Inschriftenkatalog: Landkreis Göttingen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 66: Lkr. Göttingen (2006)

Nr. 145 Hann. Münden, ev.-luth. Kirche St. Blasius 1541

Beschreibung

Grabplatte des Herzogs Erich I. von Braunschweig-Calenberg. Gelbguß. In den vier Ecken der hochrechteckigen Platte vier große Medaillons mit Wappenschilden darin, hinter denen links und rechts jeweils eine nackte Knabenfigur hervorsieht. Die linke und rechte Rahmenleiste trägt im Flachrelief ineinander übergehende Vasenmotive, oben und unten jeweils ein Evangelistensymbol mit Spruchband, darauf die gravierten Tituli (A). Zwischen den beiden oberen Wappenmedaillons oben im Rankenwerk ein Medaillon mit dem Profilbild eines bärtigen Mannes mit Mütze, darunter von zwei nackten Knabenfiguren gehalten ein Rundbogenfenster, darin das Brustbild Herzog Erichs I. Zwischen den unteren Medaillons wiederholt sich das Medaillon mit dem Profilbild des bärtigen Mannes mit Mütze, darüber – durch eine Leiste getrennt – groteske Figuren. Auf der Leiste links das eingravierte Gießerzeichen Cort Mentes (M9), es folgt der erste Teil der erhaben gegossenen Inschrift B, die sich auf einer die Platte nach unten abschließenden Leiste fortsetzt. Das Innenfeld der Platte bildet eine oben rundbogig abgeschlossene Schrifttafel, oben im Bogen zwischen Muschelornament eine Vase und zwei Medaillons mit Köpfen, die Helme tragen. Über die Tafel verläuft die erhaben gegossene Inschrift C in Zeilen, die durch von Kordelbändern eingefaßte und durch Stege unterbrochene Leisten voneinander getrennt sind. Freier Raum am Anfang und Ende der Zeilen ist durch teilweise breites Rankenornament gefüllt.

Maße: H.: 209 cm; B.: 107 cm; Bu.: 1 cm (A), 2 cm (B), 3,5 cm (C).

Schriftart(en): Kapitalis.

  1. A

    S IOHANESa) // S MATTEVS // S LWCAS // S MARCVS

  2. B

    CORDT MENTHEN HAT / MICH GHOSSEN ZV BRVNSSVICK 1541

  3. C

    CLAVDITVR HOC CIPPO PEREGRE / TVMVLATVS ERICVS / DVX BRVNSVICENSIS GLORIA / SVMMA DOMVS / PECTORE QVI TVMIDOS INFRAC/TO CONTVDIT HOSTES / ET VARIIS AVXIT REGNA PATER/NA LOCIS / IN PRIMIS BELLAX ERIT HILD/ENSHEMIA TESTIS / VNDE PATREM PATRIAE IVRE / VOCARE QVEAS / NOMEN ET AVGVSTI ·b) MERITO / SVPERADDERE TANTVM / QVOD DEXTER FAVSTO MAR/TE PEREGIT OPVS / TAM BENE DE POPVLO MERI/TVS REGNOQ(VE) PATERNO / SVMMA SIT VT PATRIAE LAVS/Q(VE) DECVSQ(VE) MEAE / ANNO · MCCCCC XL · XXX ·c) IVLII / ELISABETA TRA(N)STVLIT / ET HOC DONV(M) / DEDIT ·

Übersetzung:

Von diesem Grab wird der (zunächst) in der Fremde begrabene Erich, Herzog und höchster Ruhm des braunschweigischen Hauses, umschlossen, der mit geschwächter Brust die stolzen Feinde geschlagen hat und der den väterlichen Besitz um verschiedene Orte vermehrte. Besonders das kriegerische Hildesheim wird Zeuge sein, weswegen du ihn zurecht Vater des Vaterlandes nennen und auch verdientermaßen den so bedeutenden Titel „Augustus“ hinzufügen kannst: weil der geschickte (Mann) mit Hilfe des glückbringenden Mars das Werk vollendet hat. So sehr hat er sich um das Volk und das väterliche Herrschaftsgebiet hochverdient gemacht, daß er das höchste Lob und die höchste Ehre meines Vaterlandes sein wird. Im Jahr 1540 am 30. Juli. Elisabeth hat (ihn) hierher bringen lassen und dieses Geschenk gemacht. (C)

Versmaß: Elegische Distichen (C).

Wappen:
Braunschweig-Calenberg1)Stolberg2)
Sachsen3)Brandenburg4)

Kommentar

Die vergleichsweise breit gestalteten Buchstabenelemente verleihen der Kapitalis ein sehr kompaktes Erscheinungsbild, die Hastenenden sind häufig gegabelt. Besonders auffällig sind die E der Inschrift C, deren oberer und unterer Balken fast bis zum keilförmig gestalteten Mittelbalken umgebogen sind.

