knochen und eine Sanduhr in der Mitte lehnen; der linke Putto hält eine Sanduhr, der rechte einen Totenschädel. Darunter die erhaben gegossene Inschrift D. Auf dem mit graviertem Rankenwerk verzierten Rand der Bronzeplatte unten links die eingravierte Inschrift E.

Maße: H.: 211 cm; B.: 100,5 cm (Stein). H.: 90 cm; B.: 64 cm (Bronzetafel). Bu.: 4,8 cm (A), 3,5 cm (B), 2,4 u. 3,7 cm (C), 2,7 cm (D), 0,9 cm (E).

Schriftart(en): Kapitalis (A, C, E), C teilweise mit Versalien am Zeilenanfang, humanistische Minuskel mit Versal (D).

DI 66, Nr. 299 - Hann. Münden, ev.-luth. Kirche St. Blasius - 1612

 Sabine Wehking [1/3]

  1. A

    SCIO QVOD REDEMPTOR MEVS VIVIT ET / IN NOVISSIMO DIE DE TERRA SVRRECTVRVS SVM ET RVRSVM CIRCVNDABOR PELLE MEA / ET IN CARNE MEA VIDEBO DEVM SALVATOR/EM MEVM QVEM VISVRVS SVM EGO IPSE ET OCVLI MEI CONSPECTVRI SVNT ET NON ALIVS · IOB · C · 19 · 2)

  2. B

    16 12

  3. C

    V(IRO) PRUD(ENTISSIMO) ET OPT(I)MOa) / IOACHIMO MECKEN . b)/ QUI . III . ID(US) . MAII . 3)/ ANNO . M . Dc) . CXII . HIC . IN . PATRIA . / PIE . IN . CHRISTO . DECESSIT . / UBI . EAM / ANNOS . XXIII . CONSUL . FIDE . b)/ OMNI AC . STUDIO . IUVISSET . / LUI . OMNINO . VIXISSET . / MONUMENTUM . HOC . AMORI . ET . PIE-/TATI . TESTANDAE / MARITO . AC . PARENTI . OPTAT(ISSI)MOa) . b)/ L(IBENTES) . M(ERITO).Q(UE) . FAC(IENDUM) LOC(AVERUNT) . / VIDUA . ET . LIBERI . MOEST(ISSI)MIa) .

  4. D

    Memento mori,

  5. E

    GOTFRIDT · KOHLER · ZU · CASSEL · GUS · MICH ·

Übersetzung:

Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und am Jüngsten Tag werde ich aus der Erde auferstehen, und ich werde wieder mit meiner Haut umgeben werden, und in meinem Fleisch werde ich Gott sehen, meinen Erlöser, denselben werde ich sehen, und meine Augen werden ihn schauen und kein anderer. (A)

Dem überaus klugen und besten Mann Joachim Mecken, der am dritten Tag vor den Iden des Mai im Jahre 1612 hier in der Vaterstadt fromm in Christus verschieden ist, wo er sie 23 Jahre lang als Bürgermeister mit aller Treue und mit Eifer unterstützt hat. Er hat überhaupt nur 56 Jahre gelebt. Um ihre Liebe und Kindesliebe zu bezeugen, haben die hochbetrübte Witwe und die Kinder für den sehr vermißten Ehemann und Vater dieses Denkmal gern und verdientermaßen setzen lassen. (C)

Sei eingedenk des Sterbens! (D)

Wappen:
Mecke4)Fischer5)
Reinharter6)Hesberg7)

Kommentar

Die Zeilen der Inschrift C sind zentriert angeordnet und optisch dadurch gegliedert, daß die zweite (Name), siebte (Amtsdauer) und zwölfte Zeile (Familienvater) durch besondere Buchstabenhöhe hervorstechen.

