Inschriftenkatalog: Landkreis Göttingen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 66: Lkr. Göttingen (2006)

Nr. 183 Hann. Münden, Schloß 1574

Beschreibung

Wandmalerei im sogenannten „Römergemach“, dem ehemals auch als „Sommergemach“ bezeichneten Eckraum im dritten Obergeschoß des nordöstlichen Flügels.1) Zu den Restaurierungen vgl. Nr. 166. Die letzte Restaurierung des Römergemachs, die dem Raum das heutige Aussehen gab, wurde 1985 abgeschlossen.2) Die Wände des Saals sind mit gemalten Bogennischen geschmückt, in denen sich ganzfigurige Darstellungen bzw. gemalte Kartuschen mit kleinen Szenen befinden. Unterbrochen wird die Wandmalerei durch den ebenfalls bemalten Kamin mit der Jahreszahl A auf Fahnen über einer leeren Kartusche, den Erker mit zwei einander gegenüberliegenden gemalten Inschriftenkartuschen sowie durch Fenster. Die Inschriftenkartuschen im Erker zeigen jeweils in Gelb auf Blau die mehrzeiligen Inschriften B und C sowie Masken in dem sie umgebenden Beschlagwerk. In den gemalten Bogennischen befinden sich ausgehend von der Nische rechts der Tür umlaufend folgende Darstellungen, die jeweils mit einem Titulus auf einer gemalten Kartusche vor dem über den Nischen umlaufenden Fries versehen sind: Pandemia mit Füllhorn und Krone sowie einer im Hintergrund stehenden Kiste mit einer Vase darauf (D), Kartusche mit einer weitgehend zerstörten Darstellung des Marcus Curtius auf einem Pferd (E), Pythios mit einer Rebe (F), Lucullus mit Fahne und Schwert (G), Crassus mit Geldbeutel und Becher (H), Sulla mit Lanze und Schwert sowie einem abgeschlagenen Kopf (I), Kartusche mit einer Darstellung des Mucius Scaevola (J), der seine Hand ins Feuer legt, Kroisos mit Szepter und Krone (K), Kartusche mit der Darstellung des Horatius Cocles auf einem Pferd (L), Midas mit Eselsohren, Szepter, Krone sowie einem zu Gold gewordenen Brot (M).

Maße: Bu.: 6 cm (A), 3 cm (B), 2,6–3 cm (C), 1,5 cm (C, Autorenangabe), 5–8 cm (D–M).

Schriftart(en): Kapitalis mit Versalien, humanistische Minuskel mit Kapitalisversalien (C, Autorenangabe).

  1. A

    ANNO // 1574a)

  2. B

    MAGIS NECESSARIVM / EST MEDERI ANIMAE, QVAM; / CORPORI MORI ENIM MELIVS / EST QVAM MALE VIVERE. b) 3)

  3. C

    NIHIL HONESTIVS MAGNIFICEN/TIVSQVE, QVAM PECVNIAM / CONTEMNERE SI NON HABEAS, / SI HABEAS, AD BENEFICENTIAM, / LIBERALITATEMQVE CON/FERRE, M(arcus) T(ullius) Cicero, 4)

  4. D

    PANDEMIA

  5. E

    M(ARCVS) CVRTIVS

  6. F

    PITHYVS,

  7. G

    LVCVLLVS,

  8. H

    CRASSVS

  9. I

    SVLLA,

  10. J

    M(VCIVS) SCEVOLA

  11. K

    CROESVS

  12. L

    H(ORATIVS) COCLIS,

  13. M

    MIDAS.

Übersetzung:

Es ist nötiger, die Seele zu heilen als den Körper, denn zu sterben ist besser als schlecht zu leben. (B)

Nichts ist ehrenhafter und hochherziger als das Geld zu verachten, wenn du es nicht hast, wenn du es (aber) hast, für Wohltätigkeit und Freigebigkeit zu verwenden. (C)

