Inschriftenkatalog: Landkreis Göttingen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 66: Lkr. Göttingen (2006)

Nr. 175 Hann. Münden, ev.-luth. Kirche St. Blasius 1567

Beschreibung

Epitaph des Burchard Mithoff und seiner Familie. Gemälde auf Holz. Das Epitaph hängt an der Ostwand des südlichen Seitenschiffs. Das querrechteckige Gemälde zeigt in der Mitte das Kruzifix mit dem Titulus A, über dem Kreuz Sonne und Mond sowie Christus als Weltenrichter auf dem Regenbogen zusammen mit Gottvater und dem Heiligen Geist in Gestalt der Taube inmitten einer großen Schar von Engeln. Oben links eine Darstellung der Auferstehung, rechts daneben die Seligen im Paradies, auf der rechten Seite die Verdammten vor der Hölle. Darunter im Hintergrund des Kreuzes eine Berglandschaft mit einer großen Stadt davor. Im Vordergrund knien unter dem Kreuz links der Ehemann mit fünf Söhnen, von denen zwei durch ein Kreuz als verstorben gekennzeichnet sind, und rechts die Ehefrau mit fünf Töchtern, von denen eine als verstorben bezeichnet ist. Beiden Eheleuten ist außen je ein Vollwappen zugeordnet. Unterhalb der Personengruppen links und rechts je eine gemalte Rollwerktafel, auf der linken oben auf dem Rahmen zwischen mit drei Männerköpfen besetztem Rollwerk die Inschrift B, im Innenfeld die Inschrift C, auf der rechten Tafel oben auf dem Rahmen in der Mitte ein Frauenkopf zwischen Rollwerk, im Innenfeld oben die Inschrift D, die Tafelmitte ist für Nachträge freigelassen, unten die Inschrift E. Zwischen den beiden Tafeln am Kreuzfuß das Agnus Dei mit Fahne, ganz unten am Kreuz ein Totenschädel, darüber ein kleiner Zettel mit der Jahreszahl F. Alle Inschriften sind in schwarzer Farbe auf hellen Untergrund gemalt.

Maße: H.: 177 cm; B.: 260 cm; Bu.: 1 cm (A), 2 cm (B), 3–3,5 cm (C), 3 cm (D, E), 1,5 cm (F).

Schriftart(en): Kapitalis (A–C, E), Fraktur (D).

DI 66, Nr. 175 - Hann. Münden, ev.-luth. Kirche St. Blasius - 1567

 Sabine Wehking [1/4]

  1. A

    · I(ESVS) · N(AZARENVS) · R(EX) · I(VDAEORVM) · 1)

  2. B

    D(OCTOR) IO(HANNES) RICCIVS . CANCELLA(RIVS) FECIT .

  3. C

    D(OCTORIS) BVRCHARDI MITHOBII EPITAPHIVM. / MITHOBIVS TOTO MEDICVS CELEBERRIMVS ORBE / INTEGRITATE FVIT NVLLI, ET PIETATE SECVNDVS. / HINC HOMINES, DVM CERTARENT ILLIVS AMORE / CVM SVPERIS, CVPERENT ET SECVM COMINVS ESSE / TOTVM VTRIQ(VE), SED ID FIERI NATVRA NEGARET: / MORS PARTITA VIRVM MENTEM DIIS MISIT AD ASTRA, / CORPVS IN HAC POSITVM LIOVITa) MORTALIRVSb) VRNA.

  4. D

    Anno 1564 Am 16. augusti starb der erbar vnd hochgelarther. / Burchardus mithobius der medicin vnd philosophi doctor seines alters 63. / dem gott gnade.

  5. E

    FILII MOESTISSIMI PATRI BENEMERITO F(IERI) F(ECERUNT)

  6. F

    1567

Übersetzung:

Doktor Johannes Reiche, Kanzler, hat (dies) gedichtet. (B)

Epitaph des Doktor Burchard Mithoff. Mithoff war als Arzt auf der ganzen Welt außerordentlich berühmt und stand an Redlichkeit und Frömmigkeit niemandem nach. Während daher die Menschen mit den Göttern wetteiferten und beide wünschten, er möge ganz bei ihnen sein – aber das verbot die Natur –, hat der Tod den Mann geteilt und die Seele den Göttern zu den Sternen gesandt, den Körper aber, der in dieses Grab gelegt ist, hat er den Sterblichen überlassen. (C)

Die hochbetrübten Kinder haben (dies) dem hochverdienten Vater setzen lassen. (E)

Versmaß: Hexameter (C).

Wappen:
Mithoff2)Brook3)

Kommentar

Das in der Inschrift D genannte Todesdatum 1564 ist falsch. Dies belegen eindeutig zwei Einträge in den durch Exzerpte überlieferten Kirchenrechnungen von St. Blasius, die sich beide auf das Begräbnis Burchard Mithoffs im August 1565 beziehen.4) Da man bei der Anfertigung des Gemäldes zwei Jahre nach dem Tod Mithoffs sein Todesdatum noch präsent gehabt haben muß, könnte die falsche Ziffer auf eine frühe Restaurierung zurückgehen. Allerdings gab bereits Lotze 1878 das Todesdatum mit 1564 an.5)