Zur Biographie Erichs I. vgl. Nr. 142. Die Inschrift stellt die Militärlaufbahn Erichs I. in den Vordergrund und nimmt Bezug darauf, daß er im Jahr 1504 in der Schlacht von Mengersbach bei Regensburg trotz seiner eigenen Verwundung Kaiser Maximilian das Leben rettete.5) Abgesehen von Kriegszügen in kaiserlichem Auftrag unternahm Erich I. auch einige militärische Aktionen im Dienst seiner eigenen Familie. Die Erwähnung Hildesheims dürfte sich auf seinen Einsatz in der Hildesheimer Stiftsfehde beziehen, der für Erich I. allerdings glücklos ausging, da er im Juli 1519 während der Schlacht auf der Soltauer Heide gefangengenommen wurde und erst gegen das Versprechen eines Lösegeldes freikam. Das allgemeine Fürstenlob der Inschrift entspricht zwar dem gängigen Topos, läßt sich aber nicht mit der tatsächlichen Karriere Erichs I. als Söldnerführer, der sich ebenso wie sein Sohn Erich II. kaum in seinem eigenen Herrschaftbereich aufhielt, in Einklang bringen.

Der Braunschweiger Gießer Cort Mente, der die Grabplatte anfertigte, gehörte zu den bekanntesten Gießern seiner Zeit in Norddeutschland und war von 1532 bis 1550 Büchsen- und Zeugmeister der Stadt Braunschweig, später herzoglicher Zeugmeister in Wolfenbüttel.6) Neben Glocken und Geschützen ist von Mente noch eine weitere, ebenfalls signierte Grabplatte von 1531 überliefert, die für den Hildesheimer Dompropst Levin von Veltheim bestimmt war. Im Vergleich zu der sehr qualitätvollen Hildesheimer Platte wirkt die Grabplatte Erichs I. in der Gestaltung der einzelnen Elemente eher schlicht, was mit einiger Sicherheit auf die Anfertigung der Gußformen durch zwei unterschiedliche Bildhauer zurückzuführen ist. Das zweimal auf der Platte erscheinende Medaillon mit dem Profilbild eines Mannes mit langem Bart könnte ein Porträt des Gießers darstellen, zumal das untere Medaillon von der Künstlerinschrift eingerahmt wird.

Textkritischer Apparat

  1. N retrograd.
  2. Hinter AUGVSTI eine Rosette.
  3. Hinter XXX ein Blättchen.

Anmerkungen

  1. Wappen Braunschweig-Calenberg (quadriert, 1. zwei Leoparden übereinander (Braunschweig), 2. steigender Löwe im mit Herzen besäten Schild (Lüneburg), 3. bekrönter Löwe (Eberstein), 4. Löwe (Homburg)). Vgl. Siebmacher/Hefner, Wappenbuch, Bd. 1, Abt. 1, Teil 1, S. 28 u. Tafel 49.
  2. Wappen Stolberg (quadriert, 1. u. 4. schreitender Hirsch, 2. u. 3. zwei aufgerichtete einander zugewendete Forellen). Vgl. Siebmacher/Hefner, Wappenbuch, Bd. 1, Abt. 3, Teil 2, S. 61 u. Tafel 100.
  3. Wappen Sachsen (neunmal geteilt, von Rautenkranz schräglinks überlegt). Vgl. Siebmacher/Hefner, Wappenbuch, Bd. 1, Abt. 1, Teil 3, S. 19 u. Tafel 26.
  4. Wappen Brandenburg (quadriert, 1. Adler, 2. steigender Greif, 3. steigender Löwe, 4. quadriert, im Herzschild Szepter). Vgl. Siebmacher/Hefner, Bd. 1, Abt. 1, Teil 3, S. 108 u. Tafel 118.
  5. Hierzu und zum folgenden Kunze, Erich II., S. 32–36.
  6. Zu Mente und seinen Werken vgl. DI 58 (Stadt Hildesheim), Nr. 319.

Nachweise

  1. StA Göttingen, AB III 2a, Lubecus, Braunschweigisch-Lüneburgische Chronik, fol. 197v (C).
  2. Biskamp, Münden, p. 75–77 (C), Ergänzungsstück p. 32 (B).
  3. Willigerod, Geschichte, S. 225f. (B, C).
  4. Lotze, St. Blasii, S. 22 (B, C).
  5. Mithoff, Kunstdenkmale, S. 140 (B, C).
  6. Fischer, Kunstdenkmäler, S. 15f. (B, C).
  7. Alt-Hildesheim 44, 1973, S. 31 (B, C).
  8. Kunze, Erich II., S. 43 (B, C) mit Abb.

Zitierhinweis:
DI 66, Lkr. Göttingen, Nr. 145 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di066g012k0014505.