Kommentar

Die Datierung der Wandgemälde auf das Jahr 1574 beruht nicht nur auf der unsicher zu lesenden Jahreszahl am Kamin, sondern auch darauf, daß ein inventarähnliches Verzeichnis für das Mündener Schloß aus dem Jahr 1575 bereits die Wandmalereien zur Charakterisierung des Raumes erwähnt (zu den Arbeiten am Mündener Schloß vgl. Nr. 166).5) Den großfigurigen Wandmalereien des Römergemachs liegen als Vorlage zwei Kupferstiche des Marten van Heemskerck zugrunde, den beiden Inschriftenkartuschen Kupferstiche des Hans Vredemann de Vries.6) Letzterer hatte 1555 unter dem Titel ‚Variarum protractionum’ eine Serie von 13 Blättern veröffentlicht, die unterschiedlich gestaltete Rollwerkkartuschen mit lateinischen Zitaten zeigen. Das Rollwerk der Wandmalereikartuschen weicht jedoch ebenso von den Vorlagen der betreffenden Kupferstiche ab wie die Ausführung der Schrift. Während die Vorlage eine rechtsgeneigte Schrift zeigt, handelt es sich bei der Wandmalerei um eine senkrecht ausgerichtete Kapitalis, die sich ebenso wie die Schrift der Tituli an dem klassischen Vorbild orientiert und mit ihren Haar- und Schattenstrichen eleganter wirkt als die Schrift der Kupferstichvorlage. Auch die Zeilenumbrüche weichen von der Vorlage ab. Hans Vredemann de Vries ging 1587 an den Hof des Herzogs Julius nach Wolfenbüttel, wo er bis 1589 tätig war.7) Eine Tätigkeit am Mündener Schloß, das erst in der Regierungszeit des Herzogs Julius endgültig fertiggestellt wurde, läßt sich jedoch nicht nachweisen. Der Rückgriff auf seine bereits sehr viel früher veröffentlichten Kupferstiche dürfte schon in den 70er Jahren durch die im Schloß tätige Malerwerkstatt erfolgt sein.

Die Kupferstiche des Marten van Heemskerck, die hier in Wandmalerei umgesetzt wurden, stammen aus einer Serie von sechs Kupferstichen mit Allegorien zum Thema Divitium miseria, die mit der Darstellung des vor dem Nadelöhr stehenden Kamels eröffnet wird und mit der Höllenfahrt endet. Die auf dem dritten Blatt vereinten Darstellungen des Pythios, Lucullus, Crassus, Sulla, Kroisos und Midas sind in Körperhaltung und Attributen exakt in die Wandmalerei übernommen worden.8) Ähnliches gilt auch für die Figur der Pandemia, die hier allerdings eine Krone hochhält statt eines Herzens in der Kupferstichvorlage und der die Peitsche der Vorlage als Attribut ebenso fehlt wie die von ihr in der Vorlage auf dem Kopf balancierte Weltkugel mit Schwert darin. Der Kupferstich van Heemskercks zeigt Pandemia im Gefolge der auf einem Wagen sitzenden Regina Pecunia in Begleitung von allegorischen Figuren, die als Periculum, Pavor, Latrocinium, Stultitia, Invidia und Furtum bezeichnet sind. Daraus ergibt sich eindeutig, daß auch Pandemia nur die Allegorie eines negativen Begriffs sein kann.9) Nach Veltmann10) repräsentiert die sonst bislang nicht als allegorische Figur nachgewiesene Pandemia der Vorlage die Macht des Geldes als ‚gesamte Welt’, die mit der Peitsche ihr Ziel zu erreichen trachtet und zeigt, daß die ganze Welt mit dem Herzen am Geld hängt. Für die Motivwahl des gesamten Malereiprogramms gilt somit, daß hier sechs charakterlich durchaus nicht einwandfreie Reiche und die Allegorie der Pandemia im Großformat drei eher unscheinbaren Darstellungen römischer Helden mit Vorbildcharakter gegenübergestellt sind. Die Figuren der Reichen tragen auch in der Wandmalerei die Attribute, die sie als Negativbeispiele ausweisen: Sulla ist mit dem abgeschlagenen Kopf eines seiner Gegner dargestellt, der symbolisiert, daß er für Geld über Leichen geht; Midas trägt die Eselsohren zum Zeichen seiner geldgierigen Dummheit; Crassus versucht, mit einem Becher seinen Gelddurst zu stillen. Zu dieser Motivwahl für ein Wandmalereiprogramm ließen sich bislang keine Parallelen finden. Kontrastiv zu den Darstellungen der Reichen weist das Cicero-Zitat in Inschrift C den Weg für den moralisch richtigen Umgang mit Geld.