Joachim Mecke war der Sohn des Mündener Ratsherrn Cord Mecke und seiner Ehefrau Felicitas Reinharter, einer Tochter des Calenbergischen Kanzlers Jakob Reinharter. Er immatrikulierte sich am 15. Mai 1577 an der Universität Helmstedt.8) Vor 1589 heiratete er Maria, die Tochter des herzoglichen Kanzlers Johann Fischer und seiner Ehefrau Caritas Hesberg.9) Das Ehepaar hatte vier Söhne und vier Töchter.10) Die in den Wappen der Grabplatte dokumentierten Heiratsverbindungen der Familie Mecke belegen – wie viele andere Beispiele in Münden auch – die enge Verknüpfung zwischen Hof und Bürgertum in der Residenzstadt. Joachim Mecke ist von 1591 bis zu seinem Tod 1612 im Amt des Bürgermeisters der Stadt Münden nachweisbar. Während der Amtszeit Meckes fand der Rathausumbau statt (vgl. Nr. 276). Neben dem anläßlich des Todes von Mecke gezahlten Läutegeld verzeichnet die Kirchenrechnung von St. Blasius außer 3 ½ Ellen Leinwand (vgl. Nr. 161) noch eine weitere Einnahme an Läutegeld anläßlich seines Begräbnisses von 1 Florin 16 Groschen.11)

Walter führt für den Kasseler Glockengießer Gottfried Kohler zwischen 1627 und 1645 verschiedene hessische Glocken auf.12) Er kennt jedoch weder die Tafel der Meckeschen Grabplatte, die zu seiner Zeit noch unentdeckt war, noch die für Kirchen im Landkreis Göttingen von Kohler gegossenen Glocken (Nr. 357, 363, 365, 366, 367). Gottfried Kohler fertigte auch Geschütze an. Dies belegt die Auseinandersetzung Kohlers mit dem Rat der Stadt Göttingen in den Jahren 1634 bis 1639 über die Bezahlung zweier von Kohler gegossener Kartaunen. Den Vertrag über den Guß schloß Kohler 1634 mit dem Göttinger Gießer David Fobben (vgl. u. a. Nr. 352) als Vertreter des Rates. Die Stadt Göttingen lieferte fünf alte Geschütze als Rohmaterial, die von Münden aus per Schiff nach Kassel gebracht wurden. Die Bezahlung Kohlers ließ allerdings auf sich warten, so daß dieser sich gezwungen sah, die Regierung in Kassel einzuschalten, um an sein Geld zu kommen. Der Göttinger Rat bat den Gießer jedoch noch 1638 sich zu gedulden, da die Stadtkasse leer sei.13)

Textkritischer Apparat

  1. Die beiden letzten Buchstaben hochgestellt.
  2. Diese Zeile durch besondere Buchstabengröße hervorgehoben.
  3. Neulateinische Zahlzeichen.

Anmerkungen

  1. Grenz, Anfänge, S. 144.
  2. Iob 19,25–27.
  3. 13. Mai.
  4. Wappen Mecke (Feuerstahl über Feuerstein). Vgl. Hartung, Renaissance-Grabstein, S. 83.
  5. Wappen Fischer (gestürzter Pfeil, um den sich ein Fisch windet). Vgl. ebd.
  6. Wappen Reinharter (geteilt, oben sechsstrahliger Stern unter einer Krone, unten Blätter?). Vgl. ebd.
  7. Wappen Hesberg (gestümmelter Baumstamm). Vgl. ebd.
  8. Matrikel Helmstedt, Bd. 1, S. 13, Nr. 37.
  9. Grenz, Anfänge, S. 150 (nach Brethauer). In dem 1589 einsetzenden Kirchenbuch (Kirchenbuchamt St. Blasius, Hann. Münden, KB I. 1.) ist die Eheschließung nicht verzeichnet, sie dürfte daher vor 1589 erfolgt sein.
  10. Ritter, Ratsherren, S. 151.
  11. Pfarrarchiv St. Blasius, Hann. Münden, KR I. 7., fol. 96r, 97r u. 86r.
  12. Walter, Glockenkunde, S. 800.
  13. StA Göttingen, AA Festungssachen, Nr. 29.

Nachweise

  1. Grenz, Anfänge, S. 145–149 mit Abb. 56–60a.
  2. Hartung, Renaissance-Grabstein, S. 86 (E), Abb. S. 82.

Zitierhinweis:
DI 66, Lkr. Göttingen, Nr. 299 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di066g012k0029902.