Inschriftenkatalog: Landkreis Göttingen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 66: Lkr. Göttingen (2006)

Nr. 209 Duderstadt, kath. Kirche St. Cyriakus 1588

Beschreibung

Epitaph der Katharina Selge, Ehefrau des Nikolaus Hennicke. Heller Sandstein. Das Epitaph hängt im Vorraum der Kirche. Unter einem von zwei Hermenpilastern getragenen Bogen im Halbrelief eine kniende Frau mit zwei Kindern und einem Wickelkind unter dem Kreuz, am oberen Kreuzbalken ein Schriftband mit dem Titulus A. Über der Frau, die durch ein eingehauenes Kreuz auf ihrem Kleid als verstorben bezeichnet ist, entschwebt ihre Seele in Gestalt eines kleinen Engelskopfes in den Himmel. Links neben der Frauenfigur das Zeichen des Bildhauers (M12). In den Bogenzwickeln links und rechts je ein Wappenschild, darunter die Ziffern der Jahreszahl B, oben in den Wappenschilden Initialen (C). Im Bogen verläuft die Inschrift D, über dem Bogen eine querrechteckige Tafel mit der Inschrift E, am Ende der letzten Zeile noch einmal die Marke des Bildhauers. Den oberen Abschluß des Epitaphs bildet ein Giebel mit einem Engelskopf darin. Unten zwischen den Postamenten der Hermenpilaster die Inschrift F, deren I i-Punkte in Form kleiner Dreiecke tragen. Alle Inschriften sind eingehauen.

Maße: H.: 318 cm (ohne unteren Sockel); B.: 107 cm; Bu.: 2,5 cm (A), 5,5 cm (B), 3 cm (C), 3,5 cm (D), 4–5 cm (E), 4–4,5 cm (F).

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 66, Nr. 209 - Duderstadt, kath. Kirche St. Cyriakus - 1588

 Sabine Wehking [1/3]

  1. A

    I(ESVS) N(AZARENVS)a) R(EX) I(VDAEORVM) 1)

  2. B

    15//88

  3. C

    N(ICOLAVS) H(ENNICKE) // K(ATHARINA) H(ENNICKE)

  4. D

    CREDO QVOD REDEMPTOR MEVS VIVIT · IOB · AM · 19 ··2)

  5. E

    ANNO · M · D LXXXVII · FERIA · QVINTA · POSTb) / FESTVM . MICHAELIS DIVI ARCHANGELI · QVAE · / ERAT · V · OCTOB(RIS)3) · OBIIT · IN · D(OMI)NO · HONESTA · PIA · VIR/TVTIBVSQ(VE) . ORNATAc) · CATHERINA · HE NNICKEN · IOAC/HIMI · SELIGEN . QVO(N)DAM · PRAEFECTI · IN GEBELDE=/HAVSEN · PIAE · MEMORIAE . FILIA · NICOLAI · HE NNICKEN / LEGITTIMAd) · CONIVNX · AN(N)O · XX · AETATIS · SVAE · CVIVS / ANIMA · REQVIESCAT · IN PACE · AMEN ··e)

  6. F

    IOHAN HENNICKE HVIVS / CIVITATIS PRAETOR ME / FIERI FECIT ··

Übersetzung:

Ich glaube, daß mein Erlöser lebt. (D)

Im Jahr 1587 am Donnerstag nach dem Fest des heiligen Erzengels Michael, am 5. Oktober, starb im Herrn die ehrbare, fromme und mit Tugenden geschmückte Katharina Hennicke, die Tochter des Joachim Selge, einst Amtmann in Gieboldehausen, frommen Angedenkens und rechtmäßige Ehefrau des Nikolaus Hennicke, im 20. Lebensjahr. Ihre Seele ruhe in Frieden. Amen. (E)

Johann Hennicke, Schultheiß dieser Stadt, hat mich errichten lassen. (F)

Wappen:
Hennicke4)Selge5)

Kommentar

Das Epitaph bietet einen auffälligen Kontrast zwischen äußerst sorgfältiger Bildhauerarbeit, die sich auch in der Ausführung der Inschriften in einer hohen schlanken Kapitalis zeigt, und der eher naiven Darstellungsweise, die den besonderen Reiz dieses Grabdenkmals ausmacht.