Textkritischer Apparat

  1. Die letzte der vier Ziffern, die 1887 von dem Restaurator Knackfuß nach erkennbaren Resten der ursprünglichen Fassung restauriert wurden, war offenbar so verwischt, daß auch der heutige Zustand hier keine eindeutige Lesung zuläßt. In der Überlieferung der Schloßinventare ist diese Jahreszahl nicht berücksichtigt.
  2. Nach der Kupferstichvorlage wäre hier als Autorenangabe in Entsprechung zu der anderen Kartusche Epictetus zu ergänzen. Eine Fehlstelle an dem Platz, wo die Autorenangaben zu vermuten wäre, macht die ursprüngliche Ausführung wahrscheinlich.

Anmerkungen

  1. Streetz, Renaissanceschloß, Raum N-III-3, Lageplan Abb. 246.
  2. Ebd., S. 136f.
  3. Vgl. Anm. b. Epictet, Fragmenta, Dubia et Spuria. Hg. v. Heinrich Schenkl, Leipzig 1916, Nr. 32, S. 473.
  4. Marcus Tullius Cicero, De officiis 1,68.
  5. Streetz, Renaissanceschloß, S. 337.
  6. Vgl. The new Hollstein Dutch and Flemish etchings, engravings and woodcuts 1400–1700, Marten van Heemskerck. Bearb. v. Ilja M. Veldman, Roosendaal 1994, Bd. 2, Nr. 478, S. 164. The new Hollstein Dutch and Flemish etchings, engravings and woodcuts 1400–1700, Vredeman de Vries. Bearb. v. Peter Fuhring, Rotterdam 1997, Bd. 1, Nr. 23, S. 44, u. Nr. 26, S. 46. Sowie Hans Vredeman de Vries und die Renaissance des Nordens, hg. v. Heiner Borggrefe, Vera Lüpkes u. Ben van Beneden. München 2002, S. 237f., Nr. 62 u. 63.
  7. Hans Vredeman de Vries und die Renaissance des Nordens (wie Anm. 6), S. 22.
  8. Die unter den Kupferstich gesetzte Bildunterschift lautet: LVCVLLI EFFVSVS LVXVS, PYTHY AVREA VITIS, SANGVINE CIVILI SYLLAE EBRIIA DEXTERA, FINI / ATTESTANTVR OPVM, ET LYDI PATRIMONIA CROESI, / AVRICVLAEQVE MIDAE PHRYGII, ET SITIS ARIDA CRASSI.
  9. Die unter den Kupferstich gesetzte Bildunterschift lautet: TE BIIVGI INVECTAM CVRRV, EXITIALE PERICLVM, / SOLLICITVSQVE PAVOR, REGINA PECVNIA DVCVNT. /AT QVIA STVLTITIAM, FVRTVM, CAEDESQVE CRVENTAS / VELAS, CVNCTORVM HINC TE SPES FIRMA RECVMBIT.
  10. Ilja M. Feldmann, Leerijke reeksen van Marten van Heemskerck. Harlem 1986, S. 31. Die Deutung der im Römergemach dargestellten Pandemia durch Angelica Dülberg (Zur Ikonographie der profanen Wand- und Deckenmalerei vom 15. bis zum 19. Jahrhundert. In: Raumkunst in Niedersachsen, hg. v. Rolf-Jürgen Grote u. Peter Königfeld. München 1991, S. 133–156, hier S. 141) als ‚glücklicher, reicher Fang’ ist nicht mit der Wortbedeutung in Einklang zu bringen und erfolgte ohne Kenntnis der der Wandmalerei zugrundeliegenden Kupferstichvorlagen van Heemskercks.

Nachweise

  1. HSTA Hannover, Han 74 Münden, E Nr. 445 (Schloßinventar 1699), p. 69 (D–L); Nr. 462 (Schloßinventar 1735), p. 65f. (D–L).
  2. Malortie, Schloß, S. 137 (D–L nach Schloßinventar 1699).
  3. Fischer, Kunstdenkmäler, S. 9 (D–M).
  4. Kunze, Erich II., S. 169 (B, C), S. 187 mit Abb. (B, C).
  5. Streetz, Fürstentum, S. 229 (A, nur Jahreszahl).
  6. Streetz, Renaissanceschloß, S. 72 (A, nur Jahreszahl), S. 341 (D–M nach Schloßinventar 1699).

Zitierhinweis:
DI 66, Lkr. Göttingen, Nr. 183 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di066g012k0018305.