Burchard Mithoff stammte aus Neustadt am Rübenberge. Er immatrikulierte sich am 6. Mai 1524 an der Universität Rostock und erwarb dort den Titel eines Baccalaureus; Ostern 1525 immatrikulierte er sich an der Universität Erfurt und erhielt dort den Magistertitel; schließlich ging er 1531 an die Universität Marburg, wo er den Doktortitel erwarb und als Professor der mathematischen Fakultät tätig war.6) Im Jahr 1539 wurde er von Erich I. als Leibarzt und Rat nach Münden berufen, wo er nach dem Tode Erichs I. die Durchführung der Reformation im Fürstentum Calenberg durch Herzogin Elisabeth unterstützte. Als Leibarzt am Mündener Hof amtierte er bis zu seinem Tod im Jahr 1565. Er erhielt dort eine Jahresbesoldung in Höhe von 100 Gulden.7) Verheiratet war Burchard Mithoff seit 1531 mit Amalia Brook, der Tochter des Marburger Ratsherrn Johannes Brook.8) Der älteste, noch in Marburg geborene Sohn aus dieser kinderreichen Ehe, Hektor Mithoff, erwarb sich wie sein Vater als Arzt einen überregional bekannten Namen.9) Burchard Mithoff starb am 16. August 1565 vermutlich an der zu diesem Zeitpunkt in Münden grassierenden Pest.10) Seine Witwe vermachte 1582 ihrem jüngsten Sohn Burchard und ihrer jüngsten Tochter Sidonia Güter in und um Münden, die auf 2000 bzw. 500 Taler beziffert wurden.11)

In der Mündener Überlieferung gilt Burchard Mithoff als der Verfasser der Grabschrift für Erich I. (vgl. Nr. 145), ohne daß sich dies sicher nachweisen ließe.12) Der in Inschrift C genannte Verfasser der Grabschrift für Burchhard Mithoff, Johann Reiche, amtierte seit 1559 als Vizekanzler des Fürstentums Calenberg und seit 1566 als Kanzler.13)

Textkritischer Apparat

  1. Falsch restauriert: LIQVIT.
  2. Falsch restauriert: MORTALIBVS.

Anmerkungen

  1. Io. 19,19.
  2. Wappen Mithoff (zwei gekreuzte Anker, darüber ein Stern).
  3. Wappen Brook (Stadttor mit drei Türmen).
  4. Auszüge aus den verlorenen Kirchenrechnungen, StA Hann. Münden, Nachlaß Otto Budde, Nr. 1, Heft 47, S. 19: Doktor Hektor Mithoff zahlte 1565 3 Taler für die Gruft seines Vaters Burchard Mithoff, der im Chor der Pfarrkirche bei der Sakristei begraben wurde. Ebd., Heft 53, S. 16: 9 gute groschen lude gelt empfangen von wegen doktor Burcherd Mitthoff begraben in der Pfarrkirche bei dem hogisten Althare in dem Chor begraben am Freitag nach assumptionis mariae anno 65 (17. August). Burchard Mithoff wurde dem letzten Eintrag zufolge bereits einen Tag nach seinem Tod beigesetzt. Die umfangreichen Eintragungen in der Rubrik Läutegeld, die für das Jahr 1565 überliefert sind, belegen, daß die 1565/6 grassierende Pest auch in Münden zahlreiche Todesopfer forderte, zu denen in einigen Fällen ganze Familien gehörten. Zu der Pestwelle allgemein vgl. Neithard Bulst, Vier Jahrhunderte Pest in Niedersächsischen Städten. In: Kat. Stadt im Wandel 4, S. 251–270, hier S. 257.
  5. StA Hann. Münden, Handschrift Lotze, Bd. 1, p. 247.
  6. Matrikel Rostock, Bd. 2,1, S. 86; Matrikel Erfurt, Bd. 2, S. 331; Matrikel Marburg, Teil 1, S. 6.
  7. Brauch, Verwaltung, S. 92.
  8. Die biographischen Angaben nach Samse, Zentralverwaltung, S. 261, u. Brauch, Verwaltung, S. 30–32. Eine ausführliche Biographie Burchard Mithoffs und seiner Familie findet sich auch bereits bei Lotze (StA Hann. Münden, Handschrift Lotze, Bd. 1, S. 245ff.). Die Angaben Brethauers (Karl Brethauer, Burghard Mithoff und seine Mündener Nachkommen. In: Unsere Heimat. Beilage der Mündenschen Nachrichten, Jg. 1951, Nr. 7 vom 28. Juli 1951) beruhen auf Lotze.
  9. Zu Hektor Mithoff vgl. dessen Epitaph in der Marktkirche in Hannover (DI 36, Stadt Hannover, Nr. 253), dessen Inschriften auch die Bedeutung des Vaters und der gesamten Familie hervorheben. Da der im Dezember 1532 ein gutes Jahr nach der Eheschließung seiner Eltern geborene Hektor Mithoff zweifelsfrei der älteste Sohn war und dieser erst 1611 starb, ist das Kreuz in der Darstellung des Epitaphs falsch gesetzt, das den ältesten Sohn Burchard Mithoffs als bereits verstorben kennzeichnet.
  10. Vgl. Anm. 4.
  11. Auszüge aus dem verlorenen Wehrbuch 1580–1603, StA Hann. Münden, Nachlaß Otto Budde, Nr. 1, Heft 80, S. 10.
  12. StA Hann. Münden, Handschrift Lotze, Bd. 1, p. 246.
  13. Samse, Zentralverwaltung, S. 258f. Zu Johann Reiche, der später als Hildesheimer Bürgermeister fungierte, vgl. ausführlich DI 58 (Stadt Hildesheim), Nr. 452.

Nachweise

  1. Biskamp, Münden, 3. Abschnitt, p. 104 (B–E).
  2. Mithoff, Kunstdenkmale, S. 141 (B–E).
  3. Lotze, St. Blasii-Kirche, S. 24 (B–E).
  4. Fischer, Kunstdenkmäler, S. 18 (B).
  5. 1000 Jahre St. Blasius, S. 58–60 (B–E) mit Abb.

Zitierhinweis:
DI 66, Lkr. Göttingen, Nr. 175 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di066g012k0017503.