Der Vater der Verstorbenen Joachim Selge ist in der Zeit von 1563 bis 1574 als Amtmann von Gieboldehausen nachzuweisen.6) Katharina Selge heiratete den Duderstädter Bürger Nikolaus Hennicke am 10. Januar 1584.7) Für ihn war dies bereits die zweite Ehe, da er zuvor mit einer Tochter des Mainzer Vogts auf dem Rusteberg Heinrich Thunhose verheiratet gewesen war.8) Das Ehepaar bewohnte ein Haus im Kleinen Viertel, das Nikolaus Hennicke bereits seit 1579 besaß.9) Nach dem frühen Tod seiner zweiten Ehefrau heiratete Nikolaus Hennicke 1588 die Tochter des Duderstädter Bürgers Christoph Hertwich.10)

Bei dem in der Inschrift F genannten Auftraggeber des Epitaphs Johann Hennicke handelte es sich um den Schwiegervater der Verstorbenen. Johann Hennicke, Sohn des Duderstädter Bürgers und Zimmermanns Hans Hennicke senior, ist von 1558 bis 1563 zunächst als Stadtknecht und reitender Bote,11) von 1564 bis 1577 als Stadtschreiber von Duderstadt12) und von 1578 bis zu seinem Tod 1605/6 als landesherrlicher Schultheiß in Duderstadt nachzuweisen (vgl. a. Nr. 216 u. 217).13) Ein halbes Jahr nach der Übernahme dieses Amtes konvertierte er unter dem Druck der Mainzer Regierungsbeamten zum katholischen Glauben.14) Als Vertreter des Landesherrn konnte Johann Hennicke in einer Zeit, in der die Mainzer Regierung den in Rat und Bürgerschaft verbreiteten lutherischen Glauben bekämpfte, schon von vornherein nicht sonderlich beliebt sein. Überdies führte Johann Hennicke jedoch ein sehr selbstherrliches Regiment und scheute nicht davor zurück, auch in die Belange des Rates einzugreifen. Neben Machtanmaßung und Bestechlichkeit warf ihm der Rat 1598 auch die Nutzung öffentlicher Mittel und Gerechtsame wie städtischer Pferde und Wagen sowie Holz- und Steinfuhren der Ratsdörfer zu privaten Zwecken vor und konstatierte bei Hennicke zudem Trunksucht im fortgeschrittenen Stadium sowie einen moralisch verwerflichen Lebenswandel.15) Die Glaubhaftigkeit dieser Vorwürfe relativiert sich allerdings etwas, wenn man in dem Beschwerdeschreiben über Hennicke liest, mit welcher Arroganz die Ratsherren, angeführt durch den langjährigen Bürgermeister und Hauptkontrahenten Hennickes, Heinrich Hesse, über diesen novus homo urteilten, der es ohne entsprechenden familiären Hintergrund geschafft hatte, zunächst in städtischen und dann in landesherrlichen Diensten Karriere zu machen. Andererseits hatten zumindest zwei Ratsfamilien nicht davor zurückgescheut, ihre Töchter mit dem angeblichen Emporkömmling zu verheiraten. In erster Ehe hatte Johann Hennicke um 1560 die Tochter des Ratsherrn Burchard Wehre geheiratet, nach deren Tod um 1564 in zweiter Ehe die Tochter des Ratsherrn Heiso Klinckhard. Auch der Umstand, daß er seinen Sohn Nikolaus zweimal mit Töchtern hoher Mainzischer Verwaltungsbeamten verheiratete, deutet auf das gesellschaftliche Ansehen Hennickes hin. Johann Hennicke, der seit 1571/2 ein Haus im Pfarrviertel auf dem heutigen Grundstück Marktstr. 44 besaß,16) starb zwischen Oktober 1605 und Oktober 1606.17)

Textkritischer Apparat

  1. N retrograd.
  2. An der rechten oberen Ecke der Tafel verläuft eine Bruchkante. Möglicherweise wurde der letzte Buchstabe falsch restauriert, weil der Balken des T weggebrochen war, heute POS P.
  3. Ausgeführt ist eigentlich ORNATAE, da das A oben und unten einen nach rechts ausgezogenen Balken aufweist. Der Steinmetzfehler sollte offenbar durch den anstelle des Mittelbalkens gesetzten Worttrenner ungültig gemacht werden.
  4. Das zweite T klein in das erste eingestellt.
  5. Die Inschrift weist mit Ausnahme des QVE-Kürzels in VIRTVTIBVSQ(VE) keinerlei Kürzungszeichen auf.

Anmerkungen

  1. Io. 19,19.
  2. Nach Iob 19,25.
  3. Der Donnerstag nach Michaelis (29. September) fiel im Jahr 1587 nach dem alten Stil auf den 4. Oktober, nach dem neuen Stil auf den 1. Oktober. Daher liegt bei der Ausführung des Monatstages vermutlich ein Steinmetzfehler vor.
  4. Wappen Hennicke (zwei Hörner und ein Eichelzweig von einem Band umschlungen).
  5. Wappen Selge (Balken, darüber liegende Mondsichel, darunter drei Rosen, 2:1).
  6. Vgl. Wehking, Amt Gieboldehausen, S. 277.
  7. StA Duderstadt, AB 133, fol. 66v.
  8. Kaufholz, Hausbuch, Teil 2 (Pfarrviertel), S. 119, Heirat 1578/9. Woher Kaufholz diese Angabe hat, ließ sich nicht ermitteln.
  9. StA Duderstadt, AB 129, fol. 24v.
  10. StA Duderstadt, AB 137, fol. 67r.
  11. StA Duderstadt, AB 112c, fol. 371r; AB 113, fol. 89v; AB 114, fol. 87v; AB 115, fol. 202v. 1556/7 (AB 112b, fol. 153r) ist er in einem Haus vor dem Obertor ein Haus von seinem gleichnamigen Vater entfernt verzeichnet, seit 1557/8 (AB 112c, fol. 290r) in einem Haus im Kleinen Viertel.
  12. StA Duderstadt, AB 117, fol. 83v (erstmalig), AB 128, fol. 105r (letztmalig). Hennicke trat die Nachfolge des im November 1564 verstorbenen Stadtschreibers Philipp Morick an.
  13. LHA Magdeburg (Wernigerode), Rep. A 37a XXII, Nr. 11, fol. 7–10. StA Duderstadt, AB 130, fol. 26v (1580). Zu seinem Tod vgl. Anm. 17.
  14. LHA Magdeburg (Wernigerode), Rep. A 37a XXII, Nr. 11, fol. 30r.
  15. StA Duderstadt, Dud 1, Nr. 3927.
  16. Kaufholz, Hausbuch, Teil 2 (Pfarrviertel), S. 256. In den Annalen ist Johann Hennicke jeweils als letzter des Schoßumgangs im Pfarrviertel eingetragen. Zuvor hatte Hennicke in der Hinterstraße und in der Scharrenstraße gewohnt. Vgl. Kaufholz, Hausbuch, Teil 2 (Pfarrviertel), S. 208 unter Scharrenstr. 13 (1563/4–1564/5) u. Teil 3 (Stubenviertel), S. 106 unter Hinterstr. 53 (1566–1571).
  17. Am 14. Oktober 1605 ist er noch als Schultheiß genannt (StA Duderstadt, AB 154, fol. 11cv), 1605/6 ist seine Witwe unter dem Haus im Pfarrviertel verzeichnet (AB 155, fol. 11r).

Nachweise

  1. Wolf, Geschichte, S. 260f. (E).
  2. Jaeger, Cyriakuskirche, S. 30 (B, D–F).
  3. Jaeger, Alt-Duderstadt, S. 71f. mit Abb. (D–F).

Zitierhinweis:
DI 66, Lkr. Göttingen, Nr. 209 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di066g012k0020901.